Er erschoss Winnetous Schwester, wollte Baby Schimmerlos mit seinem Geld zukleben und fraß sich durch die Blechtrommel. Nun ist Mario Adorf mit 95 Jahren in Paris gestorben. Ein Nachruf auf den charmantesten Kotzbrocken des europäischen Kinos. Von Silvia Venturini
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Es gibt eine Anekdote, die alles über Mario Adorf erzählt, was man wissen muss. Mitte der fünfziger Jahre sitzt ein junger Mann aus der Eifel beim Vorsprechen für seinen ersten großen Film. Der Regisseur Robert Siodmak, selbst ein Emigrant, der die Härte des Jahrhunderts kannte, mustert ihn und sagt: „Nun schaun Se mal böse.“
Adorf schaut böse. Er bekommt die Rolle des Serienmörders Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“, und von diesem Moment an ist er festgelegt: als der Mann, vor dem man sich fürchtet. Was Siodmak nicht ahnen konnte: Dieser böse Blick gehörte einem der gutmütigsten Menschen, die das deutsche Kino je hervorgebracht hat.
Mario Adorf konnte böse schauen wie kein Zweiter. Er konnte so überzeugend den Schurken geben, dass ihm Generationen von Kinogängern den Mord an Nscho-tschi persönlich übelnahmen. Er spielte Mafiosi, Patriarchen und Großkotzige mit einer Wucht, die das Mobiliar zum Wackeln brachte. Aber wenn man ihn dann in einem Interview sah, mit diesem verschmitzten Lächeln und den funkelnden Augen, merkte man sofort: Hier sieht jemand das Komische in der eigenen Bedrohlichkeit. Das Böse war bei Adorf nie langweilig, weil immer ein Augenzwinkern mitlief.
Zwischen Kalabrien und der Eifel
Seine Herkunft liest sich wie ein Drehbuch, das kein Produzent geglaubt hätte. Der Vater war ein italienischer Chirurg aus dem kalabrischen Siderno, verheiratet und unerreichbar. Die Mutter: eine deutsche Röntgenassistentin, die hochschwanger aus Italien in die Schweiz floh, damit man ihr das Kind nicht wegnimmt.
Drei Monate nach der Geburt in Zürich wird sie ausgewiesen und landet in Mayen in der Eifel, wo sie sich als Näherin durchschlägt. Den dreijährigen Mario gibt sie ins Kinderheim der Borromäerinnen, weil das Geld nicht reicht. Eine Kindheit, die man sich karger kaum vorstellen kann.
Aber vielleicht erklärt genau diese Herkunft den Adorf, den das Publikum liebte. Halb Italiener, halb Rheinländer, ganz Schlitzohr. Er hatte die südländische Körperlichkeit, die jedem Auftritt etwas Vulkanisches gab, und den rheinischen Humor, der das Vulkanische im richtigen Moment entschärfte.
In der Eifel hatte er das Improvisieren gelernt, in Rom das Genießen. Beides zusammen ergab einen Schauspieler, der selbst in den schlechtesten Filmen noch sehenswert war. Wer einmal gesehen hat, wie er in „Kir Royal“ als Klebstofffabrikant Haffenloher den armen Baby Schimmerlos anbrüllt, der weiß, was gemeint ist.
„Isch scheiß disch sowatt von zu mit meinem Jeld, dat de keine ruhije Minute mehr hass“, ist ein Satz, der in die Ewigkeit des deutschen Fernsehens eingegangen ist, und zwar nicht trotz, sondern wegen des rheinischen Singsangs, mit dem Adorf ihn servierte.
Der Italiener vom Dienst (der keiner sein wollte)
In den sechziger Jahren zog es Adorf nach Rom. Er wollte, wie er sagte, „immer Italiener“ sein, wollte dieses leichte Leben, das er aus den Erzählungen über seinen Vater kannte und das er in der Eifel vermisst hatte. In Cinecittà drehte er Italowestern und Gangsterfilme, spielte den Südländer für ein internationales Publikum.
Hollywood versuchte es auch, Sam Peckinpah wollte ihn haben, aber Adorf winkte ab: Er hatte keine Lust, „der Mexikaner vom Dienst“ zu werden. Eine Entscheidung, die man bewundern muss, denn sie verrät etwas über einen Mann, der lieber richtig zu Hause war als falsch berühmt.
Dabei war das, was ihn an Italien so faszinierte, im Grunde ein durch und durch deutsches Lebensgefühl. Die Sehnsucht nach dem Süden war am Ende eine Sehnsucht nach einer Freiheit, die er auch anderswo hätte finden können. Aber die Dolce-Vita-Zeit, wie er sie nannte, die hat er trotzdem genossen. Und wie. In Saint-Tropez lernte er seine zweite Frau Monique kennen, die mit Brigitte Bardot befreundet war. Adorf gestand freimütig, er habe zunächst nur Augen für die Bardot gehabt. Dann aber fiel ihm Moniques Lebendigkeit auf, und damit begann eine Liebe, die über vierzig Jahre hielt.
Von der Blechtrommel zum Bellheim
Adorfs Karriere hatte viele Gipfel, aber keinen eigentlichen Höhepunkt, weil er sich weigerte, auf einem einzigen stehen zu bleiben. In den siebziger Jahren entdeckten ihn die Regisseure des Neuen Deutschen Films. Schlöndorff besetzte ihn in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und in „Die Blechtrommel“, Fassbinder machte ihn zum korrupten Bauunternehmer in „Lola“. Das waren keine Schurkenrollen im alten Sinne mehr, sondern Figuren mit Rissen und Abgründen, und Adorf spielte sie so, dass man diese Figuren gleichzeitig verabscheute und verstand.
Dann kamen die großen Fernsehproduktionen: „Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“, „Die Affäre Semmeling“. In diesen Dieter-Wedel-Mehrteilern spielte Adorf Männer, die man heute nicht mehr filmisch darstellen würde, weil es sie angeblich nicht mehr gibt: Patriarchen mit Prinzipien, Alphatiere mit Anstand, Herrscher, die ihren Laden zusammenhalten, auch wenn alles um sie herum zerfällt.
Den Marzipanfabrikanten Konrad Hansen in „Der letzte Patriarch“ nannte Adorf einen „charmanten Kotzbrocken, der ganz schön hart sein kann, aber seine Fehler erkennt und daraus lernt“. Man könnte das als Selbstbeschreibung lesen.
Ein Typus, der verschwindet
221 Filme, ein Bundesverdienstkreuz, der Grimme-Preis, ein nach ihm benannter Theaterpreis in Worms, und nebenbei noch eine zweite Karriere als Autor und Rezitator. Sein Buch hieß „Schauen Sie mal böse“, natürlich. Sein Programm hieß „Al Dente“, und wenn er darin Georg Kreisler sang, dann war das kein Abend für Leute, die Angst vor großen Gefühlen haben.
Auf seine alten Tage lebte Adorf zwischen München, Paris und Saint-Tropez, und man hatte den Eindruck, er genoss es, endlich niemandem mehr böse schauen zu müssen.
Sein letzter Film, „Real Fight“, war 2023. Der „Hörzu“ sagte er danach, er sei „ohne jeden Ehrgeiz in dieser Richtung, und ohne jede Hoffnung“. Daraus sprach keine Bitterkeit, sondern achselzuckende Akzeptanz des eigenen Alters.
Am Mittwoch ist Mario Adorf nach kurzer Krankheit in seiner Pariser Wohnung entschlafen – in der Stadt, die er liebte. Seine Frau Monique stand ihm bis zuletzt bei. Sein Manager Michael Stark teilte mit, Adorf habe ihm beim letzten Besuch noch aufgetragen, sich bei seinem Publikum für die jahrzehntelange Treue zu bedanken.
Das heutige Kino ist schmaler, leiser und aufgeräumter geworden. Für Männer wie Adorf, die allein durch ihre körperliche Präsenz ganze Räume besetzten, wäre dort ohnehin kaum noch Platz. Er war ein Schauspieler, der keine Askese brauchte, um auf der Leinwand zu faszinieren. Ein Darsteller der alten Schule, der bewies, dass natürliche Autorität und Charme kein Widerspruch sind, sondern schlicht eine Frage der Haltung.
Nun schaun Se mal traurig. Es ist berechtigt.

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Lachen musste ich über Mario Adorf in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe von Dario Argento. Mario Adorf als Künstler-Eremit mit zugemauerter Tür und Katzenliebhaber der besonderen Art mit lustiger Frisur.
Was mir von Herrn Adorf in errinerung bleibt, ich habe ihn einmal in einem kleinen Restaurant in Worms während der Niebelungfestspiele gesehen, er saß mit Schauspielkollegen von den Festspielen am Nachbartsich, was mir in Erinnerung blieb, war seine Präsenz, seine Freundlichkeit und seine Stimme, und das er der Einzige der Gruppe war, der Autogrammkarten dabei hatte.
„Beides zusammen ergab einen Schauspieler, der selbst in den schlechtesten Filmen noch sehenswert war.“
Kir Royal ist sehr sehenswert.
„Dann biste mein Kneschd. Isch mach mit dir, was isch will, verschdehsde Junge?“
Nach kurzer schwerer Krankheit , besser kann es in diesem Alter nicht gehen. Er war ein ein Glückspilz und immer ein Eifeler Jung !
Ich danke Tichys Einblick für den Platz für diese Remiiniszenz an Adorfs Wirken.
Er war ein großer seiner Kunst und ich freue mich darüber sein Wirken erlebt zu haben.
Lieber Mario, herzlichen Dank für dein kulturelles Engagement , es war mir eine Freude.Lebe wohl und herzlichen Dank.
Ein wunderschöner Nachruf! Chapeau!
Mario Adorf war bis heute, nicht nur allein vor der Kamera, eine Persönlichkeit. Dass er in meinen Jugendjahre meinen Schwarm Nscho-Tschi erschoß, das verzeihe ich ihm erst heute.
Er hat uns viel Freude gebracht .
Übrigens , ist der „Schattenmann “ noch auf dem Index ?