Hape Kerkeling beklagt sich über alltägliche Homophobie in Italien. Persönliche Erfahrungen sollte man ernstnehmen. Aber sie taugen oftmals nicht, um allgemeingültige Aussagen zu treffen. Was auffällt: Im Diskurs über Homophobie wird eine Ursache von zunehmender Feindseligkeit konsequent ausgeklammert.
picture alliance / ipa-agency | Matteo Nardone
Diesmal war es nicht Horst Schlämmer, der das Glück sucht, sondern der deutsche Schauspieler und Comedian, Hape Kerkeling, der mit Schlamm geworfen hat.
Aber warten Sie, holen wir kurz aus: Seit Jahren, und dies ziemlich zugespitzt, verläuft die öffentliche Debatte über Homophobie, und dann stets nach einem oft bekannten Muster: Eine persönliche Erfahrung wird geschildert, medial aufgegriffen und schließlich zu einem allgemeinen Befund verdichtet. Was als individuelle Wahrnehmung beginnt, endet nicht selten als Urteil über ganze Gesellschaften. Derjenige, der nach vorn prescht, ist sich seiner medialen Aufmerksamkeit samt Streicheleinheiten und Bonuspunkten bei den Medien sicher.
In diesem Falle fügen sich die Aussagen von Hape Kerkeling über seine Zeit in Italien in diese Logik. Bundesweit und im ganzen deutschsprachigen Raum berichteten die Medien darüber, was Hape Kerkeling in einem Interview dem STERN offenbarte. Nämlich, so schilderte es der Schauspieler eindringlich, wurde er in Italien „als schwuler Mann so diskriminiert, dass ich dort nicht mehr sein wollte“, so dass er seiner Wahlheimat Italien den Rücken kehrte. Was zunächst nach einzelnen negativen Erfahrungen klingt, beschreibt der Entertainer als dauerhaften Zustand: eine „tagtägliche“ Belastung, die ihn schließlich zum Umzug bewegte.
So berechtigt persönliche Empfindungen sind, so problematisch wird es, wenn aus ihnen pauschale Rückschlüsse gezogen werden. Homophobie existiert, ohne Zweifel. In Italien, in Deutschland, in nahezu allen europäischen Ländern. Doch sie ist weder ein exklusives Merkmal einzelner Staaten noch eindeutig entlang politischer Lager zu verorten.
Ein Land der Widersprüche – wie viele andere auch
Italien ist kein homogener Raum. Zwischen urbanen Zentren und ländlichen Regionen, zwischen Nord und Süd, bestehen erhebliche Unterschiede. Gerade in Städten wie Mailand oder Rom ist Homosexualität seit Langem sichtbar und in weiten Teilen auch akzeptiert.
Ein Blick in die Kultur- und Modewelt unterstreicht dies. Persönlichkeiten wie Giorgio Armani, Valentino Garavani oder Gianni Versace haben Italien geprägt – nicht trotz, sondern unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Sie wurden als das wahrgenommen, was sie sind: prägende Figuren ihrer Branche. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass sie selbst sich nicht auf ihre sexuelle Orientierung reduzierten.
Sie luden ihre Identität nicht politisch auf. Sie lebten offen, ohne ihre Homosexualität demonstrativ zu inszenieren. Diese Form der Selbstverständlichkeit steht quer zu einem zunehmend verbreiteten Verständnis, das Sichtbarkeit häufig mit politischer Positionierung verknüpft. Und, ohne ihm nahetreten zu wollen, wofür Kerkeling politisch steht, weiß jeder.
Der Fall Dolce: Abweichung als Tabubruch
Wie schnell aus Abweichung ein Konflikt wird, zeigte der Fall von Domenico Dolce, Mitbegründer des Labels Dolce & Gabbana. Seine kritischen Äußerungen etwa zur Leihmutterschaft und Reproduktionstechnologien passten nicht ins System queer-woker Ansichten und lösten heftige Reaktionen aus – bis hin zu Boykottaufrufen.
In einem Interview mit dem Wochenmagazin Panorama erklärte Domenico Dolce bereits vor Jahren, dass er an die klassische Familie glaube, die eben aus Vater und Mutter bestehe. Ob er sich wünsche, Vater zu werden? Darauf Dolce zu einer Vaterschaft: „Ich bin schwul, ich kann kein Kind haben. Ich glaube, man kann nicht alles vom Leben haben; wenn etwas nicht da ist, dann soll es vielleicht auch nicht sein. Es ist auch schön, auf etwas zu verzichten.“ Der Sturm der Entrüstung war immens.
Dolce wurde nicht wegen seiner Homosexualität angegriffen, sondern wegen seiner Haltung. Seine Position wich von einem dominanten Diskurs ab – und genau das wurde zum Problem.
Der Vorgang verweist auf eine grundlegende Spannung innerhalb moderner Gesellschaften: Vielfalt wird eingefordert, aber nur in eine Richtung akzeptiert.
Selektive Toleranz im politischen Raum
Diese Spannung zeigt sich auch im politischen Diskurs. Der rechtskonservative Vize-Premier und Chef der Lega, Matteo Salvini, erklärte, die Debatte über sexuelle Orientierung sei „überholt“ – entscheidend sei die individuelle Freiheit.
Gleichzeitig berichten Persönlichkeiten wie Tommaso Cerno, bekennender Schwuler, Journalist und Chefredakteur des rechtsliberalen Il Giornale, von Anfeindungen, die sich gerade aus progressiven Milieus speisen, wenn politische Positionen nicht den erwarteten Linien entsprechen.
Auch im Umfeld von Elly Schlein, der linkssozialistischen Anführerin in der Opposition, wird deutlich, wie anspruchsvoll der Umgang mit innerer Vielfalt ist. Der Anspruch, unterschiedliche Lebensentwürfe anzuerkennen, gerät dort an Grenzen, wo politische Differenzen ins Spiel kommen. Sie selbst bekannte sich als bisexuell, derzeit in Partnerschaft mit einer Frau.
Differenzierung statt Deutungshoheit
Die zentrale Frage ist daher nicht, ob es Homophobie gibt. Sondern wie differenziert darüber gesprochen wird.
Individuelle Erfahrungen verdienen Gehör. Doch sie ersetzen keine Analyse. Wer aus ihnen ein allgemeines Urteil ableitet, läuft Gefahr, komplexe Realitäten zu verzerren.
Hinzu kommt, dass in diesem Diskurs eine bestimmte Form von Homophobie kaum je thematisiert wird – nämlich jene, die von vornehmlich muslimischen Zuwanderern ausgeht. Zunehmende Feindseligkeit wird beklagt, wer aber dafür verantwortlich ist, wird nicht benannt.
Italien ist weder ein Paradies der Toleranz noch ein Hort der Intoleranz. Es ist ein Land mit Widersprüchen – wie andere europäische Gesellschaften auch. Wer es auf ein eindimensionales Bild reduziert, wird weder der Realität gerecht noch der Debatte. Im Gegenteil, die Homosexualität, als Präferenz und Lebensentwurf, wird akzeptiert, solange die klassische Familie nicht als altmodisch diffamiert oder lächerlich gemacht wird.
Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Form von Toleranz: nicht in der Bestätigung eigener Überzeugungen, sondern im Umgang mit dem, was ihnen widerspricht. Oder bei der einfachen Selbstreflexion über das eigene Verhalten, das andere vielleicht verletzen könnte?

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