Inflation zernagt Einkommenszuwachs: Deutschland in der Armutsspirale

Deutschland befindet sich ökonomisch auf dem absteigenden Ast. Wie das Statistische Bundesamt ermittelte, können die Einkommen seit Jahren mit der Inflation nicht mehr Schritt halten. Eine ernsthafte Debatte über die Hintergründe des Niedergangs werden wir vorerst dennoch nicht erleben. Jetzt steht erst einmal Wahlkampf an.

IMAGO

Der ökonomische Verfall der Bundesrepublik ist hinreichend dokumentiert. Dennoch wirkt die öffentliche Debatte über Ursachen und Folgen der enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen seltsam blutleer, beinahe apathisch. Ist die Gesellschaft noch nicht bereit, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen?

Der jüngste Datenpunkt, der dem subjektiven Gefühl des Abstiegs ein substanzielles Zahlenwerk an die Seite stellt, stammt vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Wenige Tage vor der ersten Landtagswahl des Jahres in Baden-Württemberg veröffentlichten die Statistiker eine Relation, die wir im Alltag längst spüren: Seit der Lockdown-Phase des Jahres 2020 sind die Preise in Deutschland auf breiter Front um 21,8 Prozent gestiegen, während die nominalen Lohnzuwächse in allen Sektoren lediglich rund 11 Prozent betrugen.

Das reale Einkommen der Deutschen ist in diesem Zeitraum damit um etwa elf Prozent gesunken.

Die negative Reallohnentwicklung spiegelt damit die brutale Realität und die klar nachweisbare Kausalität zwischen der politischen Ideologie des Degrowth und der gesamtwirtschaftlichen Produktivität wider. Die Herzkammer der deutschen Ökonomie, die Industrie und ihre Kernsektoren des Automobilbaus, der Chemiewirtschaft und des Maschinenbaus, hatten ihren Produktionshöhepunkt im Jahr 2018 erreicht.

Seitdem befinden sich Wirtschaft und Gesellschaft in einem massiven Abschwung. Kapital verlässt den Standort Deutschland: Zwischen 60 und 100 Milliarden Euro netto fließen jährlich ab. Etwa 250.000 Industriearbeitsplätze sind in dieser Zeit verloren gegangen. Das sind hochbezahlte Jobs, die einen hohen Grad an Wertschöpfung erzeugen. Deren systematische Eliminierung wirkt sich auf das gesamte Wirtschaftsgefüge der Bundesrepublik dauerhaft negativ aus. Der Ausgangspunkt der Abwärtsspirale.

Über den Daumen gepeilt erzeugt ein Industriearbeitsplatz etwa fünf weitere Jobs in industrienahen Dienstleistungen und im darauf bezogenen Konsumgefüge. Stottert dieser Wirtschaftsmotor, gerät das gesamte Getriebe buchstäblich aus den Fugen, die Arbeitslosigkeit steigt unentwegt an. Der Staat springt seit Jahren in die Bresche und ist für viele Menschen zum letzten Rettungsanker geworden.

Allein im vergangenen Jahr wurden 205.000 Menschen in den öffentlichen Dienst übernommen. Mit Krediten und Steuergeldern wird die wahre dramatische Lage der Wirtschaft übermalt.

In Wahrheit sieht es wesentlich bedrohlicher aus. Da der Staat nun dazu übergeht, seine Neuverschuldung Jahr für Jahr drastisch zu erhöhen, um die aufreißenden Defizite in den Sozialkassen zu schließen, bewegt sich das „Weltsozialamt“ mit wachsender Geschwindigkeit auf seine Pleite zu. Während ein immer teurerer Staatsapparat die Bürger belastet, sind die 11 % Reallohnverlust der zurückliegenden sechs Jahre nur milde Vorläufer des heraufziehenden Sturms.

Die tatsächliche Lage der Kaufkraft im privaten Sektor dürfte sich zudem wesentlich dramatischer darstellen, da die von staatlichen Instituten ausgewiesene Inflationsrate die tatsächlichen Preissteigerungen aus opportunistischen Gründen chronisch unterzeichnet.

Ein weiterer zentraler Faktor für den Preissprung ist die Geldpolitik. Dass die Preise überhaupt so stark gestiegen sind, ist vor allem der expansiven Geldpolitik der EZB geschuldet. Sie hielt während der Lockdown-Zeit vor sechs Jahren sowohl die Anleihenmärkte als auch die Staatsfinanzen liquide. Die massive künstliche Geldschöpfung bahnte sich ihren Weg durch die ökonomischen Kanäle, trieb Vermögenspreise weiter in die Höhe und erhöhte gleichzeitig die Lebenshaltungskosten, etwa für Mieten, Energie und Lebensmittel.

Eine Lehre aus diesem Desaster ist eine geldpolitische: Wenn man schon auf ein System der Zentralbanken setzt, sollte diese unbedingt unabhängig von der Fiskalpolitik operieren können. Selbstverständlich ist dies angesichts der Verflechtungen zwischen Funktionärsebene und Politik eher eine Utopie, der man als Individuum nur durch entsprechende Arbitragehandlungen und Vermögenspositionierung begegnen kann.

Mit Blick auf die Folgen der vorherrschenden Ideologie der Zentralplanung und des Umbaus der Ökonomie ist zudem davon auszugehen, dass sich an der Tendenz der fortschreitenden Verarmung großer Teile der Bevölkerung in den kommenden Jahren nichts mehr ändern lässt. Die hohen Defizite des Staates werden selbstverständlich über höhere Abgaben und mithilfe des Gelddruckers der EZB geschlossen. Das wirkt weiter inflationär, während die Ökonomie nicht mehr in der Lage sein wird, durch Produktivitätsfortschritt für einen Ausgleich zu sorgen.

Doch auf die Dunkelheit folgt in der Regel irgendwann ein Sonnenaufgang. Der beeindruckende politische und ökonomische Turnaround Argentiniens, das sich einer in Teilen libertären ökonomischen Agenda verschrieben hat, sollte Hoffnung machen.

Die Rezeptur für die Bundesrepublik ist bekannt: Das Weltsozialamt muss seine Pforten schließen. Der Wohlfahrtsstaat muss an die neuen ökonomischen Gegebenheiten angepasst werden. Die Zeit der grün-sozialistischen Regulierung und Detailsteuerung des ökonomischen Geschehens sollte man als klassischen sozialistischen Bruch mit fataler Konsequenz an Schulen und Universitäten als abschreckendes Beispiel analysieren.

Der Druck auf das bestehende politische Regime baut sich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat weiter auf. Auch wenn es frustrierend ist und bitter schmeckt, den Bundeskanzler und seine Genossen auf direktem Crashkurs mit der ökonomischen Realität bei ihrem Wirken zu beobachten – ihre ideologische Verbohrtheit und die Nibelungentreue zum Ökosozialismus bewegen das taumelnde Gebilde dennoch auf einen Wendepunkt zu.

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Kommentare ( 25 )

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Dr. Gregor Gaida
1 Monat her

Ich arbeite seit 1990. Mein erster Job: Igenieur in Düsseldor 75kDM brutto. Damals war ein neues Reihenhaus in Krefeld für 220kDM zu haben (3 Jahresgehälter). Ein Fiesta kostete 10kDM (man könnte 7 im Jahr kaufen vom Brutto).
Heute verdient ein Jungingenieur kaum 60k€ im Jahr. Ein neues Reihenhaus in Krefeld ist kaum unter 12 Jahresgehältern zu haben. Fiestas kann man etwas mehr als zwei kaufen.
Das läßt sich beliebeig auf alle Alltagsgegenstände erweitern.

Paprikakartoffel
1 Monat her
Antworten an  Dr. Gregor Gaida

Dafür dürfen Sie sich heute am Happy Ramadan erfreuen.

hoho
1 Monat her
Antworten an  Dr. Gregor Gaida

Komisch meine Nachbarn behaupten dass es keine Inflation gibt. Als ich ihnen über die Preisen von dem Brot, das ich seit Jahrzehnten kaufe erzählt habe, haben sie dann aber gemeint, dass die Inflation ist nicht wichtig, weil wir auch mehr verdienen. Da lässt sich nichts machen. Wenn es wirklich schlimm wird, werden sie wieder einen Verrückten wählen, der uns alle zeigt – genauso wie es auch gerade in USA passiert ist.

hoho
1 Monat her

Es war ein schönes Bild als der deutsche Kanzler das Volksrecht für nichtig erklärt hat und den unprovozierten Angriffskrieg als eine gute Sache erklärt hat. Ich war schon ein bisschen begeistert, wie er das ohne weiteres verkaufen kann. Noch mehr bin ich begeistert, dass die Leute den Sch. schlucken und behaupten, dass es gut schmeckt. Die Welt ist voll von Wunder.

H. Hoffmeister
1 Monat her

Wir sind nicht erst seit 2018 auf dem absteigenden Ast. Der grüne Korrosionsprozess mit seinen sozialistischen Ergänzungen hat seit dem Einknicken Kohls vor dem grünen Furor das Wohlstandsfundament unseres Landes nachhaltig beschädigt. Lange Jahre wurden stille Reserven und technologischer Vorsprung verfrühstückt. Seit geraumer Zeit ist das nicht mehr möglich, daher die reale Verarmung. Allerdings erst der Auftakt zu einem Absturz, dessen Ausmaß nur erahnbar ist. Wir haben uns mit jahrzehntelang nachwirkenden Abermilliardenansprüchen (Staatsverschuldung, grüne Subventionen, soziale Sicherungssysteme, Beamtenpensionen, Monsterbürokratien, strangulierende Überregulierung in allen relevanten Technologiebereichen etc) in die Sackgasse manövriert, aus der es kein Entrinnen gibt.

BKF
1 Monat her
Antworten an  H. Hoffmeister

Die sogenannten Grünen mit ihren NGOs und den Freunden in der Atlantik-Brücke machen das doch sehr erfolgreich im Sinne ihrer Auftraggeber auf der anderen Seite des Atlantiks.

Flaneur
1 Monat her

Armutsspirale trifft es sehr gut. Deutschland verarmt. Aber schon seit Jahrzehnten, seit der Einführung des Euro. Verglichen mit den GANZ armen Ländern Europas ist man auch als deutscher Durchschnittsverdiener nicht mehr reich. Letztes Jahr viel in Europa gereist, unter anderem in Albanien und Moldawien. Es ist günstiger dort, aber nicht mehr spottbillig. Essen kostet dort umgerechnet 9-15€ eine Hauptspeise, 2,50 – 3 € ein Bier. Also vielleicht 50% der Preise von hier. Zum Ende der DM-Zeit konnte man man in Polen, Tschechien etc für 5 DM zwei Leute satt bekommen. DAS war billig. Jetzt muss man schon 1500km weiter reisen,… Mehr

Punti
1 Monat her

Für jemanden, der angeblich VWL studiert hat, sind das in Teilen wieder höchst erstaunliche Erkenntnisse. Ja, die Reallohnentwicklung in Deutschland ist schon lange eine einzige Katastrophe. Und grosse Teile Deutschlands stecken auch schon lange in der Armutsfalle. Das hat aber bisher nicht interessiert, weil das Kapital sich im Wesentlichen im Aussenhandel vermehrt hat. Da haben die Habenichtse hier nicht nur nicht gestört, Lohndumping war nachgerade ein Wettbewerbsvorteil. Nun geht der Leistungsbilanzüberschuss rasch und spührbar zurück, und das grosse Heulen beginnt, weil die Gedumpten den Nachfrageausfall nicht kompensieren können. Frage an den Volkswirt: Wodurch entsteht denn ein Produktivitätszuwachs nach Lehrbuch? Und… Mehr

Reinhard Schroeter
1 Monat her

Das sie sich in einer Armutsspirale befinden, werden die meisten meiner Landsleute, vornehmlich im Wertewesten, überhaupt nicht empfinden, wenn nicht sogar bestreiten.
Wenn es denn anders wäre, würden sie nicht mit mehr als 80 % für die Parteien votieren,und das werden sie am Sonntag wieder im Südwesten, die verantwortlich sind für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abstieg dieses Landes.Man braucht nicht mal eine Glaskugel oder hellseherische Fähigkeiten, Sonntag , 18:00 Uhr, die Blockparteien sind die Wahlsieger und dürfen mit dem Mandat des Wählers weitermachen wie bisher.

MaxVanMoritz
1 Monat her

Der Kapitalismus erwürgt zyklisch die Mraktwirtschaft, am Ende steht der Totalverlust. Die Krise entsteht aus mathematischen Gründen, durch die innere Konstruktion eines Geldes, was sich selbst dient und nicht der Wirtschaft und den Menschen. SILVIO GESELL!

„Die Schaffung eines Gedles, das sich nicht horten läßt, würde zur Bildung von Eigentum in wesendlicher Formn führen.“

Albert Einstein

jwe
1 Monat her

Ich kann mich an die Zeit vor 2020 erinnern, als die Inflation bei 0 % lag. Daran musste laut unserer Regierung bzw. EU ja was getan werden. Dafür wurde die Lagarde ins Amt gehievt (rechtskräftig wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder verurteilt). Die hat dann das „Kunststück“ der INflation bis zu 10% in einem Jahr geschafft. Das Zauberwort heißt „Staatenfinanzierung“. Bedingungslos Geld an die PLeitestaaten verteilen. „What ever it takes!“. Wer so etwas tut, nimmt bewusst INflation in Kauf. Politisch ist sie sogar gewünscht, um die Horror-Schulden auf Kosten der Sparer zu mildern.

Wuehlmaus
1 Monat her

Der Wähler wird am Sonntag leider für ein weiter so entscheiden.

Laurenz
1 Monat her

Ist es nicht schön, wenn die Armen (alle ohne Vermögen), die ihre Verarmung selbst an der Wahlurne gewählt haben, immer ärmer werden? Wie bestellt, so geliefert.