Der Münchhausen von Leipzig

Er hat gestanden, gelogen zu haben. Jetzt trägt er die Dschungelkrone und deutet an, er sei doch das Opfer. Währenddessen bekommt der Mann, den er fälschlich beschuldigte, wieder Hassmails. Von Silvia Venturini

IMAGO

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz des deutschen Fernsehens: Wer Känguru-Hoden isst, dem wird vergeben. Das Dschungelcamp, jene bizarre Mischung aus Ekelprüfung und Gruppentherapie, gilt seit Jahren als Waschanlage für beschmutzte Promi-Images. Wer dort weint, wer dort leidet, wer dort „seine Geschichte erzählt“, der darf auf Absolution hoffen. Das Publikum ist gnädig, wenn man ihm Unterhaltung bietet.

Gil Ofarim hat diese Mechanik verstanden. Er hat das Camp betreten, er hat performt, er hat gewonnen. Und er hat die Krone genutzt, um eine Geschichte neu zu schreiben, die eigentlich längst zu Ende erzählt war.

Das Problem ist nur: Die Geschichte endete mit einem Geständnis.

Was wirklich geschah

Für alle, die es verdrängt haben, hier die Fakten. Nicht Meinungen, nicht Interpretationen, sondern das, was vor dem Landgericht Leipzig aktenkundig wurde.

Im Oktober 2021 veröffentlichte Gil Ofarim ein Video, das viral ging. Darin behauptete er, ein Mitarbeiter des Leipziger Hotels „Westin“ habe ihn aufgefordert, seine Davidstern-Kette zu verstecken, bevor er einchecken dürfe. „Pack deinen Stern ein“, so der Vorwurf. Deutschland war empört. Die Medien berichteten. Der Hotelmitarbeiter, ein gewisser Herr W., wurde zur Zielscheibe eines Shitstorms. Sein Leben, wie er später berichtete, wurde zerstört.

Dann kam das Überwachungsvideo. Es zeigte: Die Kette war gar nicht sichtbar. Sie lag unter dem Hemd.

Im November 2023 stand Ofarim vor dem Landgericht Leipzig. Angeklagt wegen Verleumdung und falscher Verdächtigung. Das Verfahren wurde gegen Zahlung von 10.000 Euro eingestellt, aber nicht, weil er unschuldig war. Sondern weil er gestand. Sein Anwalt verlas die Erklärung, Ofarim nickte. Die Kernaussage, protokolliert und rechtskräftig: „Die Vorwürfe treffen zu.“

Er hat gelogen. Er hat einen unschuldigen Mann öffentlich als Antisemiten gebrandmarkt. Er hat sich entschuldigt, beim Hotelmitarbeiter, vor laufenden Kameras. Das Kapitel schien geschlossen.

Die Kunst der Andeutung

Dann kam der Dschungel.

Im Camp ließ Ofarim Sätze fallen, die aufhorchen ließen. „Man weiß ja nicht alles.“ „Ich musste das tun, um Ruhe zu haben.“ Keine konkreten Behauptungen, das wäre strafbar. Aber ein Nebel aus Andeutungen, der eine Botschaft transportierte: Vielleicht war er doch das Opfer. Vielleicht steckt mehr dahinter. Vielleicht wurde er zum Geständnis gezwungen.

Es ist die perfideste Form der Lüge: das vage In-Frage-Stellen der eigenen Schuld, ohne etwas Greifbares zu sagen. Ein Raum wird geöffnet, in dem das Publikum seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Und das Publikum, das keine Gerichtsakten liest, aber Tränen im Fernsehen sieht, zieht die Schlüsse, die ihm angeboten werden.

Der Opfer-Täter-Twist ist komplett. Der Mann, der einen Unschuldigen verleumdete, inszeniert sich als Märtyrer, der sich „geopfert“ hat, um das System zu befriedigen. Narzisstische Realitätsverweigerung auf Weltklasse-Niveau.

Die Zeche zahlt ein anderer

Und während Gil Ofarim die Dschungelkrone trägt und Interviewanfragen beantwortet, passiert etwas, das niemanden zu interessieren scheint: Der Hotelmitarbeiter, Herr W., bekommt wieder Hassmails.

Die „Welt“ berichtete darüber. Der Mann, dessen einziges Vergehen darin bestand, an jenem Abend an der Rezeption zu stehen, wird erneut zur Zielscheibe. Weil ein C-Promi sein Ego streicheln muss. Weil das Fernsehen Quote braucht. Weil niemand die Akten liest, aber alle die Tränen sehen.

„Ist es denn nie vorbei?“, wird Herr W. zitiert.

Die Antwort lautet: Nein. Nicht solange es profitabler ist, eine Lüge am Leben zu halten, als die Wahrheit zu akzeptieren.

Was Rehabilitation bedeutet

Jeder Mensch verdient eine zweite Chance. Menschen machen Fehler, Menschen können sich ändern, Menschen können Vergebung verdienen.

Aber eine zweite Chance setzt voraus, dass man die erste Lektion gelernt hat. Dass man Verantwortung übernimmt. Dass man nicht, kaum dass die Kameras wieder laufen, die eigene Schuld in Zweifel zieht und damit das Opfer erneut zum Freiwild macht.

Gil Ofarim hat bewiesen, dass er nichts gelernt hat. Er hat den Kampf gegen echten Antisemitismus beschädigt, jenen Kampf, der wichtiger ist denn je, um sich selbst wichtig zu machen. Und er tut es wieder. Mit jeder vagen Andeutung, mit jeder Träne vor der Kamera, mit jedem „Man weiß ja nicht alles“ beschädigt er nicht nur sein ehemaliges Opfer, sondern alle, die tatsächlich unter Antisemitismus leiden und deren Berichte nun mit einem Hauch mehr Skepsis betrachtet werden.

Das ist der eigentliche Schaden. Nicht die 10.000 Euro. Nicht die beschädigte Karriere. Sondern das Gift, das er in den öffentlichen Diskurs gespritzt hat und weiter spritzt.

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Kommentare ( 24 )

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Micky Maus
1 Stunde her

Ich finde es von RTL gegenüber den jüdischen Mitbürgern in DE als ganz ganz dreckige Aktion, dass man solchen verlogenen Menschen überhaupt noch eine Plattform im öffentlichen Leben bietet und damit akzeptiert, dass dem Judentum wieder massiver Hass angehängt wird und der grundlosen negativen Meinung über das Judentum, noch Wasser auf die Mühlen gibt. Mit Sicherheit ist den anderen Dschungel-Teilnehmern auch verboten worden, ihre eigene Meinung knallhart über diesem Lügenprinzen zu äußern. Also was soll noch passieren damit die Menschen in DE begreifen, wie Menschen auch von RTL auf ekelhafteste Weise manipuliert werden und Tatsachen je nach politischen Anschauungen überdeckt… Mehr

Delegro
1 Stunde her

Eine Schundsendung mit Schundkandidaten. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nicht‘s zu sehen. Jeder der Einschaltet ist Teil dieses abartigen Formats der Volksverdummung.

Antaam
1 Stunde her

Pff, was verlangen Sie von einem Menschen, der so niedrig ist und sich in das Dschungelcamp begibt und Dschungelkönig wird. Er musste sich ins Gespräch bringen, weil er Geld brauchte. Solche Menschen verdienen keine Aufmerksamkeit, weil Aufmerksamkeit ihre Geschäftsgrundlage ist und lügen ihr „Arbeitsmaterial“.

ceterum censeo
2 Stunden her

Wird diesen grenzdebilen Randexistenzen nicht (auch hier) zu viel Aufmerksamkeit geschenkt? Man schadet ihnen m.E. am stärksten, wenn man sie noch nicht mal ignoriert…

Michaelis
2 Stunden her

Wen es in dieses typisch deutsche Idiotencamp zieht, der hat eh einen ganz gewaltigen Dachschaden!!! Und ich fürchte, dass das auf (sehr) viele „Landsleute“ zutrifft!!!

alter weisser Mann
2 Stunden her

Bitte, der Kerl ist kein Münchhausen von Leipzig*, der war bestenfalls ein Lügenaugust in Leipzig. Die Leipziger wollen den ganz bestimmt nicht auf ihre Stadt bezogen wissen.

*Es gibt allerdings in Windischleuba bei Leipzig ein interessantes Wasserschloß der Freiherren von Münchhausen.

Dt. Tom Schimpff
2 Stunden her

Nach jüdischen, nicht unumstrittenen Regeln ist (nur) Jude, wer eine jüdische Mutter besitzt (so stehts in der Halacha) oder offiziell konvertiert ist. Frau Sandra Hirt ist m.W. keine Jüdin. Und konvertiert ist Ofarim auch nicht. Dass er sich offenbar als Jude fühlt, ist nicht von Belang.

Udo Zimmermann
2 Stunden her

Wenn dieser Sänger, der sich Ofarim nennt, Ehre in sich verspürt, spendet er sein Preisgeld ( wofür eigentlich ?) einer humanitären Hilfsorganisation . Ich denke, diese würde, welche auch immer, darauf sehr ,sehr lange warten.
Ich gebe zu, Ofarim hat bei mir auf Ewigkeit versch…

November Man
2 Stunden her

Die Opferrolle hat auch diesmal wieder funktioniert. Eine Wahl, einerseits sehr gut aufgebauscht und inszeniert, anderseits offenbar eine Mitleidswahl. Ofarim soll laut einigen Medienberichten von Bertelsmann zwischen 200.000 und 300.000 Euro Gage bekommen. Plus 100.000 Euro Siegesprämie. Dieser Schlag von Menschen wußte schon immer wie man so viel wie möglich Geld rafft.

Arminius
2 Stunden her

Einfach ignorieren und gut,
Warum bietet man dem überhaupt eine Bühne?