Wirtschaftsweise korrigieren Konjunkturprognose deutlich nach unten

Viel weniger Wirtschaftswachstum als bislang erwartet und eine Inflationsrate deutlich über sechs Prozent: Die neue Prognose der Wirtschaftsweisen liegt deutlich unter der vorherigen. Wenn russische Energielieferungen ausbleiben, könne Deutschland in eine tiefere Rezession abrutschen.

IMAGO / Future Image
Monika Schnitzer, Achim Truger, Volker Wieland und Veronika Grimm bei der Pressekonferenz des Sachverständigenrats zur aktualisierten Konjunkturprognose in der Bundespressekonferenz, 30.3.2022

Die Aussichten für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und im Euro-Raum haben sich durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine drastisch verschlechtert, stellt der Sachverständigenrat der Bundesregierung fest, auch als „Wirtschaftsweise“ bekannt. Statt 4,6 Prozent BIP-Wachstum, wie noch im November für 2022 erwartet, prognostizieren sie nun nur noch ein Wachstum um 1,8 Prozent.

„Durch den Krieg werden die wegen der Corona-Pandemie bereits angespannten Lieferketten zusätzlich beeinträchtigt. Gleichzeitig belasten die nochmals kräftig gestiegenen Preise für Erdgas und Erdöl die Unternehmen und den privaten Konsum,“ erklärt Achim Truger, Mitglied des Sachverständigenrates. Im Sommerhalbjahr 2022 dürfte jedoch der Konsum kontaktintensiver Dienstleistungen zunehmen und positiv zur Entwicklung des BIP beitragen. Die Corona-Pandemie sei aber weiter ein Risiko.

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„Die stark gestiegenen Preise für Energieträger und die verzögerte Weitergabe der gestiegenen Energiekosten der Unternehmen an die Endkunden wird die Verbraucherpreise in diesem Jahr weiter steigen lassen“, heißt es in der Pressemitteilung des Sachverständigenrats. Er erwartet eine Inflationsrate von 6,1 Prozent im Jahr 2022. „Die hohe Inflation und die steigenden Inflationserwartungen werden voraussichtlich die Tarifverhandlungen beeinflussen. Die Dynamik für Lohnforderungen dürfte ab dem zweiten Halbjahr 2022 zunehmen. Damit steigt das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale,“ sagt Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrates. Für das Jahr 2022 erwartet der Sachverständigenrat ein Wachstum der von den Unternehmen tatsächlich gezahlten Löhne (Effektivlöhne) von 2,5 Prozent. Wenn diese Vorhersage ebenso eintritt wie die zur Inflation, erleiden die Angestellten also deutliche Kaufkraftverluste. Kurz: Die meisten Deutschen werden 2022 ärmer.

Die Erwartungen für den Rest des Euro-Raums sind deutlich besser. Grund dafür sei auch der Staatskonsum, „der nicht zuletzt durch die Umsetzung der nationalen Aufbau- und Resilienzpläne in den Mitgliedstaaten expandiert“. Daher rechnet der Sachverständigenrat im Euro-Raum mit einem Wachstum des BIP von 2,9 Prozent im Jahr 2022 und 2023.

Die Prognose sei, heißt es in der Pressemitteilung, „mit sehr großer Unsicherheit“ behaftet. „Die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine lassen sich aktuell nur schwer abschätzen: Insbesondere eine weitere Verschärfung des Konfliktes sowie eine Ausweitung der Sanktionen können die deutsche und europäische Wirtschaft deutlich stärker belasten.“ Deutschland sei stark von russischen Energielieferungen abhängig. Wenn sie aufhörten, bestehe das Risiko, „dass die deutsche Volkswirtschaft in eine tiefere Rezession abrutscht und die Inflation noch stärker zunimmt“, sagte die Sachverständige Monika Schnitzer.

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Kommentare ( 13 )

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Irdifu
1 Monat her

Wer in den letzten Jahren das Wort
Wirtschaftswachstum nur in den Mund nahm , hat nach meiner Meinung schon gelogen . Insolvenzen ohne Ende , Autoindustrie am Boden , in Bayern schließt ein Stahlwerk wegen hoher Gaspreise usw.
Die Wirtschaft wurde von der Politik in Grund und Boden gestampft , ausser in der Goldgrube 12 in Mainz , da hagelt es Milliarden.

doncorleone46
1 Monat her

Wirtschaftsschwarze ist treffender. Eine vom System bezahlte Truppe. Respekt gegen Null. Die verkünden das, was zuvor abgenickt werden muss.

Haeretiker
1 Monat her

„Die neue Prognose der Wirtschaftsweisen liegt deutlich unter der vorherigen. Wenn russische Energielieferungen ausbleiben, könne Deutschland in eine tiefere Rezession abrutschen.“

Das sagte mir auf dem Wochenmarkt eine Marktfrau schon vor fünf Wochen. Aber sie sprach nicht von Rezession, sondern drückte es derber aus.
Wozu brauchen wir Weise die das Offensichtliche erst feststellen, wenn die Menschen schon längst in der Krise leben? Wo waren die Kaffeesatz-Leser als es galt dieser Krise vorzubeugen? Und was kostet es den Steuerzahler, diesen Menschen ein luxeriöses Einkommen zu sichern?

Ulric Viebahn
1 Monat her

„Wirtschaftsweise“: Daß deren (und anderer) Prognosen bisher nie auch nur entfernt so eingetreten sind, ist seit langem bekannt. Die Wirtschaft braucht so etwas nicht. Überflüssig wie Genderforschung. Wie die auf dem Foto gucken: eine reine Eitelkeitsveranstaltung.

Monostatos
1 Monat her

Und was geht von diesen Weisen-DarstellerINNEN über Allgemeinwissen hinaus? Ist es nicht so, dass zumindest Frau Grimm fest im Klimawandel-Glauben steht?

Oneiroi
1 Monat her

Wozu sind die eigentlich da? Das die Deutschen ärmer werden, dafür brauchts keine zerakademisierte, indoktrinierte Wirtschaftsweisen (ist am Ende wohl wieder ein „Versorungsrat“, für die Freunde und Bekannten einiger Politiker ). Da kann ich den Ronni vorm Lidl fragen, der gibt mir eine genauso qualifizierte Meinung und die Zahlen kann der alle paar Monate auch an die aktuellen Bierdosenpreisentwicklung anpassen. Der kostet den Steuerzahler auch gerade mal 1000-1500 Euro Hartz4 im Monat und ist damit ein Schnäppchen im Vergleich zu manchem Versorgungsposten. Und dem Ronni gönne ich sein Hartz4Bier mehr als den Champus irgendeinem „Wirtschaftsweisen“, der weder von Wirtschaft Ahnung… Mehr

Peter Gramm
1 Monat her

Die Wirtschaftsweisen und deren Prognosen.Es ist halt immer sehr schwierig die Zukunft zu prognostizieren. Interessant wäre es mal die in der Vergangenheit von diesen Experten erstellten Prognosen den eingetretenen Realitäten gegenüber zu stellen. Ich vermute mal, der track record ist sehr überschaubar. Der Grund liegt wahrscheinlich daran dass die Herrschaften immer an den von ihnen und ihren Kollegen erstellten Modellen herumbasteln. Modellhafte Annahmen sind halt immer sehr fehlerbehaftet. Logischerweise können daraus abgeleitete Prognosen auch nicht fehlerfrei sein. Nach unten genau so wie nach oben. Ist halt Volkswirtschaftslehre. So lange man aber dafür üppiges Tiritari bekommt und diese Gutachten nach medienwirksamer… Mehr

Edwin
1 Monat her

Es ist doch gut, dass man neben dem Sündenbock „Coronavirus“ nun noch einen neuen Sündenbock „Putin“ hat, um die Folgen der eigenen katastrophalen Politik zu übertünchen.

doncorleone46
1 Monat her
Antworten an  Edwin

Sie werden es nicht für möglich halten, aber die Leute glauben das. Deswegen geht es weiter bergab.

Gutmuetiger
1 Monat her

Das war doch vor dem Krieg schon klar, wurde nur massiv unter den Tisch gekehrt.

Der Krieg ist schlimm, für die Ampel aber willkommenes Geschenk alle Fehler der Vergangenheit Putin in die Schuhe zu schieben.

Iso
1 Monat her

Was da beschrieben wird, nennt man Stagflation. Also Stagnation und Inflation, was dann in einer wirtschaftlichen Depression endet.