Opportunistische Kantonisten

Der Kapitalismus sei zwar der beste Motivator und das beste Wirtschaftssystem, das die Welt je gesehen habe, der Kapitalismus funktioniere für die Mehrheit der Amerikaner jedoch nicht mehr, notwendig sei deshalb eine Koalition zwischen Kapitalisten und Sozialisten, um gerechtes Wachstum zu sichern.

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Die Wallstreet-Milliardäre Jamie Dimon und Ray Dalio plädieren für mehr Umverteilung und höhere Staatsausgaben. Mit ihren Plädoyers lenken sie von der Notwendigkeit einer Geldsystemreform ab.

I.

Die Milliardäre Jamie Dimon von JPMorgan und Ray Dalio von Bridgewater warnen vor Revolutionen und Sozialismus in den USA. Zwar sei der Kapitalismus der beste Motivator und das beste Wirtschaftssystem, das die Welt je gesehen habe, der Kapitalismus funktioniere für die Mehrheit der Amerikaner jedoch nicht mehr, schreibt Dalio. Geld würde sich an der Spitze stauen, was zu sich selbst verstärkenden Spiralen führe: „aufwärts für die Besitzenden, abwärts für die Besitzlosen.“ Notwendig sei deshalb eine Koalition zwischen Kapitalisten und Sozialisten, um gerechtes Wachstum zu sichern. Misslinge eine solche Koalition, so würden wir irgendeine Art von Revolution erleben. Und Dimon schreibt: „Die gesellschaftlichen Bedürfnisse von zu vielen unserer Bürger werden nicht erfüllt.“ Sozialismus führe jedoch unweigerlich zu Stagnation, Korruption und Schlimmerem.

Dimon plädiert deshalb für einen Dritten Weg – zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Der Staat solle im Rahmen eines „Marschall-Plans für Amerika“ durch erhöhte Staatsausgaben Bildung, Infrastruktur und Gesundheit fördern und diese Fiskalpolitik durch deutlich höhere Steuern für Vermögende finanzieren. Dalio fordert zudem nicht nur höhere Steuern für Reiche, um Vermögen umzuverteilen, sondern eine engere Zusammenarbeit zwischen Zins- und Steuerpolitik zur Stimulierung des Wachstums: Er fordert damit, dass die Zins- und Geldpolitik der Fed auf die Fiskalpolitik der Regierung abgestimmt werden sollte.

An den Vorschlägen von Dalio und Dimon ist nun weniger interessant, dass sie auch vom linken Flügel der Demokraten in den USA stammen könnten, also sowohl von Bernie Sanders als auch von den jungen Abgeordneten Ilhan Abdullahi Omar und Alexandria Ocasio-Cortez. Aus Gründen des Life Style neigen Wirtschaftsführer oftmals zur Übernahme von rot-grünen Politikprogrammen. Das ist nicht neu. Viele Wirtschaftsführer wollen in der Öffentlichkeit als progressiv gelten.

Für Anleger und Investoren ist viel interessanter, dass ausgerechnet führende Vertreter der Finanzindustrie wie Ray Dalio und Jamie Dimon bei ihrer Krisenanalyse und ihren sozialdemokratisch inspirierten Vorschlägen eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus die tiefere Ursache der von ihnen diagnostizierten Probleme ausblenden: die Geldordnung. Das ist um so erstaunlicher, als gerade unsere markt- und kapitalismuswidrige Geldordnung, in welcher im Rahmen einer Public-Private-Partnership Geld durch Kreditvergabe aus dem nichts geschöpft wird, maßgeblich den rasanten Bedeutungsaufstieg der Finanzindustrie, die Finanzi-alisierung der Wirtschaft und die zunehmende ungleiche Vermögensverteilung verursacht hat. Dass dies Ray Dalio und Jamie Dimon in all den Jahren, in denen sie davon profitiert haben, entgangen sein soll, ist wenig glaubhaft. Und noch problematischer ist, dass seit der Veröffentlichung der Beiträge von Dalio und Dimon dieser Zusammenhang kaum in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Ob gewollt oder ungewollt, Dalio und Dimon lenken mit ihren Plädoyers für mehr Umverteilung und höhere Staatsausgaben von der Notwendigkeit einer Geldsystemreform, von der Reform unserer bestehenden Geldordnung, ab.

II.

Eines der wichtigsten Regelsysteme einer Gesellschaft ist die Geldordnung. Geld soll die direkte und indirekte Kooperation von Menschen und die Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern, erleichtern. Spiegeln die Menge und der Wert des Geldes nicht die individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen wider, sondern wird die Geldmenge und sein Wert manipuliert, gerät die direkte und indirekte Kooperation von Menschen und die Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern durcheinander mit der Folge von Wachstumseinbußen und Strukturproblemen. In unserem Kreditgeldsystem wird die Geldschaffung durch die Zinspolitik der Zentralbanken geregelt. Wird der Kreditzins gegen Null gedrückt, verliert er die Funktion, die Allokation neuen Geldes sinnvoll zu steuern. Investitionsschwäche und geringes Produktivitätswachstum sind u.a. die Folgen, weshalb nur geringe Spielräume für Reallohnsteigerungen bestehen.

Geldmengenmanipulation führt auch zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen, weil sich das Preisniveau nicht für alle gleichzeitig ändert. Wer in unserem heutigen Geldsystem als erstes aus dem Nichts neu geschöpftes Geld besitzt, kann noch zu alten Preisen kaufen und sein Vermögen vergrößern, während alle anderen zu gestiegenen Preisen kaufen müssen. Den dadurch ausgelösten Umverteilungseffekt hatte im 18. Jahrhundert bereits Richard Cantillon (1680 – 1734) analysiert. Und der schottische Glücksspieler und französische Finanzminister John Law (1671 – 1729) nahm im frühen 18. Jahrhundert die heutige Zentralbankpolitik der „Quantitativen Lockerung“ vorweg. (1)

In unserer Zeit hat die unbegrenzte Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zu einer erhöhten Umverteilung geführt, zu einer Ungleichheit, die auch Thomas Piketty mit seinen ökonometrischen Daten in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ herausgearbeitet zu haben scheint. Da Piketty jedoch weder Vermögen und Kapital unterscheidet, noch den durch die ungebremste Kreditgeldschöpfung seit Anfang der 70er Jahre ausgelösten Cantillon-Effekt berücksichtigt, argumentiert er auf grandiose und viel zu gut formulierte Art und Weise auf 800 Seiten am Problem des Kapitals im 21. Jahrhundert vorbei. Denn zur Lösung der Probleme des Kapitals im 21. Jahrhundert benötigen wir keine weltweite Neuverteilung des Kapitalstocks und keine weltweite egalisierende Besteuerung und den totalen Zugriff auf den Menschen, sondern eine neue Geldordnung. (2)

Aber nicht nur Thomas Piketty, sondern auch opportunistische Kantonisten wie Ray Dalio und Jamie Dimon ignorieren und lenken durch ihre Reformvorschläge eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus erfolgreich davon ab, daß wir eine neue Geldordnung in Form einer marktwirtschaftlichen Geldordnung benötigen. Wir brauchen eine Geldordnung, in welcher Geld nicht manipuliert wird. Wir brauchen eine marktwirtschaftliche Geldordnung, in welcher Kapitalgüter durch Preise bewertet werden, welche die individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen widerspiegeln. Denn dann sind auch Wohlstand für alle und echtes Wachstum wieder möglich.


(1) Cantillon wettete gegen diese Geldschöpfungspolitik und wurde reich, nachdem Laws geldpolitisches Experiment scheiterte, siehe THOMAS MAYER: John Laws Exempel, Makroanalyse des FLOSSBACH VON STORCH RESEARCH INSTITUTE vom 8. März 2018

(2) Siehe THOMAS MAYER: Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen, München (FinanzBuch) 2014 sowie FRANK SCHÄFFLER und NORBERT F. TOFALL: „Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren. Der Übergang vom staatlichen Papiergeldmonopol zu einer marktwirtschaftlichen Geldordnung ist evolutionär mittels Wettbewerb möglich“, in: PETER ALTMIKS (Hg.): Im Schatten der Finanzkrise. Muss das staatliche Zentralbankwesen abgeschafft werden? München (Olzog) 2010, S. 135 – 155

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Kommentare ( 14 )

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Lustig ist es, wenn Übertreiber zur Mäßigung aufrufen. Egal, ob man 5 oder 10 mld.$ hat, ist man von der Meute so oder son abgeschirmt und lebt in einer Paralellwelt.

„Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren“ hatten wir bereits einmal, funktionierte auch gut und nannte sich EWS, mit Stützungskäufen der jeweiligen nationalen Notenbanken: Heute würde man sagen: „Alle wurden mitgenommen“. Doch dann war Schluß mit Theo Waigels‘ „die Mark ist hart“. Hart- und Weichwährungen in einen Topf, kräftig umgerührt und der Euro ward geboren, alle in einem Boot, dem gemeinsamen Niedergang unausweichlich ins Auge schauend. Des einen Target II – Aussenstände sind der anderen Schuldenberge, aber da der deutsche Steuerzahler und „Vize-Exportweltmeister“ sowieso für seine eigenen Produkte bürgt, – teilweise hermesgesichert, „no bail out“ war einmal -, ist er gleich zwei mal der… Mehr

Meinen Weg finden Sie im letzen Drittel hier im Link:

http://www.werler-protestwähler.de/?p=679

Das ist ja alles richtig. Aber, die allermeisten Bürger, auch Unternehmer, Manager, Politiker und Beamte, verstehen die geldtheoretische Ebene der Wirtschaft nicht mehr wirklich. Über die Vorschläge Dalio/Dimon können die Leute noch streiten, über die Gelschöpfung im Finanzsystem, und die Auswirkungen auf Vermögen und Einkommen nicht mehr. Mir scheint, dass sehr konkrete Vorschläge notwendig wären, wie man den Faktor Geld wieder einfangen könnte.

Das Problem der Marx-schen Kapitalkonzentration bei der Oberschicht besteht. Statistische Daten sprechen davon, dass nur noch die obersten 10% in großen Maße die Wohlstandsgewinne einsacken können.

Ehrlich gesagt habe ich damit KEIN Problem – höchstens die unteren 90%. Das diese Entwicklung ungesund ist und echten Sprengstoff bietet, dürfte klar sein.

Große Teile der Finanzwirtschaft profitieren erheblich von der Geldschöpfung aus dem Nichts, einem in dieser Form unlegitimierbaren Privileg, welches ihnen von den linksextremen Parteikadern zugeschanzt wurde.
Deswegen halten diese zusammen wie Pech und Schwefel, vereint darin, die fleißigen Bürger auszuplündern.

Die Ideologie alle wären angeblich gleich zerlegt sich zur Belustigung der Klugen und Fleissigen selbstmörderisch immer sofort wieder selbst wenn sie im Nachsatz immer wieder behauptet es gäbe Klassen und Klassenkampf. Es gab und gibt nie Klassen oder Kampf zwischen ihnen sondern es gibt kluge und/oder fleissige Menschen oder die, die es nicht sein wollen oder nicht können. Warum ausgerechnet diese Letzteren immer wieder von den anderen profitieren wollen sollen müssen indem sie ihnen teilweise oder vollständig deren berechtigte Pfründe des Fleisses und der Klugheit stehlen möchten erklärt sich selbst. Das ist aber nicht klug oder fleissig oder in perfekter… Mehr
Man bekommt kein realistisches Modell „unserer“ Realität ohne die Annahme von „globalen Eliten“, sie oberhalb der Regierungschefs stehen (und deren Marionette ein Trump offensichtlich nicht ist, Obama Merkel und Macron allerdings schon). Die global gleichgeschalteten Agendas, Medien, Regierungen verschiedenster Coleur deuten stark darauf hin, genau wie die irren Ziele dieser Agenda, die masochistisch und suizidal erscheinen, aus Sicht der Massen (des Westens), aber eben nicht ihrer mächtigen Eliten. Diese globalen Eliten sind unsichtbar, aber wer sollte es anderes sein als die Herrscher über das (Fiat) Geldsystem? Denn diese Herrschaft bedeutet Weltherrschaft, und eher sterben Millionen in sinnlosen Ablenkungskriegen, als das… Mehr

Ich finde es interessant, dass sich Reiche Gedanken machen und zumindest haben sie vrstanden, dass eine immer größere Geldkonzentration bei einigen wenigen und eine zunehmende Verarmung der breiten Masse ein Problem darstellt.
Letztendlich könnte die breite Masse nicht einfach nur wie die Gelbwesten protestieren sondern sich gleich holen, was sie brauchen.
Die Verteilungsfrage mag sozialistisch/kommunistisch und wie Marx klingen, sie existiert aber eben einfach.
Die Geldfrage ist dabei nur eine Teilfrage, die vielleicht eigenständig gelöst werden könnte, wenn es aber nicht gelingt eine breite Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum zu erreichen, wird uns das auch nicht retten.

Der Sozialismus, diese Wahnidee totaler Gleichheit, sollte endlich dorthin verbracht werden, wo er am besten aufgehoben ist: ins Museum der Politikgeschichte. Ein neues Jahrhundert braucht auch neue, frische Ideen, zu denen dieser lesenswerte Artikel einlädt!