Groß war das Theater um den Auftritt von Audi-Chef Döllner bei einer Trump-Veranstaltung. Empörte Mitarbeiter, empörte Gewerkschaften, völlig entgrenzte Medien – alle schrien sie Zeter und Mordio. Nun meldete VW am Donnerstag einen Milliardenverlust – willkommen auf dem Boden der Tatsachen.
picture alliance / SNS | Steven Mohr
Es hatte sich seit Monaten abgezeichnet, und dennoch schlug die Nachricht vom Verlust bei Volkswagen am Donnerstag ein wie eine Bombe: VW meldet für das dritte Quartal des laufenden Jahres einen Nettoverlust von 5,82 Milliarden Euro. Im Vorjahresquartal waren es etwa 1,07 Milliarden. Wesentlicher Grund, so der Vorstand, seien Sondereffekte von 7,8 Milliarden Euro, darunter eine milliardenschwere Abschreibung bei Porsche, das mit einem schlechten Geschäftsverlauf im laufenden Jahr rechnet.
Die Wahrheit schmerzt – und hat wenig mit den Abschreibungen zu tun: Der Absatz in China ist um 38,5 Prozent eingebrochen, der Konzernumsatz um 6,3 Prozent auf nur noch 75,28 Milliarden Euro zusammengeschrumpft. Das operative Ergebnis von VW lag nur noch bei etwa 100 Millionen Euro, während im Vorjahreszeitraum, den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres, noch 5,4 Milliarden Euro erzielt wurden. Das ist ein partieller Kollaps des Unternehmens, und keine Umsatzdelle mehr.
Der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen schmerzt, zumal noch bis gestern die Empörung über Audi-Chef Gernot Döllner in VW-Kreisen und den Medien überwog. Dieser hatte eine Wahlkampfveranstaltung von US-Präsident Donald Trump genutzt, um ein Milliardeninvestitionsprojekt seiner Firma am Standort USA bejubeln zu lassen – unpassend und unverzeihlich, ausgerechnet jetzt mit dem erklärten Gegner der EU ins politische Bett zu steigen, wo es daheim so schlecht läuft, so lautete der Tenor.
Was heißt eigentlich noch daheim? Am Standort Deutschland gehen für die Industrie die Lichter aus, man überlebt nur noch dank des Auslandsgeschäfts: Turmhohe Energiekosten, die Ernte der deutschen Energiewende, belasten die Firmenergebnisse. Auch bei den Tarifabschlüssen sorgten Gewerkschaften und Unternehmensleitungen im Zusammenspiel dafür, dass die Industrieproduktion in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig ist.
Man fragt sich: Auf welchem Planeten leben die Funktionäre um IG-Metall-Chefin Christiane Benner? Jahrelang waren sie daran beteiligt, die wirtschaftliche Unwucht zu verursachen: Löhne und Gehälter in der Automobilindustrie stiegen seit 2018 real weiter, während die Produktivität der Gesamtwirtschaft stagnierte, zuletzt sogar leicht fiel.
Die Reaktion auf der anderen Seite des Verhandlungstischs ist verständlich: Die Arbeitgeber bieten eine Gehaltsanhebung von 1,3 Prozent und eine Einmalzahlung von einem Prozent des durchschnittlichen Jahresbruttoentgelts im Juli 2027 an. Zugleich wollen sie die Sonderregeln für wirtschaftlich schwächere Betriebe ausweiten und auf betrieblicher Ebene ein neues Instrument zur Sicherung von Investitionen, Standorten und Beschäftigung implementieren. Zuständig dafür wären die jeweiligen Betriebsräte – nicht mehr der Überbau der Gewerkschaft. Was auch ein Thema ist: der hohe Krankenstand der deutschen Wirtschaft. Man hofft, gemeinsam Maßnahmen zur Senkung der Krankheitskosten zu finden. Das sind harte Fakten, die man nicht mit Wellen der Empörung, wie am Wochenende nach dem Trump-Auftritt des Audi-Chefs, aus der Welt schaffen wird.
Auf VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo wartet nun harte Arbeit. Ihre Empörung nach Döllners USA-Auftritt dürfte nun der Panik angesichts des Absturzes von VW weichen. Noch am Wochenende sprach Cavallo davon, vor Scham im Boden zu versinken. Der Vorstand habe sich zur Marionette in dieser Propagandashow machen lassen. Starke Worte für eine Frau, deren Gewerkschaft, die sie vertritt, noch immer nicht den Ernst der Lage zu erkennen scheint und die Schlachten der Vergangenheit schlägt.
Es ist die berufliche Pflicht Döllners, die von ihm repräsentierte Firma fit für die Zukunft zu machen und dort zu investieren, wo man Gewinne einfahren kann. Deutschland zählt sicherlich nicht mehr dazu. Das Land hat sich in ein Museum veralteter Industriestrukturen verwandelt. An diesem Werk waren auch die IG Metall mit ihren Gewerkschaftskollegen, die Betriebsräte, eine ideologische Politik, aber auch die Arbeitgeberseite beteiligt. Diese hatte sich nur allzu gern in das ideologische Seuchenbett der Politik gelegt, immer in der Hoffnung auf Subventionen und Beihilfen.
In Deutschland ist die Zeit für Realismus angebrochen. Politische Ideologen und willfährige Manager und Funktionäre haben den Karren vor die Wand gefahren. Jetzt rücken wieder Fragen der Produktivität, der Energiekosten und der Deregulierung, also der Umkehr der herrschenden Politik in den Fokus der Betriebe.
Firmenchefs wie Gernot Döllner stellen eine simple Kalkulation an: Welcher Standort bietet mir welche Entwicklungsperspektiven, wie hoch sind die tatsächlichen Arbeits- und Energiekosten, wie sind die Wertschöpfungsketten angelegt, und vor allen Dingen: Wie groß ist der Absatzmarkt?
Auf sämtliche Fragen weiß die EU, wissen auch die Deutschen, keine sinnvolle Antwort mehr zu geben. Man hatte sich in der Welt des Moralismus gemütlich eingerichtet und kämpft die alten Kämpfe auf der Brücke, während das Schiff bereits mit Wasser vollgelaufen ist.






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Lieber insolvent als mit Trump zu sprechen. Irrenhaus Deutschland!