KfW: Deutscher Mittelstand investiert lieber im Ausland

Das jährliche Mittelstandspanel der Kreditanstalt für Wiederaufbau fällt auch 2026 trist aus. Immer mehr Mittelständler kürzen Investitionen und suchen im Ausland nach besseren Rahmenbedingungen.

IMAGO / Jan Huebner

„Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.“ Ein Klassiker politischer Sonntagsreden. In der Regel folgt auf diese abgestaubteste aller politischen Floskeln eine rasche Aufzählung flüchtig zusammengeraffter Fakten: Fast die Hälfte aller Beschäftigten arbeitet in kleinen und mittleren Unternehmen. Große Teile der Wertschöpfung entstehen im Mittelstand. Die Betriebe sind die wichtigsten Steuerzahler für die Kommunen und finanzieren die Sozialversicherung.

Keine Frage, ohne den Mittelstand wäre Deutschland nichts.

Mittelständler begegnen der inflationären Wohlfühlprosa der Politik mit geballter Faust in der Tasche. Die Bundesbank hat berechnet, dass etwa 7 Prozent des Umsatzes deutscher Unternehmen durch Bürokratie verloren gehen. Ein Wahnsinn – und ein Verdikt des Versagens. Doch die Mittelstandsprosa und das ewige Bekenntnis zum Bürokratieabbau sind Teil der Politiker-Erzählung. Auch der Kanzler versprach vor seiner Wahl einen Abbau der Bürokratie und eine Entlastung der Betriebe um 25 Prozent. Nun wissen wir aus leidvoller Erfahrung mit diesem Kanzler, was von dieser Aussage zu halten ist: Bürokratie wächst ungebremst weiter. Brüssel und Berlin überschütten die Betriebe regelrecht mit neuen Regeln und Verwaltungskommandos.

Wie wichtig Bürokratieabbau und Entlastung wären, zeigt auch in diesem Jahr wieder das Mittelstandspanel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Einmal im Jahr halten die Fördermittelbanker ihr Stethoskop an die Brust des deutschen Mittelstands und legen frei, welche Schäden Staatswirtschaft, Bürokratismus und Klimaregulierung inzwischen angerichtet haben.

„Investitionsgipfel“
Investieren Sie doch nicht in Deutschland
Das am Donnerstag veröffentlichte Mittelstandspanel bezieht sich auf 2025, ist dennoch brandaktuell. Oberflächlich scheint weiterhin alles ruhig, finanziell schien die Lage der Betriebe stabil. Mit einer Eigenkapitalquote von 30,7 Prozent und durchschnittlichen Gewinnmargen von 7,5 Prozent erreichte der Mittelstand wieder Vor-Lockdown-Niveau. Es scheint, als bewege sich der Mittelstand in ruhigem Fahrwasser, doch gerade deshalb sollte man auf der Hut sein.

Gerade einmal 40 Prozent der 3,9 Millionen Mittelständler im Land haben im vergangenen Jahr tatsächlich in ihren Kapitalstock investiert. Die Neuinvestitionen sanken nominal auf 218 Milliarden Euro – ein reales Minus von 3,7 Prozent. Es war das dritte negative Jahr in Folge. Ganz offensichtlich glauben die Firmenleitungen nicht an bessere Geschäfte in der Zukunft am Heimatstandort.

Die KfW rechnet vor: Zwischen 2019 und 2025 reduzierten sich die Unternehmensinvestitionen im Mittelstand preis- und kalenderbereinigt um 8,3 Prozent – ein Wert, der sich in der Gesamtwirtschaft spiegelt: Die Privatwirtschaft fährt mit einer negativen Nettoinvestitionsquote von minus 0,75 Prozent inzwischen auf Verschleiß. Die Folge: Die Investitionsquote fiel im Median auf nur noch 5,4 Prozent des Umsatzes. Der langjährige Durchschnittswert liegt bei 6,5 Prozent – hohe Energie-, Material- und Lohnkosten sowie Deutschlands Bürokratismus lasten auf den Betrieben wie Blei.

Tatsächlich klaffen Politikerprosa und wirtschaftliche Realität Jahr für Jahr weiter auseinander. Berlin feiert seine grüne Ökonomie und pumpt Milliarden in die Subventionskanäle, während selbst große Mittelständler wie der Hemdenhersteller Eterna, die Porzellanmanufaktur Kahla oder die Maschinenfabrik Vollmer im Meer der Insolvenzen versinken. Bis zu 30.000 Betriebe könnten in diesem Jahr aus dem Markt gespült werden.

Das ist keine gewöhnliche Marktbereinigung einer funktionierenden Marktwirtschaft. Ganz im Gegenteil: Die steigenden Zinsen legen die Sünden der Vergangenheit offen. Zombifizierte Unternehmen haben es jetzt mit höheren Kapitalkosten zu tun und kommen ins Schlingern. Dazu kommen die altbekannten Standortprobleme Deutschlands und die fehlende Bereitschaft der Politik, sich von der eigenen Staatswirtschaft und der hochsubventionierten Klientelindustrie zu trennen, zu einer normalen Energiepolitik zurückzukehren und mit dem Bürokratieabbau zu beginnen.

Enteignungen
Berlin vertreibt das Geld aus Deutschland
Die Uhr tickt für Berlin, denn die Kapitalflucht vom schwierigen Standort Europas ist real – auch im Mittelstand. Der KfW-Internationalisierungsbericht zeigt, dass die Betriebe ihr Auslandsgeschäft neu ordnen: Der Konkurrenzdruck aus China und den USA ist einfach zu groß, um die Energiekostenmisere und die Überbürokratisierung apathisch hinzunehmen.

Mittelstand bedeutet Arbeit, bedeutet Leistung – eine Fabel aus dem wahren Leben, unwirklich und fern für das Funktionärsgemüt.

In den vergangenen fünf Jahren haben 4 Prozent der auslandsaktiven Mittelständler Tätigkeiten aus Deutschland herausverlagert; in den kommenden fünf Jahren planen das bereits 12 Prozent. Im Verarbeitenden Gewerbe, also dort, wo die Wertschöpfung besonders ausgeprägt ist, sind es bereits schockierende 29 Prozent.

Die Industrie geht, die Staatswirtschaft bleibt, möchte man schließen. Und genau darauf laufen die enormen Staatsschulden hinaus, die Bundeskanzler Merz dem Land auf die Schultern lädt. Kapital zieht es dorthin, wo es besser behandelt wird als in Deutschland in diesen Tagen, wo selbst in der Hauptstadt offen Enteignungsfantasien in Realpolitik umgesetzt werden.

Die Lage in Deutschland ist inzwischen so fatal, dass selbst die Schuldenpumpe des Kanzlers keinen statistischen Wachstumseffekt mehr erzeugt. Allein im ersten Halbjahr hat der Bund etwa 100 Milliarden Euro neue Schulden aufgehäuft. Das Ergebnis: Im dritten Quartal, dies meldete die Bundesbank am Donnerstag, stand unterm Strich eine Null – quod erat demonstrandum.

Das erschreckende Ergebnis der staatswirtschaftlichen Verrenkungen zeigt, dass sich die Schäden, die die Politik der echten Ökonomie zugefügt hat, kumulieren, sodass selbst die Konjunkturprogramme von Militärsektor und grüner Transformationsökonomie nicht mehr überdecken können, was an tatsächlicher Wertschöpfung verschwindet. Das Ausmaß der ökonomischen Zerstörung der zurückliegenden Jahre tritt erst jetzt an die Oberfläche.

Was noch wächst, ist der Staat. Und der wächst nur noch auf Kredit und durch steigende Abgaben.

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 4 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

4 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Endlich Frei
4 Minuten her

Der Mittelstand tut gut daran, sein Kapital außerhalb Deutschlands zu investieren, z. B. in Ungarn: Geordnete politische und gesellschaftliche Verhältnisse, dank EU-Geldern Top-Infrastruktur:, keine Enteignungsgefahr, viel günstigere Energiekosten, wenig Bürokratismus, wirtschaftsliberale Politik, kein grüner Terror, gewaltige Lohnnebenkosten zum Betrieb eines Weltsozialamtes entfallen, Sicherheit und eine Bevölkerung, für die sich das Arbeiten noch lohnt. .

Hueckfried69
9 Minuten her

„Is wurscht! Augen zu und durch“ sagt sich unsere Elite und rettet weiterhin das Universum, Remmos Anfeuerungsrufe mit auf den Weg nehmend. Der Proll zahlt’s ja…

Konradin
23 Minuten her

Um so besser, dass die KfW nach Auskunft ihres Vortänzers Wintels vor gut einem Jahr und ebenfalls für das Jahr 2025 mit Bezug auf das Investitionsinteresse ausländischer Investoren in Deutschland einen „noch nie erlebten rasanten Stimmungswechsel“ für Standort Deutschland erkannt hatte und dass in dem Zusammenhang das Interesse internationaler Investoren an Deutschland nach Aussage eben dieses Wintels deutlich zulege.
Fraglich bleibt bis heute, ob die KfW tatsächlich Investitionsinteresse meinte oder nicht eher Desinvestitionsinteresse.

Punti
1 Stunde her

Ach was, die haben immer alle fröhlich in die Kamera gelächelt, wenn energiegewendet oder der ‚Fachkräftemangel‘ massenmigratorisch behoben wurde. Hauptsache, es gab genug Subventionen. Nachdem die nun schmaler ausfallen, beginnt das Heulen und Zähneklappern.