US-Banken im Aufwind, deutsche Konjunktur stottert

Es geht los — soeben hat mit JP Morgan Chase die erste US-Großbank ihre Ergebnisse für das dritte Quartal vorgelegt. Vordergründig war die Bilanz glänzend: JP Morgan übertraf den Vorjahresgewinn um fast ein Viertel, allerdings aufgrund eines Einmaleffekts.

IMAGO / Marcel Lorenz

Wegen inzwischen gelockerter Vorgaben durfte das Institut, wie andere auch, krisenbedingte Rückstellungen für Kreditausfälle auflösen. Beim Geschäftsvolumen blieb die größte US-Bank leicht hinter den Erwartungen zurück, die Aktie fiel. Amerikas führende Investmentbank Goldman Sachs profitierte dagegen vom Fusionsfieber. Auf dem Rücken starker weltweiter Geschäfte mit Firmen-Übernahmen und Zusammenschlüssen erzielte das US-Institut im dritten Quartal binnen Jahresfrist einen Gewinnsprung um 63 Prozent auf 5,28 Milliarden Dollar. An der US-Börse kamen die Zahlen gut an: Die Goldman-Aktie legte an der Wall Street um rund 3,5 Prozent zu. Anleger griffen in diesem positiven Umfeld auch bei anderen Bankaktien zu. So stiegen die Anteilscheine von Morgan Stanley, Citigroup, Bank of America und Wells Fargo um gut ein bis fast sieben Prozent.

Gut möglich, dass der durchwachsene Auftakt der US-Bilanzsaison seine Fortsetzung findet. Analysten beobachten scharf, inwiefern die Preissteigerungen bei vielen Rohstoffen die Ergebnisse belasten. Zwar wurden die Erwartungen schon zurückgeschraubt. Im Schnitt aber gehen Analysten für die Unternehmen des US-Index S & P 500 für das Quartal von fast 25 Prozent Gewinnzuwachs aus. Anzunehmen ist dabei, dass die Schätzungen deutlich übertroffen werden müssten, um weitere Kursgewinne zu befeuern, denn immerhin notiert der S & P 500 seit Jahresanfang rund 16 Prozent im Plus.

Erfreuliche Konjunkturnachrichten haben den Dow Jones Industrial jedenfalls am Freitag weiter angetrieben. Der US-Leitindex stieg um 1,1 Prozent auf 35.295 Punkte, nachdem er bereits am Donnerstag deutlich angezogen hatte. Damit rückt das Mitte August erreichte Rekordhoch bei gut 35.631 Punkten wieder ein Stück näher. Auf Wochensicht ergibt sich ein Plus von 1,6 Prozent. Der S&P 500 gewann am Freitag 0,8 Prozent auf 4.471 Punkte. Für den technologielastigen NASDAQ 100 ging es um 0,6 Prozent auf 15.147 Punkte nach oben.

Die Daten zur Umsatzentwicklung im US-Einzelhandel waren am Freitag unerwartet stark ausgefallen, was die Risikofreude der Anleger anheizte. Im September hatte der Einzelhandel mit einem Umsatzplus überrascht. Bereits am Donnerstag war bekannt geworden, dass die Zahl der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe erstmals in der Corona-Krise unter 300.000 gesunken ist. Damit verfestigten sich die Hoffnungen auf eine Erholung des Wirtschaftswachstums.

Die Anteilseigner von Virgin Galactic mussten derweil einen weiteren Rückschlag hinnehmen. Der von dem Raumfahrtunternehmen für das dritte Quartal nächsten Jahres geplante Start der touristischen Flüge zur Weltraumgrenze wird nun auf das Schlussquartal 2022 verschoben. Grund dafür sei eine Verzögerung bei der geplanten Verbesserung des Raumflugzeuges. Die Papiere knickten um fast 17 Prozent ein.

Im Gegensatz zu den USA verliert das Wirtschaftswachstum in Deutschland an Tempo. Der Internationale Währungsfonds stutzte jedenfalls die Prognose für die Weltwirtschaft und Deutschland herunter. Grund: „Insgesamt haben sich die Risiken für die wirtschaftlichen Perspektiven erhöht“, sagte Chefvolkswirtin Gita Gopinath. Als Beispiele nannte sie Lieferkettenprobleme und die anziehende Inflation. Mit einem Plus von 3,1 Prozent für Deutschland in diesem Jahr liegt die IWF-Schätzung aber immer noch deutlich höher als die Prognose von Deutschlands Top-Wirtschaftsinstituten. Diese kürzten die Wachstumsaussichten für 2021 für Europas größte Volkswirtschaft ebenfalls wegen globaler Materialengpässe von 3,7 Prozent auf 2,4 Prozent. Für 2022 wurde die Prognose dagegen von 3,9 auf 4,8 Prozent angehoben, was mit Nachholeffekten im kommenden Jahr begründet wird.

Die Aussicht auf steigende Firmengewinne hielt die Anleger am Freitag allerdings erst einmal bei Laune. Dax und EuroStoxx50 notierten am Freitagnachmittag je ein halbes Prozent höher bei 15.533 und 4.167 Zählern. Damit steuerten die europäischen Börsen auf ihre beste Woche seit sieben Monaten zu. In Deutschland sehen Top-Ökonomen in dem Sondierungspapier von SPD, Grünen und FDP gute Ansätze für Wirtschaftsreformen in Europas größter Volkswirtschaft. Demnach wollen die Parteien wohl auf Steuererhöhungen verzichten. „Die Steuerpolitik gehört zu den Risiken, die die Renditen in den kommenden Jahren schmälern könnten“, sagte Investment Manager Jacob Vijverberg vom Vermögensverwalter Aegon Asset Management. „Denn die Regierungen müssen die Verbindlichkeiten aus den Schulden der Covid-19-Krise finanzieren.“

Vor 20 Jahren sprach der damalige Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill in einer Studie („Building Better Global Economic Brics“) erstmals von den sogenannten BRIC-Staaten und prognostizierte den vier Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien und China eine glänzende Zukunft. Im Jahr 2003 verfasste O’Neill eine weitere BRIC-Studie („Dreaming with BRICs: The Path to 2050“), die für noch mehr Furore sorgte und anschließend zur Auflegung von einer ganzen Reihe sogenannten BRIC-Fonds führte. Und das Ergebnis dieses von vielen als reinen Marketing-Trick verrufenen Fondstrends kann sich sehen lassen. So hat der HSBC GIF BRIC Markets Equity (ISIN: LU 025 498 194 6) in den vergangenen zehn Jahren 120 Prozent Gewinn eingefahren. Damit hat das von Fondsmanagerin Stephanie Wu gemanagte Portfolio nicht nur die meisten BRIC-Konkurrenten hinter sich gelassen, sondern auch den MSCI Emerging Markets Index. Dieser, der auch bei vielen ETF-Anlegern beliebt ist, warf seit Oktober 2011 nur rund 60 Prozent ab. Das Erfolgsgeheimnis von Managerin Wu: Sie gewichtet die vier BRIC-Länder meist gleich, wählt die Einzelwerte innerhalb der vier Länder aber sorgsam aus. Dabei orientiert sie sich etwa an Megatrends wie der Digitalisierung, dem Impact-Investing oder dem Klimawandel. Zudem investiert sie derzeit taktisch in Bankaktien, die von einem Anspringen der Konjunktur und höheren -Zinsen profitieren könnten. Zudem berücksichtigt Wu bei der Aktienauswahl nachhaltige Kriterien.

Aktienrückkäufe sind in den USA so populär wie nie. In den ersten neun Monaten wurden 870 Milliarden US-Dollar in eigene Aktien investiert, wie Datenanalysen von Goldman Sachs zeigen. Das ist dreimal mehr als im Vorjahr zum selben Zeitpunkt und 50 Milliarden US-Dollar mehr als in den ersten drei Quartalen des letzten Rekordjahres 2018. Hauptgründe für den Boom sind einerseits die vollen Kassen der Konzerne andererseits der Optimismus der Unternehmen, dass die Kurse weiter steigen. Mehr als die Hälfte der aufgewendeten Mittel für Aktienrückkäufe stammt allerdings von gerade einmal 20 Unternehmen, wobei die Tech-Giganten Facebook, Alphabet und Apple beim Thema Kurspflege führend sind.


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Kommentare ( 3 )

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AndyX
1 Monat her

Der BRIC-Fonds der HSBC hat seit seiner Auflegung ein Plus von rund 150 % (in Euro) erzielt.
Im gleichen Zeitraum hat der MSCI World etwa 255 % Gewinn gemacht.
Im Ergebnis keine besonders beachtliche Leistung der Managerin, die Performance liegt auf dem Niveau des Vergleichsindex für die BRIC-Staaten.

Winston S.
1 Monat her

Ich möchte einfach mal ein Lob aussprechen. Die Artikel im Bereich Wirtschaft werden immer besser. Auch die zunehmende Aktualisierung der Meldungen spielt dabei eine große Rolle. Bitte weiter so.
Einer Zeitung ohne guten Wirtschaftsteil fehlt etwas.

hassoxyz
1 Monat her
Antworten an  Winston S.

Da sehe ich anders. Die Artikel von Börse-Online scheinen mir allzu euphorisch und nicht sehr realitätsnah zu sein, zumal das Thema Schulden, insbesondere die gallopierenden US-Schulden, so gut wie keine Rolle spielt. Der US-Schuldenstand lag am Ende der Ära Clinton (Ende 2000) bei etwas über 60%, heute ist er fast doppelt so hoch. Ständiges Gelddrucken und Schuldenmachen sind keine Merkmale einer gesunden Volkswirtschaft.