Neue Zinssenkungsphantasien beflügeln die Märkte

In einer Welt, in der der Staat immer öfter eingreift, werden die Rahmenbedingungen unberechenbar. Unternehmen und Private beginnen, weniger zu investieren und zu konsumieren.

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Die Politik dominiert das Marktgeschehen. Auf Trumps Zolldrohung gegen Mexiko und den Rücksetzer an der Wall Street folgte ein Einbruch der großen US-Techs, weil das US-Justizministerium Alphabet und Co unter die Lupe nehmen will. Das löste Zerschlagungsängste aus. Dass die US-Investmentbank Goldman Sachs neuerdings die Wahrscheinlichkeit der Einführung von US-Zöllen auf Autoimporte aus der EU auf 40 statt 20 Prozent beziffert, trägt auch nicht zur Beruhigung bei. In einer Welt, in der der Staat immer öfter eingreift, werden die Rahmenbedingungen unberechenbar. Unternehmen und Private beginnen, weniger zu investieren und zu konsumieren.

Nach überraschend schwachen Daten vom US-Arbeitsmarkt setzen Investoren an der Wall Street am Freitag dagegen wieder einmal auf die US-Notenbank als Retter in der Not. Die Erwartung, dass die Fed nun die Zinsen senkt, trieb die Kurse wie schon in den vergangenen Tagen nach oben. Der Dow Jones Industrial rückte um ein Prozent auf 25.984 Punkte vor. Per Saldo ging es In dieser Woche mit dem Leitindex um 4,7 Prozent aufwärts.

Die Zunahme der neu geschaffenen Stellen im Mai war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Darüber hinaus wurde der Stellenaufbau in den Monaten April und März nach unten korrigiert. „Der Arbeitsmarkt schließt sich damit endgültig dem Abwärtstrend der harten Daten und Frühindikatoren an“, sagte Volkswirtin Charlotte Heck-Parsch von der BayernLB. Dies dürfte der Unsicherheit durch den eskalierenden Handelskrieg geschuldet sein. Die Daten gäben der Fed zusätzlichen Nährboden für Zinssenkungen.

Der marktbreite S&P 500 kletterte um gut ein Prozent nach oben auf 2.873 Punkte. Der technologielastige Auswahlindex NASDAQ 100 stieg noch stärker um knapp zwei Prozent auf 7.4172 Zähler. Auch Volkswirt Matthias Krieger von der Landesbank Baden-Württemberg führte die schwachen Arbeitsmarktdaten auf die Handelskonflikte der USA mit dem Rest der Welt zurück und warnte: „Trump spielt mit dem Feuer“. Der US-Präsident versuche nicht nur den Rivalen China in die Schranken zu weisen, sondern auch den für die US-Industrie so wichtigen Nachbarn Mexiko. Das wecke die Sorge, „wozu dieser Präsident noch fähig ist“.

Für Aufsehen sorgte bei den Schwergewichten die Microsoft-Aktie. Sie stieg auf ein Rekordhoch von 132,25 US-Dollar. Aus dem Handel gingen die Papiere des Software-Entwicklers 2,8 Prozent höher bei 131,40 Dollar. Der Börsenwert beläuft sich auf mehr als eine Billion Dollar. Beobachter verwiesen vor allem auf das große Wachstumspotenzial mit Cloud-Angeboten.

Spekulationen, denen zufolge die AT&T-Tochter DirecTV und Dish Network ihre Aktivitäten im Satelliten-TV bündeln könnten, trieben die Kurse hoch: Aktien von Dish Network gewannen 2,5 Prozent und die von AT&T 1,2 Prozent.

Daneben stachen die Papiere der für ihre veganen Burger bekannten Lebensmittelfirma Beyond Meat mit einem Kurssprung von fast 40 Prozent hervor. Sie erfreute die Anleger mit dem ersten Geschäftsbericht nach einem furiosen Börsengang vor einem Monat. Im ersten Quartal war der Umsatz im Jahresvergleich um 215 Prozent gestiegen.

Der Hotel- und Kasinobetreiber Caesars Entertainment befindet sich in fortgeschrittenen Gesprächen über eine Fusion mit dem Rivalen Eldorado Resorts, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf eine mit der Sache vertraute Person. Caesars-Aktien legten um 3,6 Prozent und Papiere von Eldorado Resorts um 4,5 Prozent zu.

Die Aktien des Buchhändlers Barnes & Noble sprangen um rund elf Prozent hoch. Der Grund ist die Übernahme durch den Hedgefonds Elliott Management für 476 Millionen Dollar in bar.

Im April sind Produktion und Exporte in Deutschland so stark eingebrochen wie seit August 2015 nicht mehr, die Bundesbank hat ihre Wachstumsschätzung für 2019 stark heruntergeschraubt. Die Fed soll jetzt per Zinssenkung den US-Aufschwung retten, das stützt die Wall Street. Auch deshalb zeigt der DAX Robustheit. Der Leitindex touchierte die Unterstützung bei 11.600 Punkten, um sich dann wieder markant nach oben abzusetzen. Die 200-Tage-Linie wurde bei diesem Manöver berührt, jedoch nicht deutlich unterschritten — der technische Indikator bleibt auf Grün.

Derweil eskaliert der Machtkampf zwischen Rom und Brüssel. Die EU-Kommission will wegen der hohen Staatsverschuldung Italiens ein Strafverfahren einleiten, das Milliarden kosten könnte. Das Land steht mit 2,3 Billionen Euro in der Kreide und weist eine Schuldenquote von 132 Prozent aus. In der Eurozone hat nur Griechenland mehr Verbindlichkeiten im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Erlaubt ist eine Quote von 60 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass die populistische Regierung in Rom an teuren Wahlversprechen wie der Einführung eines Grundeinkommens und der Absenkung des Renteneintrittsalters festhalten will. Sollte das Verfahren umgesetzt werden, drohen der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone Strafzahlungen von rund drei Milliarden Euro. Richtig teuer würde es aber erst, wenn sich Anleger aus italienischen Anleihen verabschieden würden und Rom mehr für seine Schulden bezahlen müsste.

„Sell in May“ ist eines der bekanntesten Timing-Mantras, dem viele Investoren folgen. Dabei wäre „Sell in June“ eigentlich ein viel passenderer Spruch, zumindest wenn man sich die Wertentwicklung europäischer Aktien in diesem Monat in den vergangenen zehn Jahren ansieht. „Der Juni ist historisch betrachtet schon immer der schlechteste Monat im Jahr für die europäischen Aktienmärkte“, erklärt Michael Browne, Fondsmanager des Legg Mason Martin Currie European Absolute Alpha Fund. Denn in acht von zehn Fällen sind in der vergangenen Dekade die Aktienkurse in den 30 Juni-Tagen unterm Strich nach unten gerutscht. Und die durchschnittliche Wertentwicklung in der vergangenen Dekade im Juni liegt bei wenig berauschenden minus zwei Prozent. Keine Tragödie, aber weit weg von den durchschnittlich vier Prozent Plus, die etwa der Juli Anlegern in der Vergangenheit beschert hat.

„Importzölle gegen illegale Einwanderung“, so lautet die neue Mexiko-Politik von US-Präsident Donald Trump, dessen Pläne zur Errichtung einer Grenzmauer von einem US-Richter gestoppt wurden. Mit Mexiko hat sich Trump einen leicht erpressbares, da sehr abhängiges Opfer ausgesucht. Dies legt eine Untersuchung von Marcel Müller nahe, dem Leiter Portfoliomanagement bei HQ Trust. Er hat analysiert, welche Länder weltweit grundsätzlich von Handelskonflikten besonders betroffen wären, da sie nur in wenige Staaten Waren exportieren. Müllers Erkenntnisse: „Am besten diversifiziert sind die Exporte der Ukraine und von Ägypten“, erklärt Müller. „Die Eurozone liegt mit Ländern wie Spanien, Frankreich und Deutschland im Mittelfeld.“ Und weiter: „Besonders schlecht diversifiziert bei ihren Exporten sind Kanada, Mexiko und Hongkong. Der Hauptabsatzmarkt von Kanada und Mexiko sind die USA, bei Hongkong ist es China.“ Die Rating-Agenturen Fitch und Moody’s sehen ebenfalls schwere Zeiten für Mexiko kommen und haben vergangene Woche ihre Bonitätseinschätzung — auch wegen der hohen Verschuldung des Energiegiganten Pelmex — für das mittelamerikanische Land heruntergesetzt.


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Man solte immer aufmerken, wenn die finanzpolitische und die weltwirtschaftliche Situation nicht mit der Stimmung an den Börsen übereinstimmt und diese trotz schwieriger Lage dennoch stark steigen. In der Regel ist das der Zeitraum, an dem die Big Boys zu hohen Kursen an die Privaten abladen, um später wieder günstiger einzusteigen. Das wußte schon der alte Kostolany und hat dieses immerwiederkehrende Szenario treffend beschrieben.

Stay in Tune, buy in June
and then in July,
Baby, bye-bye
(short-term Food, Water’n Crops „Farmers’Rule“)