»Zuflucht am Bosporus« – Ein Gespräch mit Fritz Neumark

In den 1930er Jahren flohen unter anderem viele Wissenschaftler aus Nazi-Deutschland in die Türkei, darunter der inzwischen verstorbene Finanzwissenschaftler Fritz Neumark. Er schrieb seine Erinnerungen im 1980 erschienenen Buch »Zuflucht am Bosporus« auf. TE veröffentlicht ein Gespräch mit ihm aus dem Jahr 1986.

 

Es waren nicht nur Wissenschaftler, Ärzte und Lehrer, die in den 1930er Jahren in die Türkei emigriert sind, sondern auch eine Reihe von Politikern, die Zuflucht am Bosporus fanden. Auch Ernst Reuter, der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin und Vater von Edzard Reuter, dem noch späteren Daimler Benz Boss, war in die Türkei geflüchtet.

Dorthin emigrierten auch Künstler und Musiker wie der ehemalige Intendant der Städtischen Oper Berlin, Karl Ebert. Er hatte von 1931 bis 1933 die Oper geleitet, wirkte in der Emigration entscheidend am Aufbau einer modernen Oper in der Türkei mit. Dabei war auch Ernst Klebert, Generalmusikdirektor der Weimarer Staatsoper, der mit seiner jüdischen Frau nach Ankara ging. Sie trafen auf Hindemith, der schon in der Türkei war. Sie gründeten ein Sinfonieorchester, das dann unter der Leitung Kleberts spielte. So verdienten sie Geld und blieben dem Land in Dankbarkeit verbunden.

Zunächst glaubten sie noch, es handele sich nur um einen Spuk, der schlimmstenfalls zwei oder drei Jahre dauern würde. In dieser Fehleinschätzung fühlten sie sich bestärkt, erzählt Professor Fritz Neumark, als es 1934 zum Röhm-Putsch kam. Erst allmählich begannen sie, die Lage realistischer einzuschätzen, und bei den meisten setzte sich die Überzeugung durch, dass das 1000-jährige Reich, wenn auch nicht gerade 1000, so aber durchaus zehn oder mehr Jahre Bestand haben könnte.

Die türkische Republik, deren Boden sie ab Mitte Oktober 1933 betraten, war gerade ein Jahrzehnt alt. Mustafa Kemal Atatürk nahm sie gern auf. Er wollte eine Türkei nach westlichem Vorbild. Er sah, dass der wieder einmal kranke Mann am Bosporus unter einer Krankheit litt, am Islam. Diese Krankheit verhinderte die Umwandlung in eine moderne Republik und den wirtschaftlichen Aufstieg.

Er wollte »die Sünden der Vergangenheit – die weitgehend aus Vernachlässigungen bestanden«, wie Neumark schreibt, korrigieren und »durch die Abschaffung des Kalifats, sowie die verfassungsmäßige Verankerung des laizistischen Prinzips, das heißt der Trennung von islamischer Religion und Staat, sich vorurteilsfreier, unabhängiger Forschung verschreiben«.

»In der Tat erwies sich Atatürk auf allen Gebieten als ein fortschrittlich-rational denkender Geist – ausgenommen nur die Konstante einer glühenden, emotional begründeten Vaterlands- und Unabhängigkeitsliebe -, und er war sich durchaus bewußt, daß nicht zuletzt Wirtschaft und Recht grundlegend reformiert werden mußten, wenn er seine sonstigen fortschrittlichen Ziele verwirklichen wollte.«

Neumark beschreibt ihn als weitsichtigen Diplomaten, der zwar gelegentlich ein gewagtes Spiel riskiert beispielsweise gegen Frankreich, aber niemals die eigenen Kräfte überstieg. Er war viel mehr bereit, im Interesse eines dauerhaften Friedens, der ihm den Wiederaufbau seines Landes ermöglichen sollte, auf momentane politische oder militärische Erfolge zu verzichten. Die Türkei nahm in jener Zeit auch deutsche Juden auf, die vor der Deportation in Vernichtungslager geflüchtet sind.

Die Türkei darf man allerdings nicht als Asylland für Verfolgte des Dritten Reiches bezeichnen. Die türkischen Behörden wählten sorgfältig aus, wen sie ins Land ließen. Sie wollten »Könner« haben, Spitzenkräfte aus Deutschland, die dem Land Nutzen bringen sollten.

Neumark wirkte bei der Neugestaltung des türkischen Finanzsystems mit. Das Steuersystem enthielt seinerzeit noch den sogenannten Zehnten sowie eine Viehsteuer, war völlig veraltet und weder ausreichend ergiebig im physikalischen Sinne noch im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit. Das Bakschisch-geben und -nehmen wurde gewissermaßen als normal angesehen. Die deutschen Emigranten übten einen breiten und tiefen Einfluss auf die einheimischen Ärzte, Anwälte, Chemiker, Physiker, und nicht zuletzt auch auf Beamtengruppen aus. So wurde ein Staatswesen mit vielen deutschen Elementen aufgebaut.

Fritz Neumark starb am 9. März 1991 in Baden-Baden. Ich habe 1986 ein sehr langes ausführliches Gespräch mit ihm geführt. Erinnerungen an eine Zeit mit deutlich anderen Beziehungen zur Türkei, die damals auch ein anderer Staat war, und für mich ein außergewöhnliches Zeitdokument, das Sie sich hier anhören können.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 3 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

3 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Solbakken
15 Tage her

DANKE, soeben gehört. So einen freien Geist wünsche ich jedem jungen Menschen als Lehrer bzw. Hochschullehrer. Was ist nur aus der Türkei mit der Re-lslamisierung geworden! Heute säße Kemal Pascha Atatürk wohl im Gefängnis. Und in Deutschland sieht es mit der Cancel-Kultur auch nicht gut aus. Schade, daß das Interview nicht länger war, die Zeit beim Hören verging wie im Fluge.
Nochmals herzlichen Dank !

Holger Douglas
14 Tage her
Antworten an  Solbakken

Sehr gern geschehen, das freut mich sehr. Solche Leute fehlen heute…. mit herzlichen Grüßen Holger Douglas

sunnyliese
15 Tage her

Von eingen Unternehmern habe ich mir sagen lassen, dass sie ihren Firmensitz in die Türkei verlegt haben, einfach außerhalb der EU und ihrer überdimensionierten Bürokratie. Die türkische Verwaltung sei wesentlich besser digitalisiert und extrem unterstützend bei der Unternehmensgründung gewesen, etwas, was sie in Deutschland komplett vermisst hätten. In Deutschland wäre man im Vergleich sogar schon tendenziell behindernd aufgetreten, anders könne man das schon gar nicht mehr benennen.