Schöner hohler Schein … ArbeitsTodesZone 50Plus

JobScout, Jobagent, Jobwinner, Topjob, Monster… und wie sie alle heißen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, die online VermittlerBörsen treiben es bunt. Ihre anglisierten Namen erinnern an Abenteuer und gute Taten des einen für alle (Scout) im Dienste Ihrer Majestät (Agent) auf der Suche  nach ultimativer Eroberung (Top) oder an die unheimliche Begegnung der dritten Art (Monster). In ihren satt gefütterten Bäuchen tummeln sich unzählige Agenturen, beauftragt, für unterschiedliches BranchenKlientel des Erwerbslebens ‚human capital‘ zu akquirieren, rekrutieren.




Heutzutage sprechen wir nicht von Personal- oder Stellenvermittlung, Personalabteilung oder Arbeitsagentur, nein, der Terminus Technicus lautet „neudeutsch“ kurz HR – Human Resources. Beruf, Arbeit und Anstellung sind zum Job mutiert. Also stürze sich der  Suchende in den Pool des prallen OffertenLebens. Hohe und höchste AnforderungsProfile werden formuliert, Qualifikationen sind Orden und Ehrenzeichen, vorhandene Erfahrungen, national wie international, trumpfen. Makellos adretter Auftritt, erstklassiges Benehmen und das stets freundlich gewinnende Lächeln des unkomplizierten TeamPlayers und Allrounders sind ‚Musts‘, welche unabdingbar dazugehören, um überhaupt an eine Chance denken zu dürfen.

Kein Einwand, Euer Ehren! Doch ich vergass das Wichtigste: „Sag, wie hältst Du’s mit dem Alter?“ Ewige Jugend, verweile doch, Du bist so schön: 25 – 30, zwischen 30 und 40, bis maximal 45 … Mhm … Und die danach?? Tja, da wird die Luft zunehmend dünn und dünner. Das Durchatmen fällt schwer. Fünfzig überschritten oder gar eine knackig frische sechzig kringelt sich – jetzt wird’s echt knapp! Vermintes Gelände – ExistenzGefahr.

Recruiter-Automaten sortieren aus

Recruiter – die, die in den Human Resources Agenturen für Nachschub sorgen – selbstverständlich Vertreter eben dieser jungen Generation, wie Klone aus der Retorte, Einheitsmodelle bar individueller Extras. Bei der Evaluierung von Zuschriften halten sie sich sklavisch an die Vorgaben, die sie ihrer Mandantschaft selbst vorgeschlagen haben: Wer verbucht die meisten Häkchen auf dieser Checkliste des zahlenden Kunden? Ein vorprogrammierter Computer erledigte Gleiches zuverlässiger – oder tut er es bereits? Bewerber kann dies, das formal nachweisen, belegt durch amtliche QualifikationsUrkunden XYZ, beherrscht Sprachen, war im Ausland etc. etc. – alles nur auf digitalen Dateien. Die für den Mandanten zu treffende Entscheidung fällt durch Vorauswahl strikt unpersönlich. Welcher ausreichend junge Kandidat erreicht 99 Punkte auf der nach oben offenen Richterskala, trifft die ausgewiesenen ProfilStandards am besten. Vermittlung  geglückt, andere Assets zählen nicht. Und klappt‘s mit dem neuen Arbeitgeber später doch nicht, dreht sich das Karussell nach kurzer Zeit aufs Neue.

Wunderbar, die Agentur erhält den nächsten Auftrag, abermals klingelt Bares. Das Rad rollt, die an der Kurbel kreisen mit, ohne die Runde zu verlassen. Die meisten Recruiter sprechen, geschweige denn sehen den Bewerber aus Fleisch und Blut nie. Wo bleiben die Abweichler von der Norm, die reiferen Jahrgänge, geprägt durch viel Sachwissen,  Lebenserfahrung, Menschenkenntnis? Sehr routinierte Mitspieler, die Regeln souverän beherrschen, Ruhe in hektisches Treiben bringen könnten? Sie, die nicht mehr KarriereFortune hinterher eifern, zur Jagd nach dem Glück blasen, in AufstiegsKonkurrenz um jeden Preis stehen. Sie, die ihr Glück in der Freude am Tun suchen, die den Anschluss nicht verlieren wollen oder vielleicht auch, weil es für sie – warum auch immer – erforderlich ist, nach anspruchsvollen Aufgaben und  neuen Herausforderungen Ausschau zu halten. Jene, die man in noch besten Jahren (Anfang sechzig!) so gern als altes, rostiges Eisen verschrotten möchte. Dabei stehen sie voll im Leben, sind hoch motiviert, interessiert, kaufen manch Jüngerem den Schneid ab, machen im Unterschied zu diesen nie auf krank.

AltersDiskrimierung – Kehrseite der Frühpension

Das automatisierteVermittlungsSystem grenzt diese Menschen schlicht aus: Nach Eingang des Dossiers erblickt der Interessent im Idealfall zunächst eine automatisierte Zwischennachricht oder Lesebestätigung. Hoffnungen werden geweckt … Danach folgt das Erwachen. In knappen, vorgefertigten Allgemeinplätzen – formal unangreifbar und stereotyp unverbindlich – teilt der AgenturNachwuchs  „bedauernd“ das „Leider nein, wir haben uns für einen anderen Kandidaten  …“ mit. Und raus bist Du: zu teuer in den Sozialkosten, zu alt, zu individuell. Besser gleich ab in die Pension! In den Wartestand zum Sterben. Nur eine sprach es aus hinter vorgehaltener Hand, in einem Anfall von Menschlichkeit, den sie gleich bereute: Aus gesetzlichen Gründen darf ich den wahren Grund der Ablehnung nicht nennen, das Alter, denn das wäre ja Diskriminierung.

Doch das Ganze lässt sich toppen. Wie? Der Interessent erhält gar keine Antwort, verhungert am ausgestreckten Arm der JobMaschinen. Dieser Vorgang ist bei weitem der häufigere. Und es ist keine Zufälligkeit der Vermittler, nein, diese Unart beherrschen DirektAnbieter teilweise noch trefflicher. Hiess es nicht „beste Umgangsformen, makelloser Auftritt“ …? Ups, haben wir etwas verwechselt?

Nachgehakt: Geradezu widerstrebend lassen sich die flotten AgenturBerater auf ein persönliches Telefonat ein – in den raren Fällen, sie tatsächlich ans Telefon zu bekommen. Sich nicht festlegen, nichts versprechen, was sich vielleicht als Strick um den eigenen Hals legen könnte, sich strikt an die engen Vorgaben halten und niemals mutig Regeln brechen, weil Ungewöhnliches über den Weg läuft. Konformität und Einheitsbrei rutschen prima. Im Zwiegespräch zeigt man sich durchaus sehr beindruckt vom Gegenüber und seinen Qualitäten, bringt dies zum Ausdruck. Höflich kühl perlen die geschulten Formulierungen in den Hörer. Man sorgt für eine positive Gesprächsatmosphäre, schmeichelt, hat eine Handvoll wohlmeinender Ratschläge parat. Aber bitte nur keine verbindlichen Zusagen machen, sondern den unbequemen Geist schnellstmöglich zurück in sein feindliches Leben entlassen.

Arbeit ohne Profit! Zum Abschied ein betont freundliches „Nur nicht aufgeben, Sie werden etwas finden. Reagieren Sie auf Annoncen. Alles Gute und viel Erfolg.“ Geschafft, abgewimmelt. Und wie läuft’s im gehobenen Segment? Nicht anders. Zuvorkommend, angelegentlich, viel ist die Rede von UnternehmensKultur und Philosophie, aber wie Sie sehen, sehen Sie nichts … KopfGeldJäger auf der Suche nach dem verlorenen Schatz.

Ist nur Platz für pflegeleichte Normalfälle, kostengünstige Konfektion in gängigen „Größen“? Wo bleibt das Maßgeschneiderte? Die Quellen (Resources) menschlicher (human) Bereitschaft versiegen, wenn der eigene Profit nicht sofort winkt, sondern Engagement der Joker im Spiel wäre. Der Schwarze Peter bleibt beim Suchenden.

Menschen„Börsen“Geschäfte, welch trügerischer, schaurigschöner Schein …Überflüssig bist du über 55. Das ist die Kehrseite der „sozialen Errungenschaft“ frühe Pension. Die SozialIngenieure kümmert’s nicht. Sie schweigen.

Event-Managerin Barbara Goergen war Ralf Dahrendorfs langjährige Stabschefin, kennt die Gesundheits- und Senioren-Szene aus nächster Nähe und beobachtet  Personalpolitik und Personalvermittlung laufend.




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Kommentare ( 6 )

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