Konstruktiver Journalismus – Die Selbsttötung der Informationsmedien

Eine Grundbedingung für eine demokratische Gesellschaft ist objektive Berichterstattung. Doch was passiert, wenn Journalisten nicht mehr nur informieren, sondern zu Aktivisten werden?

© BARBARA SAX/AFP/Getty Images

Gibt es bisher nur destruktiven Journalismus? Es drängt sich auf, darauf mit Ja zu antworten, glaubt man denen, die neuerdings das Konzept des „konstruktiven Journalismus“ propagieren. Es handelt sich vorzugsweise um Kollegen mit eher grünen oder linken Ansichten bei öffentlich-rechtlichen Anstalten und bei der Zeit, die mit „konstruktiven“ Ansätzen experimentieren. Die seien eine Chance, die Glaubwürdigkeit der Medien zu erhöhen, heißt es dabei gern.

Das Konzept des „konstruktiven Journalismus“ predigt „Lösungen statt Probleme“. Kurz gesagt: Journalismus solle nicht nur Missstände anprangern, sondern auch Wege zur Lösung anbieten. Sogar der Focus outet sich neuerdings als Verfechter eines solchen Ansatzes, was glücklicherweise nicht nur ich ziemlich spaßig finde. Offenbar glaubt man jetzt auch in „Clickbaithausen“, sein Ansehen mit einer schönklingenden Parole und ohne viel Mühe aufpolieren zu können. Durchdacht ist das alles nicht. „Konstruktiv“ klingt gut, aber es ist nichts weiter als PR-artiges Geschwätz und schafft nichts als Widersprüche und neue Probleme.

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Erstens: Es ist undemokratisch. Journalisten haben kein Mandat, um irgendwelche Probleme zu lösen. Das Mandat haben die Parlamente und die von den Parlamenten ernannten Exekutiven. In Firmen haben die Eigentümer und – je nach Größe und Mitbestimmungsmodell – Mitarbeiter das Mandat dafür. Sollten Mitarbeiter von ARD und ZDF glauben, ihre Rundfunkräte lieferten Legitimation: Hütet euch! Ihr habt den gesetzlichen Auftrag für Information, Bildung und Unterhaltung. Ihr habt keinen Auftrag zum Bau von Straßen, Abstrafen von Autokonzernen (obwohl ihr das offenbar gern tätet) oder Aburteilen von Kriminellen. Rundfunkräte sind keine Parallelparlamente. Und wenn ihr das nicht verstehen solltet: Der „konstruktive Journalismus“ wird es euch noch schwerer machen, Staatsferne zu behaupten, weil ihr damit ja so tut, als könntet ihr Staat sein.

„Rundfunkräte sind keine Parallelparlamente.“

Zweitens: Es ist anmaßend. Journalisten haben von den meisten Problemen keine Ahnung. Sie können vielleicht mal auf die Schnelle irgendwelche „Experten“ herantelefonieren. Aber sie wissen nicht, welcher „Experte“ echte Ahnung hat und welcher nicht. Journalisten tun sich schon schwer damit, Probleme in ihren eigenen Läden zu lösen. Das qualifiziert sie nicht unbedingt dazu, die Welt zu retten.

Drittens: Es verwässert die journalistische Rolle. Journalisten, die sich als Problemlöser begreifen, sind keine Journalisten mehr. Sie sind dann eher Aktivisten. Journalisten dieser Gattung haben leider auch kein Problem, publizistisch für NGOs oder Lobbyverbände zu arbeiten und gleichzeitig für sich seriös gebende Medien. Aus journalistischer Perspektive ist derartiges ein frontaler Interessenskonflikt. Journalismus funktioniert nie ohne Distanz. Journalismus ohne Distanz ist unglaubwürdig.

Viertens: Es vertreibt Leser. Diese „konstruktiven“ Geschichten sind nämlich allesamt vor allem langweilig, langatmig und anstrengend.

„Journalismus ohne Distanz ist unglaubwürdig.“

Fünftens: Es vergiftet den Diskurs. Schon der Begriff des „konstruktiven Journalismus“ sagt unterschwellig, dass er der bessere Journalismus ist. Besser als der „unkonstruktive“ Journalismus. Damit hat den Journalismus eine rhetorische Keule erreicht, die es bis dato nur in der Politik gab. Sie funktioniert so, dass jeder, der nur Kritik übt, so lange delegitimiert wird, bis er eine bessere Lösung vorschlägt. Damit zwingt man jeden Kritiker, die Kategorien des Kritisierten anzunehmen. Und man verweigert jedem zu sagen, ein Zustand sei schädlich, ohne, dass der Betreffende wüsste, wie er zu verbessern sei. Das bedeutet schlussendlich die alternativlose Macht für einen Club von Insidern, die ihr Wissen niemals teilen, sondern nur zum taktischen Debattenabwürgen hervorziehen.

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Journalisten scheinen es manchmal unbefriedigend zu finden, aber ihr Job ist es, möglichst jeden und möglichst alles mit gesundem Misstrauen zu betrachten und niemandem blind zu glauben. Ihr Job besteht darin, hinter all dem Wust an PR-Getrommel die relevanten Tatsachen zu entdecken. Schon hier gibt es genügend Möglichkeiten, sich um Definitionen zu streiten. Ist es schon eine Tatsache und eine Meldung, wenn irgendein Politiker irgendeinen Satz blubbert? Bei der ARD gibt es sicher eher „Blubbermeldungen“ als in den Nachrichtenspalten einer Zeitung.

Weniger Streit dürfte es darum geben, dass deftige Enthüllungen unbedingt als Journalismus gelten. Eines der tollsten Beispiele dafür ist seit vielen Jahren das Buch „Die Getriebenen“ von Welt-Reporter Robin Alexander. Darin deckt er reihenweise peinliche Interna aus dem Bundeskanzleramt und seiner Umgebung auf und schreibt die Geschichte einer Regierung, die im September 2015 angesichts der Flüchtlingskrise die Kontrolle über die Politik verliert. Konstruktive Lösungsansätze? Pustekuchen! Ist auch nicht sein Job. Sein Job ist es, zu informieren. Nicht mehr und nicht weniger. Den Regierungsjob haben andere. Man darf sie kritisieren, ohne deshalb mitregieren zu müssen.

„Man darf kritisieren, ohne deshalb mitregieren zu müssen.“

Eines der tatsächlichen Motive hinter dem „konstruktivem Journalismus“ dürfte Faulheit sein. Grundsätzlich behandeln die „konstruktiven“ Geschichten nämlich allgemein bekannten Stoff ohne jeglichen Neuigkeitsgehalt. Die Recherche besteht vielleicht in etwas Googeln, aber das war’s auch schon. Die „Lösungen“ ergeben sich dann, indem auf einem Bleistift gekaut und irgendwas hingeschrieben wird, was sich gut liest. Oder, indem auch mal ein „Experte“ zitiert wird. Jedenfalls ist es doch immer wieder erstaunlich, wie solche „Journalisten“ es schaffen, komplexe Probleme einfach mal so zu lösen, was ausgefuchste Organisationen partout nicht hinbekommen.

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Das andere Motiv hinter „konstruktivem Journalismus“ dürfte Eitelkeit sein. Gewisse Journalisten finden es für ihr Ego einfach unbefriedigend, nur aufzuschreiben, was andere Leute tun. Sie wollen gern auch selber mitreden. Sie sitzen so dicht an den Tischen der Macht, dass sie es unerträglich finden, da nicht mitbedient zu werden. Es sind genau diejenigen Kollegen, die schon in ihren normalen Artikeln oder Funk- und Fernsehbeiträgen zu viel klugscheißen und zu wenig informieren. Ihr Publikum ist ihnen weniger wichtig als das erhabene Gefühl, über dem Publikum zu stehen und näher bei den Protagonisten zu sein.

Dummerweise merkt das Publikum so etwas. Es ist nicht so beschränkt, wie vor allem diese Gruppe von Journalisten es gerne hätte. Ich glaube, dass hier der wirkliche Grund für das weithin angeknackste Image der Medien liegt. Ich weiß, dass das niemand gerne hört und dass es bequemer wäre, wenn es Wutbürger, AfD, Pegida etc. wären. Nur ist es hier wie bei fast allem: Wenn man in Schwierigkeiten steckt, dann ist man meist selber schuld und sollte darum bei sich anfangen, wenn man „konstruktiv“ sein will. Bzw.: Konstruktiv, ohne Anführungsstrichelchen.


Dieser Text ist zuerst hier und hier erschienen.


Christoph Lemmer ist Journalist und schreibt u.a. für den Tagesspiegel, die Berliner Morgenpost und die Welt. Seit 2014 berichtet er für die dpa vom Münchner NSU-Prozess.

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Kommentare ( 57 )

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Ich denke, verhinderte weltberühmte Musiker werden Musiklehrer. Verhinderte weltberühmte Künstler werden Kunsterzieher. Und verhinderte Welt- und Elternbeherrscher werden Journalisten …. nehmen wir Augstein, der diesen Imperiums-Gründer-Über-Vater hatte … der muss nun täglich zeigen, dass er in Wirklichkeit der bessere Augstein ist. Leute mit diktatorischen Übervätern wie die Merkel werden dann sogar reale Diktatoren in Macht und Verantwortung.
Dann gibt es noch die Vaterlosigkeit oder partielle Vaterlosigkeit (Vater emotional abwesend). Dieses Phänomen erzeugt Kinder und später Erwachsene, die einen Mangel an Führung haben und deswegen herrschsüchtig, omnipotenz-phantasierend, theoretischdiktatorisch werden – das sind die Journalisten.

Ehrlich gesagt, langweilt mich die Diskussion über die Qualität des heutigen Journalismus nur noch. Das Thema ist ausgereizt. Die meisten Journalisten überschätzen einfach ihre Bedeutung in Bezug auf die „Meinungsbildung“. Sie sind nichts weiter, als bedeutungslose Angestellte eines Medienkonzernes, deren persönliche Meinung nun wirklich niemanden interessiert. Wenn ein „Herr Steffen“ tatsächlich der Meinung ist, sein „Ge-Seibere“ bereichere die Welt, sollte man ihn einfach in dem Glauben lassen. Ich vergeude auch nicht meine Zeit damit, mir eine Talkshow bei Anne Will (die so gerne will, aber nicht kann) anzusehen, um die Einschätzung der Kanzlerin zum G 7 Gipfel in epischer Breite… Mehr

Ich kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen und es mit diesem
Aphorismus erhärten.
Staatliche Presse und Fernsehen unterstehen dem Staat, private deren Besitzern. Beide sind also abhängig. Kann man von abhängigen Journalisten unabhängige Meinungen erwarten?
© Werner Braun

Ich würde noch weiter gehen: die überwiegende Anzahl von Journalisten propagieren ihre Meinung (meist links-grün) oder die ihrer Dienstherren (oder Regierung) und hinterfragen wenig kritisch. Die Stichworte „Nazi-Keule, „Einzelfall“ und „Männer“ verdeutlichen schon an eine Gleichschaltung erinnernde Medienlandschaft wie in der DDR.

Den Satz von Ihrem Onkel muß ich mir zu Herzen nehmen! Es macht einen halt wirklich traurig ja depressiv mit erleben zu müssen, wie die meisten Menschen wirklich zu dumm sind um die Vorgänge auch nur annähernd zu begreifen. Aber Ihr Onkel und Sie haben Recht, in diesem Sinne nach mir die Sintflut fertig aus. Gruß

Ich glaube nicht, dass Faulheit und Eitelkeit die wichtigsten Motive für den „konstruktiven Journalismus“ sind. Beides hat’s schon immer gegeben. Wer „Lösungen statt Probleme“ anbietet, will belehren und erziehen, denn er weiß ja, was richtig und was falsch ist. Da steckt vor allem links-grüne Ideologie dahinter. Der böse Ausdruck „Lügenpresse“ kommt doch nicht von „konstruktiven“ Vorschlägen – die bleiben jedem Journalisten in der Kommentarfunktion unbenommen -, sondern vom leichtfertigen Umgang mit der Wahrheit, mangelnder Objektivität und Unvoreingenommenheit (um mal höflich auszudrücken, was an tendenziösen Pamphleten und Zeitgeist-Agitprop in jüngster Zeit gelaufen ist).

„Konstruktiver Journalismus“ ist nichts anderes als Erziehungsjournalismus.

Vor 17 Jahre gab es bei SAT1 eine Sendung mit Thorsten Havener (siehe z.B. Wikipedia), der ist Zauberkünstler und Buchautor und versucht auch Gedanken aus körperlichen Bewegungen zu erkennen. Ob das richtig funktioniert, weiß ich nicht. In der damligen Sendung hatte er aber gesagt, man sollte keine Zeitungen mehr lesen, weil deren Inhalte uns innerlich kaputt machen. Deshalb hatte ich mir damals sein Buch „Ich weiß, was Du denkst“ gekauft.

Wie unterschiedlich die Betrachtungsweisen ausgelegt werden ,kann man bestens am Artikel der Wirtschaftswoche Nr. 5 26/01/18 “ Unternehmenslieblinge “ lesen . Es geht um die in den MainstraemM . so viel gescholtenen Visegradstaaten ,einschließlich Ungarn ,Polen ,Östereich . Dort ist ein erstaunliches Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ,die Arbeitsbedingungen werden immer besser ,nur die dort erzeugenden deutschen Unternehmen haben zunehmend ein schweres Imageproblem . Weil – eben aus Sicht deutscher allgemeiner Presse und ÖR Darstellung dort reinstes menschliches Chaos herrschen muss. Weil nicht jeden Tag die so geliebten Kleingruppen der NGOs irgendwelche Antidemos veranstalten dürfen ,weil dort viele Dinge eben durchreguliert sind… Mehr
Guter Journalismus geht wohl anders. Ganz klar! Hier mal ein Paradebeispiel für eine „wirklich gelungne“ Berichtertalltung über die Frauendemonstration in Berlin. https://www.tagesspiegel.de/berlin/al-quds-demo-und-frauenmarsch-hass-bei-hitze-in-berlin/22667530.html Genau so lieber Tagesspiegel verliert man auch noch den letzten Leser. Aber ist ja egal gell, vielleicht gibt´s ja bald Tagesspiegel-TV auf Steuerkosten. Zwei Demonstrationen die unsterschiedlicher nicht hätten sein können in einem Artiekl abzuarbeiten und somit die Frauendemonstration auch nur in die Nähe der Antisemiten und Israelhasser zu bringen ist gradezu erbärmlich. Ach und noch was lieber Tagesspiegel, wer sagt eigentlich das sich Männer nicht für Frauenrechte stark machen dürfen? Ist es schon wieder Nazi wenn Männer… Mehr
Die heutigen Linken wissen einfach nicht mehr, was genau sie nun eigentlich wollen. Zwei Beispiele… 1: Sie fordern einerseits eine Frauenquote, andererseits propagieren sie den Genderwahn, der behauptet, Frauen seien Männer, Männer Frauen und es gäbe um die 40.000 Geschlechter, die man wechseln könne wie seine Unterhose. 2: Einerseits jammern sie einem die Ohren voll mit Überbevölkerung, es gäbe zu viele Menschen etc., deuten dabei mit dem Finger aber einzig auf Staaten Europas oder anderer meist weißer Nationen, die im Durchschnitt etwa 1,5 Kinder pro Frau bekommen, im Gegensatz dazu die dritte Welt, von der sich alleine Afrika per anno… Mehr

Passt nicht ganz- aber ich wünsche demjenigen vom TE-Team viel Kraft, der sich heute die Sendung mit Anne Will und Merkel anschauen muss.

Verschärft ist einzig das Märchen, es hätte jemals eine aufklärende Presse irgendwo gegeben.
Das ist ein Märchen, welches und allen von zwei Räuberbanden, die sich da geschickt in die Hände spielen eingetrichtert wurden.
Die erste offensichtlich die GEZ und die zweite die GEW.
Ansonsten ist (Massen)Presse nie mehr als eine Verwichsung von Werbung, Propaganda und Predigt gewesen.

Dieser „konstruktive“ Journalismus ist doch nur die nochmalige Potenzierung der unsäglichen Besserwisserei aus der ideologischen links grünen Ecke heraus, die nicht unerheblicher Teil des Problems sind, und in einer Erziehungstätigkeit für den Pöbel münden.

Danke hatten wir schon. Brauchen wir nicht mehr. Lernt was vernünftiges.

Das Problem ist nicht die Lösung des Problems.