Indien: „Unberührbare“ begehren auf

Die Hindu-nationalistische Regierungspartei BJP tut sich schwer mit der Abgrenzung zu Hindu-Fanatikern, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Ronald Meinardus berichtet aus Delhi.

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In Indien dreht sich vieles um die Kuh. Den Hindus ist sie heilig, sie zu verehren und zu schützen, ist eine religiöse Pflicht. Der Schutz der Kuh ist längst auch ein Politikum. In den Zeitungen schreiben Kommentatoren über „cow politics“ – Kuh-Politik.

Es besteht keine Einigkeit in Bezug auf den Umgang mit der Kuh, von einem nationalen kuhpolitischen Konsens kann keine Rede sein. Der Hinduismus ist die Religion der großen Mehrheit. Doch Indien mit seinen 1, 3 Milliarden Menschen ist ein multireligiöser Vielvölkerstaat – pluralistisch und vielfältiger, als man es sich kaum vorstellen kann. Längst nicht alle Inder glauben, die Kuh ist sankrosankt.

Zudem: Indien ist eine föderale Republik. In den 29 Teilstaaten gelten unterschiedliche Gesetze in Bezug auf die Kuh: In einigen ist das Töten des Rindviehs streng verboten, selbst der Besitz von Rindfleisch steht unter Strafe, in anderen Landesteilen gibt es keine Restriktionen.

Selbst ernannte Tugendwächter gegen „Unberührbare“

Eine vergleichsweise neue Erscheinung sind Bürgerwehren, die sich den Schutz der Kuh auf die Fahnen geschrieben haben. Die selbst ernannten Tugendwächter, die bisweilen das Gesetz in die eigene Hand nehmen, haben es vor allem auf Viehtransporte abgesehen. Auf den Landstraßen lauern sie Lastwagen auf und verprügeln Fahrer, die Kühe (oft sind es keine Kühe, sondern Büffel) befördern.

Einen nationalen Aufschrei hat ein brutaler Angriff einer Vigilantengruppe im nordwesetlichen Bundesstaat Gujarat ausgelöst. In einem kleinen Ort namens Una fesselten militante Kuhschützer vier Männer und schlugen erbarmungslos mit Stangen und Knüppeln auf sie ein.

Die Opfer sind Mitglieder einer Dalit-Familie. Früher nannte man diese Menschen „Unberührbare“ oder „Kastenlose“.  Im indischen Kastensystem sind die Dalits traditionell, ja: von Geburt – verdammt, die schmutzigsten, unreinsten Arbeiten zu verrichten. Klassische Betätigungen sind das Reinigen von Latrinen. Oder – und dabei sind wir wieder bei der Kuh – die Entsorgung von Kuhkadavern.

Eben dieser Tätigkeit gingen die Dalits nach, als sie von den Vigilanten attackiert wurden. Offensichtlich hatten die Fanatiker in ihrem Wahn vermutet, die Dalit-Männer vergehen sich beim Häuten der Tierleichen an gesundem Rindvieh.

Ein Übergriff verbreitet sich im Internet

„Seit Generationen häuten wir Kuh-Kadaver, nie zuvor sind wir bei unserer Arbeit angegriffen worden“, sagt eines der Opfer von Una. „Wir sind Söhne von Hindus, und könnten niemals eine Kuh schlachten“.

Die öffentliche Züchtigung wäre vermutlich unbeachtet geblieben, wäre da nicht ein Video auf einem Handy, das sich viral im Netz verbreitete, bald die traditionellen Medien erreichte und sodann auch die Politik beschäftigte. Zweihundert Millionen Dalits sind eine wichtige Zielgruppe.

Die Opposition wird nicht müde, der hindunationalistischen Regierungspartei BJP die Schuld an dem Übergriff zu geben. Diese tut sich schwer mit der Abgrenzung zu den Hindu-Fanatikern, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Nach langem Schweigen hat Ministerpräsident Narendra Modi jetzt einen Teil der Kuhschützer als „anti-sozial“ bezeichnet, ohne dabei im einzelnen auf die Fälle einzugehen, die seit Wochen die Öffentlichkeit beschäftigen. Eine Verurteilung hört sich anders an, meinen die Kritiker mit Hinweis auf die engen Verbindungen zwischen der Regierungspartei und den gewalttätigen Kuh-Freunden.

Die Dalits gewinnen Selbstvertrauen

Tatsache ist, dass Übergriffe gegen Dalits statistisch zugenommen haben. Unabhängige Beobachter erklären den Anstieg mit einer höheren Melderate. Diese sei Ausdruck eines neuen Selbstvertrauens der Dalits. Viele Dalits haben den Untertanengeist abgelegt. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und Verbände streiten für die Rechte der „Entrechteten“. Als Reaktion auf die Übergriffe sind die Kuh-Bestatter aus der Unterklasse in einen unbefristeten Streik getreten. Sie gelobten, die toten Tiere nicht länger zu entsorgen. Seither verwesen viellerorts die toten Kühe auf offener Straße, ein für viele Inder gänzlich unerträglicher Anblick.

Die indische Verfassung vebietet die Kastendiskriminierung. Mit einer Vielzahl von Gesetzen und Programmen versucht der Staat, das althergebrachte System der sozialen Segregation und Ausgrenzung zu bekämpfen. Die wirtschaftliche Liberalisierung, die seit Anfang der neunziger Jahre zur Modernisierung in vielen Bereichen beigetragen hat, eröffnet Chancen auch für viele Dalits. Doch Verfassungsanspruch und Realität klaffen auseinander. „Die oberen Kasten fühlen sich seitens der Dalits bedroht, sie denken voller Nostalgie an die Vergangenheit und das Kastensystem“, sagt Chandra Bhan Prasad, ein Dalit-Unternehmer. Er ist einer der ganz wenigen, die den Sprung nach oben geschafft haben.

Dr. Ronald Meinardus leitet das Regionalbüro Südasien der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit (FNF) in Neu Delhi. Zuvor verbrachte er viele Jahre im Nahen Osten, in Ostasien und Griechenland. Der gelernte Hörfunkredakteur nennt journalistisches Schreiben ein Hobby. Für ihn ist die Informierung interessierter Menschen in Deutschland über die Partnerländer auch Teil seines beruflichen Auftrags. Das gelte besonders für Indien, das in den deutschen Medien nicht die Beachtung finde, die ihm wegen seiner Größe, vor allem seines enormen Potentials zustehe. 

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