Ein früher Kritiker des europäischen Superstaats

Zum 50. Todestag von Wilhelm Röpke: Was hat uns dieser liberal-konservative Intellektuelle heute noch zu sagen?

„Ein Leben in der Brandung“ hat Wilhelm Röpke (1899-1966) geführt, so schreibt sein Biograph, der Politikwissenschaftler Hans Jörg Hennecke. Der Ökonom, Sozialwissenschaftler, Gelehrte und streitbare Publizist Wilhelm Röpke hatte einen inneren Kompass, der ihn sehr häufig in scharfen Widerspruch zum Zeitgeist stellte. Was er leistete, war wirklich ein Beispiel für Zivilcourage. In der Weimarer Republik sah der junge Professor mit Entsetzen, wie die republikfeindlichen, kollektivistischen Kräfte immer stärker wurden. Frühzeitig warnte Röpke vor den Nationalsozialisten. Anders als die Linke sah er die Nazis aber nicht als „Reaktionäre“, sondern als kollektivistische Revolutionäre, als giftige Mischung aus Nationalismus und Sozialismus. Als erklärter NS-Feind musste er 1933 das Land verlassen.

Frühe Warnung vor dem zentralistischen Superstaat

Nach dem Krieg war Röpke ein wichtiger Vordenker und Berater sowohl für Kanzler Adenauer als auch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Röpke warb für die Westbindung Deutschlands und unterstützte vehement die Rückkehr zur Marktwirtschaft. Später ging er auf Distanz zu Adenauers Europapolitik. Die Pläne für die europäische Einigung beunruhigten ihn wie auch Erhard. Röpke, ein überzeugter Europäer und Kenner des europäischen kulturellen Erbes, warnte entschieden vor der Schaffung eines bürokratischen, zentralistischen Superstaats. „Er hat den Weg in eine interventionistische europäische Planwirtschaft vorhergesehen, die jetzt in der Krise ist“, sagt Hennecke.

Dazu ein treffendes Zitat: „Wenn wir versuchen wollten, Europa zentralistisch zu organisieren, einer planwirtschaftlichen Bürokratie zu unterwerfen und gleichzeitig zu einem mehr oder weniger geschlossenen Block zu schmieden, so ist das nicht weniger als ein Verrat an Europa“, schrieb Röpke 1958, als die Römischen Verträge in Kraft traten. Er plädierte für eine marktwirtschaftliche Integration über Freihandel und Wettbewerb, ein langsames Zusammenwachsen Europas von unten – und warnte vor einer von oben oktroyierten Bürokratie, die Einigung mit Vergemeinschaftung und Regulierung verwechselt. Teils erscheint seine Kritik an der frühen EWG überzogen, doch im Kern stimmt sein Ansatz: Europa lebt von seiner Vielgestaltigkeit. Die EU kann nur dann überleben, wenn sie dies respektiert. Die Diffamierung von Kritikern der Euro-Institutionen als „anti-europäisch“, die damals schon Röpke und Erhard traf, muss aufhören. Sie hat Europa in die „alternativlose“ Sackgasse geführt.

Röpke war ein sehr mutiger Mann, der sich nie scheute, für seine Überzeugungen auch bei persönlicher Gefahr einzutreten. Das tat der 1899 geborene Sohn eines Landarztes schon als junger Nationalökonom in der Weimarer Republik, als sich Kommunisten und Nationalsozialisten mit ihrer kollektivistischen Propaganda zu übertreffen suchten. 1924 war Röpke als damals jüngster Professor Deutschlands an die Universität Jena berufen worden, später wechselte er nach Marburg. Er forschte damals vor allem über Konjunkturfragen.

Wirtschaftspolitisch vertrat er liberale Positionen, die aber immer mehr in die Defensive gerieten: Freihandel, wenig staatliche Interventionen, wenig Umverteilung. In der großen Rezession erkannte Röpke die Notwendigkeit einer staatlichen „Initialzündung“, um den Konjunkturmotor wieder in Gang zu bringen. Er warnte aber vor dem Versuch einer staatlichen Dauerstimulierung der Konjunktur, der keynesianischen Politik des „Deficit Spending“, die nach Röpkes Ansicht auf die Dauer nur hohe Schulden und Inflation hinterlassen werde.

Die Weltwirtschaftskrise brachte indes einen großen Meinungsumschwung, die allgemeine Abwendung von der Marktwirtschaft. Mehr und mehr Menschen befürworteten eine wirtschaftliche Abschottung. Mit Schaudern nahm Röpke wahr, wie der Ruf nach einem allumfassenden, alles steuernden, „totalen“ Staat immer lauter wurde. Die Hitler-Partei werde ein „Staatssklaventum“ einführen, war er überzeugt.

Meister politischer Prognosen

Kurz vor der Reichstagswahl 1930, die der NSDAP einen gewaltigen Stimmenzuwachs bringen sollte, warnte Röpke in einem Flugblatt an seine niedersächsischen Landsleute: Wer für die Nationalsozialisten stimme, solle wissen, „dass er Chaos statt Ordnung, Zerstörung statt Aufbau wählt. Er soll wissen, dass er für den Krieg nach innen und nach außen, für sinnlose Zerstörung stimmt.“ Das war prophetisch. Der Historiker Götz Aly hat im vergangenen Jahr in seiner Aufsatzsammlung „Volk ohne Mitte“ Röpke als „Meister politischer Prognosen“ gerühmt. Er hatte viel hellsichtiger als fast alle seine Zeitgenossen die Gefahren und den Charakter des Nationalsozialismus erkannt. Auch Röpke verurteilte die aus dem Versailler Vertrag abgeleiteten schweren Reparationslasten Deutschlands als unerfüllbar. Doch die destruktive Antwort Hitlers und der Nationalsozialisten sah er als „Weg des Unheils“, so ein Titel von 1931.

Der Liberale Röpke hoffte, die persönlichen Freiheiten noch erhalten zu können. Gleichzeitig sah er, dass der alte Liberalismus einer Reform bedürfe und die soziale und ethische Fundierung des Marktes anerkennen müsse: „Die liberale Welt wird mit dem Kollektivismus und dem ihm verbundenen politischen Totalitarismus nur dann fertigwerden, wenn sie auf ihre Weise mit den Problemen des Proletariats, des Großindustrialismus, des Monopolismus, der Ausbeutung und der mechanisierenden Wirkungen der kapitalistischen Produktion fertigzuwerden weiß“, schrieb er.

Diese Hoffnung blieb ein Wunschtraum. Im Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, geißelte Röpke in einer Rede in Frankfurt die NS-Diktatur als „Massenaufstand gegen Vernunft, Freiheit und Humanität“. Die Masse stehe im Begriff, „den Garten der europäischen Kultur zu zertrampeln, skrupellos, verständnislos“. Kurz darauf sagte er bei der Beerdigung seines akademischen Lehrers Walter Troeltsch in Marburg, die neuen Machthaber drohten „den Garten der Kultur … in den alten Urwald zurückzuverwandeln“. Röpke gehört zu den ersten Professoren in Deutschland, die im April 1933 ihres Amtes enthoben wurden, wie auch sein Marburger Kollege Hermann Jacobsohn, ein Sprachwissenschaftler, der sich kurz darauf das Leben nahm. Röpke ging ins Exil, erst nach Istanbul, dann 1937 nach Genf.

Die Schweiz, jene freiheitsliebende, föderale Eidgenossenschaft, wurde ihm zur zweiten Heimat. Doch blieb er weiterhin ein deutscher Patriot, der sich mit Kritik weiterhin einmischte und die NS-Politik geißelte. In den Jahren 1942 bis 1945 entstand die Trilogie „Gesellschaftskrisis der Gegenwart“, „Civitas Humana“ und „Internationale Ordnung“, in denen Röpke den Kollektivismus einer vernichtenden Kritik unterzog und für eine freiheitliche, humane Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung warb. Im NS-Reichssicherheitshauptamt betrieb man daraufhin seine Ausbürgerung. Röpke habe sich als „extrem humanistisch-weltbürgerlich eingestellt“ disqualifiziert, so die NS-Beamten. Ludwig Erhard dagegen, der die in Deutschland verbotenen Bücher als Schmuggelware erhielt, verschlang sie. Er sog den Inhalt auf „wie die Wüste das befruchtende Wasser“, schrieb er später.

Erhards Ideengeber

Nach dem Krieg wurde Röpke zum wichtigen Ideengeber für Erhard und unterstützte dessen Politik einer marktwirtschaftlichen Wende. In einem Gutachten von 1950 im Auftrag Adenauers stellte er fest, dass das Gerede vom „Wirtschaftswunder“ irreführend sei. Der Aufschwung sei kein Wunder, sondern logische Folge der Entfesselung der Marktkräfte, die zuvor durch die staatlichen Preiskontrollen und die Rationierungen gelähmt gewesen waren. Röpke gehörte zu jener Gruppe ordoliberaler Professoren und Kommentatoren, der „Brigade Erhard“, die es dem legendären Wirtschaftsminister ermöglichte, gegen den vorherrschenden sozialistischen oder christlich-sozialistischen Zeitgeist eine marktwirtschaftliche Ordnung zu etablieren. Dafür können wir ihm bis heute dankbar sein.

Röpke war ein liberaler Ökonom, aber nicht nur ein Liberaler und nicht nur ein Ökonom. Er war auch Soziologe und Sozialphilosoph mit konservativer Grundierung, darin seinem Freund Alexander Rüstow ähnlich. Der Markt allein sei nicht genug, der Mensch brauche auch eine soziale Verwurzelung, meinten beide. Wirtschaft bedeutete für ihn nicht nur Effizienz, Produktivität und materielle Werte. Darüber hinaus gebe es Werte „jenseits von Angebot und Nachfrage“, so der Titel eines bekannten Buchs von 1958. Manches darin klingt kulturpessimistisch. Röpke hatte die Sorge, dass der marktwirtschaftliche Wettbewerb nicht nur Werte schafft, sondern auch moralische Werte aufzehren könne. Im Gegensatz dazu vertrat Friedrich August von Hayek die Ansicht, dass der Wettbewerb moral-generierend sei: Nur jene Anbieter können langfristig im Markt bestehen, die ihre Kunden nicht übers Ohr hauen. Doch haben nicht leider jüngst die betrügerischen Exzesse vieler Banken gezeigt, dass dort nicht nur „ehrbare Kaufleute“ unterwegs sind?

Anwalt des Dezentralen

Röpkes Ideal war eine mittelständische Gesellschaft heimatverwurzelter Menschen. Der Schweizer Ort voll Handwerker, Gewerbetreibende und Selbständige, die eigenverantwortlich Gebrauch von ihrer Freiheit machen, war sein geistiger Fluchtpunkt. Er warnte vor dem übermäßigen Wachstum des Staates. Der „Kult des Kolossalen“ hat ihn im 20. Jahrhundert abgeschreckt, Megastädte und Megakonzerne erschienen ihm furchteinflößend. Demgegenüber bevorzugte er den Charme des Kleinen, der menschengerechten Dimensionen.

Dem aufkommenden zentralisierten Großstaat setzte er als Ideal ein föderales Gemeinwesen entgegen und warb für subsidiäre Hilfeleistung durch Familie, Nachbarschaft oder private Caritas statt staatlicher Wohlfahrtsapparate, die große Mengen Geld umverteilt und dabei hohe Kosten und Reibungsverluste verursachen. Den Wohlfahrtsstaat sah er als „komfortable Stallfütterung“ der Menschen, die zur „Verhausschweinung“ führe. Sein Beharren auf klein- und mittelständischen Strukturen, seine Vorbehalte gegen den Massengeschmack, Massenmedien und die Massendemokratie, seine Skepsis gegenüber manchen technischen Neuerungen – all das mag heute vielen altmodisch und elitär erscheinen. Tatsächlich sind manche seiner Ansichten zeitgebunden, vieles aber bleibt gültig.

Vorbildlich bleibt seine Haltung als kritisch-konstruktiver Gelehrter (im Unterschied zu den neomarxistischen Intellektuellen, die in den späten sechziger Jahren aufkamen und nur ätzend-zersetzende Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft zu bieten hatten). Bleibend sind Röpkes Plädoyers für Eigenverantwortung und Freiheit, seine Warnung vor der Wirkung des bürokratischen Sozialstaates. Und ebenso bleibt seine Warnung richtig, dass wir in Europa unsere Freiheit gefährden, wenn wir sie in die Hände von Euro-Technokraten legen. Am 12. Februar 1966 starb Röpke. „Wer die Lebensgeschichte wie auch den beruflichen Werdegang Wilhelm Röpkes kennt, kann sich nur in Ehrfurcht und Bewunderung vor ihm neigen“, sagte Erhard bei der akademischen Gedenkfeier für ihn.

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