Die überschätzte Übersterblichkeit

Nun soll wieder die Übersterblichkeit herhalten, um die Corona-Maßnahmen zu rechtfertigen. Doch sie ist bislang gering, wie ein Blick auf aktuelle Daten zeigt. Von Walter Krämer

imago Images/MiS

Die Coronapanik lebt von Schlagwörtern. Am Anfang war es das exponentielle Wachstum. Dessen Karriere war dann schnell vorbei, als auch mathematisch eher unbegabte Kommentatoren eingesehen hatten, dass es exponentielles Wachstum im wahren Leben nie sehr lange gibt. Dann kam ein naher Verwandter, die Verdoppelungszeit: Wie lange dauert es, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt? Nehmen wir zehn Tage und fangen mit einem Infizierten an. Das sind dann 2, 4, 8, 16 und so weiter. Das scheint überschaubar. Aber nach einem Jahr wären wir so bei rund 70 Milliarden Infizierten angelangt, dem zehnfachen der Weltbevölkerung. Auch das ist Blödsinn, also weg damit. Der nächste Verwandte ist die Reproduktionszahl r: wie viele andere Menschen steckten Infizierte im Durchschnitt an? Aber auch die verschwand schnell wieder in der Versenkung, als klar wurde, wie volatil und unzuverlässig diese Zahlen sind. Und aktuell ist es nach einem gewissen Sommerloch wieder die Übersterblichkeit, die allenthalben herhalten muss, damit die Panikflamme nicht erlischt.

Anders als ihre Konkurrenten scheint die Übersterblichkeit ein seriöser Indikator für die Gefahr der Pandemie zu sein: Wie viele Menschen sind in einer Woche, einem Monat, einem Jahr gestorben, und wie viele wären gestorben, hätte es Corona nicht gegeben? Aber leider ist von diesen beiden Zahlen nur die erste ohne große Zweifel festzustellen. Die zweite wird durch den Durchschnitt der Vergangenheit geschätzt. So sind in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 jährlich 931.181 Menschen in den ersten 52 Kalenderwochen gestorben, im Jahr 2020 dagegen 971.955, also 40.974 mehr. Aber doch nicht notwendigerweise wegen Corona. So gab es im Jahr 2020 rund 5,4 Millionen Menschen im Alter über 80 in der Bundesrepublik, im Durchschnitt der Jahre 2016-2019 aber nur 4,9 Millionen. Und in dieser Altersgruppe ist die Mortalität mit oder ohne Corona aus nachvollziehbaren Gründen nun mal seit jeher maximal. Man vergleicht also Äpfel mit Birnen. Rechnet man diesen Effekt heraus, verbleibt als Übersterblichkeit die Todesfolge einer ganz „normalen“ Grippewelle, über die zu anderen Zeiten kein Wort verloren worden wäre.

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Leider ist an dieser Stelle ein im Prinzip überflüssiger Einschub nötig, um nicht medial gelyncht zu werden: Ein Todesfall, egal in welchem Alter und egal an was, ist fast immer tragisch, für den Betroffenen oder die Betroffene sowieso (falls es kein Selbstmord ist) und für die Angehörigen im Allgemeinen auch. Aber diese Tragik wird nicht dadurch weniger, dass man sich im Söder-Merkel-Jammerton über Mitmenschen echauffiert, die nichts anders tun, als gewisse unveränderliche Rahmenbedingung der humanen Existenz immer mal wieder in Erinnerung zu rufen. Dazu gehört zum Beispiel, dass unser Leben endlich ist. Deshalb wird auch durch die aktuellen Infokampagnen kein einziges Menschenleben gerettet, es wird immer nur mehr oder weniger lange ein letztendlich unvermeidbarer Tod hinausgeschoben.

Oder, wie ohne Impfung, durch Corona vorgezogen. Und das in den meisten Fällen noch nicht einmal sehr viel. Teilt man nämlich die Übersterblichkeit auf Altersgruppen auf, so findet sie fast nur in der Gruppe der über 80-jährigen statt. Bei den 75 bis 80-Jährigen dagegen sind nach Auskunft des statistischen Bundesamtes im November 2020 (das ist der letzte Monat, für den aktuell exakte Zahlen vorliegen) insgesamt 10.264 Personen gestorben, im November 2019, also vor Corona, dagegen 10.513, als 264 mehr. In dieser Altersgruppe hätte also Corona die Sterblichkeit sogar reduziert! 

Die Konsequenzen der Corona Pandemie für Wirtschaft und Gesellschaft sind trotzdem tiefgreifend genug. Sie werden nicht dadurch weniger, dass man systematisch mit Statistik Unfug treibt.


Walter Krämer, Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, von 1988 bis 2017 Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund.


Walter Krämer, So lügt man mit Statistik. Aktualisierte und neu gestaltete Neuausgabe. Campus Verlag, 208 Seiten, 19,99 €

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Kommentare ( 70 )

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Carlotta
3 Jahre her

Ich gehe davon aus, dass diese Ortsverbandssitzung in persona und ohne Maskenpflicht in der Gaststätte des CDU-Vertrauens stattfinden wird. Es ist wirklich schade, dass Sie durch die erforderliche persönliche Präsenz die ARD-Nachrichten sowie das Heute-Journal verpassen werden. Aber sicherlich werden sie sich auf SPIEGEL online und/oder WON die Bekanntmachung über den sofortigen Corona-Pandemie-Stop nach Ihrer Rückkehr ‚reinziehen‘. Grüßen Sie mir bitte die CDU-überzeugten Männer und Frauen.

biotix
3 Jahre her

Den Artikel kann man so als „Meinung eines Bürgers“ oder als Leserkommentar stehenlassen. Wenn er allerdings von einem Prof. für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften stammen soll, dann darf man sich größte Sorgen um Deutschlands Bildungssystem machen. Und der Satz „man vergleicht Äpfel mit Birnen“ macht es leider umso schlimmer. Denn genau das ist die Problematik, die hier zum Tragen kommt. Um Birnen nicht mit Äpfeln zu vergleichen, müsste ich eine Korrektur in die Statistik einbauen und zwar dahingehend, wie viele Menschen wären in den letzten x Jahren unter gleichen gesellschaftlichen Bedingungen (Regularien) verstorben. Dies ist schwierig und ungenau, kann man aber… Mehr

Wolfgang M
3 Jahre her

Hr. Krämer, Ihre Zahlen leben davon, dass die Jahresdurchschnitte als Vergleich genommen wird. Bis September gab es in 2020 kaum Tote. Nimmt man als Vergleich jeweils die vierten Quartale, dann sieht das Ergebnis ganz anders aus.
Dazu passt das Buch „Mit Zahlen lügen“.
Als Professor für Statistik kennen Sie bestimmt das Problem und nutzen es in ihrem Sinne aus.

ebor
3 Jahre her
Antworten an  Wolfgang M

Vielen Dank für den Hinweis. Vielleicht könnten Sie bitte noch ergänzen, was denn genau wie anders aussähe? Ich gehe davon aus, Sie haben die Zahlen für das 4. Quartal 2020 (die es laut Herrn Krämer freilich noch gar nicht gibt). Zudem umfaßt das 4. Quartal mW September, Oktober, November, Dezember. Herr Krämer geht immerhin bis November, also nimmt er doch zumindest 3 der letzten 4 Monate des Jahres in den Blick – weil halt keine exakten Zahlen für den Dezember vorlägen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, glaube es ihm aber zunächst einmal. Also bitte klären Sie uns auf, lieber… Mehr

Dieter Kief
3 Jahre her

Professor Walter Krämer – vielen Dank für Ihre Einsichten! – die sind unschätzbar.

Eine Präzisierung schlage ich vor: Bitte statt „einer normalen Grippewelle“ schreiben „einer heftigen Grippewelle, wie wir sie im Durchschnitt alle sechs Jahre sehen.“

Der US Wissenschaftsblogger E. F. Hail (Pseudonym) hat die Übersterblichkeit für Deutschland und für Schweden ausgerechnet, und benutzt diese Formulierung (und zeigt das auch anhand statistischer Befunde).
Interessierte finden dessen exzellenten Blog unter
fromhailtoyouPUNKTWordpressPUNKTcom

Klaus Weber
3 Jahre her

Und es kommt noch ein Problem dazu: Jeder Durchschnittswert setzt sich aus Einzelwerten zusammen, die entweder unter oder über dem Durchschnitt liegen. Warum nun sollte denn der 2020-Wert nicht einer sein, der über dem Durchschnitt liegt und trotzdem in die Reihe paßt? Merke: Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst interpretiert hast!

Elli M
3 Jahre her

Es gibt eine Übersterblichkeit: bei den geimpften mehr oder weniger oder sehr kranken älteren Menschen, die man ja angeblich so toll schützen will, daß ein ganzer Staat und Gesellschaft ruiniert wird. Interessanterweise werden diese Fälle aber nicht erfaßt, man muß schon jemanden kennen, der das aus eigener Anschauung sieht. Wie praktisch: Kranken-, Renten-, Pflegekassen sparen, das einschlägige Personalnotproblem entschärft sich ganz von alleine, blockierter Wohnraum wird leer und keiner weiß von nix.
Verschwörungstheorie? K.A. Das Schlimmste ist, daß man es inzwischen in diesen Staat überhaupt für möglich hält, daß es keine sein könnte.

Last edited 3 Jahre her by Elli M
Udo Kraus
3 Jahre her

Lasst sie pleite gehen!!!

martin ruehle
3 Jahre her

Die Dummen und Denkfaulen, die ohne mediale Propaganda ihre „Pippi Langstrumpf -Welt“ verlören und deren vermeintliche Gewissheiten von der Realität pulverisiert würden.
Warum sonst wird diese Ikone der Mittelmäßigkeit in Amt und Würden, trotz erwiesener Unfähigkeit, von ihren Parteigängern und Millionen Mitläufern gestützt?!
Die 68er, die auszogen das „kritische Denken“ und die „Fackel der Aufklärung“ in die Bildungseinrichtungen und Medien tragen zu wollen, haben kein Feuer der Erkenntnis entfacht, sondern Kritikfähigkeit und Vernunft in den Schulen, Universitäten und Medien eingeäschert!

Carlotta
3 Jahre her
Antworten an  martin ruehle

Die 68er, die vorwiegend Pädagogik und Jurisprudenz studierten, mit jahrelanger Belegung von Semestern ohne oder um endlich zum Abschluss zu gelangen, lebten doch ganz gut von Bafög und exerzierten nächtelangen Diskussionen über Mao, ‚Lernziel Solidarität‘ (von H. E. RICHTER) und RAF. Im Kneipendunst à la Kreuzberger Nächte konnten diese Sprüche gut gedeihen, während die disziplinierte Bevölkerung täglich ihrer von diesen Dauerstudenten belächelten ‚fremdbestimmten‘ Arbeit nachgingen.

Cubus
3 Jahre her

Mathematiker? Kein Gender? Brauchen wir nicht mehr. Der stört nur.

elly
3 Jahre her

Vor 2 Tagen hat die Gott gleiche Kanzlerin Merkel dem unmündigen, dummen Volk erklärt, dass sie alles richtig gemacht hat und macht und ihre göttlichen Helferinnen wie z.B. UvdL alles richtig gemacht haben und machen. Da steigen auf einmal die Mutationen, nachdem Merkels Hilfsjunge Jens Spahn zum 18.01.2021 die Sequenzierung von 5% der positiven Tests angeordnet hat und der Tierarzt Wieler zum 22.01.2021 eine „Handlungsanleitung für primärdiagnostizierende Labore zur Auswahl von SARS-CoV-2-positiven Proben für die Sequenzierung im Rahmen der Coronavirus-Surveillanceverordnung (CorSurV)“ erlassen hatte.Inzwischen wirkt die Panikmache mit den Mutanten nicht mehr so, als wird einer Übersterblichkeit konstruiert. Die Leute müssen… Mehr