Der Rausschmiss von Roger Scruton offenbart die Feigheit der Tories

Der angesehene englische Philosoph Sir Roger Scruton wurde jüngst Opfer der Political Correctness: er verlor seinen ehrenamtlichen Beraterposten in einer Baukommission, weil nachweislich verkürzte und verfälschte Zitate aus einem Interview mit ihm auf Twitter gepostet und skandalisiert wurden.

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Das englische Magazin New Statesman hatte sich entschlossen, Sir Roger Scruton zu interviewen. Vielleicht hätte man ihm raten sollen, diesem linksgerichteten Blatt besser kein Interview zu geben, da mit Fairness ohnedies nicht zu rechnen war. Aber immerhin war Scruton über viele Jahre der Weinkolumnist des Magazins – und unter dem Herausgeber Jason Cowley war man beim Statesman ja auch etwas weniger militant links als in früheren Zeiten.

Jetzt aber hat der stellvertretende Herausgeber des Magazins, George Eaton, großspurig in den sozialen Medien das angekündigt, was man wohl ein „Erwischt!“-Interview nennen könnte. Das von Eaton selbst geführte Interview war, wie er versicherte, vollgestopft mit „einer Reihe ungeheuerlicher Bemerkungen“. Später veröffentlichte er noch ein Foto, das ihn dabei zeigt, wie er Champagner aus der Flasche trinkt und das Triumphgefühl feiert, dafür gesorgt zu haben, dass „ein rechter Rassist und homophober Roger Scruton aus seinem Job als Berater der Konservativen Regierung rausgeschmissen“ wird.  Mittlerweile hat er das Foto gelöscht. Hier ist es:

Doch um welche ungeheuerlichen Bemerkungen handelt es sich denn eigentlich?

Offenbar hatte Scruton gesagt, der Begriff Islamophobie sei „ein Kampfbegriff, den die Muslimbruderschaft erfunden hat, um Diskussionen über ein wichtiges Thema zu unterbinden“. Was stimmt. Er hat auch gesagt, dass „jeder, der bezweifelt, dass es in Ungarn ein Soros-Imperium gibt, mit den Tatsachen nicht vertraut“ sei. Auch das ist richtig. Offensichtlich ist es jetzt, da Labour eine Partei der Antisemiten geworden ist, zunehmend wichtig festzustellen, dass Antisemitismus auch bei der politischen Rechten in Großbritannien auszumachen sei und Kritik an den Handlungen George Soros‘ dem bei der Labour-Partei üblichen Antisemitismus entspreche. Das wäre zwar praktisch für die politische Linke, aber vollkommen unwahr.

Obwohl Eaton behauptet, dass Scruton all das gesagt hätte, bin ich nicht sicher, ob es auch so war. Eaton – immerhin der politische Korrespondent des Statesman – scheint nämlich in Sachen Zitierweise ein wenig freizügig zu sein. Er behauptet zum Beispiel, dass die Äußerungen Scrutons zu Soros in gewisser Weise ein Kommentar zu „den ungarischen Juden“ gewesen sei. Als ob Scruton die ungarischen Juden generell angegriffen hätte – und nicht einen sehr einflussreichen und politischen Mann, der zufällig ein ungarischer Jude ist.

Und das ist nicht die einzige Unkorrektheit, die Eaton sich herausnahm. An anderer Stelle behauptete er, dass Scruton “Unerträgliches“ über die Chinesen gesagt habe:

„Jede chinesische Person ist eine Art Kopie der anderen und das ist sehr beängstigend.“

Hier ist der Tweet:

Das soll Scruton über die Chinesen gesagt haben? Über die Chinesen als Volk? Das scheint doch sehr unwahrscheinlich zu sein; wie sich nun herausstellt, wurde auf Twitter diese Behauptung ebenfalls angezweifelt. Als Antwort erklärte Eaton, dass er das Zitat „aus Platzgründen für die Printausgabe“ gekürzt habe. Hier ist der (inzwischen gelöschte) Tweet:

Was Scruton also tatsächlich gesagt hat (und er hat eindeutig über die Chinesische Kommunistische Partei gesprochen – der Regierungspartei Chinas) war:

“Sie machen aus ihren eigenen Leuten Roboter, indem sie ihnen so viele Beschränkungen auferlegen. So wird jede chinesische Person eine Art Kopie der anderen und das ist sehr beängstigend“.

 Das ist etwas ganz anderes. Was durchaus bemerkt wurde.

„Die gesamte Äußerung Scrutons bezieht sich auf die tyrannische Übergriffigkeit der chinesischen Regierung, die er gemeint hat, als er sagte, dass sie die Chinesen zu Kopien ihrer selbst machen würde. Das einzig ‚Ungeheuerliche‘ an dieser Äußerung ist, wie sie verkürzt worden ist.“
Freddie Sayers (@freddiesaysers) auf Twitter 10. April 2019

Während also Eaton behauptet, Scruton spräche vom gesamten chinesischen Volk, ist das Zitat (das er kürzte, damit es in die Printausgabe passt – oder in sein nachlässiges journalistisches Narrativ) eine Äußerung, über die man zumindest streiten kann, die meiner Meinung nach aber zutreffend und offensichtlich wahr ist.

Jedenfalls hatte diese journalistische Unehrlichkeit den erwünschten Effekt. Innerhalb von vier Stunden nachdem Eaton seine falschen Zitate getweetet hatte, enthob der Minister für Bauwesen, James Brokenshire, Großbritanniens prominentesten lebenden Philosophen mit sofortiger Wirkung seines Amtes als Vorsitzenden der Kommission Building Better Building Beautiful. Der Rausschmiss aus dieser unbezahlten Beratertätigkeit wurde mit seinen „inakzeptablen Kommentaren“ begründet.

Der Statesman beschloss, sich für Scrutons Rausschmiss hochleben zu lassen und legte in diesem Zusammenhang noch einmal eins drauf.

Hier ist zu lesen, was Patrick Maguire vom Statesman online dazu schrieb:

Der Philosoph Roger Scruton wurde wegen seiner Äußerungen über den ungarischen Philanthropen George Soros, das chinesische Volk und die Muslime, die er in einem Interview mit dem New Statesman gemacht hatte, aus seiner Position als Bauwesen-Bonze der Regierung rausgeschmissen.

Folgt daraus, dass Kritik an der chinesischen kommunistischen Partei mit Kritik am „chinesischen Volk“ gleichzusetzen ist? Und Kritik an der Muslimbruderschaft gleichbedeutend ist mit einem Kommentar über „Muslime“ im Allgemeinen? Ich frage mich, ob das die journalistischen Standards sind, die beim Statesman neuerdings gelten? Nun, vielleicht. Vielleicht kann man heute ja Zitate umformulieren, aus dem Zusammenhang reißen und anschließend Kollegen übergeben, damit diese sie skandalisieren und das ist dann in Ordnung so? Das ist allerdings nicht meine Auffassung. Und auch nicht meine Sache.

Was ich allerdings schon als meine Sache betrachte, genauso wie manch anderer eher konservativer Wähler (und Wähler der Konservativen) ist das ungeheuerliche Verhalten James Brokenshires und der konservativen Regierung.

Einige Leser werden sich vielleicht an den Widerstand der Labour Party gegen die Ernennung Scrutons zum Vorsitzenden der Baukommission erinnern. Damals sagte ein gewisser Abgeordneter namens Andrew Gwynne sogar, dass „niemand, der die Ansichten Scrutons teile, einen Platz in der modernen Demokratie habe“. Was wohl bedeutet, dass jeder, der in Zukunft etwas über Kant, Hegel oder Spinoza lernen will, mit den Erkenntnissen besagten Andrew Gwynnes vorlieb nehmen muss. Doch so richtig fassungslos war ich – und ich bin es nach wie vor – über die schiere Dummheit und Feigheit dieser konservativen Regierung.

Nach den Angriffen der Labour-Partei auf Scruton hatten mich verschiedene Freunde wissen lassen, wie sehr sie Brokenshire dafür bewunderten, dass er bezüglich dessen Ernennung stark geblieben sei. Als sei die Berufung von Englands berühmtesten Philosophen in eine unbezahlte kleine Beraterrolle gleichbedeutend mit dem Widerstand gegen die Besetzung Norwegens im 2. Weltkrieg. Ich sagte zu diesen Freunden – und ich sage es jetzt noch einmal  – das man an dieser Einstellung die ganze Verkommenheit der modernen konservativen Partei erkennen könne.

Wir werden im Vereinigten Königreich nun seit neun Jahren von einer konservativen Mehrheit regiert und die Berufung Scrutons auf einen unbezahlten Posten war ungefähr die einzige erkennbar konservative Einsetzung, die diese Regierung in dieser Zeit hinbekommen hat. Im Gegensatz dazu: Als Labour zum letzten Mal an der Macht war, haben sie ihre Zeit sehr gut genutzt und so ziemlich jeden öffentlichen Posten mit ihresgleichen besetzt.

Sogar heute ist es nicht unwahrscheinlich, als Verantwortlichen irgendeiner Institution, die mit der Regierung zu tun hat, den anzutreffen, der vor 20 Jahren die Pressemeldungen für Tony Blair schrieb. Und was haben die Konservativen in neun Jahren erreicht? Nichts. Oder fast nichts. Sie hauen sich aber gegenseitig auf die Schulter für ihr Heldentum bei einer einzigen erfolgreichen Ernennung. Um dann – wie Brokenshire jetzt gezeigt hat –zurückzuweichen und zurückzurudern, wenn ein linksgerichtetes Magazin Falschzitate in die sozialen Medien pumpt.

Es gibt viele Gründe, die moderne Konservative Partei zu verachten. Ich persönlich sehe nach dem Fiasko, dass sie mit dem Brexit angerichtet hat, keinen Grund mehr, sie jemals wieder zu wählen. Und nun auch das noch!  Nach neun Jahren haben wir kleine Minister wie Brokenshire, der Leute nur auf der Grundlage von auf Twitter veröffentlichter, partieller Falschzitate rausschmeißt? Zum Teufel mit ihnen!


Dieser Beitrag von Douglas Murray erschien zuerst am 10. April 2019 in The Spectator. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zur Übernahme.


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Kommentare ( 48 )

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Mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes Luegenpresse wird immer noch viel zu zaghaft und zivilisiert umgegangen.
Es ist eine Schande das dieser Job an Leuten wie Tommy Robinson (PANODRAMA) oder Avi Yemini (siehe das verfaelschte Interview by Jim Jefferies) haengenbleibt.

Wuerden serioese Magazine wie TE hier mal lauter den Finger in die Wunde legen kaeme man auch etwas schneller vom Fleck.

Ich bin sicher, dass der Roger Scruton, der uns in einem BBC – Video

„Why Beauty Matters“
https://vimeo.com/128428182

von berückender Schönheit (!) schon lange vor dieser jämmerlichen Episode den rasanten Abwärts-Trend dieser Gesellschaft beschrieben hat, auch hier über den Dingen stehen wird!
Die Dorfmusikanten entlassen Beethoven, die Freunde der Töpferkunst beschließen den Ausschluss von Michelangelo..
Deutlicher können die Konservativen ihr Armutszeugnis nicht ausdrücken.
Ich freue mich, dass dieser große Philosoph seine Zeit jetzt wieder wichtigeren Dingen widmen kann!

Zum verzweifeln ist allerdings, daß die konservativen Rechten es nicht fertigbringen, sich endlich aus der Rolle des Ambosses zu befreien. Erst wenn sie sich bequemen, ebenfalls den Part des Hammers zu übernehmen, endlich den längst fälligen Rollentausch vollziehen, könnte sich auf dem europäischen Kontinent und hierzulande wieder so etwas wie gesellschaftliche und politische Normalität einstellen. Vornehme Zurückhaltung hingegen ist das Gift, das das Land und den Kontinent zugrunde gehen läßt.

Nicht zu vergessen die Athener, die Sokrates zum Tode verurteilten, weil er angeblich die Jugend verführt und verdorben hatte.

Roger Scruton ist Florett – Paul Joseph Watson ist der Vorschlaghammer.
Die Kritik bleibt gleich: https://www.youtube.com/watch?v=Ea39dHj01yc

Scruton ist ein Stachel im Fleisch der Linken, die ihn wirklich hassen. Dass seine Ideale eine politische Partei zur stärksten im Lande machen können, hat gerade sein Schüler Thierry Baudet in den Niederlanden vorgemacht.

Konservativ? So wie die CDU?

Aber warum muss sich denn ein Mitglied einer Regierungskommission negativ über die innerchinesischen Angelegenheiten äußern. Dafür wurde er richtigerweise rausgeschmissen. Das ist stümperhaft.

Wollten Sie hier einen Witz machen und beömmeln sich über die Negativ-Daumen?

Ich kann nur hoffen ,dass Trump uns noch lange erhalten bleibt.
Der ganze Mist mit political-correctness und gender-. bullshit kam von der Linken in den USA.
Trump ist in der westlichen Welt die einzige Hoffnung.

Er ist leider ein ‚alter weißer Mann‘. dessen machtpolitisches Leben verfassungsrechtlich begrenzt ist. Die Sorte Mäuse a la Clinton, Obama und Konsorten haben einen langen Atem.

Die Verwendung des Begriffs „konservativ“ mit Blick auf Parteien, die aus historischer Sicht als konservativ einzuordnen sind, ist zu hinterfragen. Jedenfalls für Schland gilt, dass die im historischen Kontext als konservativ zu bezeichnenden Parteien, sich in letzter Zeit zu linksgrün progressiven, mithin sozialistischen Parteien, gewandelt haben. Das scheint im Vereinigten Königreich nicht anders zu sein. Das Herumgeeiere in Sachen Brexit ist dafür genauso ein Indiz, wie das politisch korrekte Fallenlassen von Scruton.

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Wer heute in England oder Deutschland in Regierungsverantwortung steht und behauptet er sei ein konservativer, sagt schlicht die Unwahrheit und ist ein Betrüger.

Solche „Brokenshires“ – vorgeblich „konservative“, aber in Wahrheit rückgratlose Maulhelden – haben wir auch in Deutschland inzwischen zur Genüge in Parlament und Regierung sitzen/kleben. (allen voran Binnen-Horst ‚Brokenshire‘ von der CSU, der sich erst scheinbar für ehrliche Leute wie Maassen stark macht, nur um dann vor den grünen Sozis und den Emporkömmlingen in der eigenen Partei einzuknicken.

Apropos „Broken Shire“: Nomen est omen. Auenland ist abgebrannt – auch in Deutschland

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!
Wer ist mit dabei? Die Grüne Partei!
Der „Widerstand“ der Union? Ein Hohn!

‚Heimat deine Sterne Horst‘ sollten Sie nicht mehr kritisieren. Der hat in seiner ganzen politischen Karriere niemals etwas Konstruktives auf die Reihe gebracht. Und wenn das
>45 Jahre lang nicht aufgefallen ist, dann spricht das weniger gegen ihn als gegen uns.

Das alte Problem der Konservativen: Geschliffen, selbstdiszipliniert und vornehm zieht man gegenüber der prollig-radikalen Penetranz des linken Lagers natürlich immer den Kürzeren.
Bis es dann mal richtig knallt. Da zahlen sich Schliff und Disziplin dann aus.