Das Grüne Dogma hinter dem Fall von Sri Lanka

Die Befürworter der ökologischen Landwirtschaft sagten, sie wollten das Beste für die 22 Millionen Einwohner des Inselstaates vor der Küste Indiens. Was ging schief? Ein Beitrag von Michael Shellenberger

IMAGO/NurPhoto

Sri Lanka ist gefallen. Demonstranten drangen in die offiziellen Residenzen des Premierministers und des Präsidenten Sri Lankas ein, die sich in Todesangst an unbekannte Orte geflüchtet haben. Der unmittelbare Grund dafür ist, dass das Land bankrott ist und die schlimmste Finanzkrise seit Jahrzehnten erlebt. Millionen von Menschen haben Mühe, Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff zu kaufen. Energieknappheit und Inflation sind die Hauptursachen für die Krise. Im Juni lag die Inflation in Sri Lanka bei über 50%. Die Lebensmittelpreise stiegen um 80%. Und eine halbe Million Menschen sind im letzten Jahr in die Armut gestürzt.

Lebensmittelkrise trifft Öko-Landbau
Das Ende westlichen Wunschdenkens in Sri Lanka
Der eigentliche Grund für den Niedergang Sri Lankas ist jedoch, dass seine Anführer in den Bann westlicher grüner Eliten gerieten, die mit ökologischer Landwirtschaft und „ESG“ hausieren gehen, was sich auf Investitionen bezieht, die nach angeblich höheren Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien getätigt werden. Sri Lanka hat einen nahezu perfekten ESG-Score (98), der höher ist als der von Schweden (96) oder den Vereinigten Staaten (51).

Natürlich gab es noch andere Faktoren, die zu Sri Lankas Absturz führten. Abriegelungen und ein Bombenanschlag im Jahr 2019 schadeten dem Tourismus, einem Wirtschaftszweig mit einem Umsatz von drei bis fünf Milliarden Dollar pro Jahr. Die Führung Sri Lankas bestand darauf, China für verschiedene Infrastrukturprojekte im Rahmen des „Belt and Road“-Projekts zu bezahlen, während andere Länder sich weigerten, dies zu tun. Sri Lanka hat eine enorme Auslandsverschuldung angehäuft. Das Wachstum war seit 2012 rückläufig. Und die höheren Ölpreise führten dazu, dass die Transportpreise seit Mai um 128% gestiegen sind.

Das größte und wichtigste Problem, das den Niedergang Sri Lankas verursachte, war jedoch das Verbot von chemischen Düngemitteln im April 2021. Viele andere Entwicklungsländer hatten mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen, einschließlich der hohen Auslandsverschuldung, sind aber nicht zusammengebrochen. Indonesien hatte unter terroristischen Bombenanschlägen zu leiden, die dem Tourismus schadeten, konnte sich aber wieder erholen, und in Sri Lanka erholte sich der Tourismus seit letztem Jahr. Und während das Wirtschaftswachstum nach 2012 zurückging, blieb es nach astronomischen Spitzenwerten von 8 und 9% bis 2020 bei über 3 und 4%.

Am Wochenende
Proteste weltweit gegen die Willkür der Regierenden und den künstlich erzeugten Mangel
Die Zahlen sind schockierend. Ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen Sri Lankas lag 2021 aufgrund des Düngemittelverbots brach. Über 90% der Landwirte Sri Lankas hatten vor dem Verbot chemische Düngemittel verwendet. Nach dem Verbot mussten beträchtliche 85% Ernteeinbußen hinnehmen. Die Zahlen sind schockierend. Nach dem Düngemittelverbot ging die Reisproduktion um 20% zurück, und die Preise stiegen in nur sechs Monaten um 50 Prozent an. Sri Lanka musste Reis im Wert von 450 Millionen Dollar importieren, obwohl es sich nur wenige Monate zuvor selbst mit diesem Getreide versorgen konnte. Die Preise für Karotten und Tomaten stiegen um das Fünffache. Zwar gibt es in Sri Lanka 2 Millionen Landwirte, doch sind 70 Prozent der 22 Millionen Einwohner des Landes direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig.

Für die Kleinbauern war die Lage noch schlimmer. In der Region Rajanganaya, wo die meisten Landwirte nur einen Hektar bewirtschaften, berichteten Familien über 50 bis 60% geringere Ernteerträge. „Vor dem Verbot war dies einer der größten Märkte des Landes mit Tonnen von Reis und Gemüse“, sagte ein Landwirt Anfang des Jahres. „Aber nach dem Verbot gab es fast keine mehr. Wenn man mit den Reismühlen spricht, haben sie keine Vorräte mehr, weil die Ernte der Menschen so stark zurückgegangen ist. Das Einkommen der gesamten Gemeinschaft ist auf ein extrem niedriges Niveau gesunken.

Kein Sprit, kein Brot, kein Frieden
Sri Lanka: Vorgeschmack auf globale Verwerfungen
Aber die Schäden am Tee waren der Schlüssel zum finanziellen Scheitern Sri Lankas. Mit der Teeproduktion wurden jährlich 1,3 Milliarden Dollar an Exporten erwirtschaftet. Vor 2021 deckten die Teeausfuhren 71% der Lebensmittelimporte des Landes ab. Dann brachen die Teeproduktion und die Exporte zwischen November 2021 und Februar 2022 um 18% ein und erreichten den niedrigsten Stand seit 23 Jahren. Das verheerende Düngemittelverbot der Regierung zerstörte somit die Fähigkeit Sri Lankas, Lebensmittel und Treibstoff zu bezahlen und seine Schulden zu bedienen.

Die Krise beschleunigte sich von diesem Moment an. Ende August 2021 verhängte Präsident Gotabaya Rajapaksa den Ausnahmezustand und versuchte zwei Monate später, den Kurs zu ändern. Doch es war zu spät. „Wir haben nicht genug chemischen Dünger“, sagte Rajapaksa, „weil wir ihn nicht importiert haben. Es herrscht ein Mangel.“ Im Mai 2022 versäumte Sri Lanka die Rückzahlung seiner Auslandsschulden in Höhe von 77 Millionen Dollar. Das scheint ein kleiner Betrag zu sein, aber der Zahlungsausfall machte es Sri Lanka schwer, Geld zu leihen, und so wertete es seine Währung ab, die Inflation stieg um 30%, und der Regierung ging das Geld aus, das sie für die Einfuhr von Treibstoff, Lebensmitteln und Medikamenten benötigte.

Was genau haben sich Rajapaksa und andere Politiker Sri Lankas dabei gedacht? Warum haben sie sich auf ein solch radikales Experiment eingelassen?


Dieser Beitrag ist zuerst bei Michael Shellenberger erschienen


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Kommentare ( 30 )

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Waehler 21
20 Tage her

Ich frage mich wie die Leute/Menschen vor den chemischen Düngemitteln gelebt haben. Deshalb glaube ich, dass Ihre These diskutiert werden sollte. Jedenfalls ist die Bevölkerungsdichte nicht signifikant gestiegen. 

Albert Pflueger
21 Tage her

Gibt es keine Hinweise darauf, wer auf welche Weise von der Katastrophe profitiert hat? Ich vermute, daß Fördergelder aus Wokistan an die Regierenden geflossen sind, damit diese das „Gute“ voranbringen. Eine Auftragsarbeit, gewissermaßen.

egal1966
22 Tage her

Nun, zur Beantwortung der Frage sollte man vielleicht mal einen Blick auf die Bankkonten der involvierten Politiker werfen und woher das Geld kam…. Ich kann mir kaum vorstellen, daß eine solche „Transformation“ nicht ohne einen gewissen Fluss von „Überzeugungshilfen“ passierte. Als man dann das Ausmaß sehen und spüren konnte, war es schon zu spät… Gerade nun, wo aufgrund der unsäglichen Sanktionen gegen Russland und Weißrussland chemischer Dünger quasi ein wertvolles und teures Produkt geworden ist, ist auch aufgrund des Staatsbankrott keine Änderung für Ceylon in Sicht. Man muss sich aber auch fragen, wo denn die Opposition und die Landwirte waren,… Mehr

Friedrich Wilhelm
24 Tage her

Im Versuch, die abschließenden zwei Fragen in gebotener Kürze zu beantworten:
Im allgemeinen: Vom Westen lernen, heißt die Devastation wählen
Im besonderen: Von Deutschland des 21. Jahrhunderts lernen, heißt den Selbstmord wählen.
Historisch wird Deutschland der Welt ein mahnendes Negativbeispiel hinterlassen.

Iso
24 Tage her

Diese Menschen haben tausende Jahre mit der Natur im Einklang gelebt und kannten keine Krise. Das Problem ist die Verwestlichung ihrer Kultur, die dann zur Bevölkerungsexplosion und Landflucht führt.

Albert Pflueger
21 Tage her
Antworten an  Iso

Das Problem ist eher das Bevölkerungswachstum, das nichts mit Verwestlichung zu tun hat, es sei denn, Sie meinen damit die Verbesserung der medizinischen Versorgung. Wenn ich lese, daß ein Bauer gerade einmal einen Hektar Land bewirtschaftet, dann weiß ich, daß es sich um eine ganze Bauernfamilie handelt, die daran hängt, mit mehreren Kindern, die aber als Nachfolgegeneration nicht alle von diesem einen Hektar ihre Familien ernähren können. In einer solchen Situation, wo intensivste, quasi gärtnerische Landbearbeitung allerhöchste Flächenerträge hervorbringt, die Düngemittel zu streichen und obendrein Flächen stillzulegen, das kann sich eigentlich nur ein Vollidiot ausdenken, oder unsere Klimaretter, was auf… Mehr

horrex
25 Tage her

Lyssenko lässt grüßen!!!
Das Prinzip: Ideologie vor Vernunft/Ratio/Wissen!

Sonny
25 Tage her

Genau so wird es früher oder später jedem Land ergehen, dem die grünen Vollidioten vorstehen.
Deutschland ist das nächste Land, dass den totalen Niedergang erleben wird. Die Lernfähigkeit aus Fehlern ist hier gänzlich abgeschafft worden.
Ob die Deutschen allerdings so mutig sein werden, wie die Bewohner Sri Lankas, nämlich die Verbrecher zum Teufel zu schicken, wage ich zu bezweifeln. Das setzt nämlich eine gewisse Intelligenz, und vor allem anderen Mut, voraus.

Slawek
26 Tage her

Ich finde solche „Beratungsleistungen“ in armen Ländern, sollten strafbar sein, sobald sie eine Krise herbeiführen. Auch wenn die Straftat in dem Fall gar nicht erst im Westen zustande kam. Es ist ja eine Straftat gegen Menschlichkeit wie bei Kriegsverbrechen.

Und auf jeden Fall sollten Ermittlungen stattfinden, wer davon profitiert hat. Da sollte es so etwas wie in ökonomisches Den Haag geben.

Duke_van_Hudde
26 Tage her

Man würde zu gerne wissen wer hinter diesen Wahnsinn gestanden hat. Mir kommen Gedanken an den großen Sprung in China. Der Ökolandbau erzielt wie bekannt ist geringere Erträge und die sind dazu noch stark unterschiedlich je nach Kultur. Will man von einer konventionellen intensiven Landwirtschaft auf Ökolandwirtschaft umstellen braucht es aber vor allen massiv an Wissen. Es gibt eine ganze Menge an „Tricks“ die man im Ökolandbau einsetzen muss, damit die Erträge nicht zu stark sinken. Ich bezweifel stark das man den 2 Mio Landwirten vorher genau dieses Wissen beigebracht hat. Danach kommt der wirklich Hammer. In den ersten zwei… Mehr

Krabat
26 Tage her

Ein Blick nach Sri Lanka ist ein Blick in Europas Zukunft.Hier ist eine ebenso verquere,realitätsferne Politikerkaste am Ruder,die ohne Rücksicht auf Verluste weitermachen wird,bis sie ebenfalls vom Volkszorn weggefegt wird.