Arabisch für Anfänger oder Was Sie bisher über die arabische Sprache nicht zu wissen brauchten

Für Arabischlernende gilt: die ersten zehn Jahre nur mit Wörterbuch, die nächsten zehn Jahre nie ohne. Barbara Köster erklärt es uns und auch dem Hamburger Professor, der Arabisch als Pflichtfach in unseren Schulen will.

Bismillah

Der Professor kommt zu spät und entschuldigt sich. Eine Störung bei der U-Bahn. Angelegentlich nimmt das Auditorium zur Kenntnis, dass der Professor U-Bahn fährt. Immerhin wohnt er am Ort. Der Professor ist Theologe und hat wie seine Zuhörerschaft ein Faible fürs Exotische. Diesmal ist der Islam an der Reihe. Den Islam zu studieren und die arabische Sprache außer Acht zu lassen, geht nicht zusammen. Arabisch hat den Rang einer heiligen Sprache, weil das heilige Buch des Islams, der Koran, dem Propheten Muhammad von Gott auf Arabisch offenbart worden ist. Doch keine Bange, wenn wir uns nur flugs das arabische Alphabet einprägten, wären wir alle, so wir nur wollten, in der Lage, Koransuren im Original zu lesen. Wir könnten ja dann jedes beliebige Wort im Wörterbuch auffinden und entschlüsseln, sagt der Professor. Zusätzlich zum Wörterbuch benötigten wir noch eine kleine Sprachlehre zum Selbststudium. Der Professor gibt den Titel an. Damit schafft man es in den Sommerferien, wenn man sich etwas konzentriert. So hat er es auch gemacht.

Er beginnt, Girlanden an die Tafel zu zeichnen, von rechts nach links, und sie oben und unten mit Punkten zu versehen. In der Zwischenzeit kann ich einmal meine Sicht der Dinge darlegen. Unter Englisch können sich ja alle etwas vorstellen. Gerade deswegen gewinnt das Französische als Sprache der feinen Leute wieder Terrain. Italienisch spricht man, als ob man in ein weiches Toffee beißt, und Spanisch ersetzt die Zahnspange.

Mit all diesen Sprachen unvergleichbar ist Arabisch.

ihtirâq al-dschild bi-t-taschamus

Bei einem Aufenthalt im August in einer arabischen Stadt, die es heute so nicht mehr gibt, holte ich mir am Hotelpool einen kapitalen Sonnenbrand. In meiner mitteilsamen Art wollte ich dies der Welt verkünden. Ich sah im Wörterbuch nach. Der Sonnenbrand hieß ihtirâq al-dschild bi-t-taschamus. Auf der Stelle beschloss ich, dass der Zustand meiner Haut für sich selbst sprach. Arabisch heilt Plappermäulchen, mitunter dauerhaft.

Der phonetische Reichtum des Arabischen ist immens. Umlaute gibt es zwar in der Schrift nicht (das lange a wird allerdings platt gesprochen, also äh), auch kein p oder z, aber dafür beide englischen th-Formen plus einer bislang nicht für möglich gehaltenen Zugabe. Dass d, t und s nicht einfach nur dasselbe sind wie im Deutschen, sondern zusätzlich in der so genannten emphatischen Ausführung vorkommen, mit gerundeter Zungenwurzel zu artikulieren, ist Stufe eins der Neujustierung der Sprechwerkzeuge. Zungen-r und Rachen-r sind beide obligatorisch zu beherrschen, oft genug in demselben Wort direkt hintereinander, z.B. bei al-maghrib (der Maghreb; gh ist die Umschrift für das Rachen-r, das andere ist das Zungen-r – versuchen Sie’s mal!) Das h gibt es in einer einfachen und einer verschärften Form, wobei erstere einem deutschen Schlund kein Problem bereitet, aber das Hechel-h kann an den Rand der Ohnmacht führen. Es soll, so habe ich irgendwo einmal gelesen, wie ein Feuerstoß aus dem Rachen kommen.

Das phonetische i-Tüpfelchen schließlich ist das cain, ein Kehlkopfpresslaut, das Ergebnis einer inneren Selbststrangulierung. Glücklicherweise ist es in einigen Kreisen verpönt, diesen Laut akkurat auszusprechen. Man begnügt sich dann mit der milderen Form des hamza, einem Kehlkopfverschlusslaut, den auch das Deutsche kennt. Im Wort „beinhalten“ zum Beispiel ist nicht das Halten einer Extremität gemeint, sondern be– ist eine Vorsilbe, der ein neuer Stimmansatz folgt: be’inhalten. Das Deutsche ist berühmt und berüchtigt für diesen Knacklaut, das Arabische ist aber noch viel knackiger. Der Laut tritt sogar am Ende eines Wortes auf, das gibt es im Deutschen nicht.

Der Professor an der Tafel schreibt die Buchstaben, wie sie aussehen, wenn sie am Anfang stehen, in der Mitte, am Schluss des Wortes oder einzeln. Im Arabischen gibt es nur eine Art der Schrift, die verbundene, die aber trotzdem oft unterbricht, weil einige Buchstaben nicht nach links verbunden werden dürfen. Anfänger müssen lernen, Schriftunterbrechungen nicht mit einem Wortende gleichzusetzen. Dies erkennt man nur an der Form des Buchstabens. Satzenden sind auch nicht so einfach zu erkennen, denn das Arabische verzichtet gern auf Satzzeichen, manchmal einschließlich des Punktes. Gutes Zeichen für einen Satzneuanfang sind ein wa oder ein fa, was in altfränkischen Übertragungen als „und“ mitübersetzt wurde. Da im arabischen Satzbau das Verb am Anfang steht, kamen häufig deutsche Fassungen wie „Und es sprach der Wesir…“ zu Stande, die dem Text die angeblich typisch orientalische Breite gaben, die dem Original oft gar nicht entsprach.

Englisch ist grammatisch chaotischer als Arabisch. Trotzdem brauche ich für das Verstehen eines englischen Zeitungstextes mit fünfzig Wörtern nur ein paar Augenblicke. Für den gleichen Text auf Arabisch benötige ich mehrere Stunden. Natürlich unter Zuhilfenahme eines Wörterbuches, denn für Arabischlernende gilt: Die ersten zehn Jahre nur mit Wörterbuch, die nächsten zehn Jahre nie ohne.

Allein die Beherrschung des arabischen Alphabets befähigt noch nicht zur Benutzung eines Wörterbuches, denn die einschlägigen Wörterbücher sind nach Wortstämmen geordnet. Die Grundform ist das Verb, das in der Regel aus drei Radikalen besteht, zum Beispiel k-t-b für „schreiben“, gesprochen kataba. Die Vokabel maktab (Büro) zum Beispiel muss unter dieser Buchstabenkombination gesucht werden und nicht etwa unter dem Anfangsbuchstaben m. Wer ein arabisches Wörterbuch benutzen will, muss also nicht nur die Schrift lesen können, sondern braucht grammatische Grundkenntnisse. Die Vorsilbe ma bezeichnet übrigens fast immer eine Örtlichkeit, so heißt etwa d-r-s (darasa) „lernen“ und madrasa „Schule“; die Vorsilbe mi fast immer ein Werkzeug, so heißt etwa f-t-h (fataha) „öffnen“ und miftâh „Schlüssel“ Diese Regelmäßigkeit ist ein Fest für Grammatikfans. (Bei miftâh das h am Ende kräftig herausschleudern!)

Sogar das Arabische hat seine einfachen Seiten. So gibt es nur drei Fälle mit überschaubaren Deklinationen (anders als Latein). Die Verwendung der Präpositionen ist einleuchtend (ganz im Gegensatz zum Englischen). Ein Artikel reicht für zwei Geschlechter aus (das Deutsche kennt drei für drei.) Es gibt nur zwei selbständige Zeitformen. Das leidige Problem der unregelmäßigen Verben stellt sich (fast) nicht.

Als Ausgleich für diese Annehmlichkeiten weist das Arabische viele verschiedene Pluralformen auf, die man mitlernen muss. Diese unregelmäßigen Plurale (es gibt auch regelmäßige) heißen „gebrochene“, weil die Konsonantenstruktur des Wortes durch neu eingefügte Vokale gleichsam aufgebrochen wird. So heißt der Plural von sûq (Markt) entgegen allen Vermutungen aswâq, der dukkân (Laden) wird in der Mehrzahl zu dukâkîn. Dort ernährt der Beruf (mihna, Pl. mihan) des Kaufmanns (tâdschir, Pl. tudschâr), der mit Früchten (fâkiha, Pl. fawâkih) handelt, seinen Mann (radschul, Pl. ridschâl).

Dies kann aber noch nicht alles sein, was die Sprache so schwierig macht. Ein weiterer Faktor ist das Schriftbild. Alle schwärmerischen Vorstellungen von der dekorativen Kraft der arabischen Schrift fallen sofort in sich zusammen, wenn man zum Entziffern von Zeitungsartikeln gut eine Lupe brauchen könnte. Die Zeichen erweisen sich als wenig bildhaft, im Gegenteil sogar als hochgradig abstrakt. Ganze Wörter mit einem Blick zu erfassen, ist bereits Zeichen für Fortgeschrittenheit. Wer einen Text quer lesen kann, ist absolute Spitze. Die allermeisten kommen nie soweit.

Die Lesbarkeit ist entscheidend erschwert durch die so genannte „defektive Rechtschreibung“. Es gibt drei Vokale im Arabischen: a, i und u. Werden sie nur kurz gesprochen, tauchen sie als selbständige Buchstaben nicht im Schriftbild auf. Sie werden lediglich als dünner Strich über dem dazugehörenden Konsonanten (a) oder darunter (i) oder als Häkchen darüber (u) gekennzeichnet. Der Fall, dass ein Konsonant auch einmal unvokalisiert bleiben soll, wird mit einem winzigen Kreis über dem betreffenden Buchstaben markiert, dem sukûn, zu deutsch: Stille.

Der Koran ist über und über dekoriert mit Vokalzeichen, denn hier kommt es darauf an, die Reinheit und Eindeutigkeit der Sakralsprache Arabisch zu bezeugen. Auch Kinderbücher sind vokalisiert. Überall sonst aber gibt es nur die reinen Buchstaben. Die Kombination ktbt kann bedeuten: katabtu = ich schrieb, oder katabta = du (Mann) schriebst, oder katabti = du (Frau) schriebst, oder aber katabat = sie schrieb. Möglich ist aber auch, dass es passivisch gemeint ist: kutibat = sie (z.B. die Mitteilung) wurde geschrieben. Wer oder was denn nun? Auf den Kontext kommt es an! Arabische Nachrichtensprecher vokalisieren ihre Texte vor der Verlesung, eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Langvokale werden allerdings geschrieben, und ihr Sitz im Wort kann große Bedeutungsunterschiede ausmachen. Die Betonung ist unbedingt zu beachten. Das recht bekannte Wort al-qâcida zum Beispiel (Betonung auf der ersten Silbe, in der Mitte das besagte cain mit Vokalisierung auf i) heißt „Grundlage, Basis, Fundament“; wird dagegen auf der zweiten Silbe betont, (also al-qacîda), so heißt es „die Gefährtin, die Gattin“ (nachzuschlagen bei Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, S. 1045).

Gewöhnlich begegnen wir in den Medien arabischen Wörtern in Umschrift, und diese ist ein Fall für sich. Ein Bekenner des islamischen Glaubens ist unzweifelhaft ein Muslim. Der Prophet heißt Muhammad. Die Schreibweise Moslem und Mohammed ist jedoch genauso gängig. Gerade bei Namen kann man oft den Eindruck gewinnen, es handele sich um verschiedene Personen, während in Wirklichkeit immer ein und dieselbe gemeint ist.

Es gibt ein exakt definiertes Umschriftalphabet, das allerdings nur in der Wissenschaft verwendet wird. Sonst geht es irgendwie nach Gehör. Deshalb wird hisbollah geschrieben, wo es korrekt hizbu ’llâh heißt. Das u wird beim Sprechen zu o verschoben, wenn es auf einen emphatischen Laut trifft, hier auf das gerollte l in allâh. (Nebenbei bemerkt, ist allâh das einzige Wort im Arabischen, wo das l emphatisch gerollt wird, weshalb die westliche etymologische Forschung vermutet, dass es aus dem Syro-Aramäischen stammt, also ein Fremdwort mit christlichen Wurzeln ist. Der Gott der arabischen Christen heißt ebenfalls allâh. Zu behaupten, der Koran enthalte Fremdwörter, tangiert natürlich die dogmenähnliche Lehre von der reinarabischen Koransprache. Der Professor äußert sich dazu nicht.)

Die verwirrende Vielfalt der Umschriften vermittelt den falschen Eindruck von Beliebigkeit und Zufälligkeit der arabischen Phonetik. Dabei sind lediglich die Umschriften beliebig. Das Arabische ist ein Muster an Eindeutigkeit der Zuordnung von Lauten und Zeichen. Gewöhnlich pflegen Deutsche von ihrer Sprache zu behaupten, sie werde geschrieben, wie man sie spricht. Ein klassischer Fall von Betriebsblindheit. Im Arabischen ist ein n ein n und kein m (wie in Senf), und ein f ist immer ein f und niemals ein v (es gibt nicht zwei Buchstaben für denselben Laut).

Der Professor hat das Alphabet durch und sagt wie sein Kollege Higgins: So, jetzt haben Sie es. Das Auditorium ist durch einen Schreibkrampf gelähmt und widerspricht nicht.

Bestimmt ist der Professor (ustâz, Pl. asâtiza) ein Genie. Denn genial muss man schon sein, um in einem Sommer bis zur Koranlektüre zu kommen. Das ist in der Regel so nicht vorgesehen. Araber und Araberinnen reagieren freudig überrascht, wenn sie bei Fremden Kenntnisse ihrer Sprache bemerken, und seien sie noch so gering. Aber die freudige Überraschung kann in Fassungslosigkeit übergehen, wenn jemand die Sprache wirklich perfekt beherrscht. „Normalerweise kann man nicht so gut Arabisch sprechen.“ Diesen Satz, mit fast vorwurfsvoller Betonung, habe ich Arabischlehrer schon sagen hören, aber nur in einem einzigen Fall, obwohl in der Arabistik die Sprachhochbegabten in Clustern vorkommen – für Normalbemittelte wie mich eine Prüfung, glauben Sie nicht, ich wäre über die Episode mit dem Sonnenbrand hinausgekommen.

Es gehört einiges dazu, Arabisch sprechen zu lernen, vor allem in einem normalen Seminar an einer Universität. Manche Menschen sind allerdings in der Lage, Fremdsprachen beim Fernsehen zu erwerben, die lernen sie dann auch an der Universität. Denn im Allgemeinen wird an der Universität eine Sprache nicht gelehrt, sondern lediglich vorgestellt. Immer noch steht Klassisches Arabisch im Vordergrund. Schon lange spricht niemand mehr so. Der Geschichten sind viele, wie Arabistikstudenten sich in Kairo einen Kaffee bestellten und damit ungläubiges Erstaunen oder brüllendes Gelächter auslösten. Da wurde die ganze Nachbarschaft zusammengetrommelt: „Kommt alle her und hört, wie schön er spricht!“ Dem Risiko, solche Erfahrungen zu machen, setzt sich nur aus, wer in ein arabisches Land reist. Und so kam es in früheren, aber nicht allzu fernen Zeiten vor, dass ein Ordinarius für Orientalistik gar nicht gewahr wurde, welche Kluft zwischen seinem Arabisch und dem der Arabophonen bestand, denn er weigerte sich strikt, die Länder seiner Studien zu besuchen. „Der Orient ist nur im Seminar schön,“ lautete der Wahlspruch dieser Spezies Gelehrter. Folglich hielt er seine Arabischkenntnisse nur für besser als die der Muttersprachler, und wer von seinen Kollegen wirklich gut sprechen konnte, war ein „Papagei“.

Inzwischen kann sich, wer Hochschullehrer werden will, diese Haltung nicht mehr leisten. Modernes Standardhocharabisch und am besten noch ein Dialekt (z.B. Ägyptisch oder Syrisch) müssen heute gesprochen werden. Wo man’s lernt? Wie gesagt: Wenn man es überall lernen kann, dann sogar auch nur an der Universität. Aber meistens sind längere Aufenthalte in arabischen Ländern nötig. Der Professor war mit seiner kleinen Sprachlehre nur auf dem Balkon und ist jetzt sichtlich abgespannt. Arabisch zehrt. Er beendet die Stunde mit Entschuldigungen. Wer kein Interesse an der Sprache hat, hätte ja weghören können. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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