Abadan – wenn im Iran der Einsturz eines Gebäudes zum Sinnbild eines maroden Regimes wird

Abadan heißt jene iranische Stadt am Zugang zum Persischen Golf, die als Zentrum der iranischen Erdölindustrie für den Wohlstand der Iraner stand – unmittelbar und fast schon in Sichtweite zum irakischen Basra und Kuwait. Heute ist Abadan eine in Armut und Elend versinkende Stadt. Von Mohsen Banaie

IMAGO / ZUMA Wire
Bergungsarbeiten nach dem Einsturz eines zehnstöckigen Gebäudes am 26. Mai 2022 in der Stadt Abadan in der Provinz Khuzestan im Süden des Iran

Abadan bedeutet sinngemäß „der aufblühende Ort“ und beschreibt eine Ansiedlung, die vor Wohlstand, Fortschritt und Glückseligkeit strahlen soll. Abadan heißt jene iranische Stadt am Zugang zum Persischen Golf, die als Zentrum der iranischen Erdölindustrie für den Wohlstand der Iraner stand – unmittelbar und fast schon in Sichtweite zum irakischen Basra und Kuwait. Heute ist Abadan eine in Armut und Elend versinkende Stadt. Heute besser Nabudan, die Vernichtete, genannt, steht sie für den traurigen Höhepunkt einer 42-jährigen Tyrannei und als Sinnbild ihrer Korruption und Unfähigkeit. Vor wenigen Tagen fand all dieses seinen Ausdruck im Einsturz eines zehnstöckigen Gebäudes. Er stürzte die Stadt in Wut und Trauer – und Aufstand.

Europas Illusionen und die iranische Wirklichkeit

Um zu verstehen, was dieser Einsturz eines Hochhauses in einer einstmals aufblühenden Stadt mit dem iranischen Freiheitskampf zu tun hat, müssen wir fünf Jahre zurück in die Vergangenheit gehen. Als der im Westen als „Liberaler“ gefeierte Hassan Rohani am 20. Mai 2017 unter dem überbordenden Jubel der selbsternannten „Reformisten“ wiedergewählt wurde, war die Euphorie selbst in den europäischen Medien groß. Noch immer waren ihm die selbsternannten Iran-Experten und Analytiker wohl gesonnen, obgleich bereits ein Jahr nach seiner Erstwahl im Jahr 2013 Stimmen laut geworden waren, die das Ausbleiben der von ihm versprochenen „Reformen“ beklagten und wonach die Machtverhältnisse im Iran auch jedem ehrlichen Reformer alle Möglichkeiten verbaut hätten. Doch der „liberale Rohani“ war im Westen weiterhin Hoffnungsträger. Er sollte in die festgefahrenen Atom-Gespräche Bewegung bringen, die reaktionäre Erstarrung der Mullah-Diktatur lösen, dem Volk ein wenig mehr der ersehnten Freiheit schenken.

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Das iranische Volk jedoch sah das Ganze aus einer gänzlich anderen Perspektive. Zwar hatte Rohani als das kleinste der Übel noch einmal eine Mehrheit bekommen, doch die Erwartungen waren auf ein Minimum geschrumpft. Dann verwüstete im November 2017 ein Erdbeben mehrere Regionen im Westen des Iran. Es kostete sechshundert Iraner das Leben und weitere Zehntausend ihr gesamtes Hab und Gut, ihr Obdach.

In den sozialen Medien verbreitete sich eine Nachricht wie ein Lauffeuer. Der Gouverneur der betroffenen Provinz hatte damals in einem Telefonat mit dem Chef des Katastrophenschutzes um sofortige Hilfe für die Betroffenen gebeten. Die Antwort soll gelautet haben: „Wir sind auf der Geburtstagsfeier des Präsidenten, ich werde mich morgen darum kümmern.“

Was daraufhin geschah, war der Beginn einer neuen Epoche in der Beziehung des iranischen Volkes zum herrschenden Klerus. Hofften bis zu diesem Eklat viele Iraner noch, sie könnten durch die Wahl weniger schlechter Politiker, welche „wollten, aber nicht konnten“, einen langen und mühseligen Weg der Reformen beschreiten, mussten jetzt selbst die Optimisten einsehen, dass dieses Regime in Bezug auf sein eigenes Volk „weder kann noch will“. Die Hoffnungen flohen dahin wie der Staub der Persischen Wüste.

Aufstände im Dezember 2017

Die Reaktion ließ nicht lang auf sich warten. Im Dezember 2017 gingen mehrere hunderttausend Iraner in mehr als 50 Städten auf die Straßen, um gegen die massive Korruption der herrschenden Mullahs und die daraus resultierende Armut zu protestieren. Zum ersten Mal seit der Revolution sehnte sich ein lautstarker Teil des Volkes sogar nach der Pahlavi-Ära zurück: „Reza Schah! Ruhe in Frieden!“, skandierten sie bei dieser Welle des Protestes.

Der Aufruhr sorgte für massive Verwirrung: Die erprobte und professionell arbeitende Propagandamaschinerie des islamischen Regimes sah ihre Felle davonschwimmen. Die sogenannten „Konservativen“ bis hinein in die Opposition konnten es nicht fassen und waren erzürnt, dass vierzig Jahre nach „ihrer“ erfolgreichen Revolution das Vermächtnis der Pahlavi gegenwärtiger war als jemals zuvor.

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Reza Schah gilt als Gründer der Dynastie der Pahlavi und ist bis heute bekannt für seinen kompromisslosen Umgang mit den schiitischen Mullahs. Unter ihm wurde der reaktionäre schiitische Klerus, der das Volk gegen alle Modernisierungsmaßnamen des Staates, selbst gegen Impfungen zur Ausrottung von Krankheiten, aufhetzte, kompromisslos in die Schranken gewiesen. Ohne seine eiserne Faust gegen die Geistlichkeit hätte der aus den Ruinen des Ersten Weltkrieges auferstandene Iran heute weder eine allgemeine Schulpflicht noch flächendeckende Gesundheitsvorsorge; weder ein leistungsfähiges Straßen- und Eisenbahnsystem noch Elektrizität; weder das Bildungsrecht für Mädchen und Frauen noch zahlreiche andere, in den modernen Gesellschaften als Selbstverständlichkeit empfundene Neuerungen.

Es mag schwer vorstellbar sein, doch der in seiner wortgetreuen Interpretation des Koran verharrende, schiitische Klerus stand und steht expressiv gegen alle Errungenschaften der modernen und aufgeklärten Welt. Für die antiwestlichen und antijudäischen Ayatollahs waren und sind all diese Errungenschaften nichts anderes als „von den gottlosen Europäern unter dem Einfluß der nach der Weltherrschaft trachtenden Juden zur Vernichtung der islamischen Zivilisation entwickelte Erfindungen“.

Jene Protestierenden, die sich der Pahlavi erinnerten, schienen sich des iranischen Aufbruchs in eine moderne Zukunft bewusst zu sein. Größter Widersacher jeglicher Reformen und Hemmschuh der Modernisierungen sind in der iranischen Geschichte bis heute die reaktionären Mullahs. „Reza Schah! Ruhat schad!“ ist insofern nichts anderes als der Tribut an einen Kaiser und dessen Administration, welche die eigentlichen Feinde des Landes bereits vor hundert Jahren zutreffend erkannt hatten.

Die Protestwelle dauerte bis Anfang Januar 2018 an. Dann war sie vom Mullah-Regime unter dem angeblichen Reformer Rohani mit brutalsten Mitteln niedergeschlagen worden. Doch seitdem verkürzen sich die Intervalle zwischen den Aufständen, während der Atem des iranischen Volkes gegen das Mullahregime zunehmend länger wird.

Inflation und Preisexplosion befeuern im Mai 2022 die Proteste

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40 Prozent Inflation, der Wegfall der staatlichen Subventionen auf Getreide mit der Folge einer Verneunfachung des Weizenpreises und der mit den Händen zu greifende Niedergang der iranischen Wirtschaft mit aktuellen Teuerungsraten auf Grundnahrungsmittel und Energie von bis zu 300 Prozent, hatten bereits Mitte Mai nachhaltige Proteste veranlasst. Das trifft nicht mehr nur die Unterschicht, sondern den Mittelstand und die gebildeten Kreise des Landes. Selbst die handverlesenen Abgeordneten des Parlaments ahnen, was auf sie zukommt, fordern staatliche Maßnahmen, um die Teuerung nicht beim Volk ankommen zu lassen.

Doch der Mullahstaat ist blank. So setzt er wie gewohnt auf brutale Unterdrückung der Proteste, schreckt dabei auch vor dem tödlichen Einsatz von Schusswaffen nicht zurück. Die Propaganda findet den Schuldigen im Überfall auf die Ukraine – nicht aber in Russland, mit welchem der Iran in Syrien und Irak eng zusammenarbeitet, sondern im ewigen Feind USA und Israel, die die Russen in diesen Krieg gezwungen hätten. In Teheraner Führungskreisen gilt die Moskauer Version des Terrorangriffs.

Als die Mullahs Herr der Lage werden, stürzt ein Neubau zusammen

Kaum schienen die Sicherheitskräfte, die wahllos mit scharfer Kriegsmunition auf die friedlichen Demonstranten schießen, der Lage Herr zu werden, da stürzte nun das Einkaufszentrum in Abadan ein. Mindestens 29 Menschen verloren dabei ihr Leben. Ob und wie viele noch unter den Trümmern liegen, ist ungewiss. Mehr als hundert Familien hoffen derzeit auf Lebenszeichen von Angehörigen, die mit dem Bauprojekt beschäftigt waren.

Als Ursache der Katastrophe gilt Baupfusch, Korruption und Vetternwirtschaft. Doch auch die Verhaftung angeblich Verantwortlicher – darunter der Bürgermeister der Stadt – brachte keine Beruhigung. Die Mullahs schickten statt Rettungskräften und Räumungsfahrzeugen mehrere Hundertschaften ihrer Spezialkräfteeinheiten zwecks Machtdemonstration in die Stadt.

Führerhymne statt Hilfe

Während die Familien um das Leben ihrer Liebsten bangten und um die Verstorbenen trauern, inszenierte der Propagandaapparat mit mehreren Zehntausend gekauften Jubelsöldnern das Debüt einer Jubelhymne zu Ehren des sogenannten „Kommandeurs“. Was andernorts zumeist „Führer“ geheißen wird, soll nun im Iran als Glorifizierung des Ali Chamenei von den Missständen ablenken.

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Diese Hymne der Indoktrination ist geschrieben, um gleich jenen Exzessen unter Stalin und Mao vor allem die Grundschüler auf den rechten Weg zu geleiten. Die „90er Generation“, benannt nach den 1390er Jahren der islamischen Zeitrechnung, den 2010er im Rest der Welt, muss sie bis zu dreimal täglich singen. Wer sich weigert, wird bestraft. Sie glorifiziert die Archaik der islamischen Mullah-Ideologie und bereitet, wie schon im Krieg gegen den Irak des Saddam Hussein, die nächste Generation als Kanonenfutter auf seinen Opfergang für Allah und Schia vor. Gepriesen wird der „heldenhafte Märtyrertod“ der Generation 90 im Vernichtungskampf gegen den Feind – gegen die USA und Medinat Israel, den „Teufeln“, denen alle Schuld daran zugewiesen wird, dass Allahs Himmelreich nicht längst schon in der Glaubensdiktatur der Mullahs allgegenwärtig ist.

Doch aller staatlichen Gewalt und Indoktrination zum Trotz meint das Volk, die eigentlich Schuldigen längst erkannt zu haben. Sein Protest richtet sich gegen das gesamte Regime und zunehmend mehr gezielt gegen das religiöse Oberhaupt, den selbsternannten „Kommandeur“ aller Schiiten, Ali Chamenei. „Tod dem Chamenei!“ ist die am häufigsten zu hörende Parole dieser Tage. Und sie meint längst nicht mehr nur den verkalkten Greis einer archaischen Glaubensideologie, sondern den Islam und dessen Vertreter weltweit.

Die Hoffnung der Iraner auf ein Ende des Terror-Regimes

So hoffen zunehmend mehr Iraner, dass das Ende des islamischen Terror-Regimes Tag für Tag näher rückt. „Die oben können nicht mehr, und die unten wollen nicht mehr“, lautet die Erwartung. Sollte die längst schon begonnene Revolution jener, denen ihre Führung gelehrt hat, den Islam zu hassen, erfolgreich sein, hofft vor allem die Generation der Unter-40-Jährigen auf das Leben in einem laizistischem Staat, in dem die Mullahs in ihren Moscheen verschwinden und nicht länger die Köpfe der Menschen mit vormittelalterlichen Ideologien vergiften.

Die Hoffnung darauf allerdings, dass sie in ihrem Kampf um die Freiheit auch nur ideelle Unterstützung aus den Ländern Europas bekommen könnten, haben sie längst zu Grabe getragen. Dank ihrer vielfältigen Kontakte in die EU haben sie verstanden, dass die naiven Völker der Aufklärung dem radikalen Islam bereitwillig Tür und Tor geöffnet haben.

So verstehen sich vor allem die jungen Revolutionäre des Iran auch ohne Hilfe aus Europa als neue Avantgarde gegen das Diktat archaischer Gottesdoktrinen, für dessen Überwindung sie einst die Europäer gefeiert hatten – und für die heute wieder die Erinnerung an die Pahlavi steht, deren Methoden der Macht zwar auch berechtigte Kritik erfordern, und die dennoch allein schon deshalb, weil sie das Frauenwahlrecht einführten und erfolgreich gegen den Analphabetismus kämpften, jenen, die sich an die Zeit des Schahs noch erinnern können, als human und liberal erscheinen im Vergleich zu dem, was die Mullahs einsetzen, um das eigene Volk unter die Knute der Schia zu zwingen.


Mohsen Banaie, geboren am 22. Mai 1965 in Teheran, musste wegen seiner Opposition zum islamischen Regime 1985 seine Heimat verlassen. Nach einem Medizinstudium in Mainz praktiziert er heute mit eigener Praxis für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie in Köln. Seit 2001 publizierte er – zuerst unter Pseudonym – über 250 zumeist kritische Auseinandersetzungen mit dem iranischen Gottesstaat. Sein erstes deutschsprachiges Buch mit dem Titel „Israel auf Iranisch“ soll in diesem Jahr erscheinen und beschreibt die anfangs von Skepsis getragene Reise des Autors zum angeblichen Todfeind des Irans, aus der sich eine große, kulturelle Liebe zu Israel entwickeln sollte.

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Kommentare ( 5 )

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Ralf Poehling
2 Jahre her

Man muss sich über eins wirklich im klaren sein:
Wenn man das iranische Mullah Regime und seinen Machtapparat über Nacht wegzaubern würde, würde das iranische Volk ihn danach wieder genauso aufbauen? Ich denke nein.

Peter Gramm
2 Jahre her

Solche Unglücke sind immer eine Katastrophe für die betroffenen Menschen. Egal wo sie passieren. Ob in England wo ein Hochhaus in Flammen aufgeht weil der Brandschutz angeblich nicht funktionierte, ob in Amerika wo ein Hochhaus zusammen fällt ohne das ein Flugzeug hinein raste, ob in der Ukraine wo mit Panzer und Artillerie auf Häuser geschossen wird und die trotzdem noch immer stehen bleiben. Es sollte nicht unerwähnt bleiben – Iran leidet seit Jahren unter vom Westen angeordneten Sanktionen. Die politische Kaste ist überall auf der Welt zu aller erst für sich selbst zuständig und dann erst kommt das Volk. Das… Mehr

chris
2 Jahre her

Leider wird auch in diesem Artikel die Spaltung der iranischen Opposition deutlich, indem die Tatsache, dass der Shah auf Betreiben der Briten und Amerikaner durch den Sturz der demokratisch gewählten Mossadegh-Regierung an die Macht kam, schlicht verschwiegen wird. Von den Untaten seines Savak-Geheimdienstes ganz zu schweigen.
Wer heute noch glaubt, dass ein Feudalregime, egal ob religiöser oder säkularer Prägung, eine echte Option darstellt, der hat 300 Jahre Aufklärung verpasst.

Gernoht
2 Jahre her

Und nun suchen wir mal gemeinsam nach Parallelen zu unseren Grünen Klimataliban.

Autour
2 Jahre her

„Wir sind auf der Geburtstagsfeier des Präsidenten, ich werde mich morgen darum kümmern.“ Na soweit sind wir doch auch hier schon! Wo waren denn unsere Politclowns als im Ahrtal die Katastrophe statt fand?! Es wäre interessant zu wissen wie die momentane Bevölkerungspyramide im Iran aussieht… denn eine Erfolgreiche Revolution ist nur mit ausreichend jungen Männern möglich… Aber man sieht am Beispiel des Iran wie gefährlich Bildung für Regime werden kann! Der Iran ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige, muslimisch geprägte Land, in dem Bildung eine gewichtige Rolle spielt. Dies mag wohl noch eine der persischen Vermächtnisse sein. Und… Mehr