Tatort Kölle: Opa kapert das Kinderprogramm

So sieht Verzweiflung aus: ARD kannibalisiert ihre Klassiker. Wie es Armin Maiwald in seiner typischen Moderation der „Sendung mit der Maus“ ausdrücken würde: „die dachten vielleicht, das wäre eine gute Idee ... war es aber nicht …“

Screenprint: ARD / Tatort

Nachdem letztes Wochenende dem in die Jahre gekommenen Münchner Kommissarduo Batic und Leitmayr ein halbwegs würdiger Abgang gelang, harren deren rheinische Pendants Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) in der WDR-Metropole aus und denken offenbar nicht ans Aufhören. Und weil es ja müßig ist, in die Ferne zu schweifen, wenn das Gute doch so nahe liegt, greift sich das Drehbuch von Arne Nolting und Jan Martin Scharf einfach das orangefarbene Nagetier aus der Kölner Nachbarschaft und schraubt es als rotblauen Tapir (Puppenspieler Yassin Meret, dargestellt von Erkan Acar) in eine Kriminalgeschichte.

Wie es Armin Maiwald in seiner typischen Moderation ausdrücken würde: „die dachten vielleicht, das wäre eine gute Idee … war es aber nicht …“ Die Maus hat ja bisher eine politisch motivierte Geiselnahme durch „Campact“-Aktivisten (SWR-Bericht) und einen Brandanschlag durch Unbekannte aushalten müssen, nun folgt noch der zweifelhafte Aufstieg zum zentralen Schauplatz des Sonntagskrimis.

Gut gemeint, heißt nicht gut gemacht

Die Kindersendung „Sachen zum Lachen“ verliert ihren langjährigen Kameramann Stefan „Happy“ Glück (Niels Bormann) auf grausame Weise, er wurde mit einer Bierflasche erschlagen und anschließend im Kofferraum seines Mercedes verbrannt. Obwohl die Ermittlungen die Kommissare kreuz und quer über das Filmgelände führen, fehlen Hinweise darauf, dass es sich hier um öffentlich-rechtliches Fernsehgebiet handelt, nämlich den WDR-Studios in Köln-Bocklemünd.

Vielleicht wollte man dann doch nicht allzu viele Berührungspunkte riskieren, denn das von Frank Anders (Max Giermann) moderierte Kinderprogramm entsteht in einem giftigen Gebräu aus Korruption, Eifersucht, Missgunst und Boshaftigkeit, das auch beim ÖRR nicht unbekannt ist.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Dreck werfen

Videos bringen es an den Tag: Quotenbringer Anders betrügt seine Frau (Caro, gespielt von Silvina Buchbauer) mit seiner Regisseurin Annabelle Mayers (Julia Riedler). Er wurde von dem Ermordeten erpresst, der auch der Ombudsmann des Senders für Diskriminierung war und durch seine Pferdewettsucht Zehntausende verloren hatte. Yassin Meret hatte mit ihm eine gerichtliche Auseinandersetzung wegen Urheberrechten. Mit Yassin und einer ganzen Reihe der minderjährigen Gäste seiner Talentshow (gruselige Assoziationen zum Namen Savile werden wach) sprang der Fernsehstar grob und herablassend um, ein Kind (Paul Conradi, gespielt von Mark Grusinski) ermunterte er zu einem gefährlichen Sprung, bei dem sich der Junge das Bein brach. Entsprechend heuchlerisch reagiert sein Umfeld, als Anders nachts vom Dach eines leerstehenden Kinderheims stürzt und stirbt.

Gespalten: Zeitebenen und Bildschirme

Dem Zuschauer wurde dieses Heim bereits näher gebracht, als es noch in Betrieb war; als Herrschaftsbereich von Kinderpflegerin Inga (Thekla Viloo Fliesberg), die sich um die kleine Marianne (Alexandra Huber) kümmert, die ständig „Sachen und Lachen“ anguckt und sich für den Talentwettbewerb anmelden möchte. Marianne wird von den größeren Heimkindern gemobbt und angegriffen, muss sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren und das zerrissene, von Frank Anders mit Widmung versehene Plakat mühsam wieder zusammenkleben.

Die Lösung des Falls ist nun denkbar nah, Marianne ist heute erwachsen und bei „Sachen und Lachen“ als Praktikantin (Marie Wolters, gespielt von Bineta Hansen) angestellt. Als sie feststellt, das ihr Idol eigentlich ein ganz mieses Stück ist, blendet sie ihn in Notwehr mit Pfefferspray, worauf er von der Dachterrasse stürzt, weil das Geländer fehlte, und niemand den Abgrund ordentlich abgesperrt hatte. Als Marie sich voller Gewissensbisse auch dort hinunterstürzt, wird sie von den Kommissaren im letzten Moment festgehalten.

Für Ballauf und Schenk ein unkomplizierter Fall mit Bezug zu den selbst als Kind konsumierten Sendungen, für den Oldtimerfan gab es einen 80er Cadillac Seville. Der WDR hatte die Gelegenheit, seinen demnächst mangels Auslastung zum Verkauf stehenden „größten Produktionsstandort im Kölner Stadtteil Bocklemünd“ nochmal ins rechte Licht zu rücken.

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