Ein iranischer Tatverdächtiger im Tatort – da muss man gar nicht erst einschalten, um zu wissen, wer auf keinen Fall der Täter ist. Korrupt ist nur die Polizei. Bei der ARD ist man überzeugt: Wer solche Freunde hat, braucht keine Helfer mehr.
SWR/Benoît Linder
Wer erwartet hatte, dass dieser Tatort sich wieder in die Privathöllen von Kommissar Friedemann „Frieder“ Berg (Hans-Jochen Wagner) und die Vaterkomplexe seiner Kollegin Franziska Tobler (Eva Löbau) begibt, wird enttäuscht. Der Ankündigung im Titel, nun ordentlich „innere Angelegenheiten“ ans Licht des Tages zu befördern, kommen Drehbuch (Bernd Lange) und Regie (Robert Thalheim) ausführlich nach.
Nur schießen sie dabei so gehörig über das Ziel hinaus und ballern dazu noch wild in ganz andere Richtungen, so dass die Geschichte Glaubwürdigkeit und Plausibilität verliert.
Da sitze ich ganz ruhig im Club….will gar keinen Stress…
Die iranischstämmigen, goldkettchenbehängten Ramin (Omid Memar) und Reza Taremi (Arash Nayebbandi) chillen mit Ramins Verlobter Shirin Mirsa (Awin Erfany) im Club „THC“ (Abkürzung für Tetrahydrocannabinol, den Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, Anm.). Ramin ist „polizeibekannt“, hat „Neigungen zur Gewalt, eine geringe Impulskontrolle, ist psychotisch“ (Berg zitiert aus den 100 Seiten Akten) und wird verdächtigt, in Drogenhandel und Verteilungskämpfe mit der Rockerbande „Devils“ (hauptsächlich Opas in Lederjacken) verstrickt zu sein. Da stürmt Rockergröße Anton Pogoni (Alexander Radszun) auf den Nichtsahnenden zu und beleidigt seine Verlobte, muss danach kurz austreten. Ramin überlegt eine Minute und läuft ihm hinterher, fängt eine Schlägerei mit ihm an, Shirin („Klopperei wie im Kindergarten“) geht ihrem Ramin nach…
Die glorreichen Sechs?
Die Bereitschaftspolizisten Wolle Heizmann (Andreas Anke), Mahmoud Alma (Mouataz Alshaltouh), Miriam Kvelidze (Anna Bardavelidze), Timo Sumser (Ben Felipe), Jakub Zulawski (Lasse Lehmann) und Pia Schölzel (Caroline Hellwig) werden ins THC gerufen, um Schlimmeres zu verhindern.
Plötzlich liegt Pogoni tot am Boden und Ramin wird beschuldigt, ihn erschlagen zu haben. Während KHK Berg sich an ihm und seiner Anwältin (Simin Nadjafi, gespielt von Proschat Madani) im Verhör abkämpft, belauscht der Tatort ausgiebig die sechs Polizisten, die scheinbar völlig uneins sind, was sie denn in ihren Abschlussbericht über den Vorfall schreiben sollen.
Der Zuschauer soll Zeuge werden, wie ausgebrannt (Timo hat diverse Verfahren am Hals, fährt bekifft Auto), unmotiviert (Jakub ist der Dienst zu belastend), und von der eigenen Herkunft belastet (Mahmout leidet unter den Anfeindungen seiner „Brüder“ in seinem Viertel, die ihn anspucken, weil er Polizist ist), diese Männer und Frauen eigentlich sind. Nun fallen sie einander wie die Wölfe an, weil sie wissen, dass Ramin eigentlich unschuldig ist, sie ihn aber trotzdem als schuldig am Tod von Anton Pogini „hinhängen“ wollen. Warum? Das wissen weder der Zuschauer, noch rücken die sechs mit der Sprache heraus, weil damit die ganze filmische Spannung zusammenbrechen würde.
Lauter Herzchen mit Schmerzchen
Stattdessen wird ausgiebig geflucht, man geht aufeinander los, macht sich gegenseitig Vorwürfe, doch nur scharf auf das regelmäßige Gehalt, die Beförderung oder den Ruhestand zu sein. Der Dienstälteste Heizmann versucht, seine Schützlinge mit einer Kombination aus Drohungen, Bitten und schließlich Erpressung mit einer schlechten Beurteilung auf Linie zu bringen, was ihm aber misslingt. Das Argument „Wir sind die Polizei, die Leute vertrauen uns“ (Pia) verliert offenbar angesichts schrecklicher Karriereaussichten jegliches Gewicht. Heizmann täuscht eine Panne am Einsatzwagen vor, will Spuren und Beweismittel beseitigen. Pia Schölzel will den Dienst quittieren: „Vielleicht gehe ich in die Prävention, Schulungen und so, aber das wollen ja alle“. Bei der Polizei, versichert Heizmann den sechs, „fließe die Scheiße von oben nach unten“.
Mit Anton Pogoni hat keiner Mitleid
Für Ramin hingegen legen gleich mehrere ein gutes Wort ein. Berg, nach einem Plausch Mann zu Mann im Kommissariat, zu Tobler: „also ich glaube, dass er unschuldig ist“. Bruder Reza beschreibt, wie Ramin schon auf der Schule und bei „tausend ähnlichen Fällen“ leiden musste: „In der Schule durfte er kein Englisch lernen, sein Lehrer hat ihm gesagt, er soll erst mal ordentlich Deutsch lernen.“ Die Polizei wolle „Ramin nur fertig machen, wie immer“. Ramin habe sich nach einem Knastaufenthalt geläutert, „sich immer rausgehalten, er hat sich im Griff, baut keine Scheiße mehr, unsere Eltern haben genug gelitten“.
Berg: „Haben sie was getrunken? Anwältin: “Er ist Moslem“
Obwohl seine Anwältin ihm angesichts der wohl bevorstehenden Anklage zur sofortigen Ausreise in den Iran rät, bleibt er. „Was soll ich da, was will ich da – hier ist meine Heimat“. Und auch seine Verlobte hat nur Gutes über ihn zu berichten: Ramin fahre jetzt in Baden-Baden Taxi, gehe auf die Volkshochschule und mache seinen Schulabschluss nach, reiße sich wirklich den Arsch auf.
Da kreißte der Berg und gebar eine Maus
Wen wundert es, dass Franziska Tobler nach diesen Aussagen die Bereitschaftspolizisten nochmal an den Tatort ruft und den Ablauf nachstellt, woraufhin die junge Pia gesteht, den Rocker in Notwehr mit einem Aschenbecher niedergestreckt zu haben.
Warum nun diese doch ganz banale Selbstverteidigung den ganzen Aufwand und Aufstand nötig gemacht hat, weiß nur die ARD. Vielleicht war es, wie Tobler es ausdrückte, um diese „ ganze Macho-Scheiße um den Schutz der Kollegen“ einmal so richtig auszuwälzen.

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