Bei Lanz geht Volker Wissing mit der FDP hart ins Gericht: freundlich im Ton, aber in der Sache tritt er gegen seine ehemaligen Parteifreunde nach. Der Moderator ist dagegen schwach: Wissing kann sich ohne kritische Nachfrage als verantwortungsvoller Staatsmann inszenieren und ins rechte Licht rücken – obwohl er in der FDP bei vielen als Verräter gilt. Von Fabian Kramer
Screenprint: ZDF / Markus Lanz
Die FDP ist heute kein Zünglein an der Waage mehr. Vielmehr befindet sich die Partei von Genscher und Westerwelle in einem Todeskampf. In der Mehrzahl der Landesparlamente ist sie nicht vertreten und im Bundestag sitzt sie auch nicht mehr. Die Partei irrt nach ihrem Ausscheiden aus der Ampelkoalition ziellos durch die politische Landschaft und muss eine Niederlage nach der anderen einstecken.
Nach wie vor hat die FDP ihren inneren Kompass nicht wiederentdeckt. Für Partei-Aussteiger Volker Wissing sollte die Zukunft der FDP aussehen wie ihre Vergangenheit. Geht es nach Wissing, muss die FDP wieder zur Pöstchen-Partei werden, die ihre Inhalte für Ämter opfert. Bei Lanz geht er mit seiner Partei und den ehemaligen Spitzenfunktionären hart ins Gericht. Zwar ist er freundlich im Ton, aber in der Sache tritt er gegen seine ehemaligen Parteifreunde nach. Der Talk an diesem späten Donnerstag ist sehr informativ.
Wissings Auftritt offenbart, wieso die Partei in so schlechtem Zustand ist. Noch heute gibt es in der Partei welche, die Wissings Haltung vertreten. FDP-Politiker wie der ehemalige Bundesminister sehen in erster Linie das Regieren als Ziel ihrer politischen Arbeit und nicht die inhaltliche Profilierung. Ein Schwachpunkt der Sendung ist der Moderator. Lanz konfrontiert Wissing kaum mit Kritik aus der FDP. Wissing kann sich ohne kritische Nachfrage als verantwortungsvoller Staatsmann inszenieren und ins rechte Licht rücken, obwohl er in der FDP bei vielen als Verräter gilt.
Besser schlecht regieren als nicht regieren
Die Ampel war nicht nur für Deutschland eine desaströse Koalition, sondern auch für die Freidemokraten. Mit dem Eintritt in die Ampel hat die FDP ihr politisches Sterben eingeläutet. Vielen in der Partei war dies von Anfang an klar oder ist es jetzt klar geworden. Volker Wissing hingegen ist einer der letzten Fürsprecher der Ampel. „Der Brückenbau ist die vornehmste Aufgabe der Politik“, äußert er pathetisch.
Die FDP hat in der Ampel ihr Programm und ihre Wähler zu einem Großteil aufgegeben. Dafür hat sie am Ende die Quittung bekommen. Wissing selbst müsste eigentlich einsehen, dass das Klammern an Ämter nichts bringt. In Rheinland-Pfalz war die FDP bis zuletzt in der Regierung und hat dort katastrophal abgeschnitten, weil sie sich eben bedingungslos an SPD und Grüne geklammert hat. Für einen Großteil der heutigen FDP ist es klar, dass die FDP keine linke Politik mittragen darf. SPD und Grüne haben längst ihre liberalen Zöpfe abgeschnitten und haben ein autoritäres Staatsverständnis. Eine marktwirtschaftlich orientierte Partei, die Freiheit als oberstes politisches Ziel hochhält, kann sich nicht mit solchen Partnern ins Bett legen, ohne dass es negative Konsequenzen nach sich zieht.
Selbstlos oder selbstgefällig?
Wegen seines Verbleibens in der Ampel musste der selbsternannte „Brückenbauer“ Volker Wissing viele Brücken zu alten Parteifreunden abbauen. Viele in der FDP empfanden das Verhalten des ehemaligen FDP-Vorsitzenden von Rheinland-Pfalz als Verrat. Wissing selbst hält sein Vorgehen für alternativlos. „Ich war immer klar“, sagt er gegenüber Lanz. „Ich habe seit dem Aus der Regierung nicht mehr mit Christian Lindner gesprochen“, berichtet Wissing. Er sei mit sich im Reinen und hege auch keinen Groll gegenüber Lindner, so der ehemalige Verkehrsminister.
Im Nachhinein hätte sich die FDP wohl lieber viel früher aus dem Spiel nehmen müssen. Schon nach dem ersten Jahr in der Ampel war klar, dass die Partei zwischen SPD und Grünen zerrieben wird. Spätestens am Ende des zweiten ergebnislosen Jahres in der Koalition hätte Christian Lindner ganz offensiv den Bruch in der Koalition suchen müssen. Stattdessen verharrte die FDP in der Ampel und versuchte es auf den allerletzten Drücker mit einem missglückten Bruch, der das Image der Partei medial schädigte.
Es ist ein Versäumnis von Lanz, dass er keine andere FDP-Stimme zum Ampel-Aus der FDP in die Debatte mit einfließen lässt. Wissing kann ungestört seine subjektive Sicht auf die Dinge kundtun, ohne dass es kritische Zwischenfragen gibt. Für den Zuseher wird so nicht erkennbar, dass es in der FDP eine ganz andere Sichtweise auf die Entscheidungen gibt. Bei vielen Parteimitgliedern hat sich nämlich der Eindruck verfestigt, dass die Ampel ein Schrecken mit zu spätem Ende war und dass die Partei sich neu ausrichten muss.
Die Zukunft der FDP, falls sie noch eine haben wird, liegt in mehr Konfrontation mit linken Parteien. Zu lange war die Partei inhaltlich darauf bedacht, an SPD und Grüne anschlussfähig sein zu müssen. In Zeiten von Mega-Staatsschulden und des übergriffigen Staats müsste die FDP sich aber als Stimme der fiskalpolitischen Vernunft und der bürgerlichen Freiheit profilieren. Der Weg, in der bequemen politischen Mitte zu bleiben, ist ein Irrweg.



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Ein Wissing ist genau der, der „Haltet den Dieb !“ rufen würde.
……sie irrt ziellos in der Politiklandschaft……
und das ist gut so.
Denn niemand braucht sowas.
Niemand Brauchbauch eine SPD, eine SED, eine CDU, eine CSU….und schon gar keine Grünen….
Das alles kann weg
Mit der Grundeinstellung hätte der Mann in jeder Partei, einschl. NSDAP, Karriere machen können. Anpassen und regieren, egal mit wem und egal was dabei raus kommt. Leider symbolisiert er die Mehrheit der politischen Elite die durch eine Negativauswahl zunehmend degeneriert. Der Laden muss zusammenkrachen bevor aus den Trümmern solcher Wissing-Politik Neues erwachsen kann.
Laßt die Toten ruhen.
R.i.P.
Deutschland braucht eine liberale Partei mehr denn je, sowohl wirschaftsliberal als auch gesagt nnungs- und weltanschaulichliberal. Die FDP ist zu oft umgefallen und hat sich zu oft opportunistisch der Macht und dem Mainstream angepasst, um diese Rolle glaubwürdig auszufüllen.
Ist doch Schnee von gestern. Wen interessiert heute ein Fähnchen im Wind?
“ Man “ könnte sich mindestens genausgut mit der Sinnhaftigkeit oder Funktionalität des ( Parteien)systems bzw der sogen Altparteien befassen, beginnend mit deren “ Identität“ zumindest als politisch tätiger Partei, angesichts der Selbstbenennung sogar mit bestimmten politischen Inhalten. Das, was ich sehe, hat mit dem ursprünglich vielleicht intendierten Konstrukt eher wenig zu tun. Sie sind frei Trump obsolet. Wie manches andere auch aber natürlich liefert diese transformierte bzw entleerte Konstrukt immer noch Stoff. Einen für den “ Souverän“ wenig erfreulichen , aber den stört es oggenbar nicht. Man hat sich, nicht überraschend , eingerichtet. Das funktioniert, zumal beim Michel, ganz… Mehr
Solche Figuren sind die Strafe dafür, wenn man mit seinem Wahlkreuzchen nicht vorsichtig umgeht! Macht übrigens Spaß, die Kommentare im entsprechenden Welt-online-Artikel zu lesen, wenn man sie nach Beliebtheit sortiert. Ich habe NICHT EINEN gefunden, der sich über diesen Herren neutral oder gar positiv äußert (dagegen manche, die mich heute über die dort sonst üblicherweise hart zuschlagenden Zensoren wundern lässt). Und jedesmal, wenn mir so jemand in den Meldungen begegnet, wie z. B. Frau Rheinmetall, oder wer auch immer dieser Ampelvollversager – dann schaue ich IRGENDEINE Umfrage an, suche die gelben Zahlen heraus … – und ein sehr, sehr intensives… Mehr
Alles d’accord soweit. Aber wenn der Autor schon zu dem – leider richtigen – Schluss gelangt ist, dass Grüne und SPD „ein autoritäres Staatsverständnis“ haben, warum bezeichnet er dann weiter das Bestreben der FDP, sich diesen autoritären Kräften anzubiedern, als ein Verbleiben „in der bequemen politischen Mitte“? Diese Mitte ist schon lange ganz woanders, sowohl arithmetisch als auch moralisch. Die politische Linke hatte und hat keine Mehrheit; ihre Scheinmehrheit entsteht nur durch den feigen Opportunismus von Union und (historisch) FDP.
Volker Wissings Geheimrezept für schnellen Brückenbau: „Funktionale Ausschreibung“ – das machen gute Bauunternehmer und selbst einfache Hausväter seit eh und je, in welcher Blase der Unwissenheit leben unsere Politics und die Medien, welche dann auch noch anerkennend staunen, grottig, oder?