Ganz Deutschland blickt auf den Wal, den die Bild-Zeitung Timmy getauft hat. Timmys Geschichte hätte das Zeug einer Brandmauer-Sicherungs-Kampagne für die SPD zum ewigen Mitregieren. Aber wo bleibt die SPD? Und muss der Blauwal umbenannt werden? Von Bernd Fischer
Was ist nur mit der SPD los? Die bitteren Niederlagen reihen sich aneinander: Zunächst in Rheinland-Pfalz, davor in Baden-Württemberg, wo die Partei beinahe aus dem Parlament geflogen wäre. Warum stemmt sich die Partei nicht entschiedener gegen diesen Niedergang, indem sie das bewährte Mittel der Narrativ-Erfindung nutzt, um von den realen Problemen abzulenken?
Jetzt liegt ein Wal in der Ostsee und leidet. Damit erfüllt er die Anforderungen einer SPD-Klientelgruppe diskriminierter Minderheiten. Zudem gelten Wale als hochsoziale Lebewesen. Ganz Deutschland blickt auf den Wal, den die „Bild“-Zeitung Timmy getauft hat – vermutlich mit Blick auf die sich daraus ergebenden Alliterationen: „Krimi um Timmy“ und leider wohl unvermeidlich: „Timmy ist tot!“. Doch was macht die SPD? Nichts!
Dabei hätte Timmys Geschichte das Zeug, um eine weitere Anti-AfD-Kampagne zu starten und damit die Brandmauer, die der SPD ewiges Mitregieren sichert, weiter zu festigen. Es ist ein gut eingeübter Prozess, der spätestens seit dem Correctiv-Märchen über das nicht geheime Geheimtreffen in Potsdam zum Standardrepertoire jeder linken Politgruppe zählt, die etwas auf sich hält. Gerade erlebten wir eine ähnliche Kampagne, in der eine Prominente ihrem Ex-Partner Vorwürfe macht. Unter dem Vorwand, pornografische Deepfakes bekämpfen zu wollen, soll die Meinungsfreiheit nun weiter eingeschränkt werden.
Zunächst werden die Bürger zu immer neuen Gipfeln des Mitleidens angestachelt, dann werden schwere Vorwürfe gegen die AfD in den Raum gestellt. Es reicht, wenn diese halbwegs plausibel sind, sie müssen keinesfalls auf beweisbaren Tatsachen beruhen. Einige Beispiele: Die AfD-Politik tötet Wale durch ihre Klimapolitik (es finden sich leicht „Experten“, die einen solchen Zusammenhang herstellen), durch ihre Position zu Wirtschaftsfragen (Schifffahrtsrouten) oder durch eine an der AfD gescheiterte Regulierung von Schiffsschrauben. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden, denn es muss ja nicht einmal stimmen. Wozu gibt es schließlich staatlich finanzierte Spin-Doktoren?
Wie die konkreten Vorwürfe lauten, spielt auch keine wichtige Rolle, denn sie bilden nur das Gerüst für das Narrativ, das um sie herum aufgebaut wird. Dieses Narrativ hat sogar dann noch Bestand, wenn das Gerüst durch Widerlegungen und Gerichtsverbote längst in sich zusammengebrochen ist.
Ein Beispiel ist die Correctiv-Geschichte über die „Wannsee-2-Geschichte“. Längst sind alle substanziellen Behauptungen zusammengefallen bzw. gerichtlich untersagt. Den ÖRR und die Mehrheit der Printmedien interessiert das jedoch kaum. Correctiv erhält – man glaubt es kaum – noch immer Preise. Unlängst wurde ihm der vom Netzwerk Recherche verliehene „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ zuteil.
Auf diese Unterstellungen folgt eine Empörungswelle. Dabei kann man auf die bewährten Kräfte zählen, also Steinmeier, Scholz und all die anderen, die gerne X oder ein anderes soziales Netzwerk befeuern – ganz vorne der ÖRR. Es bedarf keiner großen Fantasie, um sich die Schlagzeilen vorzustellen. Maischberger fragt: „Wie viele Wale müssen noch sterben?” Karl Lauterbach fordert in seiner bewährten Manier, die auch die entlegensten Fragen verbindet, die volle Solidarität mit den Walen: „Es reicht – ein Verbot der AfD ist jetzt dringender denn je“ und „Wale kennen keine Grenzen“.
Laut Christian Wulff gehört zwar der Wal, nicht aber die AfD zu Deutschland. Diese und ähnliche Initialempörungen müssten für erste Massenproteste vor den AfD- und, sofern sie sich nicht auch bedingungslos in die Protestbewegung einreiht, den CDU-Büros ausreichen. Das genügt, damit eine lautstarke Minderheit, bestehend aus „Omas gegen Rechts“, dem DGB, der Antifa etc., zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt, dass der arme Timmy und andere Wale sich nur wegen der walfeindlichen Politik der AfD in die für Wale gänzlich ungeeignete Ostsee verirrt haben. Eine breite Mehrheit zieht schließlich mit, um nicht als rechts gebrandmarkt zu werden.
Darauf folgt die entscheidende Phase, die wir als Phase der normativen Bürokratisierung bezeichnen. Es ist die Lieblingsphase der Deutschen, denn nun beginnt die organisierte, statistische Erfassung des Sachverhalts, die ihm künstlich Substanz verleiht. Wer hat mit welchem „Wal-Leugner“ (ein Begriff, der sich rasch etabliert hätte) wo gesprochen? Wo arbeitet er und von welchen Organisationen wird er unterstützt? Diese Informationen werden von den bewährten „Meldestellen“ gewissenhaft erfasst.
Daneben bilden sich aber auch solche, die Falschmeldungen über den Wal sowie abweichende Erklärungen zum Walverhalten („Wal-Verschwörungstheoretiker“) sammeln und veröffentlichen. Falschmelder werden gebrandmarkt und mit Sanktionen belegt. Dann zieht der Rest der Zivilgesellschaft nach. Banken würden Spardosen in Form von Walen herstellen und „Wal-Leugnern” das Konto kündigen. In ihren Predigten und öffentlichen Aufrufen („Ist Timmy ein Transgender-Wal?“) würden die Kirchen die biblische Geschichte von Jona und dem Wal in den Mittelpunkt stellen, denn schließlich erweist Gott Jona durch den Wal Barmherzigkeit.
Auch die Boulevardpresse springt begierig auf den Wal-Zug auf und titelt: „Wer ist der sensible Meeresbiologe, der mit seinen einfühlsamen Händen das Vertrauen des Wals gewinnen konnte?“ und „Warum er nie die AfD wählen würde und der Blauwal aus politischen Gründen umbenannt werden sollte“. Die Koalition würde schnell nachziehen und ein „Wahlsichtungsförderungsgesetz“ beschließen. Dazu würden zwei zusätzliche NGOs gegründet und großzügig finanziert, um der Bevölkerung den notwendigen Respekt gegenüber Walen zu vermitteln. Spätestens an diesem Punkt hätte sich die Wal-Saga vollständig von ihrem fiktiven Kern gelöst.
Ja, hätte! Doch die SPD blieb untätig. Sie hat diese Gelegenheit vorbeischwimmen lassen – wenn Sie mir diese nicht ganz passende Metapher gestatten. Stattdessen schießt sie mit ihren alten, abgenutzten Kanonen und erhebt immer neue Forderungen nach Steuererhöhungen. Vielleicht liegt der Grund für ihre Passivität darin, dass die SPD-Spitzen in diesem Wal instinktiv ihr Alter Ego erkennen?
Bedeuten die 5,5 Prozent in Baden-Württemberg – in den meisten östlichen Bundesländern und in Bayern sieht es ja nicht viel besser aus –, dass die SPD wie der Wal an ihr Ende gekommen ist? Vermutlich hat man schon im Laufe der Jahre zu viele der alten Matrosen verloren, die überhaupt noch wüssten, wie man das SPD-Boot in diesem flachen Wasser noch loseisen könnte. Vielleicht wartet die SPD wie Timmy einfach geduldig auf ihr Ende.


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Die SPD ist so tot wie der Blauwal. Der Wähler schleppt sie hier und da nochmal aufs Meer hinaus, aber sie hat sich verirrt und strandet immer wieder, bis sie schließlich verendet.