Die schönsten intellektuellen Bankrotterklärungen prominenter Deutscher: Der Untertitel verspricht viel, das Buch „Tiefflieger“ hält alles. Es ist ein lesenswertes Panoptikum geistiger Totalausfälle von wichtigen Menschen.
Es gibt ja so Leute, bei denen man sich fragt, wie Figuren mit derart löchrigen Gedanken jemals ihre gesellschaftliche Reiseflughöhe erreichen konnten.
Das ist die Grundidee von „Tiefflieger“. Das Buch versammelt vermeintlich schlaue Aussagen von durchaus bedeutenden Menschen in Deutschland, vorgetragen zumeist mit allergrößter Selbstgewissheit.
„Wir können im Moment nicht viel tun – aber das tun wir mit großer Intensität.“
So sprach Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli 2025. Das Buch kommentiert dieses Zitat nicht einmal. Das ist auch gar nicht nötig. Der Satz ist sozusagen ein intellektueller Selbstmörder. Er macht „puff“, und das „gewichtige Wort“ enttarnt sich autonom als kompletter Blödsinn.
„Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“
Das hat eine gewisse Aydan Özuguz im Mai 2017 gesagt. Da war sie gerade Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die Dame hat Personalwirtschaft studiert und natürlich von Ethnologie und Kulturgeschichte keine Ahnung.
Wie kommt so jemand auf die Idee, sich zu etwas zu äußern, wovon er – in diesem Fall: sie – nicht das Geringste versteht? Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Zu viel Aufmerksamkeit lässt einen Esel denken, er sei ein Löwe.“
So kommt es wohl, dass viele Menschen, die irgendwo – Sport, Kunst, Politik – die Prominentenleiter hochgeklettert sind, immer wieder das Bedürfnis verspüren, sich zu Themen zu äußern, von denen sie keinen Schimmer haben. Die meisten Normalsterblichen haben dagegen zumindest noch ein paar Hemmungen, allzu argen Unfug zu Protokoll zu geben.
„Das Internet wird kein Massenmedium – weil es in seiner Seele keines ist.“
Das stammt von Matthias Horx aus dem März 2001. Der frühere Journalist bezeichnet sich selbst als „Zukunftsforscher“ und verdient viel Geld damit. Wobei man sich schon fragt, wer für solche Prognosen auch noch bezahlt.
Geschichte ist zu Ende, wirklich jetzt
Gleich mehrfach begegnet der Leser Stimmen aus Politik und Journalismus, die im Brustton der historischen Überzeugung erklären, nationale Interessen seien in einer globalisierten Welt ein Auslaufmodell. Grenzen? Überholt. Souveränität? Ein Anachronismus. Staaten? Im Grunde nur noch Verwaltungseinheiten eines größeren moralischen Projekts.
Es bleibt unklar, wie die Urheber zu ihrer Theorie vom „Ende der Geschichte“ gelangt sind. Und wie sie das weltweite Vorgehen von China, Russland und den USA da einsortieren.
Offenbar hat man in Peking, Moskau und Washington das Memo über die Abschaffung der Geopolitik nicht bekommen.
„Demokratien sterben durch Wahlen.“
Das ist ein Originalzitat des unvergleichlichen Ex-CDU-Kurzzeitgeneralsekretärs Ruprecht Polenz aus dem September 2025. Der Satz steht da so, nackt und allein.
Dieser Verzicht auf höhnische, spöttische Kommentare macht „Tiefflieger“ besonders unterhaltsam. Denn gerade dadurch entsteht ein Humor, der nachhaltiger wirkt als jeder Witz. Bierernste Aussagen, die unfreiwillig komisch sind. Was gibt es Schöneres?
„Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor 20 Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben.“
Der sogenannte „Klimaforscher“ Mojib Latif beglückte uns mit dieser Prognose im April des Jahres 2000. Mittlerweile hat sich diese Vorhersage als, nun ja, nicht vollumfänglich zutreffend erwiesen. Dafür sollten nun auch die Letzten mitbekommen haben, dass Aktivisten keine Wissenschaftler sind.
Und Politiker sind keine Realisten.
„Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“
So versuchte im Juni 2016 ein gewisser Martin Schulz, seinen Sturmlauf auf das Bundeskanzleramt zu beginnen. Es reichte dann allerdings nur zur Kanzlerkandidatur und zum (bis dahin) schlechtesten Wahlergebnis in der SPD-Geschichte.
Das Buch verzichtet auf große Posen. Es verzichtet auch darauf, im nervtötenden Sound moralischer Überlegenheit „einzuordnen“. Es sammelt einfach nur Zitate, und die sprechen für sich. Die Wirklichkeit produziert genügend Satire. Man muss sie nur abbilden.
„Willkommenskultur ist der beste Schutz vor Terroristen.“
Mal ehrlich: Welcher Kommentar sollte einem vernünftigen Menschen zu diesem Satz von Katrin Göring-Eckardt aus dem November 2015 auch einfallen?
Magie der Narrative
Ein besonders amüsanter Strang des Buches widmet sich der Vorstellung, Politik sei im Grunde nur eine Frage der richtigen Kommunikation.
Probleme lösen? Kompliziert. Narrative setzen? Kinderleicht. Vertreter dieser Denkschule zeigen in ihren Zitaten, dass sie ernsthaft glauben, gesellschaftliche Konflikte ließen sich allein durch die richtige sprachliche Rahmung entschärfen.
Die Welt wird einfach, wenn man sie einfach beschreibt.
„Eine Pflicht ist kein Zwang. Sie bedeutet nur, dass man mit einer Strafe belegt wird, wenn man es nicht macht.“
So hat Marie-Agnes Strack-Zimmermann November 2021 die Corona-Impfpflicht gerechtfertigt. Die Dame ist immer noch führendes Mitglied der FDP – einer Partei, die sich selbst das Attribut „liberal“ zuschreibt.
Der Autor
André Lecloux war (anders als Frau Strack-Zimmermann) lebenslang ein echter Liberaler und Menschenfreund.
Er lernte Schriftsetzer und arbeitete erfolgreich in vielen Berufen – zuletzt als Geschäftsführer bei einem großen Zeitschriftenverlag und als selbstständiger Marketingberater. Seine täglichen Kommentare und unterhaltsamen Posts auf Facebook hatten viele tausend Fans.
Wenige Tage, bevor „Tiefflieger“ erschien, ist André Lecloux nach langer Krankheit gestorben. Sein Buch ist ein wunderschönes Vermächtnis.
André Lecloux.Tiefflieger. Die schönsten intellektuellen Bankrotterklärungen prominenter Deutscher. Solibro Verlag, Hardcover, 144 Seiten, Preis 28,00 €




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