Wanderwitz‘ Rückzieher: Ein Gespräch über die Diktatur mit der Partei, die sie betrieb

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung sprach über "Diktatursozialisation" ausgerechnet mit einem Politiker der Partei, die diese Diktatur zu verantworten hat. Das Gespräch hätte im "Spiegel" erschienen sollen. Doch Wanderwitz gab es nicht frei.

IMAGO / Metodi Popow

Manchmal übertrifft die Realität jede Glosse. Noch vor kurzem fidel an der Mauerbaustelle anzutreffen, fehlt von dem Ostbeauftragten Marco Wanderwitz an dem nun mehr verwaisten Bauplatz plötzlich jede Spur.

Ein Streitgespräch, das Wanderwitz mit einem Abgeordneten der Linkspartei im Landtag von Sachsen-Anhalt, Wulf Gallert, im Spiegel geführt hatte und in dem es um die „Diktatursozialisation“ gehen sollte, wird nicht erscheinen. Der Grund: Wanderwitz, der sich laut Gallert noch für das gute Gespräch bedankt hatte, gibt seine Antworten nicht frei. Gallert twitterte enttäuscht: „Hatte vorgestern ein Streitgespräch mit @wanderwitz zur „Diktatursozialisation“ + Situation im Osten. Er hat sich für das gute Gespräch bedankt. Heute schreibt mir der @spiegel, dass sie das Gespräch am Sonnabend nicht drucken können. Er gibt seine Antworten nicht frei.“

Man könnte spotten, dass Marco Wanderwitz, der sich für das gute Gespräch bedankte, sich offensichtlich im Gespräch mit der Linkspartei wohlgefühlt hatte, vielleicht kam auch so eine gewisse Blockparteien-Nostalgie auf.

Dass sich Marco Wanderwitz über die vermeintliche „Diktatursozialisierung“ ausgerechnet mit der Partei unterhält, die die Diktatur in Ostdeutschland zu verantworten hatte, ist seltsam und versteht wahrscheinlich nur Wanderwitz, der Brandmauernbaumeister. Möglich, dass er mit einer Partei, die Erfahrung im Mauerbau hatte, sich über die Spezifik des Brandmauerbaus austauschen wollte, vielleicht auch schon mal vorzufühlen hoffte, wie man im Schatten der Mauer regieren könnte.

Warum sprach Wanderwitz nicht mit den Grünen oder mit der SPD oder mit der FDP oder mit der AfD, um Kraft seiner Argumente die AfD „bloßzustellen“, „zu entzaubern“ und Wählern die Augen zu öffnen? Warum ausgerechnet mit den Linken?

Wanderwitzens Parteifreunde zeigten sich über die Thesen zur Diktatursozialisierung der Ostdeutschen, über die Ostdeutschenbelehrung und über die Wählerbeschimpfung alles andere als erfreut. Sachsen Ministerpräsident übte harsche Kritik am Ostbeauftragten – und das aus gutem Grund, denn Marco Wanderwitz ist auch Spitzenkandidat der sächsischen CDU für die Bundestagswahl 2021.


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Kommentare ( 76 )

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76 Comments
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lube
10 Tage her

Ich kenne diese Typen noch aus der Zone. Vermutlich als FDJ Sekretär oder im Sichheitsapparat wären hier bei Fortbestand des Regimes für Herrn W. Karrierechancen gewesen.

Postmeister
10 Tage her

Als Wessi kann ich nur sagen: Alle Menschen aus Mitteldeutschland die ich kennengelernt habe, hatten ein feines Gespür füt Politik und wenn etwas schief läuft. Sie hatten häufig mehr Feingefühl für die Demokratie als viele bräsige Wessies, die enrweder wohlstandsverwöhnt im Häuschen auf ihrer Vorstadtscholle saßen oder desillusioniert schwafelten: Wir können ja doch nichts ändern, ich gehe nicht wählen. Nicht die Mitteldeutschen haben ein Demokratieproblem sondern die Westdeutschen, denen der Kompass verloren gegangen ist bzl. politischer Vielfalt, Wechsel der Regierungen und Ehrlichkeit der Politiker.

Bummi
11 Tage her

Der A. empfinde ich als ein Aushängeschild der CDU. So authentisch wie dieser Schnösel für die CDU der Blockflöten vor 1989 steht.

Bummi
11 Tage her

Diese Gestalt von Angela mit seinen kruden Ansichten will hier niemand haben in Sachsen. Genauso wie diesen MP in Dresden. Ich war heute Radfahren. Eine wunderschöne Gaststätte mitten in der Natur. Ein riesiger Obstgarten, unter Bäumen die Tische im Schatten bei herlichen Wetter an einem Sonnabend im Juni. Platz ohne Ende. Nicht ein Mensch in der Gastronomie, die Wirte alleine. Vorne ein Schild: Nur für Geimpfte, Getestete usw. Das ist ein Verbrechen was die CDU und die Spd etc. hier mit den Menschen machen. Dümmliche, ideotische Schickane ohne jeden Sinn. Die Existenzen von vielen Menschen werden durch diese Kaste von… Mehr

Last edited 11 Tage her by Bummi
Demokratius
4 Tage her
Antworten an  Bummi

Fakt ist, dass ich bei diesen Einschränkungen weder eine Gaststätte noch irgendeine Kulturveranstaltung besuchen werde so leid es mir auch für die Betroffenen tut, deren Existenz von diesen Maßnahmen bedroht ist. Ich weigere mich, dermaßen zum Äppel machen zu lassen

HeinrichErnst
11 Tage her

Stellen sich mir so ein, zwei Fragen: wozu brauche ich nach dreißig Jahren „Einheit“ noch einen „Ostbeauftragten“ und – wenn ich die Diktatursozialisierten angeblich nicht systemkonform integrieren kann, was mache ich dann mit Millionen muslimischen Machos?!

Steve Acker
10 Tage her
Antworten an  HeinrichErnst

ich seh Wanderwitz eher als den Ost-Bashing-Beauftragten.

Damon71
11 Tage her

Das dieser Mensch in Sachsen per Direktmandat gewählt wurde ist für mich der eigentliche (Wander)Witz, ich hoffe mal nach seinen Aussagen zum Thema Demokratieverständnis der Ostdeutschen erteilen ihm seine Direktwähler eine kleine Lektion in echter Demokratie und wählen ihn ab.

RandolfderZweite
10 Tage her
Antworten an  Damon71

In unserer „echten“ Demokratie braucht es jedoch zwei wichtige Grundvoraussetzungen um einen unliebsamen Politiker abzuwählen: Die Verweigerung der „Erststimme“ für den Kandidaten und falls er auf der „Liste“ steht die Verweigerung der „Zweitstimme“. Ich kann mich nicht erinnern, dass dies jemals irgendwann geschehen ist….

Demokratius
4 Tage her
Antworten an  Damon71

Ich kann mich nicht erinnern, diesen wandernden Witzbold jemals gewählt zu haben

daldner
11 Tage her

Ein Musterschüler im Fleisskärtchenwahn.. das kann im Gefalleifer gegenüber der Großen Vorsitzenden schon mal passieren. Ein unangenehmes Gewächs in der heutigen Politlandschaft ist dieser Mensch in jedem Fall

Keili
11 Tage her

Herr Wanderwitz, weiter so. Erhalten Sie dafür, das Sie für die AFD- Wahlkampf machen, eigentlich Geld? Bitte dabei aber doch etwas Vorsicht walten lassen, Herr Staatssekretär. Den Ostdeutschen mangelndes Demokratieverständnis zu unterstellen ist erst einmal nur eine Theorie, zwar ein staatssekretarielle, aber eben nur eine Theorie. Aus einer Theorie kann aber schnell eine Verschwörungstheorie und aus dieser eine antisemitische Stereotype werden. Denken Sie an Herrn Maaßen und fragen Sie lieber vorher den Thüringer Verfassungsschutzpräsidenten.

Keno tom Brok
11 Tage her

Zitat aus o. a. Artikel: „Sachsen[s] Ministerpräsident übte harsche Kritik am Ostbeauftragten – und das aus gutem Grund, denn Marco Wanderwitz ist auch Spitzenkandidat der sächsischen CDU für die Bundestagswahl 2021.“ – Harsche Kritik vom CDU-MiniPräs? An CDU-Mitglied Wanderwitz? Und Wanderwitz ist und bleibt CDU-Spitzenkandidat? = Finde den Fehler! (Oder ist das schon ein „running gag“?)

bhayes
11 Tage her

„Warum sprach Wanderwitz nicht mit den Grünen oder mit der SPD oder mit der FDP oder mit der AfD, um Kraft seiner Argumente die AfD „bloßzustellen“, „zu entzaubern“ und Wählern die Augen zu öffnen?“: Warum sprach er nicht mit einem/r kompetenten Bürger/in?