SPD: Sarrazin soll gehen – andere Konservative gehen freiwillig

Ein Berliner Parteigericht schließt Thilo Sarrazin aus. Der kündigt Widerspruch an. Andere Traditionsgenossen, ausgerechnet im Kernland der SPD, verlassen ihre alte politische Heimat freiwillig.

Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Die Berliner Landesschiedskommission der SPD hat Medienberichten zufolge entschieden, den früheren Finanzsenator Thilo Sarrazin aus der SPD zu werfen. Sarrazin sagte der Berliner Morgenpost, er sei noch nicht über die Entscheidung der Landesschiedskommission informiert worden. Sollte das Urteil aber gegen ihn ausgefallen sein, wolle er auf jeden Fall die Bundesschiedskommission anrufen.

Ein anderer konservativer SPD-Politiker hat schon zuvor freiwillig die Partei verlassen: Der Vize-Vorsitzende der Essener SPD Karlheinz Endruschat erklärte am Dienstag seinen Austritt.

Endruschat, der für die traditionelle SPD stand und in Essen große Anerkennung über die Parteigrenzen genießt, sah zum Schluss keine politische Perspektive in der Sozialdemokratie. Er hatte immer wieder auf Konflikte mit kriminellen beziehungsweise integrationsunwilligen libanesischen und syrischen Gruppen in Altenessen, Altendorf oder Kray aufmerksam gemacht, fand aber in der Führung der NRW-SPD dafür kein Verständnis. „Die Muslimisierung der Stadtteile im Essener Norden ist niemals seriös hinsichtlich zukünftiger Konflikte hinterfragt worden“, hatte Endruschat schon 2018 gewarnt. Der Vorsitzende der NRW-SPD Thomas Kutschaty warf ihm daraufhin vor, „Sündenböcke“ aufzubauen.

Wegen der Weigerung führender SPD-Funktionäre, über Integrationsprobleme zu sprechen, war auch schon der Essener SPD-Politiker Guido Reil aus der Partei ausgetreten – er wechselte zur AfD.

Die Partei des fetten Staates
Eine zukunftsfähige SPD wäre eine Steuersenkungspartei der kleinen Leute
Endruschat ist nicht der einzige prominente Vertreter des SPD-Traditionsflügels, der sich von der SPD verabschiedet. Am 6. Januar hatte der frühere rheinland-pfälzische Arbeits- und Sozialminister Florian Gerster seinen Übertritt zur FDP bekanntgegeben. Unter der neuen Führung und deren Linkskurs, so Gerster, entwickle sich die SPD zur „Sekte“.

Ende 2019 verließ der frühere Mittelstandbeauftragte der SPD Harald Christ die SPD. Der Manager und Unternehmer gehörte zum Schattenkabinett im Wahlkampf 2013 für den Posten des Wirtschaftsministers. Die SPD, so Christ, habe mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans „eine sehr stark links abdriftende Politik gewählt“, mit der es sich nicht mehr identifizieren könne.

Seine Position als Mittelstandsbeauftragter hatte er schon vorher enttäuscht aufgegeben.

Bei einigen SPD-Mitgliedern löste die Nachricht von Sarrazins Ausschluss Freude aus. Wie die verbliebenen Wähler die Entwicklung sehen, wird sich spätestens 2021 zeigen.


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Kommentare ( 112 )

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Jens Frisch
8 Monate her

„Gut dass wir uns nicht länger für die törichten, dumpfen und rechten Sarrazin-Ergüsse zu Flüchtlingen, dem Islam und anderen Geschmacklosigkeiten rechtfertigen müssen.“

Flüchtlinge und Islam sind also „Geschmacklosigkeiten“? Ist der Stegner echt so blöd und spricht er nur kein richtiges Deutsch?

Schwabenwilli
8 Monate her

Das ist der maximale Schaden den Sarrazin noch dieser Partei zufügen kann. Gut so.

Stefan Tanzer
8 Monate her

In der heutigen SPD hätten weder ein Helmut Schmidt, noch ein Willy Brandt noch Platz. Und nun praktiziert die SPD genau das, was sie selbst oft genug erleben musste: Sie versucht, kritische Geister los zu werden und zum Schweigen zu bringen. Der Ausschluss Sarrazins ist nicht nur ein Tabubruch, Er zeigt, das die SPD, wie sie war, heute nicht mehr existiert und nur noch ein sozialistischer Abklatsch mit all seinen Nachteilen ist. Die SPD ist heute, genauso wie die CDU, links-pseudoliberaler Einheitsbrei, der seine Zeit längst überlebt hat. Offen gesagt wäre in dieser SPD ein Ausschluss schon fast eine Adelung,… Mehr

honky tonk
8 Monate her
Antworten an  Stefan Tanzer

Nicht mal pseudoliberal, sondern offen illiberal.Die Orwellsche Krankheit breitet sich immer weiter aus. Neusprech überall.

PMD
8 Monate her

Bis der Fall Sarrazin letztinstanzlich von EuGH entschieden ist, werden er und Ralle womöglich das letzten SPD – Mitglieder sein.

Paul Pimmel - der Herr des Kosmos
8 Monate her

Von *dieser* SPD hinausgeworfen zu werden, ist ein großes Kompliment – an den Neosozen hat nur der einen Verlust, der sie findet (frei nach Büchner).

bfwied
8 Monate her

Ganz abgesehen davon, dass wir ganz offenkundig und bekanntlich in keiner Demoktratie mehr leben, ist man hierzulande geistig schlicht nicht mehr fähig, irgendetwas zu hinterfragen und zu durchdenken, und das gilt für alles, jede Politik, in der Einwanderung, in der Justiz, in der Bildung, in der Industriepolitik. Die Politik wird gemacht von Ideologen, ideologischen Trittbrettfahrern, den Wetterhähnen, und lauten Versagern ohne viel Verstand, das war bereits in der SPD in den frühen 90-Jahren zu erkennen, als von unten herauf Geringgebildete mit erstaunlichem sozialistischen Gedankengut auf einmal in Vorstands- und Vorsitzenden-Positionen gewählt wurden. Das war das Zeichen, die Partei zu verlassen.… Mehr

Th. Nehrenheim
8 Monate her
Antworten an  bfwied

»Merkel, die auf der Klaviatur der Machterringung und des Machterhalts schier unvergleichlich zu spielen versteht« Nein, daran liegt es nicht, sondern an der Tatsache, dass es eine Große Koalition gibt, an der die Opposition (Grüne und Linke) kaum etwas Substanzielles zu mosern hat. Praktisch einzige Opposition ist seit kurzem die medial geschmähte AfD. In der CDU sehe ich dagegen das Problem: Eine Partei der eitlen Pfründehalter, die auf jeden Fall am Ruder bleiben wollen, auch um den Preis des Ja-Sagens und der Selbstleugnung. Die Partei ist innerlich sehr undemokratisch. Da konnte aber auch schon früher der Parteivorsitzende wie ein König… Mehr

bfwied
8 Monate her
Antworten an  Th. Nehrenheim

Nun, ich kann Ihnen schon zustimmen, zu dem, was Sie schreiben, allerdings bedenken Sie meiner Ansicht nach zuwenig, dass Merkel jegliche Kritik zu unterbinden verstand, indem sie diese Kritiker zum Aufgeben brachte und alle anderen einschüchterte. Es fällt ihr auch heute noch sehr leicht, mit ihren hohlen Reden, die im gemachten, gelenkten Mainstream liegen, nichts Konkretes aussagen, die nur blumig sind und vor hohler Zuversicht nur so strotzen, alle einzuwickeln. Ein Kritiker gilt somit als Außenseiter, den man schnell und leicht ausgrenzen kann. Durchschnittliche Politikerin, nein, ich denke, sie ist eine weit unterdurchschnittliche, weil sie nur als machtbestimmte Ideologin ohne… Mehr

Waehler 21
8 Monate her

Der Mann hat beschlossen nicht aus dem Haus ( SPD) geworfen zu werden, an dem er selbst mitgearbeitet hat. Respekt!
Vielleicht sollte man die noch Parteimitgliedern mal fragen, warum die Krankenkassenbeiträge bei guter Konjunktur und angeblichen Überschüssen drastisch erhöht werden.
Hat das etwas mit den vielen Asylbewerbern zu tun , die in das Sozialsystem gepresst werden?
Wollen die SPD Bonzen auch die Tatsachen und Fakten aus der SPD ausschließen?

bfwied
8 Monate her
Antworten an  Waehler 21

Selbstverständlich wollen die das! DAs ist ja das große Problem.

8 Monate her

Thilo Sarrazin ist sicherlich ein unbequemer Mensch, schon deshalb weil er es sich herausnimmt Dinge zu hinterfragen und seine eigene Meinung zu äußern. Seine Meinung muss nicht zwangsläufig immer die Richtige sein, zumal es eine absolute Wahrheit nur in wenigen Dingen gibt, allerdings sagt er das, was viele lediglich hinter vorgehaltener Hand formulieren und inoffiziell von sich geben. Hinzu kommt, dass Sarrazin die Fähigkeit zur Analyse besitzt und bereits mehr als nur einmal Entwicklungen benannte, die in der Folge auch eintraten. Er ist ein Bestsellerautor und allein dies beweist, dass er über gewaltige Fähigkeiten verfügt. Dies alles macht ihn nicht… Mehr

Wolfsohn
8 Monate her
Antworten an  [email protected]

Wenn sich die SPD mit den Meinungen Sarrazins auseinandersetzen würde, müsste sie feststellen, dass sie unmengen Fehler gemacht hat.
Dazu sind diese Narzisten jedoch nicht fähig, jeder Fehler, der ihnen nachgewiesen wird, erregt bei ihnen Hassgefühle – nicht wegen des Fehlers, sonder gegen den, der es gewagt hat, ihre Unfehlbarkeit anzutasten.

Vergackeiert
8 Monate her

den Sarrazin nehme ich nicht ernst, denn den Kommunisten hätte ich an seiner Stelle schon längst den Stuhl vor die Türe gestellt. Das ist nicht glaubwürdig die Nummer! Aber was ist heute schon glaubwürdig, wenn solche Typen wie der Gabriel dann bei der Deutschen Bank im Aufsichtsrat landen. Der Laden muß abgewirtschaftet sein, daß es schlimmer nicht mehr geht. Wenn ich mir vorstelle, daß ich da mal vor 30 Jahren gearbeitet habe und mir das heute verdeutliche was das für eine Ruine MIT ANSAGE wurde, kommt mir das alles wie ein ganz schlechter Witz vor. ODER mit System und Deutscher… Mehr

Peer Munk
9 Monate her

Ich frage mich allerdings schon lange, was Sarrazin in dieser Partei der verbohrten Ideologen und Schwachmaten hält.

Schiffskoch
8 Monate her
Antworten an  Peer Munk

der bleibt in der SPD, um die SPD zu ärgern. Guter Mann!