SPD-Lauterbach blamiert sich mit Tweet zu „Wir“ und „Juden“

Stolz twittert der SPD-Abgeordnete über die Abwahl des AfD-Abgeordneten Stephan Brandner als Ausschussvorsitzender - und macht dabei genau das, was man Brandner vorwirft.

Emmanuele Contini/NurPhoto via Getty Images)

Kurz nachdem am Mittwoch der Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses – der AfD-Abgeordnete Stephan Brandner – abgewählt wurde, setzte der SPD-Parlamentarier Karl Lauterbach einen Tweet ab:

„Brandner wurde abgewählt mit allen Stimmen gegen die AfD. Die Demokratie hat sich gewehrt. Den Rechtsausschuss kann kein Fremdenfeind und Judenhasser leiten. Auch Fremde und Juden haben die gleichen Rechte wie wir und müssen vom Ausschussvorsitzenden würdevoll behandelt werden.“

Die Kurznachricht stand nicht lange auf seinem Twitter-Profil. Am frühen Mittwochabend löschte Lauterbach sie wieder. „Fremde und Juden“ einerseits, „wir“ andererseits – offenbar war dem SPD-Mann irgendwann aufgefallen – oder andere hatten ihn darauf aufmerksam gemacht – dass sein Kommentar ziemlich dem Tweet glich, wegen dem Brandner erst vor kurzem attackiert und von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble abgemahnt worden war. Auch den Trigger-Begriff in der Kurznachricht, die Brandner schließlich seinen Posten kostete, kam übrigens in einem anderen Lauterbach-Statement vor, dazu später.

Was war passiert? Bei der ersten Kurznachricht, der Brandner rücktrittsreif machte, handelte es sich um den Kommentar eines anderen Users, den der AfD-Mann unmittelbar nach dem versuchten Attentat auf die Synagoge in Halle weiter twitterte:
Darin hieß es:
„Kapier ich sowieso nicht“, die Opfer des Schützen von Halle seien doch „eine Deutsche“ und „ein Bio-Deutscher“ gewesen. Und weiter: „Warum lungern Politiker mit Kerzen in Moscheen und Synagogen rum?“ Abgesehen davon, dass es nur Synagogen waren: Der Urheber des Tweets meinte also, Deutsche beziehungsweise „Bio-Deutsche“ und Besucher von Synagogen gehörten nicht zur gleichen Kategorie, ein Deutscher könne also kein Jude sein und umgekehrt. Das zählt zu den Grundüberzeugungen von Antisemiten.

Brandner sagte damals im Gespräch mit TE, er habe diese Bedeutung gar nicht gesehen, aber jetzt, da er dafür „sensibilisiert“ sei, würde er einen derartigen Tweet nicht mehr verbreiten. Etwas später – nach einem Gespräch mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und interner Kritik in seiner Fraktion – entschuldigte sich Brandner vor dem Bundestag.

Das, was Lauterbach am Mittwoch twitterte, entspricht exakt dem Argumentationsmuster in dem von Brandner weitergesendeten Tweet. Er bildet zwei Kategorien, einerseits „Fremde und Juden“, , andererseits „wir“. Juden in Deutschland sind für ihn also etwas grundsätzlich anderes, auch wenn er ihnen großzügig „gleiche Rechte“ zugesteht, die sich in Wirklichkeit natürlich von selbst verstehen. Irgendwann, siehe oben, musste Lauterbach an diesem Abend bewusst geworden sein, dass er gewissermaßen ein Brandner II produzierte hatte, er löschte also schnell, entschuldigte sich allerdings nicht.

Zur Abwahl Brandners führte ein zweiter Tweet, in dem er den Sänger Udo Lindenberg beschimpfte: Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn, so Brandner, sei ein „Judaslohn“. Nun ist der Begriff „Judaslohn“ nicht antisemitisch konnotiert, er steht für bezahlten Verrat und geht auf Judas Ischariot zurück, der Jesus für 30 Silberlinge verriet. Brandners Tweet vertrug sich sehr schlecht mit der Würde eines Rechtsausschussvorsitzenden. Nach dem Halle-Retweet hatte der AfD-Politiker selbst in den eigenen Reihen Rückhalt verloren – auch deshalb, weil Parteifreunden sein wildes Getwittere über alles und jedes generell auf die Nerven ging. Aber wie gesagt: als Beleg für Antisemitismus dient der Begriff „Judaslohn“ nicht. Anderenfalls hätte nämlich die SPD mit Karl Lauterbach gleich das nächste Problem. Denn der Gesundheitspolitiker hatte genau diesen Begriff auch schon verwendet, und zwar 2010 in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“, als es um Krankenkassen ging:
»Dafür, dass die Arbeitgeber künftig nicht mehr an den Kostensteigerungen im Gesundheitswesen beteiligt werden, zahlen sie nun den Judaslohn, indem sie als Zwangsvollstrecker für Krankenkassen dienen.«

Was Lauterbach nicht daran hinderte, Brandner wegen der Verwendung von „Judaslohn“ in einem Tweet die Eignung zum Rechtsausschussvorsitzenden abzusprechen:

Die Frage ist nun: wie geht die SPD-Fraktion damit um, dass sie für die Abwahl von Brandner stimmte, aber in ihren eigenen Reihen einen nicht ganz unprominenten Politiker hat, der gleich zweimal praktisch das gleiche wie der AfD-Mann twitterte?

Lauterbach selbst lässt bisher nicht erkennen, dass er irgendein Problem bei sich selbst sieht.

Sondern nur bei dem rechten Twitter-Politiker, dem er sehr ähnelt.

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Kommentare ( 100 )

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100 Kommentare auf "SPD-Lauterbach blamiert sich mit Tweet zu „Wir“ und „Juden“"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Da fällt mir ein früherer Beitrag ein:

„Frage an Karl Lauterbach: Kann ein völlig verwirrter Mediziner sich eigentlich selbst diagnostizieren?“

Wer von „rassistischem Massenmord“ spricht, setzt voraus, dass es so etwas wie Rassen gibt und teilt damit zumindest indirekt die Annahmen von Rassentheorien. Offenbar fiel auch das niemandem auf.

Den linksgrünen Hassern und Existenzleugnern des deutschen Volkes fällt ja auch nicht auf, dass sie in einem Haus mit der Aufschrift „Dem deutschen Volke“ tagen und sich an ein Grundgesetz halten sollten, welches sich „sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt … gegeben“ hat (Präambel des GG). Natürlich halten sie sich allzu oft eben nicht an die Bestimmungen dieses Grundgesetzes.

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Und wer von „Alibijuden“ faselt und zwischen „wir“ und „Juden“ unterscheidet, soll andere nicht des Judenhasses zeihen. Gelle, Herr Lauterbach!

Und die SPD kann sich hier nicht darauf wie Brandner berufen, dass Lauterbach einen antisemitischen Tweet weitergeleitet hat. Der Höhepunkt ist dessen gespielte Empörung über „Judenhasser“, von denen es in der SPD wahrscheinlich so viele gibt, wie in allen Parteien abseits der Linke zusammengenommen. Natürlich unter dem Deckmantel der „Israelkritik“, blitzt ihr hässliches Antlitz regelmässig bei den Abstimmungen des von ihnen gestellen Aussenministerdarstellers Heiko Maas bei den antisiemitischen Abstimmungen in der UN auf.

Liebe Redaktion,

hat Herr Lauterbach nicht eigentlich von drei Kategorien“ gezwitschert“ , die Juden einer eigenen Kategorie zugeordnet und sie damit sowohl vom „Wir“, als auch von den „Fremden“ abgegrenzt?

Wie soll die SPD schon damit umgehen? Sie werden schweigen und so tun, als wäre nichts gewesen.
Schließlich ist gleich eben nicht gleich gleich 😉 .

Nach meiner Einschätzung hat der User „Hartes Geld“, dessen Tweet Brander retweete, eben auf genau diese merkwürdige Hierarchisierung der Opfer reagiert und dies satirisch überspitzt. Um das zu verstehen, muss man sich den gerenllen Duktus anschauen, wie „Hartes Geld“ seine Tweets generell formuliert. Und über diese auffällige Ignoranz gegenüber anderen Opfern bzw. Betroffenen hatte sich der Betreiber des Döner Imbiss ja ebenfalls beklagt, bevor das Bundespräsidialamt nach entsprechenden Presseberichten das Kommunikationsdesaster einsah und ihn im Nachgang dann anrief. Das dahinter stehende Verständnis ist eben nicht die eines selbstverständlichen „Wir“, bei den symbolischen Gesten genauso wie beim „Wir“ im alltäglichen Selbstverständnis.… Mehr

So ein Lapsus passiert nicht nur fleißigen Twitterern, ähnliches ist mir mal in einer öffentlich-rechtlichen Dokumentation über Assad aufgefallen. Der Westen würde Assad wieder zunehmend als das kleinere übel ansehen, zumal Assad im Westen studiert hätte. Assad wäre aber Syrer durch und durch. Aha, alle Syrer sind also verkappte despotische Unterdrücker. Warum sollen wir dann nach Meinung der gleichen Anstalt die massenhaft in unser Land lassen?

Es zeigt letztendlich nur, dass man in D über rein gar nichts mehr sprechen (und twittern) darf. Egal was man sagt, entweder ist es rassistisch, antisemitisch, islamophob, homophob oder frauenfeindlich. Im Zweifel natürlich alles zusammen. In Wahrheit ist es zu 99% einfach nur Schwachsinn, um die Totschlagkeule zu nutzen. Und auch TE sollte endlich aufhören diesen Nonsens durchzudeklinieren.

Selbst Herr Tichy hat in einem Artikel nach Halle über das Verhältnis von Deutschen und Juden geschrieben. Also bekommen selbst Leute, die Bürger wie Herrn Lauterbach kritisieren, diese (fixe) Idee nicht aus dem Kopf, dass Juden nicht Deutsche sein können. Ist das irgendein deutsches Gen welches Jeder in sich trägt? Antisemitismus gibt es in Deutschland ja nicht erst seit 1933. Eigentlich wabert es durch die Jahrhunderte seit die ersten Christen hier aufgetaucht sind.