Zuverlässige Kraftwerke müssen raus – damit die Energieversorgung „spannend“ wird

Die oberste Wind- und Solar-Lobbyistin erklärt Atomkraftwerke ernsthaft für „antiquierte Dampfmaschinen“. Ein genauerer Blick zeigt: Hinter der vermeintlich wirren Rhetorik steckt Methode.

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Kernkraftwerk Neckarwestheim in Baden-Württemberg, Nachtaufnahme, 17. Dezember 2022

Simone Peter gilt als oberste Lobbyistin für Wind- und Solarenergie in Deutschland. Bis 2018 saß sie den Grünen vor – dann wechselte sie auf den einträglichen Präsidentinnen-Posten des Bundesverbandes Erneuerbare Energien. In dieser Funktion verkündet sie zum Jahresende 2022 Erstaunliches: Atomkraftwerke, so Peter, seien „antiquierte Dampfmaschinen“. Also selbst im Vergleich zu Dampfmaschinen des 19. Jahrhunderts uralt und überholt. Denn das erste dampfbetriebene Gerät baute bekanntlich der Schotte James Watt im Jahr 1776.

Ihr alternatives Technikwissen reicherte Peter mit einer bemerkenswerten Begründung an, warum die drei verbliebenen Kernkraftwerke Deutschlands besser heute als morgen verschwinden sollten. „Schade, dass manche noch nicht wissen, dass Atomkraftwerke als antiquierte Dampfmaschinen mit 7000–8000 Volllaststunden einfach nicht in ein modernes, erneuerbares Energiesystem passen. Im Gegenteil, AKW & Fossile verzögern die dezentrale Energiewende.“

— Simone Peter 🌍 #Erneuerbare (@peter_simone) December 26, 2022

Bekanntlich zählt das Jahr 8760 Stunden. Bei Volllaststunden handelt es sich um die rechnerische Zahl von Stunden, an denen eine Anlage Energie entsprechend ihrer installierten Leistung liefert, also ihre technischen Möglichkeiten ausschöpft. Windanlagen im deutschen Binnenland schaffen im Schnitt gerade 1800 Volllaststunden. Nur Anlagen an der windigen Küste stehen mit 3200 Volllaststunden etwas besser da. Das Maximum der Windenergieerzeugung liegt bei 4500 Volllaststunden, die nur an einigen idealen Standorten auf hoher See erreicht werden. Solaranlagen bewegen sich im deutschen Schnitt noch deutlich darunter: Sie kommen auf 800 bis 900 Volllaststunden.

Mit anderen Worten: Laut Peter liegt der Fehler der Kernkraftwerke darin, dass sie kontinuierlich und zuverlässig Energie liefern, und damit die Grundlast abdecken, die selbst an verbrauchsarmen Tagen bei mindestens 30 Gigawatt liegt. Auch im Jahr 2022 erzeugten die Anlagen, für die Peter lobbyiert, nur 47 Prozent des Stroms in Deutschland, und deckten noch nicht einmal 20 Prozent des Primärenergieverbrauchs ab. Im stilltrüben November und Dezember erzeugten die drei verbliebenen Kernkraftwerke an vielen Tagen mehr Strom als alle Offshore-Anlagen zusammen.
Trotz dieser Zahlen kann Pater mit ihrem politischen Wirken für 2022 durchaus zufrieden sein.

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Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit winkte der Bundestag am 15. Dezember zusammen mit Strompreisbremse auch eine Neuregelung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes durch. Die Rechtsänderung erlaubt es der Bundesnetzagentur, bei künftigen Ausschreibungen für Wind- und Solaranlagen die Auktionshöchstwerte – also die gesetzlichen Einspeisetarife – um bis zu 25 Prozent zu erhöhen. Das sorgt für einen Kostenschub – denn die gesetzlichen Vergütungen fließen für 20 Jahre.

Zurzeit liegen die Börsenstrompreise oft über den garantierten Vergütungen, weswegen Wind- und Solaranlagenbesitzer ihren Strom lieber an der Börse vermarkten. Sollten die Preise dort aber wieder fallen, steht ihnen ab 2023 eine höhere Mindesteinnahme zu. Umgelegt werden die Rechnungsposten über die Netzbetreiber auf die Stromkunden. Fallen die letzten Kernkraftwerke und bis 2030 auch die Kohlekraftwerke weg, dürfte das den Börsenstrompreis an den meisten Tagen des Jahres hochhalten. Unter den Bedingungen von Vermarktungsmöglichkeit bei staatlicher Preisgarantie wird Windkraft wieder zum guten Geschäft – selbst an Standorten mit wenig Luftbewegung.

Die finanzielle Wohltat für Wind- und Solaranlageneigner erfolgte offenbar auch deshalb in aller Stille, weil sie schlecht zu der ständigen Behauptung grüner Politiker und Lobbyisten wie Peter passt, „die Erneuerbaren“ seien schon jetzt „die günstigsten Energien“. Die politische Begründung für die Vergütungssteigerung lautete, damit sollten mehr Investoren für Windräder und Solarparks gewonnen werden. In der Vergangenheit endeten viele Ausschreibungen nämlich unterzeichnet: Es fanden sich nicht genügend Interessenten für die angeblich effizientesten und zukunftsträchtigen Erzeugungsarten. Mit der finanziellen Nachhilfe hofft beispielsweise der grüne Klimaminister von Niedersachsen Christian Meyer auf einen „Windkraft-Turbo“.

Dabei weiß Meyer, dass es bis jetzt weder die Trassen gibt, die den Windstrom aus seinem Land in andere Regionen abtransportieren sollen, noch Speicher, um etwas mit den Überschüssen anzufangen. Im Jahr 2022 zahlten die deutschen Verbraucher insgesamt die Rekordsumme von 800 Millionen Euro für nicht erzeugten Strom von Windparks, die abgeregelt werden mussten, weil Leitungskapazität und Speicher fehlten, und der Bedarf an vielen windigen Tagen unter dem lag, was die Windkraftanlagen theoretisch hätten erzeugen können.

Auch das Handelsblatt trommelt, wegen einer drohenden „Stromlücke“ müssten bis 2029 in Deutschland jeden Tag sechs neue Windräder errichtet werden. Nur: Selbst wenn sich die Zahl der Windkraftanlagen in Deutschland verdoppeln sollte – in der Dunkelflaute liefern auch 100 Prozent mehr Turbinen etwa das Gleiche wie jetzt. Spätestens ab April 2023 fehlen dank Lobbyisten wie Peter dafür weitere 4,2 Gigawatt an grundlastfähiger Stromerzeugung.

Die Grundlinien der grünen Energiepolitik fasste die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl schon 2021 in einer Bundestagsrede einprägsam zusammen: „Die Zukunft wird flexibler sein, ja, auch spannender. Nicht mehr nachfrage- sondern angebotsorientiert.“

Grundlast, so Kotting-Uhl, sei “so etwas von gestern“. Offenbar ähnlich wie die Atom-Dampfmaschinen, die laut Peter endlich den hocheffizienten Windmühlen weichen müssen.


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