Börse: Die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Ob es etwas mit den dem Vitamin C zugeschriebenen hilfreichen Wirkungen zur Stärkung der Abwehrkräfte gegen den Coronavirus zu tun hat, dass Orangensaft zu den Gewinnern zählt?

imago Images

Der Preis des Safts ist im ersten Quartal 2020 laut einer Analyse des „Wall Street Journal“ um mehr als 20 Prozent gestiegen, besser schlugen sich von Januar bis März lediglich langlaufende US-Staatsanleihen. Gold zählte im schlechtesten Jahresviertel für die Aktienbörsen seit 2008 ebenso zu den Gewinnern wie der Schweizer Franken — die klassischen Fluchtanlagen funktionieren also.

Die Liste der Gewinner ist kurz, die der Verlierer umso länger. Der DAX büßte 25 Prozent ein, die Leitindizes von besonders Corona-gepeinigten Ländern wie Italien oder Spanien fast 30  Prozent, der breite US-Index S & P 500 knapp ein Viertel. Besser schlugen sich dort einzelne Branchen wie Technologie oder Gesundheit mit jeweils rund 16 Prozent Kursverlust. Diese Branchen dürften sich auch in den kommenden Quartalen überdurchschnittlich entwickeln. Das Augenmerk der Öffentlichkeit sowie das Interesse der Investoren werden auf den Gesundheitssystemen ebenso liegen wie auf der Digitalisierung. Ins neue Quartal ist der DAX abermals schwach gestartet. ​

Zum Wochenausklang konnte sich der DAX nicht klar für eine Richtung festlegen und schloss mit 0,5 Prozent im Minus bei 9.526 Punkten.

Die Beobachter von Index-Radar halten die in der vergangenen Woche zu beobachtende Rückkehr zum normalem Schwankungsverhalten im Leitindex nicht für nachhaltig und fürchten die „Ruhe vor dem nächsten Sturm“. „Die Analyse langfristiger Crashs zeige, dass der Markt eine Abwärtsbewegung selten nach dem ersten scharfen Ausverkauf beendet hat“, erklärte Chartexperte Andreas Büchler. Erneute Verluste zurück in Richtung 9.100 und 8.200/8.150 Punkte blieben daher zu befürchten.

Mittlerweile verabschieden sich Immer mehr Konzerne von ihren Jahreszielen und schütten in diesem Jahr keine Dividende an die Aktionäre aus. Am Freitag kappten unter anderem der Konsumgüterkonzern Beiersdorf, der Handelsimmobilieninvestor Deutsche Euroshop und der Medienkonzern RTL die Ziele. Auf Unternehmensseite hatten am Freitag vor allem die Sportartikelhersteller zu kämpfen. Adidas kündigte an, man werde Kredite brauchen, aber keine direkte Staatshilfe. Die Aktie verlor fast vier Prozent und zählte damit zu den größten Verlierern im Leitindex. Puma kündigte derweil eine Aussetzung der Dividende an. Zudem wird der Vorstand zunächst im April auf seine Gehälter verzichten. Die Aktie gab ebenfalls um rund fünf Prozent nach.

DAX-Gewinner war zum Ende der Handelswoche die Deutsche Börse mit einem Plus von mehr als 4,7 Prozent. Die Fresenius-Aktie verteuerte sich um mehr als vier Prozent. Abgesehen davon, dass Pharmawerte am Freitag generell einen guten Lauf hatten, sprach sich Berenberg-Experte Tom Jones in einer jüngsten Studie erneut für den Kauf der Papiere aus. Grund sei unter anderem das neue Krankenhausentlastungsgesetz, das den Betreibern einen finanziellen Ausgleich für verschobene planbare Operationen und Behandlungen zukommen lässt.

Derweil sieht BMW wachsende Gefahren. Vorstandschef Oliver Zipse sagte am Freitag in einem Interview: „Ich will die Lage nicht kleinreden. Eine so ernste Situation kann selbst große Unternehmen in existenzielle Gefahr bringen – denn die Handelsbetriebe stehen außerhalb von China praktisch still.“ Absolute Priorität für den Konzern habe jetzt die Sicherstellung von Liquidität.
Besonders schwer hat es den Luftfahrtsektor getroffen. Die Lufthansa hat deshalb Gespräche mit der Bundesregierung über eine mögliche Beteiligung des Staates aufgenommen. Die Gespräche seien auf einem „guten Weg“, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus Regierungskreisen.

Aber es gibt auch Profiteure: Der Paket-Dienstleister DHL meldet nach einigen Wochen Corona-Krise mittlerweile steigende Paketzahlen. Zu Beginn der Einschränkungen hatte sich zunächst kein nennenswerter Effekt bemerkbar gemacht. Man sehe nun „eine täglich steigende Zahl von Sendungen, deren Menge mittlerweile sehr spürbar über der des Vorjahres zu dieser Zeit liegt“, sagte ein Post-Sprecher. Über Ostern werde die Menge voraussichtlich weiter steigen. Auch der Online-Arzneimittelhändler Shop Apotheke wird optimistischer – die Ausgangsbeschränkungen treiben die Bestellungen.
Düstere Perspektiven am US-Arbeitsmarkt haben die Anleger am Freitag an der Wall Street wieder in die Flucht getrieben. Anfangs sah es so aus, als ob sie einen Beschäftigungsrückgang um über 700 000 Personen nach den zuvor schon bekannten Hiobsbotschaften wegstecken würden. Dann aber rutschte der Dow Jones Industrial (Dow Jones 30 Industrial) wegen der mit dem Coronavirus verbundenen Rezessionssorgen deutlicher ins Minus ab.

Zur Schlussglocke verlor der Leitindex am Freitag 1,69 Prozent auf 21 052,53 Punkte. Auf Wochensicht hat er sein Minus damit auf 2,7 Prozent ausgeweitet. Für den breiter gefassten S&P 500 ging es zu Wochenschluss um 1,51 Prozent auf 2488,65 Punkte bergab. Der technologielastige NASDAQ 100 verlor 1,41 Prozent auf 7528,11 Punkte. Alle Indizes schlossen jedoch etwas erholt von ihrem Tagestief.

Am Jobmarkt der USA sprach die BayernLB von einem „sich aufbauenden Tsunami“ wegen des drastischer als befürchteten Stellenabbaus im März. Bernd Krampen von der NordLB sieht darin aber nur „die erste Welle eine Kahlschlags“. Das wahre Ausmaß werde wohl erst im nächsten Jobbericht zu sehen sein. Am Vortag hatten Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, die in den nun vorgelegten Zahlen noch nicht enthalten sind, bereits ein verheerendes Bild gezeichnet.

Ein weiteres zentrales Thema an den US-Börsen blieb am Freitag der seit dem Vortag auf Erholungskurs befindliche Ölpreis. Ein laut Medienberichten für Montag geplantes Krisentreffen führender Förderstaaten wurde hier zum neuen Antreiber. Die Wirkung bei Ölaktien verblasste aber, wie die klar ins Minus gedrehten Dow-Werte ExxonMobil und Chevron mit Abgaben von bis zu 3 Prozent zeigten.

Bei den von der Viruskrise besonders stark belasteten Papieren von Boeing stand am Ende des Tages eine kleine Erholungsbewegung um rund 1 Prozent auf der Kurstafel. Medienberichten zufolge hofft der Flugzeugbauer, seine Personalkosten in den Krisenzeiten mit Abfindungen und vorzeitigen Ruhestandslösungen drücken zu können. Derweil verlor Boeing einen weiteren Großauftrag für seinen Problemflieger 737 Max.

Ein Gewinner wurden im Dow auch die Aktien von Walmart mit 0,7 Prozent Plus. Am Markt hieß es, es gebe Anzeichen dafür, dass der Handelskonzern in den vergangenen Wochen wegen der Viruskrise seine Umsätze deutlich gesteigert hat – angetrieben von „Hamsterkäufen“ der US-Verbraucher.

Für Fluggesellschaften dagegen ging es nach wechselhaftem Start weiter nach unten. American Airlines wurden erstmals in ihrer Geschichte unter der Zehn-Dollar-Marke gehandelt, am Ende büßten sie 6,7 Prozent ein. Bei den Wettbewerbern Delta und United fielen die Abschläge mit maximal 2,3 Prozent aber deutlich geringer aus.

An der Nasdaq zogen die Papiere des Elektroautobauers Tesla wegen besser als erwartet ausgefallenen Auslieferungszahlen die Blicke auf sich. Nach einem prozentual zweistelligen Anstieg flachte auch hier der Schwung mit einem letztlichen Anstieg um 5,6 Prozent etwas ab. Das zweite Quartal dürfte wegen der Corona-Krise für das Unternehmen hart werden, argumentierte Analyst Ryan Brinkman von JPMorgan.

Am breiteren Markt konnte eine Kaufempfehlung von Goldman Sachs die Aktien von Twitter immerhin mit 0,3 Prozent im Plus halten. Nach dem jüngsten Kursrutsch biete sich trotz der Folgen der Corona-Krise auf den Werbemarkt für Anleger eine Einstiegschance, schrieb Analyst Heath Terry. Die Nutzerzahlen stiegen stark, da die Bevölkerung während des nahezu globalen Shutdowns informiert und vernetzt bleiben wolle.

Die Lust am Heiraten hat zuletzt global extrem abgenommen — zumindest bei den Unternehmenslenkern. So ist die Zahl der Fusionen und Übernahmen im ersten Quartal weltweit um fast 30 Prozent auf knapp 700 Milliarden US-Dollar gefallen. Was auf den ersten Blick wie ein heftiger, aber nicht unbedingt besorgniserregender Einbruch aussieht, bekommt auf den zweiten Blick einen dramatischeren Anstrich. Denn in den vergangenen Wochen trocknete der M & A-Bereich fast vollständig aus. Zuletzt wurden in einer Woche Deals im Wert von gerade einmal 12,5 Milliarden US-Dollar abgeschlossen — das ist der niedrigste Stand seit dem Krisenjahr 2009. Zudem werden auch Kaufofferten zurückgezogen wie das Beispiel Xerox zeigt. Der US-Konzern hatte sich seit dem Herbst um Rivale HP bemüht und zuletzt fast 35 Milliarden Dollar geboten. Xerox begründete die Absage mit der schwierigen Markt- und Wirtschaftslage wegen der Pandemie.

China wurde als erstes Land von der Corona-Krise hart getroffen, scheint sich nun aber auch als erste der großen Volkswirtschaften aus dem Tal der Tränen herauszuarbeiten. So stieg der Einkaufsmanagerindexfür das verarbeitende Gewerbe im März auf 52,0 nach 35,7 Punkten im Februar überraschend stark an. „Der konjunkturelle Verlauf in China ähnelt damit dem Buchstaben V. Einem scharfen wirtschaftlichen Einbruch folgt eine rasche Erholung“, erklärt Thomas Gitzel, Chefökonom der liechtensteiner VP Bank Gruppe. „Im Reich der Mitte waren die Beschränkungen des öffentlichen Lebens sehr strikt, das scheint sich nun auszuzahlen. Die Erholung fällt nun entsprechend kräftig aus.“ Klar ist allerdings auch, dass die Wirtschaftsleistung Chinas trotz der Stimmungsaufhellung im März deutlich unter dem Vorjahresniveau liegen wird. „Und solange die USA und Europa wirtschaftlich daniederliegen, wird auch der Exportsektor Chinas weiterhin unter wirtschaftlichen Ansteckungsgefahren leiden.“

Unter besonderer Beobachtung der Investoren steht derzeit auch Südafrika. Einerseits senkte Moody’s das Kreditrating Südafrikas auf unter Investment Grade, was bedeutet, dass nun alle drei großen Ratingagenturen die Bonität des Landes als Ramsch einstufen. Grund ist die Erwartung einer Rezession in Afrikas größter Volkswirtschaft infolge der Corona-Krise. Dies führte vergangene Woche zu einem Rekordtief der Landeswährung. Auch die Kurse der Staatsanleihen und die Kurse der Banken sind unter Druck. Experten rechnen damit, dass die Herabstufung Kapital-abflüsse von bis zu zwölf Milliarden US-Dollar auslösen wird. Aber auch Rohstoffanleger haben die Nachricht einer 21-tägigen Ausgangssperre am Kap, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, mit großer Nervosität zur Kenntnis genommen. Denn zugleich wurden die südafrikanischen Untertageminen für drei Wochen geschlossen. Dies führte zu Preissprüngen bei den Edelmetallen weltweit. Denn auf Südafrika entfallen 70 Prozent der globalen Platin- und 35 Prozent der Palladiumproduktion. Bei den kleinen Platinmetallen wie Rhodium, Iridium und Ruthenium liegt der Marktanteil sogar bei über 80 Prozent.


Weitere Meldungen und Kommentare zu Wirtschaft und Börse lesen Sie auf unserer Partner-Site

www.boerse-online.de

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 2 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

2 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Regenpfeifer
4 Jahre her

Als am „schwarzen Freitag“ im Oktober 1929 die Kurse zu bröckeln begannen, spekulierten auch viele Anleger auf eine rasche Erholung. Der Tiefpunkt der Börsen war dann erst knapp ~3 Jahre später im Juli 1932 erreicht. Der Dow Jones hatte zu dem Zeitpunkt 89% seines Werts verloren. Und die Krise von 2020 ist schlimmer als jene von 1929..

Alexis de Tocqueville
4 Jahre her

Hier in D wirds wehtun, die USA werden es überstehen. Hauptsache, es ist Geld für Energiewende, Euro, Migranten und den Kampf gegen rächts da. Wenn dafür die Bürger leiden müssen, dann ist es eben so. Ist nur gerecht, schließlich wollen sie es so. Schlimmer als diese Politik, ist doch der Ton vom Höcke. Das kann man nicht wählen, lieber noch ein paar Millonen Migranten und Windmühlen.