Der DGB warnt davor, dass die AfD die Bundesrepublik „wirtschaftlich isolieren“ werde. Dabei sind es Gewerkschaftsfunktionäre, die über die Mitbestimmung ganze Konzerne regieren – und ruinieren. Eine Abrechnung.
picture alliance/dpa | Swen Pförtner
Yasmin Fahimi sieht den Untergang kommen. „Eine AfD-Regierung würde Deutschland in den Abgrund führen“, sagt die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in einem Zeitungsinterview.
Was die DGB-Chefin nicht sagt: Unser Land steht längst am Abgrund. Doch nicht von rechts wurde es dorthin geschoben. Noch nicht einmal die Regierung trägt die Hauptschuld daran.
Sondern die Gewerkschaften.
Vom Kampfverband zum Selbstbedienungsapparat
Gewerkschaften waren einmal eine gute Idee. Sie haben Arbeitsschutz erkämpft, faire Löhne und Menschenwürde auch am Fließband. Sie haben tatsächlich einmal die Interessen der Arbeiter vertreten.
Das ist lange her.
Heute sind die Gewerkschaften nurmehr schwerfällige Großapparate mit Heerscharen von hauptamtlichen Funktionären, die vor allem eines vertreten und verteidigen: sich selbst.
Die Arbeiter haben das längst gemerkt. Sie stimmen mit den Füßen ab. Seit 1991 hat der DGB mehr als die Hälfte seiner Mitglieder verloren: Nach der Wiedervereinigung waren es 11,8 Millionen. Heute sind es gerade noch 5,4 Millionen. Das ist kein Zufall, denn die Gewerkschaften – oder besser: die Funktionäre – haben den Daseinszweck der Organisationen geändert. Früher ging es um den Arbeiter. Heute geht es um Haltung und Weltrettung.
Früher war der Arbeiter das Ziel. Heute zahlt er nur noch die Rechnung.
Wie die IG Metall das Auto ausbremst
Nirgends zeigt sich das so brutal wie in der Automobilindustrie.
Jahrelang marschierte die für die Branche zuständige IG Metall im Gleichschritt mit Grünen und SPD. Jede Verteuerung des Standorts wurde mitgetragen. Die Energiewende mit ihren Rekordstrompreisen wurde beklatscht. Beim E-Auto war die Gewerkschaft der lauteste Einpeitscher. Schon 2016 forderte sie eine möglichst rasche Abkehr von Benzin- und Dieselautos. Noch im Oktober 2025 verlangte sie gemeinsam mit dem Umweltverband BUND unbeirrt einen Schub für die E-Mobilität.
Eine Industriegewerkschaft kämpft im Schulterschluss mit Öko-Lobbyisten gegen genau die Produkte, von denen ihre Mitglieder leben.
Doch ach, wie blöd: Die Kunden spielen nicht mit. Zulieferer streichen zehntausende Stellen, selbst der Quasi-Staatskonzern VW will ganze Werke dichtmachen. Audi baut in Deutschland Stellen ab – und will dafür in den USA eine neue Fabrik aufbauen. Die Gewerkschaft ist empört. Aber sie hat den Graben selbst geschaufelt, in den die Branche da gerade fährt.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner versucht eine interessante Doppelstrategie: Sie will einen Kurswechsel – und gleichzeitig den Kurs beibehalten. Angesichts der Krise bei Herstellern und Zulieferern fordert sie plötzlich eine Lockerung des Verbrenner-Verbots. Zugleich beharrt sie aber darauf: „Die Hauptstraße fährt elektrisch.“
Wasch‘ mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass.
Erst Brandstifter, dann Feuerwehr
Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE) war lange Zeit ein treuer Mitläufer bei der sogenannten „Energiewende“. Ihr Chef Michael Vassiliadis ist privat der Ehemann von DGB-Chefin Yasmin Fahimi, die wir ja schon kennengelernt haben. Er saß in der Kohle-Kommission der Bundesregierung und trug den Kohleausstieg mit.
Dass steigende Strompreise genau die Energie-intensive Chemie treffen würden, wusste er. Er machte trotzdem mit. Heute verlangt derselbe Mann mit derselben Gewerkschaft eine sofortige Entlastung vom CO₂-Handel, weil viele Betriebe auf der Intensivstation lägen.
Nein! Doch! Ohh!
Die Schwestergewerkschaft IG Metall – insgesamt eine dubiose Organisation – legt noch einen obendrauf. Deutschlands Stahlindustrie soll, nicht zuletzt auf Druck der IG Metall, gerade auf „grünen Stahl“ umstellen. Doch der kann derzeit kaum produziert werden, weil der dafür notwendige grüne Wasserstoff schlicht fehlt. Und auch wenn grüner Stahl produziert werden kann, ist er sündhaft teuer. Deshalb gibt es für ihn kaum Kunden (ähnlich wie für das Elektro-Auto).
Das alles focht Knut Giesler nicht an: Der Verhandlungsführer der IG Metall zog 2023 mit der Forderung nach der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich in die Tarifrunde. Mitten in der größten Krise der Branchengeschichte wollte die Gewerkschaft den Arbeitern die Arbeitszeit verkürzen und den Unternehmen die Produktion sprunghaft verteuern.
Darauf muss man erstmal kommen. Hat denn auch nicht funktioniert: Die Gewerkschaft hat ihre Forderung inzwischen zurückgezogen.
Tarifziel Faulheit
Dahinter steht ein absurdes Menschen- und Gesellschaftsbild. Arbeit ist für die Gewerkschaften nie ein positiver Lebensinhalt – sondern immer nur eine Zumutung, eine Last. Lebensqualität beginnt für die Gewerkschaft stets erst dort, wo Arbeit aufhört. Also muss der Mensch aus Sicht der Gewerkschaft so wenig arbeiten wie möglich: 35 Stunden, 32 Stunden, vier Tage, irgendwann null.
Dass Arbeit Sinn stiftet, dass Menschen etwas leisten wollen, dass Wohlstand aus Fleiß entsteht und nicht aus Tarifverträgen – das kommt in der Welt der Gewerkschaftsfunktionäre nicht vor.
Als Union und SPD die Arbeitszeit stärker über eine wöchentliche statt über eine tägliche Höchstgrenze regeln wollten, rief der DGB den Klassenkampf aus – obwohl die Regierung die vereinbarte Wochenarbeitszeit ausdrücklich nicht verlängern wollte. Verdi-Chef Frank Werneke kündigte Widerstand in den Betrieben und auf der Straße an. Im September folgte ein Aktionstag mit Kundgebungen in 15 Großstädten: gegen Flexibilität.
In Wahrheit protestiert die Gewerkschaft damit gegen die eigenen Leute.
Nach einer Umfrage des Instituts Forsa halten knapp zwei Drittel der Befragten den Vorstoß für mehr Flexibilität für sinnvoll. Aber wo es um ideologische Gewerkschaftspositionen geht, spielen die tatsächlichen Wünsche und Bedürfnisse der Arbeitnehmer eben keine Rolle.
Gewerkschaft aus der Kreidezeit
Besonders rückwärtsgewandt ist die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie nennt sich selbst „Bildungsgewerkschaft“ und trägt den „Schutz der Lehrer“ wie eine Monstranz vor sich her.
Was sie damit wirklich meint, ist der Schutz vor jedweder Veränderung.
Jeden noch so zarten Digitalisierungsversuch bremst die GEW faktisch mit immer denselben Argumenten: Datenschutz, zu hohe Belastung der Lehrkräfte, „Primat der Pädagogik“. Und im Ergebnis setzt sie sich damit erschütternd oft durch. In einer GEW-Debatte wurde allen Ernstes gefordert, Schulen müssten vom Netz genommen werden, solange der Datenschutz nicht gewährleistet sei.
Bei der Künstlichen Intelligenz sorgt sich die Gewerkschaft vor allem um Kommerzialisierung und Privatisierung. Während China seine Schüler flächendeckend mit KI-Tutoren trainiert, formuliert die GEW nur Bedenken.
Noch verräterischer ist ihr Feldzug gegen ökonomische Bildung. Ein eigenes Schulfach „Wirtschaft“ werde dem umfassenden Bildungsanspruch nicht gerecht, befinden DGB und GEW. In Nordrhein-Westfalen nannte die GEW-Landesvorsitzende das Fach „nicht zielführend“ und witterte den Einfluss von Wirtschaftsverbänden. Gegen die Finanzbildungsinitiative des Bundes polterte GEW-Chefin Maike Finnern, öffentliche Bildung dürfe „nicht auf ein Instrument zur Wirtschafts- und Finanzmarktförderung reduziert werden“.
Übersetzt: Kinder sollen bloß nicht lernen, wie Zinseszins, Aktien und Unternehmertum funktionieren. Wer ökonomisch alphabetisiert ist, glaubt seltener an Umverteilung. Der antikapitalistische Reflex sitzt tief bei den Gewerkschaftsfunktionären.
Bürokraten statt Malocher
Früher kamen Gewerkschaftsführer aus den Betrieben. Heute kommen sie aus den Partei-Apparaten.
Früher ging der Gewerkschafter in die Politik, nicht umgekehrt. Georg Leber arbeitete nach dem Krieg als Maurer und trat 1947 der IG Bau-Steine-Erden bei. Er führte die Baugewerkschaft, saß als Gewerkschaftschef 26 Jahre lang für die SPD im Bundestag und wurde sogar Minister. Walter Arendt, Sohn eines Bergmanns, fuhr selbst unter Tage ein und stieg dann zum Chef der IG Bergbau auf. Erst später wurde er Bundesarbeitsminister für die SPD. Hermann Rappe führte die IG Chemie und saß für die SPD im Bundestag. Walter Riester war erst Vizechef der IG Metall und wurde dann Arbeitsminister.
Das hatte System. Mitte der 1960er-Jahre waren 47 Prozent aller Bundestagsabgeordneten gewerkschaftlich organisiert. In den Siebzigern saßen zwei amtierende, drei ehemalige und zwei künftige Gewerkschaftsvorsitzende im Parlament, drei frühere Gewerkschaftschefs waren Minister. Diese Leute kamen aus den Betrieben, und sie trugen die Betriebe in die Politik.
Dann drehte sich die Richtung.
Der Berufspolitiker verdrängte den Arbeiter. Im zweiten Kabinett des Bundeskanzlers Gerhard Schröder von der SPD saß erstmals kein früherer Gewerkschafter mehr im Kabinett, und erstmals gehörte kein Chef einer Einzelgewerkschaft mehr der SPD-Fraktion an. Zuletzt waren drei von fünf Genossen nicht einmal mehr Mitglied irgendeiner Gewerkschaft. Der Gewerkschafter verschwand aus der Partei.
Dafür übernahm die Partei die Gewerkschaften. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi war vorher SPD-Generalsekretärin, Staatssekretärin und Bundestagsabgeordnete. Nominiert wurde sie, während sie noch für die SPD im Bundestag saß. Zuvor hatte die Sozialdemokratin und frühere Arbeitsministerin Andrea Nahles den Job abgelehnt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Für den Spitzenposten der Arbeitnehmerschaft suchte der DGB ernsthaft in der Ministerriege der SPD.
Mittlerweile machen auch die Grünen mit. Annelie Buntenbach saß für sie im Bundestag – und wurde danach in den geschäftsführenden DGB-Vorstand gewählt. Ihre Nachfolgerin Anja Piel war direkt vorher Vorsitzende der Grünen-Fraktion im niedersächsischen Landtag.
Die Gewerkschaften sind heute wenig mehr als Versorgungseinrichtungen für abgehalfterte Berufspolitiker.
Fremdbestimmung statt Mitbestimmung
In Großunternehmen mit Paritätischer Mitbestimmung stellen die Arbeitnehmervertreter die Hälfte der Aufsichtsratssitze. Das allein ist schon eine dreiste Teilenteignung der Eigentümer, doch das ist Stoff für einen anderen Text.
Viel fataler ist, dass bei dieser „Paritätischen Mitbestimmung“ einige der Aufsichtsratssitze für betriebsfremde Gewerkschaftsvertreter reserviert sind. Leute, die nicht nur nie einen Euro ins Unternehmen gesteckt haben, sondern die noch nie auch nur einen einzigen Handgriff in der Werkshalle getan haben, entscheiden über Werksschließungen, Konzernstrategien und Vorstände.
Was kann da schon schiefgehen?
Bei Thyssenkrupp segnete der Aufsichtsrat den Bau von zwei gigantischen Stahlwerken in Brasilien und Alabama ab. Im Aufsichtsrat saß damals Bertin Eichler aus dem geschäftsführenden Vorstand der IG Metall. (Er verließ später den Aufsichtsrat, nachdem herauskam, dass er auf Konzernkosten erster Klasse geflogen war.) Das Projekt brachte den mit Abstand höchsten Verlust der Firmengeschichte: fünf Milliarden Euro in einem einzigen Geschäftsjahr. Zeitungen nannten das Projekt die größte Fehlinvestition in der deutschen Industriegeschichte. Hinterher beteuerten die Arbeitnehmervertreter, sie hätten das Projekt schon von Anfang an kritisch hinterfragt. Gestoppt haben sie es nicht. Der NRW-Bezirksleiter der IG Metall, Oliver Burkhard, wechselte kurz darauf als Personalvorstand in den Konzern. Nur ein Schelm wird Böses dabei denken.
Bei Bayer stimmte der Aufsichtsrat der Übernahme von Monsanto einstimmig zu, also mit allen Stimmen der Arbeitnehmerseite. Es war mit 63 Milliarden Dollar die größte Auslandsübernahme eines deutschen Unternehmens. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats jubelte: Der Kauf werde nachhaltig die Zukunftsfähigkeit von Bayer sichern. Doch leider tat er das nicht: Kurz danach verkündete Bayer den Abbau von mehr als 4.500 Stellen in Deutschland. Heute sitzt übrigens DGB-Chefin Fahimi persönlich in diesem Aufsichtsrat.
Und dann VW. Als der Diesel-Skandal den Konzern erschütterte, galt Betriebsratschef Bernd Osterloh als eine Art Über-Manager, der den Aufsichtsrat dominierte. Interimsvorsitzender des Kontrollgremiums war ausgerechnet der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber. Im Aufsichtsrat haben die Vertreter von Arbeitnehmern und Gewerkschaft also genauso versagt wie die beiden Eigentümerfamilien und Land Niedersachsen.
Wer mitbestimmt, trägt auch Mitverantwortung.
Bilanz der Blockierer
„Nieten in Nadelstreifen“ – das gilt eben nicht nur für Spitzenmanager, sondern auch für Gewerkschaftsfunktionäre.
Man kann und soll inkompetente Manager kritisieren. Doch ihre Fehler treffen fast immer nur ein Unternehmen. Die Fehler der Gewerkschaften dagegen treffen ganze Branchen: die Strategie, die sie mitgetragen haben; die Kosten, die sie hochgetrieben haben; die Modernisierungen, die sie verhindert haben.
Sture Gewerkschafter haben mehr Arbeitsplätze vernichtet als irgendein noch so unfähiger Vorstand.


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