Unsicherheit über Fortsetzung KI-Boom, Beruhigung in Nahost, SpaceX setzt Telekom-Anbieter unter Druck

Rekordkurse, dann KI-Kater: Zweifel am Boom um OpenAI erschüttern die Nasdaq. Ölpreise und Anleiherenditen steigen, SpaceX setzt Telekomkonzerne unter Druck. An den Börsen wächst die Nervosität.

shutterstock

Eigentlich läuft es an den Börsen ziemlich gut. Eigentlich. Die amerikanische Wirtschaft hält sich erstaunlich wacker, die Unternehmen erwarten kräftig steigende Gewinne. Am Dienstag erreichte der S&P 500 sogar einen neuen Rekordstand. Doch zwei Tage später war die Stimmung deutlich weniger ausgelassen. Kräftige Verluste bei Aktien aus dem Bereich Künstliche Intelligenz (KI) zogen die Technologiebörse Nasdaq am Donnerstag deutlich nach unten. Wie die „Financial Times“ unter Berufung auf ihr vorliegende Unterlagen berichtet hatte, habe OpenAI Investoren kürzlich mitgeteilt, dass sich die Umsätze des KI-Unternehmens Ende September auf annualisierter Basis zwar auf fast 50 Milliarden US-Dollar beliefen, jedoch rund 20 Milliarden unter einigen kürzlich veröffentlichten Schätzungen für den ChatGPT-Hersteller lägen. OpenAI habe eine Stellungnahme gegenüber der Zeitung abgelehnt. Daraufhin knickten vor allem die Kurse von KI-Halbleiterkonzernen ein. So verbuchten die Aktien von Nvidia, Arm Holdings, Intel, AMD, Marvell Technology, Micron und Sandisk Kursabschläge zwischen 2,9 und 6,5 Prozent. Letztlich verlor der technologielastige Index 1,4 Prozent. Der Dow Jones Industrial schloss am Donnerstag dagegen 0,1 Prozent höher bei 51.232 Punkten.

Daneben beschäftigten in der vergangenen Woche besonders zwei Zahlen die Börsianer: 105 und 5,3. Die erste steht für den Ölpreis. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete zeitweise mehr als 105 Dollar. Die zweite steht für die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen. Sie stieg auf rund 5,3 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2002. Beides zusammen ist für Aktien keine besonders angenehme Mischung.

Das Ölproblem reicht weit über die Tankstelle hinaus. Teures Öl verteuert Transporte, industrielle Produktion und zahlreiche Dienstleistungen. Wenn Unternehmen diese Kosten an ihre Kunden weitergeben, steigt auch die Inflation wieder.

Und damit sind wir bei den Zinsen. Die amerikanische Notenbank hatte ihren Leitzins im September erstmals seit mehr als drei Jahren wieder erhöht. Das am Mittwoch veröffentlichte Sitzungsprotokoll zeigte, dass sich die Währungshüter über den weiteren Kurs keineswegs einig sind. Weitere Zinsschritte bleiben möglich. Die Anleger müssen sich also mit der Aussicht anfreunden, dass Geld noch länger teuer bleibt.

Gleichwohl sorgten leicht sinkende Ölpreise und nachlassende Sorgen über die Nachhaltigkeit des Investitionsbooms im Bereich Künstliche Intelligenz an den US-Aktienmärkten am Freitag für Rückenwind. Zurückgehende geopolitische Spannungen im Nahen Osten hellten die Anlegerstimmung zusätzlich auf. Der Dow Jones gewann schließlich 0,8 Prozent auf 51.655 Punkte. Auf Wochensicht hat der Index damit um knapp ein Prozent zugelegt. Der marktbreite S&P 500 stieg um 0,6 Prozent auf 7.812 Zähler. Für den Nasdaq 100 ging es wieder um 0,5 Prozent auf 30.883 Punkte aufwärts.

Aus Branchensicht standen Aktien aus dem Telekomsektor im Anlegerfokus, nachdem der Weltraumkonzern SpaceX den Erwerb von US-Mobilfunkfrequenzen bekannt gegeben hatte und mit seinen Starlink-Satelliten nun zu einem großen Wettbewerber im US-Mobilfunkgeschäft werden könnte. Die SpaceX-Titel gewannen 1,3 Prozent.

Dagegen sackten die Papiere der bisherigen Platzhirsche in der Branche – AT&T, Verizon, T-Mobile US – um bis zu gut 13 Prozent ab. Die Titel von US-Funkmasten-Anbietern wie SBA, American Tower und Crown Castle verbuchten Kursgewinne von bis zu fast 16 Prozent.

Apple büßten 1,1 Prozent ein. Laut Medienberichten kürzte der Technologiekonzern aufgrund einer unerwartet schwachen Nachfrage nach den Modellen iPhone 18 Pro und iPhone 18 Pro Max seine Bestellungen für Komponenten dieser Smartphone-Modelle.

Die US-Fluggesellschaft Delta Air Lines macht wegen gestiegener Kraftstoffkosten deutliche Abstriche bei ihrem Jahresausblick. Gleichwohl bleibe die Nachfrage hoch, hieß es von Delta-Chef Ed Bastian. Die Delta-Aktie ging nahezu unverändert aus dem Handel.

Die Aktien von Humana schnellten um 11,3 Prozent hoch, nachdem der Krankenversicherer seine Ergebnisse bei den entscheidenden Qualitätsbewertungen für private Zusatzversicherungen („Medicare Advantage“) verbessert hat, was sich positiv auf die künftigen Umsätze auswirken dürfte.

Die Titel von Lumentum stiegen um 5,2 Prozent. Der Hersteller optischer Hightech-Geräte teilte mit, dass seine Komponenten aufgrund der hohen Nachfrage von Technologieunternehmen, die leistungsfähige KI-Rechenzentren benötigen, bis Anfang 2029 „vollständig ausverkauft“ seien.

Zuvor hatte der DAX bereits seine Vortagesverluste nahezu wettgemacht und die Marke von 25.000 Punkten zurückerobert. Unterstützung kam vom Anleihemarkt angesichts rückläufiger Renditen. Mit einem Plus von 1,1 Prozent auf 25.087 Zählern ging der deutsche Leitindex aus dem Handel und hat damit im Wochenverlauf 0,6 Prozent verloren. Am Vortag war er gleich zum Börsenauftakt unter die 25.000 Punkte gefallen und hatte zeitweise den tiefsten Stand seit dem 23. Juli erreicht.

„Der Sprung zurück über die psychologische 25.000-Punkte-Marke sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter der Oberfläche erhebliche Unsicherheitsfaktoren glimmen“, mahnte Timo Emden, Analyst beim Broker CapTrader, und sah vor allem Schnäppchenjäger unterwegs. Der MDAX mit den mittelgroßen Werten stieg am Freitag um gut 1,6 Prozent auf 29.990 Punkte.

Analystenkommentare trieben Heidelberg Materials, Rational und vor allem Salzgitter nach oben. Eine frisch ausgesprochene Kaufempfehlung von UBS für Salzgitter mit einem deutlich auf 71 Euro erhöhten Kursziel bescherte den Papieren des Stahlherstellers an der MDAX-Spitze ein Plus von 13,4 Prozent auf 49,94 Euro. Analyst Andrew Jones sieht Salzgitter in Europa stärker als die Konkurrenz von anziehenden Stahlpreisen profitieren. Bei Heidelberg Materials und Rational sorgte die kanadische Bank RBC mit ihren Hochstufungen auf „Outperform“ für Kursgewinne. Das Papier des Baustoffherstellers stieg um 1,8 Prozent, das des Großküchenausstatters legte um 6,6 Prozent zu. Rational sei ein Paradebeispiel für deutsche Mittelstandstechnik, und die Finanzkennzahlen sähen beeindruckend aus.

Der Blick nach vorn

Am Dienstag wird JPMorgan Chase seine Quartalszahlen vorlegen. Diesmal dürfte besonders interessant werden, wie die größte amerikanische Bank mit den hohen Zinsen zurechtkommt. Denn für Banken sind hohe Zinsen eine etwas zwiespältige Angelegenheit. Einerseits können sie für Kredite mehr verlangen und dadurch höhere Erträge erzielen. Andererseits steigt die Kreditausfallwahrscheinlichkeit; denn je länger Geld teuer bleibt, desto größer wird die Gefahr, dass Unternehmen oder Verbraucher ihre Kredite nicht mehr bedienen können.

Entscheidend wird deshalb weniger sein, ob JPMorgan ein paar Cent mehr oder weniger verdient hat als erwartet. Interessanter ist, was die Bank über die Lage ihrer Kunden berichtet. Auch das Geschäft an den Kapitalmärkten dürfte Aufmerksamkeit bekommen. Starke Kursschwankungen können Banken zusätzliche Handelserträge bescheren. JPMorgan liefert damit einen ziemlich guten Einblick in den Zustand der amerikanischen Wirtschaft.

Am Mittwoch um 14.30 Uhr deutscher Zeit wird das amerikanische Arbeitsministerium die Verbraucherpreise für September veröffentlichen. Am Donnerstag folgen zur gleichen Zeit die Erzeugerpreise. Beide Zahlen dürften besonders aufmerksam verfolgt werden. Denn nach dem jüngsten Anstieg der Ölpreise und Anleiherenditen wächst die Sorge, dass die Inflation hartnäckiger bleibt als erhofft. Allerdings gibt es einen Haken: Die Septemberzahlen können den jüngsten Ölpreissprung noch gar nicht vollständig berücksichtigen. Selbst eine erfreulich niedrige Inflationsrate wäre deshalb keine Entwarnung für die kommenden Monate.

Damit stehen in der kommenden Woche zwei Fragen im Mittelpunkt: Wie gut verdienen die Unternehmen? Und wie teuer wird das Geld, das sie für ihr weiteres Wachstum brauchen?

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen