Ministerpräsident Mario Voigt, dem sein Doktor wegen Wissenschaftsbetrugs entzogen wurde, will nun nicht mehr klagen. Die Kapitulation verkauft er als selbstlosen Dienst am Gemeinwesen. Dazu veröffentlichen wir ein vor Kurzem geführtes Interview mit dem „Plagiatsjäger“ Stefan Weber.
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Die quälend lange Politik-Posse um die Doktorarbeit des Thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) kommt zum Ende: Der Regierungschef erklärte gestern, er ziehe seine Klage gegen die Aberkennung seines Doktortitels zurück. Die Umstände und vor allem die Begründung seiner Entscheidung muten bizarr an. Denn damit räumt er ausdrücklich nicht die Vielzahl von Plagiaten in seiner politikwissenschaftlichen Dissertation an der TU Chemnitz von 2008 ein.
In seiner Arbeit mit dem Titel „Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf: George W. Bush gegen John F. Kerry“ spürte der „Plagiatsjäger“ Stefan Weber 140 Plagiatsstellen auf, die 36 Prozent der Promotionsschrift betreffen. Im Januar 2026 entzog die Universität Chemnitz dem Ministerpräsidenten deshalb den Doktorgrad. Seinen Widerspruch wies sie im Juli zurück. „Diese Entscheidung“ – also die angekündigte Klage zurückzuziehen – „fällt mir nicht leicht, weil ich persönlich viel Arbeit in meine Dissertation gesteckt habe“, meinte Voigt auf einer Pressekonferenz – so, als wäre die Mühe, die er mit der Promotion hatte, ein Maßstab für wissenschaftlich sauberes Arbeiten. In der Vergangenheit behauptete der Politiker: „Der wissenschaftliche Kern meiner Arbeit ist von den Vorwürfen nicht betroffen.“
Das klingt so, als sei ihm eben erst aufgegangen, dass er ein politisches Spitzenamt innehat. Zur Rechtfertigung muss über Thüringen hinaus auch noch der deutschlandweite Kampf um die „politische Mitte“ herhalten. Im September habe sich durch die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt einiges verändert, die politische Mitte stehe unter massivem Druck. „Die Härte der politischen Auseinandersetzung verlangt vollen Einsatz.“
Der Thüringer Volksmund hat schon einen Spottnamen für den schwer angeschlagenen Ministerpräsidenten gefunden: „Doktor No“.
Alexander Wendt sprach mit dem Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber. Als er Plagiate konservativer Politiker aufdeckte, galt er als Held, seit er auch linke Schwindler enttarnte, als Hassfigur. In Wirklichkeit bekämpft der Österreicher Wissenschaftsbetrug. Jetzt müssen zwei deutsche CDU-Politiker seinetwegen um ihr Amt zittern.
Tichys Einblick: Herr Weber, mit Ihrer Überprüfung der Doktorarbeiten des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt und der Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg haben Sie kürzlich gleich zweimal die deutsche Politik durchgeschüttelt. Wie fühlen Sie sich als Akademiker aus Österreich, der deutsche Politiker stürzt oder schlecht aussehen lässt?
Stefan Weber: Ich will nicht in die deutsche Politik eingreifen, indem ich Plagiate finde, sondern es ist umgekehrt: Ich finde die Plagiate und greife dadurch indirekt in die deutsche Politik ein. Wir müssen uns die Akademiker näher anschauen. Das ist eine Vorstellung, die ich eigentlich 2005 geboren habe und die dann in Deutschland durch das GuttenPlag Wiki im Jahr 2011 – der damalige Verteidigungsminister Guttenberg musste wegen seiner plagiierten Doktorarbeit zurücktreten – sehr schnell sehr populär wurde.
Wie kam es zu dieser Idee?
Es gab die Doktorarbeit von Helmut Kohl, die geisterte irgendwann mal durch den „Spiegel“, genauso wie die vom Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, einem einflussreichen Sozialdemokraten, mal thematisiert wurde. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann vor 2005 oder 2010 große kritische Debatten über die Doktorarbeiten der Politiker in Deutschland und Österreich gab, einmal abgesehen von Achim Schwarzes Büchlein „Dünnbrettbohrer in Bonn“, das sich mit der mangelnden Qualität von Politikerdoktorarbeiten beschäftigte. Ich meine, wir müssen uns die Doktorarbeiten von Politikern genauer ansehen.
Helmut Kohl hat tatsächlich kein sehr dickes Brett gebohrt mit seiner Untersuchung über die Entwicklung der Wählerstimmen in RheinlandPfalz – aber er hat sie immerhin selbst geschrieben. Woran liegt es, dass in den vergangenen Jahren ein Politiker nach dem anderen wegen geistigen Diebstahls auffällt – und das quer durch die politischen Lager?
Das liegt schon primär am Verfall des akademischen Bildungssystems. Immer wenn Katastrophen passieren in der Gesellschaft, gibt es eigentlich ein Bündel von Vektoren, die dazu geführt haben. Schauen Sie, die übliche deutsche rechtswissenschaftliche Doktorarbeit hat im Moment 400 Seiten oder mehr. Aber es gibt so eine magische 400-Seiten-Regel: 400 Seiten liest niemand. Und da ist es natürlich eine große Verführung, gerade in der Rechtswissenschaft, diese endlosen, quälenden Fußnotenapparate, die Judikatur, die Interpretation und so weiter irgendwo abzuschreiben. Da sagt sich der Promovend: Ich muss jetzt doch bitte nicht noch einmal in die ganze Judikatur rein, da hat schon jemand den Fußnotenapparat, den übernehme ich einfach komplett. Das ist aber nicht Sinn der Wissenschaft, denn so schleichen sich Fehler ein.
Das ist der eine Aspekt. Der andere: Natürlich gab es einen großen Sprung vom analogen Arbeiten zum digitalen Arbeiten circa um die Jahrtausendwende. Jetzt entwickelt sich mit KI ein neues, fantastisches Tool, mit dem alles wahnsinnig schnell geht, mit dem man die besten Texte schreiben – und Plagiate auffinden kann. Aber das Hauptproblem ist, wenn man es auf den Kern bringt: Die Doktorarbeiten sind zu dick, die werden nicht gelesen. Es ist nicht Unvermögen, noch nicht einmal Faulheit. Es ist die Verführung, einfach zu sagen: Was muss ich denn da schon wieder durch? Das hat ja drei Jahre vorher schon mal jemand bearbeitet. Ich aktualisiere vielleicht mit zwei, drei Fußnoten, aber die übrigen 16 Fußnoten pro Seite übernehme ich aus einer älteren Doktorarbeit. Wenn man dann aber die ältere Doktorarbeit nicht zitiert, hat man ein Problem. Denn das ist ja der Sprung von der Bequemlichkeit zum vorsätzlichen Textbetrug.
Gab es denn schon früher das Phänomen, dass dermaßen viele Politiker unbedingt den Doktortitel wollten? Vor Jahrzehnten promovierten fast nur diejenigen, die danach auch in der Wissenschaft bleiben wollen.
Es gibt ja beides. Es gibt die wirklich Uneitlen, die den Titel gar nicht groß in den Mittelpunkt rücken. Einen Bachelor-, Magisteroder Diplomtitel wird man als Politiker eher nicht in den Mittelpunkt stellen. Aber es gibt eben auch andere. Ich sehe das immer, wenn ich ins benachbarte Bayern rüberfahre. Da glänzt, da prangt der Doktor schon auf vielen Wahlplakaten.
Bringt der Dr. vor dem Namen tatsächlich noch so viel Renommee? Guttenberg stürzte vor 15 Jahren über seinen zu Unrecht erworbenen Titel – und seit ihm viele, viele andere.
Ja, ich glaube, dass sich das Signal sich in den letzten 15 Jahren umgedreht hat – eben seit Guttenberg. Zunächst war der Titel eine Visitenkarte, die zeigte, dass man halt besonders gebildet ist, intelligent ist, ein Buch, eine Publikation vorzuweisen hat. Und er diente dazu, damit vielleicht auch vorzutäuschen, für die Politik besonders qualifiziert zu sein, weil man promoviert ist. Es gibt meines Wissens keine aktuellen Studien dazu, dass das eigentlich eine Karnevalsbezeichnung geworden ist, wenn ein CDU-Politiker seinen Doktortitel noch aufs Wahlkampfplakat schreibt. Für den Titel gibt es heute nicht mehr den Respekt wie früher. Und damit kommen wir darauf zurück: Was war einmal Sinn und Zweck der Promotion? Wie Sie sagen, die Promotion ebnete eigentlich den Weg in die Wissenschaft. Wer nicht in der Wissenschaft bleiben will, der belässt es bei der zweiten Bologna-Stufe.
In Mario Voigts Doktorarbeit über den US-Wahlkampf George W. Bushs gegen John F. Kerry haben Sie 140 Plagiatsstellen aufgespürt, die insgesamt 36 Prozent der Arbeit betreffen. Der Titel wurde Voigt entzogen, wogegen er klagt; er trat bisher nicht zurück und wurde wieder zum CDU-Landeschef gewählt. Was ist Ihr Gesamteindruck von Voigts Promotion?
Wenn jemand in Amerika die Wahlkampfstrategie von Bush und Kerry beobachtet und er kommt mit einem Koffer von spannenden Interviews zurück, da rückt er das doch normalerweise in den Mittelpunkt und versteckt diese Interviews nicht in Schwindel, in Fußnoten, und plagiiert dann auch noch die ganze Arbeit hindurch. Da gab es offenbar gar kein Interesse, wirklich Forschung zu betreiben. Das kann man schon aus dem Text rauslesen: Sonst hätte er ja seine Interviews in den Mittelpunkt gestellt, hätte die Methode expliziert, die Interviews selbst wären im Anhang erschienen. Aber so handelt es sich um 300 Seiten Prosa, zusammengestoppelt, aus Dutzenden Quellen abgeschrieben, immer wieder übernommen, aber nicht zitiert.
Bisher ist Voigt – anders als Guttenberg damals – von den meisten Medien außerordentlich milde behandelt worden. Oder wie nehmen Sie das wahr?
Da fragt man sich: warum? Eigentlich hätte ihn beispielsweise Melanie Amann in ihrem Podcast fragen müssen: Haben Sie plagiiert, ja oder nein? Das hat ihn aber nie jemand gefragt. Das traut sich ja kein Journalist, das ist tabu. Und wenn der Herr Voigt sagt: Nein, ich habe nur unsauber zitiert, dann wäre es interessant, weiter nachzuhaken. Wenn er gesagt hätte: Ich war im guten Glauben, dass man das machen darf, wäre das auch eine Antwort.
Dann könnte man mit ihm darüber diskutieren, wie er dazu kam. Aber diesen Tiefgang leisten die meisten Journalisten nicht mehr. Vor einigen Tagen hat ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks den Fall Voigt, wie es so schön heißt, „eingeordnet“. Der Kommentator meinte: Wenn jetzt der Freispruch vom Verwaltungsgericht Chemnitz käme, dann ist alles gut. Und das ist für mich der Kern des bewussten Missverständnisses. Dann ist nämlich nicht alles gut. Wenn der Entzug des Doktortitels wegen irgendeines Verfahrensfehlers vielleicht widerrufen wird und das Verfahren von Neuem beginnt – dann sind die Plagiate ja immer noch da.
Wie lautet Ihre Prognose zu dem Gerichtsverfahren, in dem Voigt ja bemerkenswerterweise gegen die Universität klagt, die ihm den Titel verliehen (und dann wieder entzogen) hat?
Damit ein Doktortitel aberkannt werden kann, müssen ja bereits entsprechende Gutachten vorliegen, die die Täuschungsabsicht bejahen. Das ist der Fall bei der TU Chemnitz, also bei der Universität, die ihm den Doktortitel verliehen hat.
Kommen wir von dem Ministerpräsidenten, den jetzt viele im Netz „Doktor No“ nennen, zu Ihnen. Sie galten nach dem politischen Ende von Guttenberg den meisten Medien als Aufklärer auf dem Feld der Wissenschaft; die deutschen Grünen haben sogar einmal ein Gutachten bei ihnen in Auftrag gegeben. Dann fingen Sie irgendwann an, sich auch für Doktorarbeiten von Vertretern der Linken zu interessieren. Seitdem gelten Sie als ganz schlimme Figur. Ein SPD Politiker behauptete kürzlich, Ihr ganzes Geschäftsmodell basiere auf Falschbehauptungen.
Der linke Suhrkamp-Autor Robert Misik schrieb 2023: „Unfassbar, dass er damit durchgekommen ist.“ Damit meinte er aber nicht den Plagiator, sondern mich. Ja, ich bin bislang damit durchgekommen. Das ist schon eine sehr interessante Dynamik, die man erst in der Retrospektive erkennt. Ich möchte es so strukturieren: Ja, ich konnte mit meiner Arbeit nicht nur jetzt zeigen, dass diese ganzen dicken, fetten Promotionen in einem unerwartet hohen Grad Plagiate enthalten. Ich konnte noch etwas zeigen, was natürlich die Journalisten schon wissen, aber viele Mediennutzer nicht: Die Mainstream-Medien sind so stark nach links gedreht, dass sie Kritik an linken Politikern automatisch ausblenden. Das heißt ganz konkret: Wenn Sie sich erinnern an 2021, da war die Medienwelt im Fall Annalena Baerbock noch gespalten. Baerbock war auf dem Cover des „Stern“, Baerbock war auf dem Cover des „Spiegel“. Ich bin Österreicher. Das erste Mal, als ich über Baerbock etwas gelesen habe, waren es die Zeilen – sinngemäß zitiert – im „Spiegel“: Die Frau sei so tough und genau, die rufe sogar um 00.30 Uhr noch eine Assistentin an und bitte, dass sie ihr schnell ein Detail erkläre. Diese Frau sei ein Genie, sie werde die neue Kanzlerin und so weiter.
Und das brachte Sie dazu, einmal genauer hinzusehen?
Da hat überhaupt nichts gestimmt in ihrem Lebenslauf. Dann kamen diese Plagiate in ihrem Buch, die auch noch kleingeredet wurden. Gleichwohl gab es Medien, die Sie zunächst entlastet haben.
Die „Süddeutsche“ schrieb damals, es gebe in ihrem Buch nur eine Handvoll Übernahmen aus anderen Texten ohne Quellenangabe – also eine Petitesse.
Ich bin mit zu wenigen Stellen an die Öffentlichkeit gegangen, das könnte ich mir vorwerfen. Aber ich kenne das Handwerk schon seit 20 Jahren. Ich weiß, wenn man fünf gravierende Stellen findet, dann kann man auch einige Dutzend Stellen finden. Die magische Zahl von hundert Plagiaten war nur die, bei der wir damals aufgehört haben.
Nie gab es eine solche Wutwelle gegen Sie wie im Fall der damaligen stellvertretenden Chefredakteurin der „Süddeutschen“ Alexandra Föderl-Schmid. Sie wiesen damals zahlreiche Stellen in ihrer Doktorarbeit nach, die sie ohne Quellenangabe übernommen hatte. Daraufhin verschwand Föderl-Schmid für einen Tag – und gegen Sie brach ein Empörungssturm los. Journalisten forderten, Ihnen müsse das Handwerk gelegt werden. Was war so besonders?
Ich habe viele private Mails bekommen, der Chefredakteur der „Kronenzeitung“, schrieb einen unfassbar verlogenen Hasskommentar gegen mich und tat so, als ob ich nach dem Verschwinden von Föderl-Schmid etwas Abfälliges gepostet hätte.
Zur Erklärung: Es ging das Gerücht, die Journalistin hätte einen Suizidversuch unternommen.
Ja, das war die Unterstellung: Ich hätte von der Polizei erfahren, dass sie verschwunden sei, und jetzt schösse ich noch mal öffentlich nach. In Wahrheit habe ich einige Stunden vorher zu ihrem Fall gepostet. Armin Wolf, der bekannte österreichische ORF-Journalist, hatte mir eine Mail geschrieben: Ob ich immer noch nicht bereute, was ich hier tue. Florian Klenk, Chefredakteur des Magazins „Falter“, schrieb: „Suchen Sie sich endlich einen ordentlichen Job.“ Es kam eine Hasswelle von linken Journalisten, die mir auch nie genau geschrieben haben, was überhaupt los ist.
Vielleicht lag es daran, dass es eine dezidiert linke Journalistin getroffen hatte – und keinen Politiker.
Julian Reichelt von Nius hat es auf die kurze Formel gebracht: „Sie ist eine Frau, und sie ist links.“ Wäre es ein Mann und rechts, dann wäre es noch okay. Ich habe zum Beispiel In Bezug auf Mario Voigt seit 2024 nicht eine einzige Hassmail bekommen, so nach dem Motto: Herr Weber, gnade Ihnen Gott, wenn Sie nach Thüringen kommen. Bei Alexandra Föderl-Schmid waren es ungezählte Mails dieser Sorte.
Ihre Gegner weisen darauf hin, dass Sie zwar in etlichen Gutachten Plagiate feststellen, die Universitäten dann aber nach Prüfung erklärten, es handle sich nur um geringfügige Verstöße. Der zweite Vorwurf gegen Sie lautet, manche Ihrer Gutachten würden bezahlt. Was antworten Sie diesen Kritikern?
Das Tolle an den Plagiatsdokumentationen ist: Sie sprechen ja für sich. Jeder kann Original und Plagiat vergleichen. Und meine Vergleichstabelle ist unabhängig davon, ob gezahlt wurde und wenn ja, wer ein Honorar gezahlt hat. Was zutrifft: Je mehr Geld wir erhalten, desto mehr Plagiate können wir finden. Falls jetzt unterstellt wird, ich finde etwas, wenn ich mehr Geld bekomme: Wir finden dann mehr, weil wir mehr digitalisieren können, weil wir mehr Arbeitsstunden zur Verfügung haben.
Und was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie würden mit ihrer Arbeit Leute aus politischen Gründen schädigen?
Ich will ja keine schlafenden Hunde wecken – aber warum, glauben Sie, hat eine Alexandra Föderl-Schmid, eine geschasste Arbeits- und Wirtschaftsministerin Christine Aschbacher in Österreich, eine Annalena Baerbock, ein Robert Habeck, warum haben die denn alle nie geklagt? Wenn die Plagiatsvorwürfen falsch gewesen wären, dann gäbe es doch in Deutschland mehr als einen Medienanwalt, der sagt: Jetzt machen wir den Weber endlich fertig.
Und die Universitäten, die nach Prüfung finden, das sei alles nicht so wild – wie kommt es dazu?
Das entlastende Gutachten des Journalistik-Professors Klaus Meier und Co. zu Föderl-Schmid ist ganz typisch. Man hat dort nicht geschrieben, dass sie es überhaupt nicht abgeschrieben hätte, dass der Weber hier Unterlagen und seine Tabellen gefälscht hätte. Sondern man hat geschrieben: Na ja, es ist eine Petitesse. Kann ja mal passieren. Das ist unglaublich verlogen. Man sieht, dass die Selbstreinigung des Systems an der Stelle versagt, wo es Linke betrifft. Und das halte ich für ein sehr großes gesellschaftliches Problem. Jetzt kommen wir wieder zurück zu dem Gedanken von vorher: Ich zeige nicht nur das Plagiatsunwesen an den Universitäten auf, sondern eben auch, dass sie bei der Selbstreinigung versagen, wenn es linkes Personal anbelangt.
Wie sehen Medien und das sonstige Establishment in Österreich Ihre Arbeit?
Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Damals, bei dem Plagiatsfall der konservativen ÖVP-Ministerin, wurde natürlich genüsslich vom österreichischen Rundfunk und von den Tageszeitungen jede neue Juxstelle zitiert und das Schwein genüsslich durchs Dorf getrieben. Dann wurde man vorsichtiger, als man gesehen hatte: Der Weber hilft mit seiner Arbeit nicht nur den Linken, indem er die CDU und ÖVP (das Pendant zur CDU – Anm. d. Red.) angreift, sondern womöglich auch der dritten Kraft, nämlich der FPÖ in Österreich und der AfD in Deutschland. Und wie man das erkannt hat, war Weber tabu.
Tabu, was heißt das?
Das klingt so lustig – aber ich werde in den österreichischen Massenmedien wahrscheinlich nur noch im Todesfall vorkommen. Meine Methoden werden immer besser, die Aufdeckung selber wird immer besser. Wir haben schon wieder nächste Fälle in den kommenden Wochen, die wirklich spannend sind: einen in Österreich, einen in der Schweiz und einen in Deutschland. Aber Sie werden sehen, in den österreichischen Medien komme ich nicht mehr vor, weil Armin Wolf vom ORF, der Chefredakteur des „Standard“, der Chef des „Falter“ und eben der Chefredakteur der „Kronen-Zeitung“ gesagt haben: Weber – tabu. Aber damit kann ich gut leben.
Immerhin hat der „Standard“ jetzt berichtet, dass Sie einen Prozess wegen einer gegen Sie gerichteten Falschbehauptung gewonnen haben.
Ich denke, der „Standard“ hätte radikal anders berichtet, wenn ich verloren hätte. Und dann wäre es auch durch alle Mainstream-Medien durchmarschiert, inklusive ORF-Inlandsnachrichten. So aber framte es der „Standard“ zu einer „Gerichtsreportage“ um – mit einem fast schon bösen Weber, der sich nicht auf das erste Unterlassungsangebot einlässt. In den anderen Medien blieb es dazu ganz still, bis auf die Alternativmedien. Man gönnt mir im Mainstream keinen Erfolg mehr. Die Linken sind absolute Großmeister der Perfidie und Manipulation. Ein gutgläubiger, redicher, anständiger Mensch käme gar nicht erst auf solche Ideen.
Außer mit Plagiaten haben Sie sich auch generell mit der Qualität von wissenschaftlichen Arbeiten befasst. Im Fall der auf deutschen Podien und im Fernsehen sehr aktiven Maja Göpel, die sich als „Transformationsforscherin“ bezeichnet, hatten Sie angemerkt, ihre Doktorarbeit genüge noch nicht mal den Anforderungen an eine Literaturrecherche. Bei Robert Habeck ging es um abgeschriebene Literaturquellen in den Fußnoten – abgeschrieben oft mit den Fehlern des Originals, was darauf hinweist, dass er die Originalliteratur gar nicht gelesen hat. Der Fall Jason Arday blamiert jetzt sogar die britische Eliteuniversität Cambridge. Läuft etwas im Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich falsch?
Der ehemalige Rektor der Universität Klagenfurt, Heinrich Mayr, ein anständiger Informatiker aus Bayern, hat im Jahr 2007, also zur Zeit meiner frühen aufgedeckten Plagiatsfälle in Österreich, in einer Podiumsdiskussion bei der Einleitung zum Thema Plagiat gesagt: „Wir haben nicht nur ein Plagiatsproblem, wir haben ein übergeordnetes Qualitätsproblem. Neben diesem Copy-Paste-Plagiieren gibt es eine zweite Dimension. Und das ist die Quatschproduktion.“ Ich würde sogar addieren: Es gibt eine dritte, nämlich die Ideologieproduktion, wobei Ideologieund Quatschproduktion eine Schnittmenge haben, und vielleicht auch Quatsch und Copy-Paste.
In der Doktorarbeit von Robert Habeck haben Sie, wie schon erwähnt, eine große Zahl anderswo abgeschriebener Quellennachweise festgestellt. Aber auch inhaltlich wirkt sie, um es vorsichtig zu sagen, seltsam.
Das hat mich eigentlich schockiert: Die Arbeit von Herrn Habeck hat für mich keine erkennbare These. Er schreibt diese sehr sonderbare Prosa, von der er glaubt, es sei Wissenschaft, und garniert sie mit Fußnoten, eben aus der Sekundärliteratur plagiiert, um den Anschein der Belesenheit zu erwecken. Deswegen gibt es immer diesen Bruch zwischen seinem Fließtext und seinen Fußnoten. Und wie gesagt – hier sind wir wieder bei dem, was ich schon anfangs sagte –, die 400 Seiten Rechtswissenschaftsdissertation liest niemand, es liest auch niemand die 200 Seiten germanistische Dissertation. Ich lege meine Hand ins Feuer, dass die Betreuer von Habeck das nicht gelesen haben.
Die Universität Hamburg hatte damals angekündigt, Habecks Arbeit zu überprüfen. Haben Sie etwas über das Ergebnis gehört?
Zweimaliger Freispruch. Quellenplagiate werden offenbar toleriert, wenn sonst nur sehr wenige Plagiate im Fließtext vorkommen.
Spätestens nach dem gewaltigen Skandal um Jason Arday, der in seinen Veröffentlichungen plagiierte und es bis zum Professor in Cambridge brachte, stellt sich die Frage: Warum schützen sich Universitäten im eigenen Interesse nicht besser vor Wissenschaftsbetrug? Sie könnten einfach tun, was Sie tun: Texte überprüfen.
Solange die Universitäten so stark links sind, sehe ich wenig Änderungswillen. Ich glaube im Gegenteil, dass sich die Universitäten weiter radikalisieren. Ich bin sehr neugierig auf die Entwicklung – im Herbst habe ich erstmals seit vielen Jahren wieder einen Lehrauftrag in Wien. Ich gehe da positiv rein, und ich bin da jetzt auch schon abgebrüht. Bisher höre und lese ich nur, was mir so zugetragen wird, oder auch, was mir Leute schreiben.
Was denn?
Mir schreiben Leute ernstlich: Ich musste die Hochschule verlassen, ich habe es nicht mehr ausgehalten, denn es herrscht eine so starke links-grüne Ideologie, dass jeder mit abweichenden Meinungen hier weggemobbt wird.
Aber auch linke Universitäten müssten doch Interesse an einem Selbstschutz gegen Betrüger haben.
Schauen Sie, das ist ein strukturelles Problem der Universitäten. Ich habe versucht, sie dafür zu sensibilisieren. Man glaubt ja eine Zeit lang an den Weihnachtsmann. Ich habe es versucht in Österreich an den Universitäten Wien, Salzburg, Innsbruck, an der TU Wien. Ich bin hingefahren zu den Rektoren mit Konzepten in meiner Aktentasche, habe gesagt: Schaut, ich habe eine tolle Idee. Jeder Rektor hat mich auf seine Art veralbert. Der eine, Heinz Engl an der Uni Wien, hat so getan, als wäre er der Supermanager: „Ganz tolle Idee. Super. Rufe gleich den Kollegen an.“ Passiert ist nichts, rein gar nichts. Die Rektorin Sabine Seidler von der TU Wien hat mich zwei Jahre hingehalten mit der Ausrede, seit Corona seien Termine nicht möglich. Sie hat mich ganz bewusst mit meinem Anliegen immer wieder aufs Neue hinausprokrastiniert. Obwohl das Wissenschaftsministerium gesagt hat: Wir fördern das mit 1,6 Millionen Euro. Das Geld war da, die hätte nur Ja sagen müssen.
Waren Ihre Erfahrungen mit deutschen Universitäten ähnlich?
Der Fall Guttenberg war 2011, also vor 15 Jahren. Was haben die Universitäten im Bereich im Bereich der Forschung und im Bereich der Entwicklung der Softwareprototypisierung getan? Nichts, aber wirklich gar nichts. Ich bin zur Deutschen Forschungsgemeinschaft; über fünf Ecken kam ich zu Bernhard Kempen, damals Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ulrike Beisiegel, hat es ein Treffen in Hamburg gegeben. Ohne dass dann etwas passiert wäre. Da habe ich gedacht: Moment mal, fährst du jetzt dauernd auf eigene Kosten zu irgendwelchen Leuten – und eigentlich schicken dich alle wieder weg? Es dauerte lange, bis ich erkannt habe: Die Idee kann noch so gut und wichtig sein, Millionen an Steuergeld stünden zur Verfügung – aber die Verantwortlichen tun nichts. Absolut nichts. Wissenschaftliches Fehlverhalten muss weiter unter den Teppich gekehrt werden. Wir tun nur so, als würden wir was tun.
Sehen Sie die Gefahr, dass sich der Begriff des geistigen Eigentums generell auflöst – auch im Wissenschaftsbetrieb? Viele Studenten lassen heute schon ihre Hausarbeiten von KI schreiben. Vielleicht ist das Plagiieren bald gar kein Problem mehr?
Das moderne Urheberrecht hat sich um 1740 mit dem Begriff des „geistigen Eigentums“ entwickelt. Die Kerndefinition eines Werks lautet: Es ist einem Menschen zuzurechnen, nicht einem Bot, nicht einer Maschine, nicht einer KI. Und das wird sich ändern. Die „eigentümliche geistige Schöpfung“, so die gesetzliche Definition eines Werks, können wir begraben, wenn der Text mit KI vorbereitet oder bearbeitet wird.
Hinkt also die Gesetzgebung der technischen Entwicklung hinterher?
Der Gesetzgeber ist hier wieder säumig: Er hat das einfach noch nicht gecheckt. Oder andere Baustellen: Ihm ist es wichtiger, Social Media für Kinder und Jugendliche zu sperren und Millionen zu verteilen, um uns die Migration schmackhaft zu machen. Das sind die Prioritäten der Politik im Moment. In Wahrheit müsste die Politik sehen, dass das Urheberrecht in der derzeitigen Fassung mit der KI-Anwendung bereits jetzt massiv kollidiert. Ich glaube auch, dass die KI-Verwendung der Studenten bereits massiv mit den Richtlinien für gute wissenschaftliche Praxis kollidiert. Ich kann ja gar nicht mehr erkennen, ob ein Student, der mir sein Ergebnis einer 100-Seiten-Lektüre abgibt, das nicht mit künstlicher Intelligenz gemacht hat. Ich kann heute 100 Seiten PDF hochladen; nach 16 Minuten habe ich eine brillante Analyse, und ich kann in den Prompt hin einschreiben: Bitte schreib es nicht in deiner üblichen Sprache, schreibt es in diesem oder jenem Stil.
Die meisten Prognosen besagen, dass in ein paar Jahren die meisten KI-Programme die Intelligenz eines guten Akademikers haben.
Es wäre naiv zu glauben, dass die Entwicklung haltmacht. Ich sage: Da braucht man sich keinen Illusionen hingeben. Man muss KI auch nicht als Bedrohung ansehen. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich möchte nicht in die Ecke gedrängt werden, dass Leute sagen: Er hat gegen Plagiate gekämpft, jetzt kämpft er gegen KI. Die KI ist ein Werkzeug. Ja, das Plagiat ist ein Missbrauch. Copy-Paste ist auch ein Werkzeug. Wozu soll ich etwas schon Vorhandenes schreiben, wenn ich es kopieren kann? Aber dann muss man es halt mit Quellenangabe in Anführungszeichen setzen.
Manche halten es für möglich, dass KI in einigen Jahren sogar besser arbeitet als viele Wissenschaftler – was bedeuten würde, sie ersetzt viele davon.
Also bitte, wunderbar. Wenn die KI so weitermacht, dann löst sie die Probleme der Menschen in zehn, 20 oder 100 Jahren und erklärt uns, ob es Gott gibt. Ich bin hier wirklich kein Kulturpessimist. Ich finde es großartig, was die KI kann. Man staunt darüber, dass das in so kurzer Zeit möglich war. Künstliche Intelligenz beherrscht auch das Dialogische, sie hat sogar Humor, sie kann schimpfen, man kann ihr danken. Sie hat also auch eine sehr menschliche Komponente. Das finde ich sehr schön.




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