„Inside CDU“: Lächelnd in den Abgrund

Episode 3 der ZDF-Reihe „Inside CDU“ öffnet den Blick in den Abgrund. Eine Partei säuft ab, und die Kamera läuft mit. Ergebnis: weniger Dokumentation als vielmehr ein unfreiwilliges Polit-Kabarett. Schon der Titel klingt wie der Soundtrack einer Selbstzerstörung: „Rambo Zambo“.

Screenprint: ZDF / Inside CDU – Rambo Zambo

Es gibt Dokumentationen, die hinter die Kulissen schauen. Und es gibt „Inside CDU“. Die zweite Staffel der ZDF-Reihe verspricht ausdrücklich den „seltenen Blick“ ins Innenleben der Union, auf interne Beratungen, Strategiediskussionen, Wahlkampfvorbereitungen und die Reaktionen auf Wahlniederlagen. Vier Folgen, rund zweieinhalb Stunden Material, monatelange Begleitung – eigentlich müsste daraus ein politisches Sittenbild entstehen. Stattdessen entsteht etwas Merkwürdiges: eine unterhaltsame Serie darüber, wie eine Partei in der eigenen Ratlosigkeit und in einstudierten Parolen untergeht. Wie sie buchstäblich darin versinkt.

Die Folge „Rambo Zambo“ zeigt, wie die CDU im Superwahljahr 2026 unter Druck gerät: Die AfD zieht in Umfragen vorbei, wird bald unerreichbar, die CDU verliert im Osten dramatisch an Boden, Friedrich Merz gerät mehr und mehr unter Druck und Philipp Amthor quietscht sich mit festgezurrten Grinsebacken durch die Krise. Hauptsache, der Strandkorb kommt rechtzeitig. Aber dazu mehr in Folge Vier.

Rambo Zambo: Wenn der Feudalismus im Fond fläzt

In „Rambo Zambo“ ist Amthor die zentrale Figur. Dramaturgisch ein Glücksfall, denn Amthor liefert der Kamera genau jene Mischung aus Selbstherrlichkeit und gestriegelter Funktionärsattitüde, die eine Partei im Endstadium am allerwenigsten gebrauchen kann. Der milchgesichtige Amthor, der Legende nach mit Schlips und Manschettenknöpfen geboren, bei einem Schulausflug im Bundestag vergessen und dann von der CDU aufgezogen wie das Dschungelkind Mogli von den Affen, dieser Amthor sitzt nach seinem kometenhaften Aufstieg im Fahrwasser des großen Merz nun wie der Papst im Philipp-Mobil und erklärt die Lage. „Es geht für die CDU ums Ganze“, diagnostiziert er messerscharf. Die AfD wolle eine „komplette Veränderung des Systems“. Dann folgt der beste Satz: „Und wenn wir so dumm sind, uns da einzulassen – entgegen den Grundprinzipien der CDU – dann ist das existenzgefährdend.“

Dokureihe: „Rehbraun“
„Inside CDU“: Hagel-Schaden und Nahtod-Erfahrung
Sagt er und gleitet weiter in seinem Dienstwagen dahin. Die Scheiben sind oben, die Welt muss leider draußen bleiben. Amthor übersetzt die vermaledeite Lage in die ihm vertrauten politischen Vokabeln. „Das richtige Besteck“, wie er bei jeder sich bietenden Gelegenheit sagt.

Er klammert sich an die Zeit, als „Rambo Zambo“ noch der seltsame Siegesruf des Kanzlers nach der gewonnenen Bundestagswahl war. Als Stefan Raab daraus einen fetzigen Song bastelte. Rambo Zambo ist jetzt ein Abgesang. Auf eine Union, die den Kampf gegen das vermeintlich Böse mit der gleichen Erschöpfung führt, mit der man früher die letzte Zigarette vor dem Untergang rauchte. Dazu starke Bilder, nah, unverblümt, über alle Maßen peinlich. Unterlegt mit schwermütiger, tragender Musik. Raab kann zu Hause bleiben. Vielleicht macht ja Didi Hallervorden was aus der Malaise. Oder Hape Kerkeling.

Philipp Amthor sorgt für den enormen Unterhaltungswert dieser Folge. Die Doku muss ihn gar nicht kommentieren. Sie muss ihn nur beobachten. Während draußen eine Partei ums Überleben kämpft, sitzt ihr klatschfreudiger Hoffnungs-, Koffer- und Regenschirmträger im Fond seines protzigen Siebener-BMW und erklärt die Welt, wie sie schon lange nicht mehr ist.

Christiane Schenderlein tritt auf. Die Landesministerin für Sport und Ehrenamt steht vor einem gläsernen Fahrstuhl. „Na, hoffentlich fährt er auch gut hoch“, sagt sie und steigt zu. Man solle ja nie mit einem Kamerateam im Fahrstuhl nach unten fahren, raunt sie ihrem Begleiter zu, denn „solche Bilder bleiben im Archiv“. Dann, in der nächsten Sekunde: „Jetzt geht’s runter. Das ist falsch!“, ruft sie erschrocken. Pech gehabt. Schöne Kamerabilder. Alle schauen zu, wie es abwärts geht. Mit ihr wie mit der Partei.

Dann wieder der kleine Philipp. Beim Jahresempfang der CDU Nordsachsen gibt’s trübe Trompetenklänge und markige Durchhalteparolen. „Wir können stolz sein auf unsere CDU“, posaunt er. Blick ins Publikum: Dort wendet sich eine ältere Frau kopfschüttelnd ihrem Birnensaft mit Spritz zu. Doch Philipp The Unstoppable Amthor hat noch mehr in petto: „Ich sag’s mal so: Wer soll es denn sonst tun, wenn wir das nicht schaffen?“ Dabei schaukelt er so unbeholfen-jovial von links nach rechts, dass einem schon vom Zuschauen schwindlig wird. Totenstille im Saal.

Die Doku hält gnadenlos drauf, wenn Amthor sogar die eigenen Leute mit Floskeln abbügelt. Einer fleht ihn geradezu an: „Philipp, irgendeinen Befreiungsschlag! Sachsen-Anhalt ist verloren!“ Doch Amthor, heute im helle Gewande, bleibt cäsarenhaft: „Nein, es ist nur dann verloren, wenn man’s verlorengibt. Man muss ans Gewinnen glauben.“ Der Andere wieder: „Wenn Du Drei Null hinten liegst, musst Du halt mal Christiano Ronaldo einwechseln!“ Amthor: „Du, ich würde sagen, die haben wir alle auf dem Platz. Aber die müssen jetzt ordentlich zusammenspielen.“

Einem anderen Gast fährt er einfach so über die Schnute. Amthor will gar nicht wissen, was der ältere Mann zu sagen hat. Man solle sich nicht von der Angst vor der AfD leiten lassen, schreibt er ihm in die Benimm-Kladde und schiebt eine kleine Aufmunterung nach: „Ich finde es gut, dass Sie hier auch leidenschaftlich streiten“. Noch schnell ein kleiner Klaps auf die Schulter, tschüss und weg.

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„Inside CDU“ ist dann am besten, wenn die Kamera einfach stehen bleibt und die Dinge laufen lässt. Menschen wissen plötzlich nicht mehr, wie ihnen geschieht. Wahlkämpfern schlägt der Frust auf der Straße entgegen. Funktionäre versuchen, ein politisches Erdbeben als „Lernprozess“ zu verkaufen. Die Doku spielt dabei den Vorteil des dokumentarischen Rückblicks aus. Die Autoren wissen, wie die Geschichte ausgeht. Die Protagonisten wissen es in der jeweiligen Aufnahmesituation noch nicht. Aus heutiger Sicht kann auf diese Weise jeder Optimismus wie Selbsttäuschung aussehen.

Daniel Peters, Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, bekommt es faustdick. „Das Land geht unter. Jetzt kommt hier Zuckersteuer. Ihr seid ja bekloppt“, ruft ein Passant. Und eine Frau liest ihm die Leviten: „Arbeiten bis 70 und ab in den Sarg, das will der Merz nämlich.“ Sie dreht sich um und geht, stinksauer ist sie. Peters kann ihr nur noch leise hinterhermurmeln: „Alles klar, schönen Tag noch.“

In solchen Momenten braucht es keinen Off-Kommentar mehr. Die Bilder erledigen die Arbeit.

Gemeine Gegenschnitte sind die große Stärke dieser Doku-Reihe. Beispiel: AfD-Sunnyboy Ulrich Siegmund springt zwischen fünf (!) Infoständen umher, die allein im kleinen Wittenberg aufgebaut werden mussten. Alle proppevoll. Musik, Autogramme, Selfies, Partystimmung. Und gleich danach: Schulze beim menschenleeren Bürgerdialog mit zwei alten Damen. Eine geht am Stock. Genau wie die Partei, nur eben nicht im übertragenen Sinne. Später: Schulze, wie er einsam mit seinen Bodyguards durchs Land radelt. „Man wird überall angesprochen“, behauptet er. Schon trifft er bei der nächsten Veranstaltung ein. Menschenleer, nur Journalisten. Immerhin: Amtsvorgänger Rainer Haseloff ist noch da. Der will ja das Land verlassen, wenn Siegmund „die Macht ergreifen“ sollte.

Auch Schulzes Frau Kati kommt zu Wort. So viel Stress, stöhnt sie. Sie erkenne „meinen Sven Schulze“ gar nicht mehr wieder. Huch, warum spricht sie über ihren Mann mitsamt dem Nachnamen? Ist es schon so schlimm? Oder sind das etwa „The Joe Anderson“-Vibes?

Und dann eine Szene, so herrlich, als sei sie erfunden worden für diesen Film: Wahlabend in Sachsen-Anhalt, Sven Schulze kommt ins TV-Studio. Dort befindet sich bereits sein Kontrahent Siegmund. Und es beginnt ein bemerkenswertes Versteckspiel.

Eine Mitarbeiterin weist darauf hin, dass vorher vereinbart worden sei, dass Schulze nicht auf Siegmund treffen werde. Ein ZDF-Mitarbeiter bestätigt: „Er wollte ihm ja nicht begegnen.“ Schulze fragt ganz aufgeregt: „Wo soll ich jetzt hin?“ und schiebt schnell hinterher: „Aber nicht zu den Journalisten!“

Das sind kaum dreißig Sekunden. Aber sie haben mehr Sprengkraft als eine ganze Wahlanalyse. Hier wird die Brandmauer live hochgezogen und verklinkert. Und aus Polemik wird das logistische Problem eines zu kleinen Fernsehstudios.

Die Szene verbreitet sich rasend schnell auf X und anderen Plattformen. „Sven Schulze versteckt sich“, heißt es dort, „peinlicher Kindergarten“ und „Lusche“.

Unterdessen kauft sich Jens Spahn in den USA ein Kind bei einer Leihmutter. Tage des Donners folgen. Komplette Fehleinschätzung der öffentlichen Aufregung, ein hadernder Merz, ein klammernder Spahn. „72 Stunden Wahnsinn“, kommentiert Veit Medick vom „Stern“. Schließlich doch der Rücktritt als Fraktionschef. Die CDU verliert einen weiteren starken Ast.

Nur Amthor macht weiter seine Späße, dreht ein TikTok zur Fußball-WM. „Etwas Schabernack treiben“, wie er selbst zu sagen pflegt. Der Bubi gibt den coolen Kicker. Doch in einer Millisekunde ist zu sehen: Selbst unter dem Fußballtrikot trägt er Hemd und Krawatte.

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