Turn around, bright eyes


Ihre Stimme klang, als hätte jemand Whisky über ein Reibeisen gegossen, und ihre Balladen waren Opern für Menschen, die nie in die Oper gingen. Nun ist Bonnie Tyler mit 75 Jahren in Portugal gestorben. Ein Nachruf auf die Frau, die der Nacht ihre Hymnen gab. Von Silvia Venturini

picture alliance / Geisler-Fotopress | Christian Behring/Geisler-Fotopr
Bonnie Tyler beim Konzert in Berlin am 2. Oktober 2023

Ein Uhr nachts, irgendeine Nostalgie-Disco zwischen Palermo und Flensburg. Die Tanzfläche hat schon bessere Momente gesehen, die Getränke sowieso. Dann legt der DJ diese Klavierakkorde auf. Ein Raunen. „Turn around“, singt eine Männerstimme, und spätestens beim „bright eyes“ ist der ganze Laden dabei, die Achtzehnjährigen wie ihre Eltern, die Textsicheren wie die, die nur ungefähr die Vokale treffen. Vier Minuten Einigkeit. Nationalhymnen schaffen das nicht mal an guten Tagen.

Wer Bonnie Tyler erst in solchen Nächten kennengelernt hat, lange nach ihren großen Jahren, begreift vielleicht am besten, was diese Frau konnte. Ihre Lieder brauchten die Achtzigerjahre nicht. Sie brauchten nicht einmal Erinnerung. Sie funktionierten bei Leuten, die 1983 noch gar nicht geboren waren, und das ist eine Währung, in der man Popmusik ehrlicher misst als in Chartplatzierungen. Am Mittwoch ist Bonnie Tyler in einem Krankenhaus im portugiesischen Faro gestorben, 75 Jahre alt, nach wochenlangem Kampf.

Die Bergarbeitertochter

Geboren wurde sie 1951 als Gaynor Hopkins im walisischen Skewen, der Vater Bergarbeiter, die Mutter eine Opernliebhaberin. Der Vater gab ihr den Staub in der Stimme, die Mutter das Drama. Sie wuchs mit fünf Geschwistern auf, sang bei einer Truppe namens „Bobby Wayne and the Dixies“ und gründete dann eine eigene Band, die sie mit hübschem Größenwahn Imagination taufte.

Fast zehn Jahre lang tingelte sie durch die Pubs und Nachtclubs von Südwales. Wer weiß, wie ein walisischer Pub am Samstagabend klingt, weiß auch, dass man sich dort das Publikum jeden Abend neu verdienen muss, gegen das Klirren der Gläser und mindestens eine Schlägerei an. Es gibt keine bessere Schule, aber empfehlen möchte man sie niemandem.

1976 dann „Lost in France“, der Durchbruch. Ein Jahr später „It’s a Heartache“, dieses müde, wissende Lied, das nach Nashville klang, obwohl sie nie dort gewesen war. Da hieß sie längst Bonnie Tyler. Und da hatte sie auch schon diese Stimme.

Der schönste Betriebsunfall der Popgeschichte

Wobei, stimmt nicht ganz. Die Stimme, die alle kennen, kam erst noch. Ende der Siebzigerjahre ließ sich Tyler Knötchen von den Stimmlippen entfernen, ein Routineeingriff. Der Arzt verordnete danach striktes Schweigen, wochenlang. Der Legende nach hielt Tyler das nicht durch: Irgendwann schrie sie vor lauter Frust laut auf, mitten ins Schweigegebot hinein, und ruinierte damit die Heilung endgültig.

Zurück blieb ein Timbre wie Schmirgelpapier. Für eine Sängerin eigentlich das Ende. Für Bonnie Tyler war es der Anfang, denn dieses beschädigte, raue Organ klang nach gelebtem Leben, nach durchwachten Nächten und verlorenen Lieben, selbst wenn sie nur die Speisekarte vorgelesen hätte.

Und, das muss man dazusagen, kaputt war da gar nichts. Wer eine ihrer Live-Aufnahmen hört, auch die späten, hört eine Frau, die über einem Rockorchester steht wie ein Turm, ohne Netz, ohne doppelten Boden, ohne die Software, die heute halbe Stadien füllende Karrieren zusammenhält. Manch gefeierter Star der Gegenwart würde neben dieser angeblich versehrten Stimme klingen wie ein Anrufbeantworter. Die Wunde wurde zum Markenzeichen, aber getragen hat sie ein Instrument von brutaler Kraft.

Diese Kombination fiel einem Mann auf, der genau so etwas suchte: Jim Steinman, der Komponist, der Rockmusik schrieb, als wäre sie Wagner, nur mit mehr Nebelmaschine. Für Tyler schrieb er „Total Eclipse of the Heart“, fünfeinhalb Minuten Weltuntergang in Balladenform. 1983 stand das Lied auf beiden Seiten des Atlantiks an der Spitze der Charts, und das Album machte sie zur ersten Britin, deren Platte direkt auf Platz eins der heimischen Charts einstieg. Belcanto mit Föhnfrisur. Wer je erlebt hat, wie ein ganzer Saal beim letzten Refrain die Arme hebt, ahnt, dass die Trennung von E- und U-Musik eine Erfindung ist, an die sich das Herz nie gehalten hat.

Mit „Holding Out for a Hero“ legte sie nach, jenem galoppierenden Stück Bedürftigkeit, in dem eine Frau fragt, wo all die guten Männer hin sind, die Götter, die Starken, die Schnellen. Die Frage stellt sich seitdem nur umso dringlicher.

Die Unverwüstliche

Danach hätte man ihr einen würdevollen Rückzug gegönnt. Rückzug war erkennbar nicht ihr Genre. Sie nahm weiter Alben auf, tourte unermüdlich, trat 2013 mit über sechzig noch beim Eurovision Song Contest für Großbritannien an und wurde Neunzehnte von sechsundzwanzig, was weniger über sie aussagt als über den Wettbewerb. Noch 2025, nach einer Knieoperation, stand sie wieder auf der Bühne und sang, versteht sich, live. Anfang dieses Jahres erschienen neue Lieder. Aufhören kam in ihrem Wortschatz schlicht nicht vor.

Im Mai dann die Notoperation in Faro, wo sie zuletzt lebte. Wochen im künstlichen Koma, ein Herzstillstand, ein kurzes Erwachen, dann das Verlöschen. Ihre Familie teilte mit, sie sei unerwartet im Krankenhaus gestorben. Catherine Zeta-Jones trauerte um „unsere Königin Bonnie“, Cliff Richard erinnerte an ihre ansteckende Lebensfreude.

„Every now and then I fall apart“, heißt es in ihrem größten Lied. Hin und wieder zerbreche ich. Man glaubte ihr beides, das Zerbrechen und das Weitermachen, und vermutlich lag genau darin ihr Geheimnis. In den Nostalgie-Discos wird es weitergehen, ein Uhr nachts, die Klavierakkorde, das Raunen. Turn around, bright eyes. Und alle singen mit.

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