Gnadenlos frei. Fernando Pessoa: Ein anarchistischer Bankier

"Ein anarchistischer Bankier" (Originaltitel: O Banqueiro Anarquista) ist weit mehr als eine literarische Kuriosität. Mit schneidender Ironie und unerbittlicher Logik zerlegt die Erzählung politische Dogmen und verteidigt die Freiheit des Individuums gegen jede Form ideologischer Bevormundung. Gerade deshalb wirkt sie heute überraschend aktuell. Eine Rezension von Wolfgang Herles.

Wie kann ein steinreicher Halunke, ein „großer Händler und Schieber“ zugleich Anarchist sein – ein Feind der herrschenden Verhältnisse, von denen er doch prächtig lebt? Erst Kopfschütteln – dann schallendes Gelächter. Und am Ende ein großes Aha. Pessoas Erzählung ist ein erhellendes Lesevergnügen. Ein schmales Werk, das sich freilich nicht einfach verschlingen lässt, sondern das Satz für Satz auf der Zunge zergehen muss. Literarische Dreisterneküche, die, obwohl gut 100 Jahre alt, nicht aus der Gefriertruhe kommt.

Wer sich – wie im medialen Dschungel beinahe unvermeidlich – nicht unter seinem Niveau unterhalten möchte, ist hier goldrichtig. Die Schrift aus der Feder des größten portugiesischen, Kafka ebenbürtigen Meisters moderner Literatur, verlangt genaues Lesen, ist gerade deshalb intellektuell aufregend. Folgt sie doch strenger Logik – und demonstriert nebenbei, wie brillant philosophische Logik ad absurdum geführt werden kann. Es ist ein Text für Selbstdenker wie Pessoa einer gewesen ist – und somit ein wahres Werk der Aufklärung. Da gebraucht einer seinen Verstand ohne Anleitung irgendwelcher Ideologien. Pessoa pfeift auf den moralischen Mainstream.

Mehr noch: er attackiert ihn auf unnachahmliche Weise. Das macht seine satirische Beweisführung zu einer atemberaubend komischen Gesellschaftsverhöhnung.
Diese Erzählung ist eine der wenigen Texte, die bereits zu Pessoas Lebzeiten veröffentlich worden waren, die er noch ausbauen wollte, und die auch gelegentlich an Theatern dramatisiert wurde. Im Hause des Bankiers wundert sich ein Gast (zweifellos im Namen der Leser), wie der sich für einen Anarchisten halten könne. Anarchie, behauptet der, sei sogar der Schlüssel zu seinem Reichtum.

Sozialismus führt zwangsläufig zu Despotismus
Der Urvater des Antifaschismus Hayek warnt vor der Knechtschaft
Pessoa lehnt den hemmungslosen Kapitalismus ebenso ab wie den fanatischen, bürgerkriegsähnlichen, linken Klassenkampf seiner Zeit. Die satirische Pointe besteht darin, dass sich der Herrschaft des Geldes nur der entziehen kann, dem Geld nichts bedeutet: „Geld zu erwerben, es in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar werden konnte“, das ist der Trick. „Der wahre Anarchist muß Bankier werden, der wahre Bankier ist konsequenter Anarchist.“

Was ist Anarchie? Auch unbewaffnet ist es die „Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen, die Ungleichheit erst ermöglichen.“ Darin steckt ein Widerspruch. Sie wird selbst zur antibürgerlichen Konvention. Anarchie kann schnell ins Gegenteil, in Diktatur umschlagen. Die Beispiele reichen von der französischen bis zur russischen Revolution. „Es war dieselbe neuartige Tyrannei und dieselbe Art von Verstoß gegen anarchistische Prinzipien.“ Gegen diese Perversion polemisiert Pessoa.

Er unterscheidet. Dort steht „der dumme Anarchist, der Bomben wirft und Schüsse abgibt (…) Etwas Unmoralisches greift er mit einem Verbrechen an, weil er meint, daß die Vernichtung des Unmoralischen ein Verbrechen wert ist. Eine idiotische Methode.“ Dagegen Pessoas Bankier: „Heute habe ich den genau umschriebenen Traum eines praktischen und verständigen Anarchisten verwirklicht. Ich bin frei.“ Pessoa erweist sich als wahrer Anarchist, also als grandioser Einzelgänger. Uneinnehmbar. Die Freiheit des Individuums ist in seinen Augen ohne Anarchie gar nicht vorstellbar. Pessoas Anarchie ist allerdings nicht Straßenkampf, sondern Verweigerung und Verachtung so gut wie aller gesellschaftlicher Konventionen. Die Bedeutung des Geldes zählt dazu.

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Die bürgerliche Mehrheit muss die Vorherrschaft zurückgewinnen wollen
„Mehr Anarchie, die Herrschaften!“ nannte ich mein Buch – da kannte ich Pessoas Text leider noch nicht, und wusste nicht, in welch großen Fußstapfen ich wandelte. „Vom anarchischen Zorn ermuntert, widersetzen wir uns der totalen Betreuung“, schrieb ich. Ohne mehr Anarchie werden der Klimafundamentalismus, der woke Konformismus, der übergriffige Staat nicht gestoppt. Demokratie lässt sich nur ertüchtigen, wenn die wirklich mündigen Bürger anarchischer denken, sich gegen die Zumutungen zur Wehr setzen. Denn letztlich ist Anarchie nur ein anderes Wort für Freiheit. Das sah nicht nur Pessoa so, sondern auch schon Kant: „Anarchie ist Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“. Und der große Liberale Ludwig Börne schrieb: „Freiheit geht nur aus Anarchie hervor“. In diese Reihe gehört der radikale Individualismus Pessoas. Auch er ist kein ideologisch verbohrter Anarchist. Seinen geistigen Widerstand bezahlt er mit radikaler Einsamkeit.

Pessoa (1988-1935) schrieb sein überwiegend posthum veröffentlichtes Riesenwerk unter 72 verschiedenen Namen. Einige seiner „Heteronymen“ versah er mit ausführlichen Identitäten – also mit weit mehr als nur Pseudonymen. Die Person Pessoa sollte hinter ihnen verschwinden. Er war ein Anarchist ganz eigener Art, lebte bescheiden in einem gemieteten Zimmer, verdiente Geld als Fremdsprachenkorrespondent, während er seine ganze Kraft in die Kunst steckte.

Das Kunstwerk war er selbst. Der grandiose Lyriker und Essayist wurde zu Lebzeiten nur von wenigen Freunden als Dichter geschätzt und anerkannt. Seine Literatur ist ein grandioses Universum, bewohnt von einem einzigen Menschen, wenn auch mit zahllosen Identitäten. Sich in ihm zu verlieren – auch seinem autobiografischen Hauptwerk, dem „Buch der Unruhe“ – ist Hochgenuss. Weil es anarchisch ist, gnadenlos frei.

Fernando Pessoa. Ein anarchistischer Bankier. Wagenbach Verlag, Hardcover, 96 Seiten, 18,00 €


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