Ein Text vom 8. Mai 2107

Gedenktage, wie der heute, sind unabhängig vom Anlass in der Regel etwas lahm. TE blickt am Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs nicht zurück, sondern nach vorn: Was wird die Geschichte in 81 Jahren über uns schreiben?

picture alliance/dpa | Monika Skolimowska

Heute ist Sonntag, der 8. Mai 2107. Lassen Sie uns, lieber Leser, in die Vergangenheit reisen: zum 8. Mai 2026. Da erinnerte man sich in der Bundesrepublik Deutschland, die es damals noch gab, an das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es war ein Freitag. Das Freitagsgebet war im Eurasischen Friedens- und Freiheitsparadies (EFFP), das damals noch Europäische Union (EU) hieß, noch nicht offiziell eingeführt; das passierte erst 2052. Es gab noch heftige Diskussionen wegen der wachsenden muslimischen Zuwanderung nach Deutschland.

„Über den Islam kann niemand ehrlich reden, der seinen Job behalten und nicht zum Paria werden will“: Diesen Satz hatte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz gerade auf der Plattform X gepostet, die damals noch nicht verstaatlicht war und deren Gründer Elon Musk damals noch lebte.

Das gehörte zu den letzten Ausläufern von Kritik am Islam. Nach der Verschärfung der Gesetze gegen sogenannten „Islamfeindlichen Rassismus“ im Jahr 2044 waren Äußerungen, die den Islam als Staatsreligion in Frage stellten, dann zunächst in Deutschland wie später im gesamten EFFP untersagt.

Kontrolle von Internet und Währung

Im Sommer 2026 waren VPN-Anbieter von der EU-Kommission unter der (deutschen) Präsidentin Ursula von der Leyen gezwungen worden, Daten zu speichern. Sogenannte „No-Log-VPNs“ wurden illegal. Damit wurde die anonyme Internetnutzung faktisch abgeschafft.

Parallel dazu wurde der „Digitale Euro“ eingeführt. Sukzessive wurden Alternativen zur offiziellen elektronischen Währung der EU verboten. Innerhalb weniger Jahre wurde die Nutzung des Digitalen Euro wie des Internets insgesamt an eine Identitätsverifikation mittels Personalauswies gekoppelt.

Politische Kommunikation und Lebenswirklichkeit

Die politische Kaste in Deutschland verlegte sich zunehmend darauf, in der Öffentlichkeit als Missstand empfundene Tatsachen schlicht zu leugnen.

Die Vorsitzende der damaligen „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD), Bärbel Bas, behauptete zum Beispiel, es gebe im Land „keine Zuwanderung in die Sozialsysteme“. Das war für die Mehrheit der Bevölkerung erkennbar eine Lüge. Zwischen 2005 und 2025 war der Anteil der nicht-deutschen Empfänger von Bürgergeld von 18,8 Prozent auf 47,6 Prozent gestiegen – bei insgesamt knapp fünf Millionen Leistungsberechtigten.

Der Satz förderte massiv den Vertrauensverlust in die damalige Regierung aus CDU, CSU und SPD unter dem glücklosen Bundeskanzler Friedrich Merz. Die historische Kommentierung sieht heute darin einen wichtigen Impuls für den Untergang dieser Koalition und für die massive Schrumpfung der SPD, die dann 2033 zur „Großen linken Fusion“ von SPD, Bündnis‘90/Grünen und der „Linken“ führte.

Die so entstandene Partei „Unsere Demokratie“ übernahm sofort danach die Regierungsgeschäfte und gab sie bis zur Eingliederung der Bundesrepublik in die EFFP nicht mehr ab.

Ausschaltung der Opposition

Zuvor hatten sämtliche Parteien in einer gemeinsamen Kraftanstrengung den gesellschaftlichen Widerstand gebrochen.

Die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) stand bei den Landtagswahlen im Bundesland Sachsen-Anhalt kurz vor dem Gewinn der absoluten Mehrheit. Das verhinderten die anderen Parteien, indem sie kurz vor der Wahl das Wahlgesetz änderten und die bis dahin bestehende Fünf-Prozent-Hürde auf drei Prozent senkten.

Dadurch konnten auch die regionalen Splitterparteien „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW) und die Grünen ins Parlament einziehen. Es bildete sich eine All-Parteien-Koalition gegen die AfD; so wurde ein AfD-Ministerpräsident verhindert.

Auf Bundesebene wurde das Bundesverfassungsgericht vergrößert, die neuen Richterstellen wurden mit politischen Richtern besetzt. Trotz hoher Zustimmungsraten in der Bevölkerung – mit Umfragewerten von bis zu 52 Prozent in manchen Bundesländern – gelang es, im Jahr 2031 ein Parteiverbot zu erwirken.

Wenig später bildete sich dann ja (siehe oben) die Einheitspartei „Unsere Demokratie“.

Der „Demokratisch kontrollierte Diskurs“

Die öffentliche Debatte wurde durch das „Gesetz für einen demokratisch kontrollierten Diskurs“ (GDkD) im Sinne von „Unsere Demokratie“ eingehegt.

Politische Betätigung war nur noch im Rahmen der Staatspartei erlaubt. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz wachten die Sicherheitsbehörden darüber, dass jegliche elektronische Kommunikation den gesetzlichen Vorgaben entsprach.

Zuwiderhandlungen wurden zumeist mit hohen Geldstrafen geahndet. Praktisch geschah dies durch eine Sperrung der Guthaben des elektronischen Euro.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie er bis 2033 hieß, wurde in „Öffentlich-Freiheitliche Medien“ umbenannt. Private Medien wurden nach und nach mittels Besteuerung und behördlicher Auflagen ausgetrocknet und aus dem Markt gedrängt.

Schon zuvor waren sämtliche Medien- und Kommunikationsanbieter von außerhalb der EU aus Gründen des Kinder- und Jugendschutzes untersagt worden.

Ökonomische Entwicklung

Deutschland hatte schon seit Jahren die arbeitende Mittelschicht immer stärker belastet. Deren Wohlstand wurde zwischen der Oberschicht und der Unterschicht aufgeteilt.

Das führte nach und nach zum Kollaps der Wirtschaft. Hunderttausende vor allem jüngerer und gut ausgebildeter Menschen verließen jedes Jahr das Land – viele auch gleich die EU.

Es war nach den 1930er-Jahren die zweite große Exilwelle der intellektuellen und ökonomischen Elite.

Die Verstaatlichung der meisten Industriezweige stoppte den Niedergang nicht nur nicht, sondern beschleunigte ihn. Das maßgeblich von seiner Exportwirtschaft lebende Deutschland hatte sich außenpolitisch – außerhalb der EU – weitgehend isoliert: Mit Russland befand es sich de facto im Kriegszustand, auch wenn Kämpfe ausblieben. Die USA waren nach der sogenannten Reichinnek-Doktrin der Bundeswehr offiziell als politischer und militärischer Gegner definiert worden, für China galt das Gleiche.

Zu allen drei Großmächten hatte Berlin die diplomatischen Beziehungen mit der Begründung abgebrochen, man rede nicht mit „Feinden der freien Gesellschaft“.

Exporte nach Afrika, Südamerika und in die EU konnten diesen Verlust an profitablem Handel nicht ausgleichen. Zumal die EU selbst zunehmend in Schwierigkeiten geriet: Die schwindende Finanzkraft Deutschlands sorgte auch für Knappheit in Brüssel. Nachdem die osteuropäischen Staaten ausgetreten waren und sich nach Russland orientierten, fehlte den hoch verschuldeten EU-Staaten schlicht Geld.

Staatsauflösung

Die verbliebenen EU-Mitgliedsstaaten gingen 2049 sämtlich in der EFFP auf. Wegen Vorbehalten aus Paris wurde dabei die juristische Konstruktion gewählt, dass formal alle anderen Staaten Frankreich beitraten.

Der Islam wurde zur Staatsreligion erklärt. Die meisten deutschen Gesetze wurden für den gesamten Block übernommen.

Die EFFP erholte sich allerdings weder wirtschaftlich noch kulturell. Heute ist sie mit Abstand der schwächste Weltblock – nach dem Chinesischen Reich, Großrussland und den Vereinigten Staaten von Nord- und Südamerika.

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