Reiche Dämmplatten-Bosse, arme Opfer, korrupte Politik. Ein Tatort verrührt alle politisch korrekten Klischees die aufzutreiben waren. Das überraschende Ergebnis: Man kann aus einem schlechten Drehbuch einen miserablen Film machen.
© HR/ARD Degeto Film/Sommerhaus/Philipp Sichler
Drei Oscars oder 2 Golden Globes wie der US-amerikanische Katastrophenfilm von 1974 hat dieser Tatort wohl kaum verdient, obwohl auch damals die ewig profitsüchtige Baumafia mitzündelte. Dafür ist er einfach zu primitiv gestrickt (Buch Sebastian Heeg und Tom Schilling, Regie Rick Ostermann) und lässt bei der Zielansprache kein Klischee aus.
Die Böttchers, Eigentümer der Baumaterialfirma Styvex (Steffen gespielt von Stephan Luca, Simone von Katharina Heyer) wohnen, wie es sich für ein Fabrikantenehepaar ziemt, in einer modernen Villa im Grünen, gepflegt vom eigenen Gärtner. Sie sind ausserdem stolze Eigentümer eines „Mini-Gestüts mit nur 15 Pferden“, und fahren gleich zwei Autos mit ordentlich Pferdestärken. Simone, die ihren Latte Macchiato nur mit Honig geniesst, protzt mit ihrem luxuriösen Küchenwasserfilter (Listenpreis über 2.000 Euro, Anm.), der Mineralwasserqualität spendet, gönnt sich eine „Gesichtsbehandlung“, bevor sie dann beim Reiten ausspannt oder Interviews für Lifestyle-Magazine gibt. Wenn Steffen Böttcher nicht grade seine Partner in China besucht, spielt er Minigolf auf einem grünen Teppich in seinem Büro.
Wenn die Klimaschutz-Wärmedämmung zur Katastrophe führt
Ganz im Gegensatz dazu Almila Adak, (Seyneb Saleh) die in einem der Frankfurter Hochhäuser ihr Dasein fristen muss, mit einer Hausverwaltung, die sich auch nach „hundert Anrufen wegen einem kaputten Aufzug einfach nicht dafür interessiert“. Sie hat einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen müssen, als ihre Mutter in einem dieser Hochhäuser bei einem Brand ums Leben kam, der offenbar ausser Kontrolle geriet, weil sich aussen zur Wärmedämmung angebrachte Polystyrol-Platten entzündeten. Den Prozess gegen den Bauträger hat sie akribisch im Gerichtssaal mitgeschnitten, anschliessend handschriftlich protokolliert und alles in einem dicken Ordner aufbewahrt. Für ihre Mama hat sie einen Haus-Schrein mit vielen Kerzen in ihrer Wohnung aufgestellt und fordert in flammenden Reden vor einem Mahnmal Gerechtigkeit für die 13 Todesopfer des Brandes (Drehort Plaza am Atzelbergplatz in Frankfurt-Seckbach). Sie geht Böttcher, dessen Dämmplatten sie für den Tod ihrer Mutter verantwortlich macht, direkt persönlich an: „Wie können sie nachts schlafen?“
„Bis die Schuldigen der sinnlosen Tragödie zur Rechenschaft gezogen werden!“ (Almila, ohne finanzielle Ansprüche zu erwähnen)
Nun, 5 Jahre nach dem Unglück, steht ein im Landtag eingerichteter Untersuchungsausschuss kurz davor, einen Abschlussbericht zu veröffentlichen. Auch Steffen Böttcher muss dort aussagen, wonach sein Anwalt (Christian Kuchenbuch) ihn anschliessend für seine Verschlagenheit lobt: „sehr gut: erst Anteilnahme und dann klare Kante“. Draußen warten schon Almila und die, wie der Anwalt sie herablassend nennt, „üblichen Opferangehörigen“ und rufen im Chor: „Schämt Euch, schämt Euch!“ Almila macht ihrer Verachtung für Böttcher, der vergeblich nach einem Hinterausgang sucht, Luft, indem sie ihm auf das Seitenfenster seines SUV spuckt.
4 Tage bevor der U-Ausschuss sein endgültiges Urteil spricht, geht sie zu Freund und Helfer Hamza
Sooo viele Fragen seien noch offen, klagt Almila, die ehemalige und erste Freundin von Hamza Kulina (Edin Hasanovic), als sie ihm ihren Ordner in die Arme drückt. Er versucht zwar noch, sie zu einem Anwalt zu schicken, studiert dann aber doch die Unterlagen, bis ihn der Schlaf in seinem Kellerbüro übermannt. Dort findet ihn seine Bürogenossin Maryam Azadi (Melika Foroutan) und ist auch gleich Feuer und Flamme, weil sie scharfsinnig erkennt, dass der scheinbare Selbstmord von Materialprüfer Rainer Beetz (gespielt von Thomas Höhne, zertifizierte die angebliche Schwerentflammbarbeit des Polystyrols) nach dem Hochhausbrand verdächtig erscheint. Gesagt, getan, die Beiden erscheinen breitbeinig bei den offenbar gelangweilten, weil mit Stullen essen und Zeitschriften lesen beschäftigten Kollegen Brombach (Timo Jacobs) und Möller (Michael Schenk), die den Suizid damals ad acta gelegt hatten. Als Kripoleiterin Sandra Schatz (Judith Engel) erkennt, dass in dem Fall des toten Baumaterialprüfers kurz vor Abschluss des U-Ausschusses politischer Sprengstoff verbaut ist, stärkt sie ihren beiden Kellerkindern Azadi und Kulina gegen den Widerstand der Kollegen den Rücken und lässt sie den Fall wieder aufrollen.
Wespennester und Verschwörungstheorien
Kaum haben sie Beetz Assistentin (Andrea Hofer, gespielt von Nadja Bobyleva) nochmal zur Prüfung der angeblichen Brandschutzeigenschaften der Dämmplatten vernommen, bekommen sie anonyme Morddrohungen und werden scheinbar von dunklen Mächten beschattet. Jedoch verfolgen sie ihr Ziel, Beetz Tod als Mord zu entlarven, unbeirrt weiter und finden auch einen Videobeweis, dass Simone Böttcher sich mit ihm kurz vor seinem Tod traf. Die Beharrlichkeit der neuen Ermittlungen sorgt an höherer Stelle für Aufregung, im Bauministerium „werde man sich darüber nicht freuen“ (Böttcher), der Justizminister höchst selbst sucht Schatz in ihrem Büro auf und zieht kurz darauf die zuständige Staatsanwältin von dem Fall ab. Die arme Frau Hofer erhält Besuch von einem Behandschuhten angeblichen Polizisten und endet leblos in ihrer Badewanne. Besonders eindringlich wird gezeigt, wie Steffen Böttcher das von seiner Frau liebevoll angerichtete Abendessen geniesst, während Frau Hofer ihre letzten Momente erlebt.
„Wenn die Baustoffbranche sich selbst kontrolliert, dann ist Korruption vorprogrammiert“
Der U-Ausschuss kommt zu dem Ergebnis, dass der Brand im „Goliath“-Hochhaus auf Grund einer Verkettung tragischer Umstände ausbrach. Entsetzt und verzweifelt darüber, wie die eigene Justiz ihre Arbeit blockiert habe, gibt Hamza die Ermittlungsergebnisse samt seiner Verzweiflung angesichts dieser „riesengrossen korrupten Scheiße“ brühwarm an seine Freundin Almila weiter. Daraufhin begibt sie sich mit den Worten „wer keine Stimme hat, dem bleibt nur die Tat“ vor den Firmensitz der Styvex und verbrennt sich selbst. Kommissar Kulina kommt, durch einen Abschiedsbrief gewarnt, zu spät um sie zu retten und kann nur noch vor ihrem Grab ein islamisches Bittgebet sprechen. Zuvor hat er den Kollegen Möller im Kommissariat als Verdächtigen im Mordfall Beetz verhaftet, alle vier, Beetz, die Böttchers und Möller kannten sich von der gemeinsamen Zeit auf einem Sportinternat.
Rick Ostermann (Regie) über seine „Fackel“ im ARD-Pressedossier.

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