Probleme am Anleihenmarkt: Energiekrise deckt Schwächen auf

Die Zinsen von Staatsanleihen steigen seit einigen Jahren kontinuierlich an. Dennoch hatte Deutschland bislang nur selten Probleme bei der Platzierung neuer Anleihen. Die Krise in der Straße von Hormus, die zu einer gescheiterten Anleiheauktion führte, deutet darauf hin, dass sich das ändern könnte.

IMAGO / IPON

Der Anleihenmarkt gilt als das Gehirn der Finanzmärkte. In diesem Marktsegment findet sich weniger spekulatives als vielmehr langfristig orientiertes Kapital. Banken, Versicherungen und große Kapitalsammelstellen suchen hier vermeintliche Sicherheit und blicken weniger auf kurzfristige Renditeerwartungen.

Die Bundesrepublik gilt in diesem Fundament des globalen Kapitalmarktes als Kreditanker der Europäischen Union und als Gravitationszentrum des Eurozonensystems. Mit einer offiziellen Staatsverschuldung von etwa 63 Prozent steht Deutschland im internationalen Vergleich noch verhältnismäßig solide da. Nachbar Frankreich hingegen kommt auf rund 115 Prozent. Die zweite Säule der Europäischen Union sorgt daher für deutlich mehr Sorgenfalten.

Deutschland blutet aus
Kapital auf der Flucht
Besondere Aufmerksamkeit erhalten deshalb problematische Anleiheemissionen Deutschlands – so wie jene, die am Mittwoch zu beobachten war. Die deutsche Finanzagentur als ausführendes Organ des Bundesfinanzministeriums plante, eine zehnjährige Anleihe im Volumen von fünf Milliarden Euro zu platzieren. Als Orientierung diente der zuvor geltende Zinssatz von 2,73 Prozent. Doch der Verlauf der Auktion erwies sich als zäh. Am Ende konnten lediglich 3,8 Milliarden Euro eingesammelt werden – zu einem Zins von 2,89 Prozent. Die Anleger fordern inzwischen deutlich höhere Risikoprämien von Deutschland.

Was war geschehen? Gut möglich, dass Investoren tendenziell Abstand von einem größeren Engagement nahmen, nachdem die Bundesregierung am Tag der Auktion die Freigabe eines Teils ihrer Ölreserve verkündet hatte. Dieser politische Schritt lässt sich durchaus als Eingeständnis einer energiepolitischen Zwangslage interpretieren. Rechnen Investoren womöglich bereits damit, dass Deutschland in einen Energieschock hineinläuft?

Vielleicht war gerade dieses eindrückliche Beispiel eines der bekanntesten deutschen Unternehmen nötig, um den Schleier der Illusion eines Industrie-Comebacks zu zerteilen. Global steigen die Zinsen für Staatsanleihen seit drei Jahren. Die Aufmerksamkeit der Investoren richtet sich zunehmend auf die Überschuldung der Staaten – ein Trend, der sich in einem generellen Abverkauf langlaufender Anleihen widerspiegelt.

Haushaltskrise verschärft sich
Tiefe Risse im Fundament: Körperschaftssteuer kollabiert im Januar
Eine grobe Modellrechnung für Deutschland zeigt: Schon ein Anstieg der 10-jährigen Rendite um 0,5 Prozentpunkte würde die Haushaltslasten nach zwei bis drei Jahren deutlich erhöhen. Dann wären zwischen 15 und 20 Milliarden Euro zusätzlicher Schuldendienst fällig. Da ein großer Teil der Staatsschulden in den kommenden Jahren refinanziert werden muss und in die Zukunft gerollt wird, dürfte die fiskalische Großzügigkeit der Vergangenheit angehören. Deutschland muss sich nun seiner wahren ökonomischen Realität stellen.

Die Hormus-Krise scheint aus der Sicht Deutschlands die Stunde der Wahrheit zu sein. In dem Moment, in dem es der Politik nicht mehr gelingt, das Scheitern der Energiewende – die einherging mit dem Versuch, eine grüne Kunstökonomie aufzubauen – wortreich zu übermalen, wird auch die relative Position Deutschlands am Anleihenmarkt verschoben. In die Bewertung der Investoren fließt nicht nur der aktuelle Schuldenstand des Staates ein. Wichtig ist vor allem, ob die zugrunde liegende Ökonomie den Schuldendienst über längere Zeit aufrechterhalten kann – ohne dass geopolitische Schocks irreversible Schäden verursachen.

Die Lieferengpässe, gerade im Bereich des Flüssiggases, haben die Aufmerksamkeit der globalen Märkte auf die Vulnerabilität der deutschen Industrie gelenkt. Es ist erstaunlich, dass die Erosion der deutschen Industrieproduktion, die bereits 2018 sichtbar eingesetzt hatte, bislang mit dem lapidaren Hinweis zerstreut werden konnte, Deutschland habe sich stets durch jede Krise kämpfen können und sei gestärkt hervorgegangen.

Drastische Ausweitung der Staatsverschuldung
Zwischen Krisenmodus und Schuldenschwemme: EZB erweitert Repo-Liquiditätsoption
Allein der technologische Fortschritt in der Industrie bildete den gesellschaftlichen und ökonomischen Nährboden, auf dem Reparaturarbeiten beginnen konnten. Diese Zeit ist nun vorüber. Interessant ist in diesem Kontext, dass das beinahe doppelt so hoch verschuldete Italien zuletzt relativ höhere Kapitalzuflüsse erhielt. Der Zinsspread zu Deutschland schloss sich zunehmend, was innerhalb der Eurozone eine immense Machtverschiebung zugunsten der Regierung von Giorgia Meloni bedeutet. Sie saniert ihren Staatshaushalt Schritt für Schritt und versucht zugleich demonstrativ, die Goldbestände der Notenbank unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Bereitet sich Italien möglicherweise auf einen Zerfall der Eurozone vor? Ganz gleich, wie die gegenwärtige Krise auf nationalstaatlicher Ebene fiskalisch und energiepolitisch gehandhabt wird, in Brüssel drängt man auf die Finanzierung der Europäischen Union über die Ausgabe gemeinsamer Anleihen, sogenannter Euro-Bonds. Ganz offensichtlich hat man in Europa schon längst das Handtuch geworfen, wenn es um die Konsolidierung der Staatsfinanzen geht, also die Korrektur des zu groß gewachsenen Wohlfahrtswesens, das dringend an die gegebenen ökonomischen Umstände angepasst werden müsste.

Die Politik der offenen Grenzen, die dieses fiskalische Desaster massiv verschärft hat, wird bislang genauso beibehalten wie der ökonomisch zerstörerische Kurs der grünen Transformation. Dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in dieser Woche kleinmütig den strategischen Fehler Deutschlands, aus der Kernenergie auszusteigen, zugab, ändert nichts am generellen Befund. Die EU ist ideologisch und machtpolitisch nicht reformierbar.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 27 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

27 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
johnsmith
1 Monat her

Der Anleihen-„Markt“ ist sowieso kein echter Markt an dem sich ein Marktzins bildet. Die EZB beeinflusst ihn massiv zum einen durch Setzen des kurzfristigen Zinssatzes, an dem sich der langfristige orientiert, zum anderen indem sie selbst Anleihen kauft und den Banken inoffiziell mitgeteilt hat, dass sie den Banken von diesen am Primärmarkt gekaufte Anleihen am Sekundärmarkt auch jederzeit wieder abkauft (der direkte Kauf von Staatsanleihen bei deren Auagabe gilt als verbotene Staatsfinanzierung aber wenn eine Bank kurzzeitig dazwischen geschaltet wird ist das angeblich alles vollkommen ok). Dazu sind durch gesetzliche Vorschriften Pensionseinrichtungen, Versorgungswerke und Versicherungen gezwungen einen Teil des angelegten… Mehr

ThomasP1965
1 Monat her

Die Ursache liegt u.a. in der Inflation. Wer gibt Geld, auch für Staatsanleihen, wenn er nach Ablauf inflationsbereinigt weniger zurück bekommt. Außerdem stehen wir vor der nächsten Finanzkrise, die diesmal wohl durch private credit Geschäfte ausgelöst wird. Die Verschuldung D ist eher kein Thema. Deutschland hat vielmehr immer noch das Problem, dass es zu wenig investiert, weshalb seine Wirtschaft – da die private Seite aus verschiedenen Gründen auch keine Kredite aufnimmt – nicht wachsen kann. Wenn weder Staat noch Privat Kredite aufnimmt, kann volkswirtschaftlich kein Wachstum entstehen. Die Idiotie der „schwäbischen“ Hausfrau, sprich den Staatshaushalt mit der Bilanz eines Unternehmens… Mehr

Baron Fred
1 Monat her

Die Hormus-Krise?
Welch eine Schönfärberei! Das ist ein weiterer illegaler unprovozierter völkerrechtswidriger Krieg der USA und ihrer NATO. Auch der wieder nicht gewinnbar wie die anderen Kriege der USA seit 1945. Iran als Nachbarland von Afganistan wird sich das Chaos ganz genau angesehen und alles fein studiert und ausgewertet haben. Wird mich nicht wundern wenn die von den Milliarden teuren hinterlassenen Kriegsgeräten nicht vieles eingesammelt und studiert haben.
Sind denn die ganzen Geld- und Waffengeschenke an die Kokaine schon mitgerechnet bei der Staatsverschuldung? Die frischen Sonderschulden für Waffen? Sprich weiteres rausgeworfenes Steuergeld?

Freigeistiger
1 Monat her

Mit zunehemndem Risiko für Investoren werden die Zinsen von Staatsanleihen weiter steigen und schließlich zweistellige Werte erreichen. Deutschland wird mit der riesigen Zusatzverschuldung unter Merz in den nächsten Jahren zu Italien und Frankreich aufschließen, was die Bonität der gesamten Eurozone beeinträchtigt.

Massenzuwanderung, grüne Transformation, gescheiterte Energiewende, Konfrontation mit Russland, wirtschaftlicher Niedergang, überbordender Sozialstaat, aufgeblähte Bürokratie – all das verheißt nichts Gutes, wenn es nicht zu einem grundlegenden Politikwechsel kommt.

Peter Gramm
1 Monat her

Mit einem Politikschwurbelstudium die besten Voraussetzungen die die Funktionsweise von Anleihemärkten zu verstehen. An der Regierungsspitze haben wir absolute Fachleute installiert.

humerd
1 Monat her

der „Top Ökonom“ Clemens Füst: „Energieintensive Industrie hat keine Zukunft bei uns“https://www.focus.de/finanzen/news/energieintensive-industrie-hat-keine-zukunft-bei-uns_5d2b7cad-0984-4eb4-92e2-3b391fa87499.html nd die Energiefrage, die sich angesichts der Turbulenzen an den Ölmärkten nochmal verschärft stellt? Fuest: Man kann das jetzt bedauern, dass wir die Energie verknappt haben in Deutschland. Aber das ist nicht reversibel, da hat Kanzler Friedrich Merz recht. Jetzt neue Kernkraftwerke zum Beispiel bauen, das wäre sehr, sehr teuer, das würde ewig dauern. Das hilft uns jetzt nicht.  Was hilft dann? Fuest: Wir müssen den Ausbau der erneuerbaren Energien anders organisieren, wie Frau Reiche zu Recht sagt. Aber auch das wird dauern. Wir haben uns entschieden, ein Land zu sein, in… Mehr

Kuno.2
1 Monat her

Der kleine Crash am Rentenmarkt in den letzten 2 bis 3 Wochen geht natürlich mit einem Zinsanstieg in gleicher Höhe einher.
Das erinnert an 1929, wie der unvergessene Andre Kostolany nach 1949 protokollarisch schrieb.

Rosalinde
1 Monat her
Antworten an  Kuno.2

Wobei, bitte nicht vergessen, der Zinsanstieg die Folge des Wertverlustes des Euro gegenüber dem Dollar ist!

Ede Kowalski
1 Monat her

Die EU ist ideologisch und machtpolitisch nicht reformierbar.“
Dann gehört diese EU aufgelöst und rückabgewickelt und zwar zügig !
Ralf Dahrendorf hatte völlig Recht als er bereits 1998 prophezeite: „Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet.“ 

GR
1 Monat her

Und so geht die Riesterrente dahin, denn die Versicherungen müssen Staatsanleihen kaufen (das haben die Politiker schlau gemacht, die Versicherungen müssen mündelsicher anlegen und bei Staatsanleihen gibt es kein Ausfallrisiko per Definition bzw. Gesetz, obwohl noch jede Fiatwährung gecrashed ist) und dann ist das Geld halt weg.

WGreuer
1 Monat her

Der Yield für 10-jährige Staatsanleihen ist innerhalb von nur 2 Wochen von 2,66% auf 2,99% gestiegen. Deutschland steht finanziell am Abgrund. Die Engländer (4,77%) und Franzosen (3,68%) sind da schon einen Schritt weiter. Und nun kommt die völlig nichtsnutzige, korrupte und nicht reformierbare EU. Das wird interessant.

Peter Gramm
1 Monat her
Antworten an  WGreuer

Das verzinste Schuldgeld und die wuchernde Bürokratitis werden alles zerstören. Dagegen gibt es kein Vakzin. Zuviele Existenzen hängen davon ab. Es ist ein schlimmes, schnell wucherndes Krebsgeschwür welches durch sein Wachstum den Wirt zerstört von dem es lebt.

Harry Hirsch
1 Monat her
Antworten an  WGreuer

Wobei man aber ehrlich dazu sagen muss, dass dieser kräftige Zinsanstieg am allgemein gestiegenen Swap-Niveau und nicht explizit am Risikospread für Deutschland liegt.