Mit Don Camillo und Peppone schuf Giovannino Guareschi eine der beliebtesten literarischen Welten Italiens – humorvoll, menschlich und zugleich politisch scharf. Doch hinter den heiteren Dorfgeschichten stand ein Autor, der sein Schreiben als harte Pflicht verstand und sich zeitlebens mit Mut zum Widerspruch gegen Zeitgeist, Parteien und sogar das eigene Lager stellte. Marco Gallinas Biographie zeichnet das Porträt eines unbequemen Gewissensmenschen, dessen Haltung heute aktueller wirkt denn je.
Schreiben muss Spaß machen. Das zumindest könnte man als Leser einer der amüsanten Geschichten von Don Camillo und Peppone vermuten. Doch für den Schöpfer dieser Geschichten, Giovannino Guareschi (1908–1968), der nebenbei dem Leinwand-Peppone fast aufs Haar glich, war es vor allem eins: Arbeit. Harte, tägliche Arbeit, wie in einer Mine, der er pflichterfüllt zeit seines Lebens nachging. Arbeit, die ihn zu einem der populärsten Autoren Italiens machte – und auch zu einem der meistangefeindeten.
TE-Autor Marco Gallina hat diesem Mann ein Buch gewidmet, das vom ersten Satz an deutlich macht, dass es im Geiste Guareschis selbst geschrieben ist. Hier ist eine Geschichte, die erzählt werden will, und ein Erzähler, der das Können dazu mitbringt.
Gallinas Biographie beginnt am Grab. Am 24. Juli 1968 wird Guareschi in Roncole bestattet, dem Geburtsort Giuseppe Verdis. Eine schlichte Feier. Keine Kerzen. Keine Blumen. Keine Musik. Kein Kranz des Staates. Dafür ein einzelner Prominenter im Regen, ohne Schirm, Wassertropfen auf dem weißen Haar: Enzo Ferrari. Der legendäre Ingenieur und der Schriftsteller waren Freunde gewesen. Keiner von beiden hatte je damit geprahlt, den anderen zu kennen. Auf dem Sarg liegt die Trikolore mit dem Wappen des Hauses Savoyen. Es ist ein Bekenntnis zu einer Nation, die es nicht mehr gibt. Es ist das erste, aber gewiss nicht das letzte Mal, dass der Leser von Gallina durch eine fast schon filmisch anmutende Szene geführt wird.
Vier Neins, vier Gewissensentscheidungen
Wer Guareschi begreifen will, muss vier Konflikte begreifen, die sein Leben bestimmten – vier große Neins, die ihn vom Dandy-Reporter zum Athanasius des zwanzigsten Jahrhunderts machten. Das erste Nein spricht der junge Leutnant 1943 gegenüber den Deutschen: „Ich bin ein Soldat der Königlichen Armee Italiens.“ Er wählt das Lager statt der Kollaboration mit der Republik von Salò. Zwei Jahre vegetiert er in Częstochowa, Sandbostel und Wietzendorf, magert auf 46 Kilo ab, schreibt Geschichten, liest sie den Kameraden vor, baut eine Weihnachtskrippe aus Pappe und Postkarten. In einer – zugegebenermaßen von Gallina leicht ausgeschmückten – Szene, die fast einem Indiana-Jones-Film entstammen könnte, entgegnet Guareschi einem Gestapo-Mann, der ihn für eine faschistische Satirezeitung gewinnen will, kühl, er habe sich geweigert, auf seine italienischen Brüder zu schießen und weigere sich noch mehr, nun „mit Lügen auf sie zu schießen“. Die klackenden Stiefel auf dem Steinboden entfernen sich wieder, der große Versucher lässt vorerst von Guareschi ab.
Sein drittes Nein trifft das eigene Lager und kommt ihm vielleicht am teuersten zu stehen. Die Christdemokraten unter Alcide De Gasperi, denen Guareschi 1948 mit genialen Wahlkampfplakaten zum Sieg verholfen hatte, enttäuschen ihn zutiefst durch ihre Korruption, Partitokratie und zahllose gebrochene Versprechen. Als Guareschi 1954 Briefe veröffentlicht, die De Gasperi belasten, fährt die gesamte Maschinerie gegen ihn auf. Das christdemokratische Jugendblatt schreibt, er sei „der Typ Italiener, der aus unserer Gesellschaft getilgt werden muss“ – für das Verb „tilgen“ verwenden die Autoren das italienische „cancellare“. Cancel Culture anno 1954, aber nicht von links, sondern von der Christdemokratie! Das Gericht verweigert eine Prüfung der Dokumente und verurteilt ihn wegen Verleumdung. Guareschi verzichtet auf Berufung. Er packt denselben Sack, den er für das deutsche Lager gepackt hat, und stellt sich freiwillig den Behörden. 409 Tage Gefängnis in Parma – seiner Stadt – sollen es am Ende werden. „Ich ziehe es vor, von der Justiz verurteilt und von meinem Gewissen freigesprochen zu werden, als von der Justiz freigesprochen und von meinem Gewissen verurteilt zu sein.“
Das eigene Gewissen als ultimativer Leitfaden
Was diese vier Konflikte zusammenhält, ist Guareschis Kerngedanke, den Gallina als roten Faden durch alle Kapitel zieht: das persönliche Gewissen als letzte Instanz. Don Camillo, Peppone und Christus am Kreuz sind, wie Guareschi selbst sagt, am Ende eine einzige Figur – er selbst. Die Stimme Christi ist die Stimme seines Gewissens. Und dieser Christus lässt sich nicht auf Parteilinie trimmen. Als Don Camillo sich auf die „öffentliche Meinung“ beruft, antwortet Jesus trocken: „Ich weiß. Es war die öffentliche Meinung, die mich ans Kreuz genagelt hat.“ Es gibt keine kollektiven Seelen. Jeder wird für sich geboren und stirbt für sich. Wehe dem, der auf sein persönliches Gewissen verzichtet, um an einem kollektiven Gewissen teilzuhaben. Was in besseren Zeiten womöglich als naive Sonntagsphilosophie abgetan würde, entpuppt sich immer mehr als zeitlose und dennoch hochaktuelle Kampfansage an jede Form von Konformismus.
Was Gallina aus diesem Stoff macht, geht weit über die übliche Biographie hinaus, auch wenn die historischen Fakten grundsätzlich natürlich alle auf ihrem Platz stehen. Jedes Kapitel ist ein Fresko, das eine Welt vor den Augen des Lesers wiederauferstehen lässt: die Bassa mit ihren Pappeln und Nebeln, das faschistische Mailand mit seiner überraschenden Experimentierfreude, die Barackennächte in Norddeutschland und Polen, das Nachkriegsitalien der Massaker und Wunder. Der Autor unternimmt historische Exkurse, von den Guelfen und Ghibellinen und den Krieg um den geraubten Eimer bis zu den kleinen Renaissancefürstentümern der Po-Ebene, die nicht vom Thema ablenken, sondern es grundieren. Wer verstehen will, warum Don Camillo und Peppone „funktionieren“, muss den „fruchtbaren Flusshumus” kennen, aus dem sie gewachsen sind. Gallina liefert ihn und erzählt dabei so lebendig, als hätte er die Guareschi’sche Maxime verinnerlicht: Wenn es nicht wahr ist, so ist es gut erfunden.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Kardinal Gerhard Ludwig Müller im lesenswerten Nachwort die Ausführungen über das Gewissen aus der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanums zitiert – desselben Konzils, mit dem Guareschi wenige Kapitel zuvor so hart ins Gericht gegangen war. Aber so ist das Leben: nicht immer fein säuberlich gelöst und abgerundet, sondern mit Ecken und Kanten. So wie Guareschi selbst, der monarchistische Republikaner, der katholische Kirchenkritiker und reaktionäre Rebell. Das Konzil hat am Ende über das Gewissen geschrieben, was Guareschi längst gelebt hatte. Vielleicht ist das die letzte Pointe.
Gallinas Buch kommt zur rechten Zeit. Der Zeitgeist hatte versucht, Guareschi totzuschweigen. Die Ordner im Familienarchiv erzählen davon: nach 1968 nur Nekrologe. In den siebziger Jahren ein einziger Schuber. Dann, ab den achtziger Jahren, mehren sich die Einträge wieder. Und ab den Zweitausendern explodiert die Rezeption. Guareschis Sohn Alberto, der seit sechzig Jahren über das Erbe wacht, bringt es auf den Punkt: „Sie haben versucht, ihn totzuschweigen. Er hat gewonnen.“ Mit über zwanzig Millionen verkauften Büchern, Übersetzungen in neunundfünfzig Sprachen und einer kulturellen Strahlkraft, die Umberto Ecos „Name der Rose“ in den Schatten stellt, hat dieser Handwerker in der Schreibstube am Ende recht behalten. Die Botschaft dieses Arbeiters im Weingarten des Herrn ist schlicht und wiegt schwer zugleich: Am Ende steht jeder allein vor Gott. Kein Kollektiv, keine Partei, kein Zeitgeist kann ihm diese Rechenschaft abnehmen.
Schreiben muss nicht immer Spaß machen. Aber das Werk von Guareschi – und Gallina – zu lesen tut es!
Marco Gallina. Giovannino Guareschi. Don Camillos rebellischer Vater. Westend Verlag, Hardcover, 208 Seiten, Preis 24,00 €





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