LNG-Tanker drehen von Europa nach Asien

Die schlechten Nachrichten am europäischen Energiemarkt reißen nicht ab. Aufgrund erheblicher Preisdifferenzen entscheiden sich mehrere LNG-Händler derzeit, ihre Ware an asiatische Kunden zu verkaufen. Während Tanker auf offener See ihren Kurs ändern und Europa den Rücken kehren, wächst der Druck auf die Politik, sich wieder mit Russland an einen Tisch zu setzen.

picture alliance / ROPI | Fotogio

Die unmittelbare Folge der Sperrung der Straße von Hormus ist neben einer massiven Preisvolatilität auf den Energiemärkten ein regionaler Wettlauf um die Sicherung der aktuell verfügbaren Öl- und Gaskapazitäten. Vor allem die flexibel transportierten Flüssiggasmengen (LNG) sind heiß umkämpft.

Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges und der drastischen Reduktion russischer Pipeline-Gaslieferungen nach Europa ist der Anteil von LNG innerhalb der europäischen Gasversorgung von 19 auf mittlerweile 43 Prozent gestiegen. Der Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines entfaltet damit nun seine weitreichenden strategischen und ökonomischen Konsequenzen.

Eine der unmittelbaren Beobachtungen an den Spotmärkten für LNG ist derzeit eine deutliche Preisdifferenz zwischen dem asiatischen Markt und Europa. Allein Taiwan deckt über ein Drittel seines Gasbedarfs aus Katar, Südkorea etwa ein Sechstel.

Vor Beginn des Iran-Konflikts herrschte nahezu Parität zwischen den LNG-Spotpreisen in Asien (JKM) und Europa (TTF). Der Spread ist inzwischen auf etwa 10 US-Dollar pro mmBtu aufgerissen – ein klassischer Trigger für Arbitrageaktivitäten und Spekulationen. Zur Erklärung: mmBtu steht für „million British thermal units“, die Standardmaßeinheit für Gaspreise, die Preisunterschiede zwischen Märkten direkt vergleichbar macht. Diese Differenz treibt Händler an, flexible Ladungen nach Asien umzuleiten, wo der Preis lukrativer ist.

Dass der größte Lieferant Qatar Energy in der vergangenen Woche bereits Force Majeure erklärte und einen Lieferstopp für mehrere Wochen ankündigte, löste bei asiatischen Käufern entsprechende Panikreaktionen aus. Diese spiegeln sich in deutlich höheren LNG-Preisen wider, zeitweise bis zu 30 Dollar pro mmBtu – deutlich über europäischen Preisen.

Dieser Preis brachte Bewegung in den maritimen Seeverkehr. Händler mit flexiblen LNG-Kapazitäten begannen vor einigen Tagen damit, ihre Ladungen, die ursprünglich auf dem Weg zu europäischen Entladeterminals waren, nach Asien umzuleiten.

Ein Problem, das in Europa weiterhin besteht, ist die fehlende Umschlagsflexibilität und Kapazität. Kurz gesagt, es fehlt an technisch geeigneten Terminals, um schnell größere LNG-Kapazitäten aufnehmen und weiterleiten zu können, was das Problem der Speicherbefüllung verschärft.

Aktuelle Schiffs-Tracking-Daten deuten darauf hin, dass bereits elf Tanker ihre Route bestätigt geändert haben und nun nicht mehr europäische, sondern asiatische Destinationen ansteuern. Marktanalysten gehen zudem davon aus, dass möglicherweise zehn weitere LNG-Tanker ähnliche Routenänderungen vornehmen könnten.

Das Energievolumen, das in diesem Fall neu verteilt wird, ist erheblich. Ein typischer LNG-Tanker transportiert etwa 170.000 Kubikmeter Flüssiggas. Das entspricht einer Energiemenge von ungefähr einer Terawattstunde. Sollten schließlich etwa 20 LNG-Tanker von Europa nach Asien umgeleitet werden, um dort ihre Ladung zu löschen, würde Europa rund zwanzig Terawattstunden an LNG-basierter Energieerzeugung verlieren. Das entspricht mehreren Prozent eines europäischen Wintermonatsverbrauchs an LNG-Importen – ein erhebliches Volumen vor dem Hintergrund der bereits angespannten Gasspeicherlage.

Hinzu kommt, dass Europas größter LNG-Lieferant, die USA, zuletzt unter den Folgen eines harten Wintereinbruchs litt. Über Wochen standen Produktion und Lieferung still, sodass amerikanische Lieferanten nicht in die bestehende Kapazitätslücke einspringen können. Bis diese sogenannten Freezes überwunden sind und der Produktions- und Lieferbetrieb wieder sein normales Volumen erreicht, dürften Wochen vergehen. Dies bedeutet praktisch, dass der Kampf um bestehende zirkulierende Gasmengen zu weiteren Preissteigerungen führen wird.

Deutschland macht nun die Erfahrung des substanziellen Unterschieds zwischen klassischem Pipeline-Gas, das durch langfristige Lieferverträge gesichert wird, und dem eher spotmarktgetriebenen LNG. Die Preissensibilität und der vergleichsweise hohe Anteil spekulationsgetriebener Preissetzung bilden einen weiteren Baustein in dem fatalen energiepolitischen Szenario, das den Wirtschaftsstandort Deutschland dramatisch schwächt.
Die Diversifikationsstrategie nach dem Zerwürfnis mit Russland erweist sich als wesentlich komplexer und geostrategisch anspruchsvoller, als Berlin und Brüssel zunächst angenommen hatten.

Sollten die relativ hohen Spotmarktpreise beim LNG manifest bleiben, werden sich mittelfristig Strom- und Heizkosten in Deutschland weiter erhöhen. Industrien mit hohem Energieverbrauch, insbesondere Chemie, Stahl oder Aluminiumfertigung, werden den Preisanstieg unmittelbar spüren, was ihre Wettbewerbsposition auf dem internationalen Markt zusätzlich schwächt.

Wird die Politik schon bald intervenieren, um das Problem der bestehenden Preisdifferenzen am LNG-Spotmarkt durch aktive Maßnahmen aus der Welt zu schaffen? Koordinierte Schritte wie 2022 zwischen Brüssel und den Nationalstaaten könnten dann zur Debatte stehen, um die Preisdifferenz zu schließen und die Lieferungen sicherzustellen. Mittel- und langfristig mahnt die Krise eindringlich: Strategische Speicherkapazitäten und langfristige Lieferverträge sind essenziell, um solche Engpässe zu vermeiden. Ob die EU ihr Vorhaben aufgibt, russisches Pipeline-Gas ab 2027 vollständig aus dem Energiemix zu verbannen, bleibt offen. Vieles ist in Bewegung; ideologische Grabenkämpfe und geopolitisches Taktieren aus Schwäche sollten nun der Vergangenheit angehören.

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Kommentare ( 10 )

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10 Comments
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Haba Orwell
1 Stunde her

> Während Tanker auf offener See ihren Kurs ändern und Europa den Rücken kehren, wächst der Druck auf die Politik, sich wieder mit Russland an einen Tisch zu setzen. Dem Osten gehört die Zukunft, während die Globale Epsteinokratie untergeht. Böses Medium heute: „USA haben in Iran das erreicht, was sie eigentlich wollten – und werden deshalb den Krieg verlieren“ Gemeint ein Regimewechsel – keine prowestliche Kräfte mehr, sondern entschlossener Widerstand mit nationaler Unterstützung. > „… Es gibt heute keine guten Szenarien mehr für das Weiße Haus. Vielmehr gibt es zwei schlechte Szenarien, oder genauer gesagt, ein schlechtes und ein schreckliches… Mehr

ralf12
2 Stunden her

Russland war jahrzehnte unser fairer und verlässlicher Partner im Energieumfeld. Wegen eines korrupten ukrainschen Regimes oder auf Befehl der USA haben wir den Russen permanent in den Allerwertesten getreten. Weil ja die Abhänigkeit vom Russen sooo schlimm ist, haben wir Lieferverträge mit den USA abgeschlossen, die nicht mal ansatzweise mit den Russischen konkurieren können. Wir verpflichten uns, den USA die Menge X abzukaufen. Frage: Sind die USA auch verpflichtet uns diese Menge zu liefern? Ich denke mal nein. Zumal die USA Energielieferungen durchaus mal zu Erpressung nutzen. Aber Abhänigkeit von den USA ist gut, von Russland ist böse. Die LNG-… Mehr

Klaus D
2 Stunden her

Energiemarkt…..man stelle sich vor in deutschland würde es gas geben was dazu von deutschen unternehmen gefördert würde. Und die gasförderanlagen würden auch in deutschland hergestellt. Die gewinne blieben im lande. Aber nein beides wird von ausländischen unternehmen gemacht* wenn denn. Fracking könnten wir auch machen**. *24.02.2026Konzern will sechs Gasfelder vor Borkum anbohrenUnternehmensvertreter und Umweltschützer streiten über Gasbohrungen in der deutschen Nordsee Düsseldorf. Die Unternehmen Tenaz Energy und One-Dyas wollen ihre Gasförderung in der Nordsee erheblich ausweiten – und damit auch in ein deutsches Naturschutzgebiet vorstoßen. Das geht aus einer Investorenpräsentation von Tenaz Energy hervor, die dem Handelsblatt vorliegt.https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energie-konzern-will-sechs-gasfelder-vor-borkum-anbohren/100202561.html **Die geschätzten… Mehr

Maja Schneider
2 Stunden her

Ideologie, Starrsinn, mangelnde Kompetenz, Realitätsverleugnung, die Fähigkeit, Verantwortung für eine vollkommen verfehlte Energiepolitik und die Angst vor den grün-linken Medien und nicht zu vergessen das vollkommene Desinteresse an den Bedürfnissen der Bürger, die sie und ihren Lebensstandard finanzieren, hindern unsere Politdarsteller bisher daran, ernsthaft eine Wende einzuleiten und zu erkennen, dass eine wirtschaftliche Zukunft, wenn sie denn überhaupt angestrebt wird, ohne Russland niemals funktionieren kann, auch wenn es den USA vielleicht nicht gefällt. Nur wird die Kriegssituation im nahen Osten sich vielleicht leider doch etwas länger hinziehen, und auch die grüne Medienlandschaft besteht nicht nur aus Spitzenverdienern, alle werden betroffen… Mehr

Montesquieu
2 Stunden her

Jetzt gilt es die Tiefkühlhähnchen zu aktivieren und in Zentralafrika eine Maschine erfinden zu lassen, die mittels Gnudung Erdgas und Erdöl produziert.
Das schaffen wir! Und niemand kann uns dabei so gut helfen wie die Putztruppe aus UNION, SPD und v.a. den GRÜNEN (die haben so knutschsüße Männer an Bord!) mit ihrer Koboldeinsatztruppe.
Ein wenig erheitert mich das alles schon. Der Aufprall auf die Realität ist heftiger als erhofft.

Dunkelsachse
2 Stunden her

„Die Diversifikationsstrategie nach dem Zerwürfnis mit Russland erweist sich als wesentlich komplexer und geostrategisch anspruchsvoller, als Berlin und Brüssel zunächst angenommen hatten.“

Mit Nachdenken hätte man schon im Vorfeld drauf kommen können. Freilich, gern gehört war das Ergebnis bisher und ist es bis heute nicht.

Übrigens hat die EU im Februar laut Angaben des Portals gCaptain 100 Prozent des bei Yamal LNG produzierten Flüssiggases aufgekauft. Im Januar war das Bild ähnlich: Die Union kaufte 93 Prozent der LNG-Mengen aus Yamal.

Das hätte man über Nord Stream einfacher und preiswerter haben können.

Dr. Gregor Gaida
2 Stunden her

Mein Mitleid mit dem Michel hält sich in sehr engen Grenzen. Wie man sich bettet so liegt man und gerade vorgestern hat der Michel 30% CDUGRÜN und 30% GRÜNGRÜN gewählt.

Klaus D
2 Stunden her
Antworten an  Dr. Gregor Gaida

Das passiert wenn man konservativ wählt!

Haba Orwell
1 Stunde her
Antworten an  Dr. Gregor Gaida

Nur leider lebe ich auch selbst in diesem Land, was jegliche Schadenfreude ob der wirtschaftlichen Katastrophe zähmt. Mit nur der Hälfte micheliger Vorfahren (meine Frau hat nur polnische und ein paar khasarische) bin ich bei „Kultur“ flexibler. Möge doch ein Kalif mal das Karnevaltreiben verbieten – das Gejaule der Doofmichels würde wie schönste Musik klingen.
Vor etwa 25 Jahren habe ich mir mal Karneval in Düsseldorf angeschaut, etwa eine ganze Karnevalisten-Horde, die in den Eingang eines Luxusladens an der Kö urinierten. Hat das hier irgend eine religiöse Bedeutung? Gerne kann es zum Beispiel dem Zuckerfest weichen.

OJ
2 Stunden her

Die Politik ist seit zwei Dekaden sichtbar katastrophal.