Thalia Theater stellt „Prozess gegen Deutschland“-Videos nach Protesten wieder online

Nach Protesten stellt das Thalia Theater den „Prozess gegen Deutschland“ wieder komplett online. Der war auf Youtube nicht mehr auffindbar – angeblich sei er planmäßig nur eine Woche lang verfügbar gewesen. Seltsam nur, dass ausgerechnet eine einzige Anti-AfD-Rede sichtbar blieb. Die Kommentarfunktion bleibt gesperrt.

Screnprint: youtube/thalia theater, X/horizont - Collage: TE

„Prozess gegen Deutschland“. Unter diesem pathosgeladenen Titel wurde am Hamburger Thalia Theater eine dreitägige Debatte ausgetragen, als Kunst-Performance eines Gerichtsprozesses zu einem möglichen AfD-Verbot. Mit Journalisten, Wissenschaftlern und Prominenten auf beiden Seiten, wobei die Verteidiger im Vorfeld sonst eher durch starke Kritik an der AfD in Erscheinung getreten waren. Am Ende stand, wenig erstaunlich, ein Votum der Runde für die Prüfung eines AfD-Verbots und für den Entzug der Parteienfinanzierung.

Doch immerhin: Ein direktes Verbot lehnte die Jury ab. Ein Teilerfolg für den freien Diskurs. Der könnte darin begründet sein, dass die „Zeugen“, die gegen ein AfD-Verbot auftraten, so gute Arbeit leisteten, dass der Show-Schauprozess phasenweise tatsächlich den Umgang mit der AfD fragwürdig erscheinen ließ.

Die phänomenale Rede von Harald Martenstein etwa stellte die Republik vier Tage lang auf den Kopf. Der plumpe Versuch, korrekte Fakten, vorgetragen von Feroz Khan, plump als „Bullshit“ abzutun, vier weitere. Der Blick in die vielen leeren Gesichter im Publikum und unflätige Gesten einiger Zuschauer einen halben. Kurzum: Es lief so gar nicht, wie Linke sich das vorgestellt hatten.

Das sozialmediale Votum war klar: AfD-Verbot hin oder her, die autoritäre linke Meinungshegemonie hatte sich selbst entlarvt und war der eigentliche Verlierer dieses Prozesses.

Doch die Initiatoren reagierten wenig souverän auf das unerwartete Ergebnis und brachten den digitalen Besen zum Einsatz. Auf dem YouTube-Kanal verschwanden nahezu alle Aufzeichnungen. Nicht etwa chaotisch, sondern so sauber, dass genau ein Video für alle sichtbar blieb: eine Rede des NDR-Journalisten Michel Abdollahi gegen die AfD. Alles andere: verborgen. Wer es sehen wollte, sollte es nicht mehr finden.

Auf Nachfrage hieß es aus dem Haus, die Beiträge seien „aus urheberrechtlichen Gründen“ nicht länger öffentlich verfügbar, das sei „übliche Praxis“. Ein Urheberrecht, das erst nach Tagen und nach wachsender Kritik plötzlich entdeckt wird, wirkt wie ein Türschild, das man erst aufhängt, wenn es brennt.

Und dann wurde die Empörung zu laut, um sie mit dem Wort „Praxis“ zu erschlagen. Jetzt ist wieder alles online. Nicht, weil man sich geirrt hätte, natürlich. Die Erklärung lautet so: Ursprünglich sei die Veröffentlichung ohnehin nur auf eine Woche angelegt gewesen. Nun habe man sich aber entschieden, „auch auf Wunsch vieler Beteiligter und Interessierter“, die Aufzeichnung wieder sichtbar zu schalten und vollständig zugänglich zu lassen.

Als Begründung folgt der nächste Baustein der Krisenrhetorik: Viele Ausschnitte seien kopiert und im Netz verbreitet worden, teils „aus dem Zusammenhang gerissen“ und „inhaltlich umgedeutet“. Darum sei es wichtig, den „gesamten Kontext“ als Referenz bereitzustellen. Das ist interessant: Wer Kontext will, stellt Kommentare an. Wer Kontrolle will, stellt Kommentare ab.

Denn auch das bleibt bestehen: „Hass und Hetze“ dienen als Universalargument, um die Debatte zu verwalten. Das Thalia Theater betont, es sei ein Ort der Auseinandersetzung, verurteile aber jede Form von Hass und Hetze. Deshalb bleibe die Kommentarfunktion deaktiviert. Auseinandersetzung ja, nur bitte ohne Publikum.

Und nun zu dem Teil, der wirklich nach „Versehen“ riecht. Wenn angeblich nur die Zeitbegrenzung der Grund war, warum blieb dann ausgerechnet die Anti-AfD-Rede länger sichtbar, während der Rest verschwand? Wer so etwas als Zufall verkauft, hält sein Publikum für Statisten. Die einen sollen glauben, es gehe um Urheberrecht. Die anderen sollen glauben, es gehe um Kontext. Am Ende geht es um Deutungshoheit.

Der Regisseur Milo Rau sagte dem Cicero sinngemäß, Demokratie sterbe, wenn man es sich zu bequem mache und nicht mehr mit denen rede, deren Meinung man nicht teile. Im Thalia zeigt sich eine bequemere Version: Man redet schon, aber nur unter Aufsicht, ohne Kommentarfunktion, und mit einem sehr selektiven Hang dazu, was sichtbar bleiben darf.

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Kommentare ( 5 )

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alter weisser Mann
1 Stunde her

Mal grundsätzlich angemerkt: „Alles für Deutschland“ ist strafbar (obwohl verschiedene Vorbenutzer), „Prozess gegen Deutschland“ wird subventioniert.
Deutschland hat fertig.

Manfred_Hbg
1 Stunde her

Zitat 1; „wobei die Verteidiger im Vorfeld sonst eher durch starke Kritik an der AfD in Erscheinung getreten waren.“ > Mhh, hier wäre vielleicht doch auch noch die Frage interessant gewesen: warum wurden hier diese fragwürdigen „Verteitiger“ eingesetzt und nicht Verteitiger die nicht schon im Vorfeld gegen die AfD unangenehm aufgefallen sind? Hat sich hier vielleicht nur kein Verteidiger getraut sich zu outen das er aufseiten der AfD stehen tut? – – – – – – Zitat 2: „Im Thalia zeigt sich eine bequemere Version: Man redet schon, aber nur unter Aufsicht, ohne Kommentarfunktion, und mit einem sehr selektiven Hang… Mehr

Last edited 1 Stunde her by Manfred_Hbg
Klaus D
1 Stunde her

„Prozess gegen Deutschland“….„prozess gegen die deutschen“! Das wäre mutig gewesen denn es ist nicht das land sondern die bürger – ausnahmen wie immer ausgenommen. Die mitte in deutschland hat das alles zu verantworten. Wen haben denn all die kritiker all die jahre selber gewählt und oder wählen immer noch so? Wer zb FDP wählt steht hier ganz besonderns in der verantwortung – wir erinnern uns:

„Deutschland wird von der Mitte aus regiert, von einer Koalition der Mitte. Und die Ränder haben in dieser Republik nichts zu sagen.“

Guido Westerwelle FDP 2009

Mathias Rudek
2 Stunden her

Leider ist der Kulturbetrieb im Westen sehr verkommen. Das Thalia-Theater hat ein ausgezeichnetes Ensemble, ist politisch aber auf einem dümmlichen hemdsärmeligen Niveau. Kein Schauspieler sollte sich politisch instrumentalisieren lassen. Die Wahl-Entscheidung gehört in die Wahlkabine und nicht auf die Bühne. Das Regie-Theater und seine Kulturfunktionäre allerdings pfeifen aus dem letzten Loch, die Absichten leuchten einem schon von weitem entgegen, die sozialistische Gesinnung wittert man auf hundert Kilometer gegen den Wind. Das Theater wird dadurch intellektuell klein und mickrig. Milo Rau ist ein links-ideologischer linksradikaler Kulturbetriebler, nichts weiter, nichts Neues im Westen – seine Aufführungen vorhersehbar. Dieser Kulturschaffende, der diesen DDR-Begriff… Mehr

Der Person
2 Stunden her

„Rechts wird man nicht, wenn man den Rechten zuhört,

sondern wenn man den Linken zuhört.“

Nicolás Gómez Dávila

Daß das Thalia Theater den heineckesken Prozess vom Netz nimmt, ist also absolut nachvollziehbar, zerschießt es sich doch sonst seine (potentielle) Kundschaft.