Wenn es in Deutschland wirklich um die Wurst geht

Deutschlands Sonderweg die heimische sichere und günstige Energieversorgung und damit Grundlage für Wohlstand zu zerstören, wird im Ausland ohnehin mit Verwunderung und Spott begleitet. Dort wird die katastrophale Lage der Wirtschaft an der deutschen Wurst festgemacht.

IMAGO

Deutschland erlebt gerade keinen Dämpfer, sondern ein massives Wegbrechen, das man an Werkstoren und Firmenlisten ablesen kann. Die Wirtschaft tritt seit drei Jahren auf der Stelle, während immer mehr Betriebe schließen und die Zahl der Insolvenzen immer neue Höhen erklimmt. Im Dezember lagen die Firmenpleiten 15 Prozent über dem gleichen Monat 2024, besonders stark erwischte es Transport, Gastgewerbe und Bau. Im Gesamtjahr waren es mehr als 17.600 Insolvenzen, laut Leibniz-Institut Halle so viele wie seit 20 Jahren nicht. In dieser Lage will das Statistische Bundesamt erstmal keine weiteren Statistiken zu Insolvenzen mehr veröffentlichen.

Genau auf diesen Zustand blickt der Economist und zieht ein hartes Fazit über den Status quo der deutschen Wirtschaft. Er beschreibt keinen Einbruch, der sich auf ein einzelnes Segment begrenzen lässt, sondern eine Welle, die durch alle Branchen läuft, und er lässt keinen Zweifel daran, dass das alte Stabilitätsversprechen nicht mehr trägt.

— The Economist (@TheEconomist) January 15, 2026

Als Beispiel, an dem man den desaströsen Zustand dieses Landes ablesen kann, dient dem Economist ein Betrieb, der in Deutschland so selbstverständlich wirkt wie der nächste Bäcker an der Ecke: die Eberswalder Wurstwerke in Britz. In den 1980er Jahren war das Werk in der DDR mit rund 3.000 Mitarbeitern der größte Wursthersteller Europas, der Standort war 65 Hektar groß, dazu Friseur, Klinik, Bibliothek und Restaurant. Diese Zeit ist endgültig vorbei, und jetzt trifft es selbst den Rest: Rund 500 verbliebene Mitarbeiter erfuhren letzte Woche, dass der neue westdeutsche Eigentümer Tönnies das Werk bis Ende Februar schließen wird.

Dabei fehlt es dem Unternehmen nicht einmal an Kundschaft. Der Betrieb ist bekannt für seine hautlosen Bratwürste und die Schorfheider Knüppelsalami, und am Werkstor lief der Verkauf trotz Schneewetter rege. Gerade diese Szene wirkt wie ein stiller Hohn: drinnen kaufen Menschen ein, während draußen feststeht, dass der ganze Laden verschwindet.

Wie das Ende kommuniziert wurde, passt ins Bild der Kälte, die sich inzwischen durch die Wirtschaft frisst. Ein Mitarbeiter schildert den Moment, in dem die Nachricht hereinplatzte: „Wir haben davon eine halbe Stunde vor der Fernsehsendung erfahren”. Und ein anderer erinnert daran, dass Tönnies bei der Übernahme vor zwei Jahren Investitionen versprochen habe. Der Unterschied zwischen „versprochen“ und „umgesetzt“ steht nun als Schließungsdatum am Kalender.

Britz bleibt nicht das einzige Beispiel. Am 8. Januar kündigte Zalando an, ein Logistikzentrum in Erfurt zu schließen, 2.700 Beschäftigte sind betroffen. Es sind nicht mehr nur kleine Betriebe, die leise verschwinden, sondern große Standorte, die in einem Satz gestrichen werden.

Dazu kommt die Liste bekannter Namen, die sich im vergangenen Jahr in den Konkurs verabschiedet haben: Goertz, Gerry Weber, Esprit, Groschenmarkt, Karrie Bau und Zoo Zajac, der weltweit größte Zoofachhandel. Das sind Marken, die man nicht suchen musste, sie standen in Einkaufsstraßen, sie waren Alltag. Wenn solche Namen fallen, wirkt jede Beschwichtigung wie eine schlechte Ausrede.

Ja, Deutschland hat schon schlimmere Konjunkturabschwünge gesehen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase gingen in manchen Jahren über 39.000 Unternehmen in Konkurs. Doch damals konzentrierte sich die Krise stark auf bestimmte Branchen, vor allem Technologie. Jetzt trifft es alles, quer durch die Wirtschaft, und genau dieses Muster macht die Lage so dramatisch.

Selbst die Industrie, lange der feste Boden unter den Füßen, kann die Schläge nicht mehr wegdrücken. Exportorientierte Branchen sind anfällig für globale Konflikte, für Zölle und für hohe Energiepreise, und der Druck landet nicht irgendwann, sondern direkt in den Kostenrechnungen. Was früher als deutscher Vorteil galt, wird in dieser Lage zur Last.

Der Economist setzt den Schlusspunkt mit zwei Sätzen, die härter sind als jede Sonntagsanalyse: „Das gesamte Wirtschaftsmodell des Landes ist für die neuen Realitäten schlecht geeignet. Bis es sich angepasst hat, werden sogar Wursthersteller auf dem Prüfstand stehen.” Britz ist dieser Prüfstand bereits – mit 500 Beschäftigten, die nicht mehr spekulieren müssen, sondern ein Enddatum vor sich haben.

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