DAX auf Rekordhoch, deutsche Wirtschaft auf Talfahrt – wie passt das zusammen?

Der Aktienindex der 40 größten Unternehmen übersteigt 25 000 Punkte – denn die Konzerne verlagern fleißig Jobs. Der Schrumpfkurs Heimat treibt deshalb sogar die Kurse.

picture alliance / Eibner-Pressefoto | Eibner-Pressefoto/Florian Wiegand

In der vergangenen Woche stieg der DAX auf einen Rekordwert von über 25 000 Punkten. Und er hält sich zum Handelsbeginn in der neuen Woche auch weiter in dieser luftigen Höhe. Der Index der 40 größten deutschen Standardwerte legte schon im Jahresverlauf 2025 um 5 274 Punkte zu. Manche halten das für ein Beleg, dass es um die deutsche Wirtschaft nicht so schlecht stehen kann.

Nur: sie irren sich. Denn beim DAX handelt es sich nicht um das Barometer der Gesamtwirtschaft, sondern um eine kleine Auswahl weltweit agierender Großunternehmen. Zudem spricht der Höhenflug für zwei andere Entwicklungen: erstens die weltweit einigermaßen gute Wirtschaftsentwicklung. Denn die im DAX zusammengefassten Firmen erwirtschaften den größten Teil ihres Umsatzes nicht in ihrem Heimatland, sondern an Standorten im Ausland.

Schon 2023, als sich die Strukturkrise in Deutschland noch in einem vergleichsweise milden Stadium befand, entfielen gerade 18 Prozent des Gesamtumsatzes aller DAX-Unternehmen auf die Bundesrepublik. Bei einigen großen Konzernen lag diese Marke noch unter diesem Schnitt: Mercedes erwirtschaftete schon damals nur 16,8, die Softwareschmiede SAP gerade 15 Prozent der Umsätze auf heimischem Boden. Dass der DAX in der schwersten deutschen Wirtschaftskrise regelrecht abhebt, verweist noch auf eine zweite Entwicklung: hier spiegelt sich die beschleunigte Flucht der Industrie aus Deutschland wider.

Wenn Großunternehmen Arbeitsplätze und ganze Produktionslinien in Länder mit geringerer Steuerbelastung und günstigerer Energie verlagern, steigern sie perspektivisch ihren Gewinn. Genau diese Erwartung zeigt sich in dem 25 000-Punkte-Rekord. Denn Aktienkurse beziehen sich weniger auf die Gegenwart als auf die prognostizierte Zukunft. Mercedes-Chef Ola Källenius etwa verordnete dem Autohersteller ein Milliarden-Sparprogramm.

Dazu gehört nicht nur Job-Abbau in Deutschland, sondern auch Aufbau von Kapazitäten anderswo. Wie der Konzern gerade bekannt gab, will er die Produktion der A-Klasse von Rastatt ins ungarische Kecskemét verlegen. Der Getriebehersteller ZF plant, in Deutschland die Zahl der Arbeitsplätze bis 2028 um 14 000 zu reduzieren. Etliche davon wandern ebenfalls nach Ungarn. Das Land steht in einem wichtigen Ranking EU-weit an letzter Stelle: bei der Unternehmensbesteuerung. In dem mittelosteuropäischen Land erzeugen außerdem vier Nuklearreaktoren 53 Prozent des gesamten Energiebedarfs.

Bis 2030 soll ein neues Kernkraftwerk ans Netz gehen, das sich derzeit im Bau befindet. Unternehmen können also langfristig mit günstiger und verlässlicher Energie rechnen. Auch in vielen anderen Ländern finden Firmen mit Zentrale in Deutschland einen deutlich günstigeren Mix aus Steuerbelastung, Energiekosten und bürokratischer Belastung vor als daheim. Der Haushaltsgeräte-Hersteller Miele kündigte schon 2024 an, einen großen Teil seiner Produktion nach Polen zu verlagern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Ohnehin repräsentieren börsennotierte Unternehmen nur einen sehr kleinen Teil der deutschen Volkswirtschaft: die vier Indizes DAX, MDAX, SDAX und TecDAX umfassen gerade 190 Firmen. Wer der Wirtschaft den Puls messen will, der schaut deshalb nicht auf die Börsenkurse, und schon gar nicht auf die DAX-Entwicklung, sondern in die Insolvenzstatistik.

Denn dort zeigt sich das ganze Ausmaß der Krise. Zum Jahresende 2025 fand dort der einzige steile Aufschwung statt, den das Land derzeit zu bieten hat: Im Dezember lag die Zahl der Regelinsolvenzen laut Statistischem Bundesamt um 15,2 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Im November 2025 hatte die Steigerung nur bei 5,7 Prozent gelegen. Besonders besorgniserregend entwickelte sich die Zahl der Großinsolvenzen – also der Pleiten von Unternehmen mit einem Jahresumsatz ab 10 Millionen Euro aufwärts. Im Jahr 2025 meldeten 471 Unternehmen dieser Größenordnung Konkurs – ein Sprung von 25 Prozent gegenüber 2024.

Nach einer Berechnung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) stieg die Zahl der Firmenpleiten 2025 insgesamt auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. Selbst während der Finanzkrise 2009 lag diese Kennzahl um fünf Prozent niedriger. „Die deutsche Wirtschaft ringt nicht mehr nur mit Kopfschmerzen – sie hat Fieber bekommen“, resümiert Jonas Eckhardt, Partner bei dem Beratungsunternehmen Falkensteg.

Wirtschaftsfieber im Inland und Börsenfieber beim DAX passen also gut zusammen. Der frühere Vorstandschef des Chemieriesen BASF meinte vor einiger Zeit: „Wir machen überall in der Welt Gewinn, nur nicht in Deutschland.“ Die Keimzelle des globalen Konzerns, das Stammwerk Ludwigshafen, schreibt einen Verlust von über einer Milliarde Euro. Würde BASF seine Wurzeln in Deutschland ganz kappen, dann würde das 33 000 Mitarbeiter treffen – aber den Gewinn und damit auch den Aktienkurs beflügeln.

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Kommentare ( 26 )

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Retlapsneklow
2 Monate her

Was, wenn alle Länder um die günstigsten Standortbedingungen kämpfen würden?

Dann gäbe es Staatspleiten umso schneller. Kein Land kann teuere Infrastruktur zur Verfügung stellen und gleichzeitig die niedrigsten Steuern verlangen.

Was will ich damit sagen? Auf dem Markt befindet man sich immer im Konkurrenzkampf auf Gegenseitigkeit, ob Unternehmen oder Länder. Es wird unvermeidlich immer Sieger und Verlierer geben. Schöne Welt!

Retlapsneklow
2 Monate her

DAX & Co sind quasi die Spitze eines Berges. Das heißt nicht, dass es darunter einen scharfen Knick gibt und alles anders ist. Der Berg ist darunter nicht mehr ganz so hoch aber erst mal breiter, d.h. umfasst schnell deutlich mehr Unternehmen. Wo es Pleiten gibt, wäre auch an ein Überangebot von Produkten auf dem Markt zu denken. So lange es kein Mangelangebot gibt, nennt man dies Marktbereinigung eines überhitzten Angebots. Sowas passiert, wenn zinsgünstiges Geld verfügbar ist – so war es nämlich über geraume Zeit bei sogar negativem Leitzins – und Unternehmen konkurrierend investieren. Aber nicht alle können den… Mehr

Last edited 2 Monate her by Retlapsneklow
Tom Engel
2 Monate her

Ich finde „Spekulanten“ schlimm.

Retlapsneklow
2 Monate her
Antworten an  Tom Engel

Was bleibt einem in einer freien Welt der Entscheidungen und des Konkurrierens sonst übrig, wenn man sich auf kommende Dinge einrichten will und muss, wo einem keiner sagt, was kommen wird?

Last edited 2 Monate her by Retlapsneklow
Tom Engel
2 Monate her
Antworten an  Retlapsneklow

Ich verstehe Sie.
Aber glauben Sie wirklich, das Ihnen Börsenspekulanten den richtigen Weg zeigen werden ? Wenn ich schon die Nachrichten von „Spezialisten“ im Tv ansehe, wird MIR schlecht. Das sind zu 99% Spi__er und meiner Meinung nach für viel, sehr viel Unglück verantwortlich.
Und die „Verbrennen“ nur das Geld. Oder schaufeln es von Links nach rechts. Das ist Alles was die können.

Aber nochmal: Das ist meine Meinung….

Retlapsneklow
2 Monate her
Antworten an  Tom Engel

An der Börse ist leider jeder Spekulant, ob er will oder nicht. Ein Casino ist nun mal ein Casino. Nur soweit künftige Preise feststehen, ist es keines.

Aber auch Sparkonten sind es, die Zinsänderungen unterworfen sind. Inflation gehört ebenso zum Glücksspiel, wenn man größere Anschaffungen lange im Voraus plant. Fachausbildung und Arbeitsplatz ebenfalls. Wer heute IT anfängt zu studieren, ist beim Studienabschluss schon veraltet.

Noch ein Tipp zum Überlegen: Wie schön wäre die Welt, wenn wir nicht gegeneinander konkurrieren würden?

Hannibal ante portas
2 Monate her

Der DAX erinnert mich irgendwie an die Badische Anilin und Sodafabrik, die schon seit 1865 nicht mehr in Baden ihren Sitz hat. Aus Marketing- und Traditionsgründen behält man den alten Namen bei, der aber schon lange nichts mehr über die tatsächlichen Verhältnisse aussagt. Beim DAX ist die viel spannender die Frage wie viele Aktien im Besitz deutscher Staatsbürger ist, die auch hierzulande ihren Hauptwohnsitz haben.

Ombudsmann Wohlgemut
2 Monate her

Und da ab sofort keine Insolvenzstatistiken mehr veröffentlicht werden, können sie dem Bürger weiter eine florierende Wirtschaft vorgaukeln…

thinkSelf
2 Monate her

„Denn Aktienkurse beziehen sich weniger auf die Gegenwart als auf die prognostizierte Zukunft.“
Falsch. Die realwirtschaftlichen Entwicklungen spielen für einen Börsenmitspieler (zu denen ich auch gehöre) überhaupt keine Rolle. Statt dessen ist das wie beim Poker. Das Blatt der Mitspieler ist irrelevant. Relevant ist deren Verhalten. Und wer das am besten einschätzen kann, der gewinnt.
Große Spieler werden durch die Regeln zwar systematisch bevorteilt, allerdings kann heute jeder (im Gegensatz vor Jahrzehnten) mit sehr geringen Eintrittshürden zumindest selbst am Spiel teilnehmen. Und man kann heute problemlos weltweit spielen. Wenn muss da noch die Wirtschaft in Deppenland interessieren? Eben niemanden.

Retlapsneklow
2 Monate her
Antworten an  thinkSelf

„Denn Aktienkurse beziehen sich weniger auf die Gegenwart als auf die prognostizierte Zukunft.“

So ist es! Wenn Sie heute Aktien kaufen, tun Sie es, weil Sie Kurssteigerungen erwarten. Ergo richten Sie sich nach Ihrer Prognose für die Zukunft, gleichwohl woran Sie meinen, dies ablesen zu können.

Mausi
2 Monate her

Ich meine mich an Artikel aus der Coronazeit zu erinnern, der eine Korrektur des Marktes durch Insolvenzen befürwortete. Das Argument war, dass viele Unternehmen in D nur aufgrund von „Marktverzerrungen“ überhaupt noch leben.

Last edited 2 Monate her by Mausi
BugsBunny
2 Monate her

Man nennt das Katastrophen-Hausse oder Crack-Up Boom…..Geld fliesst, mangels Alternativen, in die Aktienmärkte oder in Edelmetalle….wobei z.B. der steigende Goldkurs nur den Wertverlust bzw. Kaufkraftverlust der Fiat-Währungen widerspiegelt…..aber, „go with the flow“….wer zeitlich richtig investiert hat und weiter richtig investiert, kann sich freuen….

Kampfkater1969
2 Monate her

Man darf auch nicht vergessen, dass in den unterschiedlichen DAX-Indizes die Unternehmen rausgeworfen werden, die nicht mehr die entsprechende Marktkapitalisierung vorweisen können. Man schönt also die „Statistik“, zudem wurde der DAX als Performanceindex aufgesetzt, d.h. man zieht den Erfolg der vergangenen Jahre weiter als Performance mit in die Zukunft, rechnet die Dividenden mit ein. Dann sollte man die Rüstungsunternehmen rausrechnen, denn die haben keinen wolkswirtschaftlichen Nutzen, sondern sind rein politisch getrieben. Dann sieht die Sache schon deutlich düsterer aus.

Freidenker
2 Monate her
Antworten an  Kampfkater1969

Prof. Stefan Homburg hat sich mit dem Unterschied zwischen Kurs- und Performanceindex auf seinem YouTube-Kanal vor einem Jahr beschäftigt. In seinem Video „DAX knackt 20.000 – Aber warum?“ hat er einmal nachgerechnet, was DAX-Anleger mit einem Index-Zertifikat in den vergangenen 25 Jahren tatsächlich verdient hätten. Das Ergebnis hat mich überrascht. Inflationsbereinigt haben sie nichts verdient, sondern verloren.

Last edited 2 Monate her by Freidenker
Retlapsneklow
2 Monate her

Der Euro ist gegenüber dem Dollar innerhalb der letzten 12 Monate um 14% gestiegen, gegenüber dem chinesischen CNY ca. 8%. Der Euro repräsentiert dann schon die ganze Wirtschaftskraft, oder? Aktienkurse steigen, wenn viel Geld übrig ist, während Inflation den Konsum verteuert und weniger Geld übrig lässt. Daneben spielen Konjunkturprognosen, die nicht aus der Boulevardpresse oder dem Horoskop stammen, eine stark mitentscheidene Rolle. Wer Aktien kauft, wettet auf die Zukunft. Die halten die Aktionäre demnach für sehr gut. Anleger sind Leute, die für ihre Meinung ihr Geld riskieren, nicht klugscheißern wie Börsenkommentatoren, die Kommentatoren bleiben, statt sich zur Ruhe setzen zu… Mehr

Last edited 2 Monate her by Retlapsneklow