Deutschland steht vor einer massiven Welle von Unternehmensaufgaben. Dabei hat die Abkehr vom Unternehmertum und der Selbstständigkeit unterschiedliche Gründe. Dass die Work-Life-Balance der jungen Generation Schuld am Exodus trage, gehört eher in das Reich der Fabeln.
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Scheidet ein produktives und am Markt erfolgreiches Unternehmen aus dem Wettbewerb aus, geht produktives Kapital unwiederbringlich verloren. Menschen verlieren ihre Jobs, Teile von Lieferketten brechen weg, gewachsene Kundenbeziehungen lösen sich auf. Nicht selten besetzen anschließend Wettbewerber aus dem Ausland die frei werdenden Produktnischen. Die Wertschöpfung ist für den Standort verloren.
KfW-Panel mit aktuellen Zahlen
Eine aktuelle Erhebung des KfW-Mittelstandspanels zeigt, dass sich Deutschland mit genau diesem fundamentalen Problem konfrontiert sieht. Es bahnt sich eine demografisch getriebene Übergabekrise an: Inzwischen sind mehr als 57 Prozent der Unternehmenseigentümer im deutschen Mittelstand über 55 Jahre alt. Nach den KfW-Zahlen stehen bis zum Jahr 2029 altersbedingt rund 1,1 Millionen Unternehmensübergaben oder Betriebsschließungen an. Die Befragung unter 13.000 Betrieben zeigt zugleich, dass etwa jedes vierte betroffene Unternehmen eine vollständige Aufgabe des Betriebs erwägt, weil weder ein geeigneter Nachfolger noch ein Kaufinteressent bereitsteht, die entstehende Vakanz zu füllen.
In der nüchternen mathematischen Betrachtung stellt sich die Lage entsprechend dar: In den kommenden Jahren drohen jährlich rund 114.000 Geschäftsaufgaben, während lediglich etwa 109.000 geregelte Nachfolgen zustande kommen. Die Bilanz ist negativ. Die entstehende Lücke müsste durch Firmengründungen geschlossen werden – ein Unterfangen, das sich am Standort Deutschland naturgemäß als schwierig erweist.
Die Nachfolgeproblematik erstreckt sich dabei über sämtliche Branchen und Betriebsgrößen, vom kleinen Handwerks- oder Bäckereibetrieb bis hin zum klassischen industriellen Mittelständler. Der Pool potenzieller Unternehmensübergeber wächst demografisch bedingt stetig, während der Kreis möglicher Nachfolger kontinuierlich schrumpft. Deutschland steht auch hier vor einer demografischen Lücke.
Ergänzend hat das Ifo-Institut die Lage ausgewertet und kommt zu einem ebenso ernüchternden Ergebnis: Rund 42 Prozent der Familienunternehmen finden keinen familieninternen Nachfolger mehr.
Junge Menschen meiden zunehmend die Übernahme bestehender Betriebe. Sie bevorzugen gut dotierte Angestelltenverhältnisse mit sozialer Absicherung und scheuen die erheblichen Risiken, die mit unternehmerischer Selbstständigkeit verbunden sind.
Neue Realität
Was sind die Hintergründe des Nachfolgeproblems im deutschen Mittelstand? Noch vor wenigen Jahren hätte man mit Blick auf die Alterung der deutschen Gesellschaft und die wachsende Zahl von Unternehmensschließungen stets darauf verweisen können, dass Produktivitätsfortschritte und ein quantitativ schrumpfender Binnenmarkt zwangsläufig zu einer Verkleinerung der Angebotsseite der Volkswirtschaft führen müssen.
Inzwischen jedoch ist die Bevölkerung der Bundesrepublik infolge des migrationspolitischen Wiederaufforstungsprogramms innerhalb weniger Jahre um mehrere Millionen Menschen gewachsen. Bei schrumpfender Wirtschaftsleistung müssen wir folgern, dass sich die Deutschen in einer Armutsspirale verfangen haben. Neben der langsam erodierenden gesamtwirtschaftlichen Produktivität und dem Einbruch der Industrieproduktion sind es vor allem die massiven Umverteilungsprogramme zugunsten jener, die niemals einen produktiven Beitrag zur Gesellschaft geleistet haben, gleichwohl aber in den uneingeschränkten Genuss der sozialpolitischen Früchte gelangen, die die Leistungsklasse im Land ökonomisch in die Enge treiben.
Und einmal ehrlich gefragt: Wer möchte in einem derart unternehmerfeindlichen Klima wie dem der Bundesrepublik unternehmerische Verantwortung übernehmen? In einem Land, in dem führende Staatsrepräsentanten wie Lars Klingbeil und Bärbel Bas, ja selbst der Bundeskanzler, je nach Tageslaune zum fröhlichen Halali gegen die Unternehmerklasse blasen – und eine wohlwollende Presse ihnen dafür auch noch die Carte blanche für allerlei rhetorischen Unsinn ausstellt.
Es stellt sich in der Tat die Frage, wie es geschehen konnte, dass Selbstständigkeit als Lebensentwurf und als unverzichtbares Scharnier für Innovationen, zu Aufbau von Familientraditionen, für die Bewegung von Risikokapital und für das Aufbrechen verkrusteter Marktstrukturen auf diese Weise verkümmern konnte.
Im Prinzip gilt doch ebenso: Niemand, der ernsthaft seiner unternehmerischen Vision folgt, widmet seine Aufmerksamkeit dem Politikergeschwätz oder der Bürokratenwillkür länger als einen Wimpernschlag. Und doch sind es in Deutschland – neben den bekannten demografischen Faktoren und dem Ausbleiben des Nachwuchses – vor allem die harten, politisch geschaffenen Fakten, die Firmenübernahmen oder auch die Veräußerung aufgegebener Betriebe ganz erheblich erschweren.
Strukturelle Bremsklötze
Zu nennen ist hier zunächst das Erbrecht, das kurz vor einer weiteren Reform steht und erkennbar auf die Substanz mittelständischer Betriebe zielt – das ist mehr als ein bloßer Abschreckmechanismus. Dieser Aderlass macht Übergaben tatsächlich in vielen Fällen unwirtschaftlich. Vor allem aber ist es der gesamte Übergabeprozess, der sich in vielen Fällen – insbesondere dann, wenn mehrere Erben beteiligt sind – als teuer, liquiditätsgefährdend und bürokratisch hochkomplex erweist. Potenzielle Firmenerben oder Käufer, die überhaupt erst den internen Kulturschock überstehen müssen, der insbesondere in mittelständischen Unternehmen droht, da sie meist stark auf ihren Gründer und Inhaber eingeschworen sind, sehen sich zudem einem gesamtwirtschaftlichen Krisenumfeld ausgesetzt.
Übergabeprozesse im Mittelstand enden nicht selten in einem frustierenden Labyrinth, weil das Steuer-, Erb- und Gesellschaftsrecht Unternehmensnachfolgen an komplexe Bedingungen, Fristen und Ausnahmeregeln knüpft, deren Einhaltung über Jahre hinweg überwacht wird. Jede notwendige Umstrukturierung, Investitionsentscheidung oder Personalmaßnahme kann dabei steuerliche Vergünstigungen gefährden und rückwirkende Belastungen auslösen.
Die Wirtschaft schrumpft, die fiskalischen Belastungen steigen von Jahr zu Jahr – zuletzt etwa durch die Anhebung der CO₂-Abgaben und eine breit angelegte Erhöhung der gewerblichen Steuerhebesätze zur Bewältigung der kommunalen Fiskalkrise. Von Aufschwung ist weit und breit nichts zu sehen. Früher galt einmal die Regel: Gründe am Tiefpunkt der Krise, denn dann geht es bergauf. Doch von einem Tiefpunkt der deutschen Dauerrezession kann beileibe noch keine Rede sein. Wir stehen erst am Anfang eines Prozesses der Deindustrialisierung und der strukturellen Zertrümmerung des wirtschaftlichen Fundaments der Bundesrepublik.
Der Green Deal lässt grüßen – ein Zukunftsvernichtungsprogramm für die kommende Generation, die sich eines Tages noch darüber schwarz ärgern wird, dass protestierende „Fridays for Future-Kids“ und Klimakleber die sichtbaren Symptome einer schweren gesellschaftlichen Erkrankung waren und niemand Einhalt gebot.
Kultureller Rückzug
Zoomt man ein wenig hinaus aus diesen sichtbaren Faktoren und wirft einen flüchtigen Blick auf das gesellschaftliche und kulturelle Klima unserer Zeit, fällt eines unmittelbar ins Auge: Die Gesellschaft hat sich vom Prinzip der Familientradition verabschiedet. Beredter Ausdruck dafür ist der Kollaps der allgemeinen Reproduktionsrate, dem sich auch Unternehmerfamilien bei ihrer Übergabedisposition nicht entziehen konnten. Was früher selbstverständlich war – das eigene Gewerbe an die Nachkommenschaft zu übertragen, Kinder früh in innerbetriebliche Prozesse und Strukturen einzubinden –, ist heute mehr und mehr die Ausnahme.
Dies ist der indirekte Ausdruck einer tieferliegenden Entwicklung: Eigentlich scheint niemand mehr so recht an eine gelungene wirtschaftliche Zukunft zu glauben. Prosperität war einst ein Leistungsversprechen. In vielen Fällen ist sie heute lediglich ein Bewirtschaftungsproblem des Staatsapparates – sei es in Gestalt von Unternehmenssubventionen des grünen Komplexes oder der gigantischen Wohlfahrtsmaschine, die inzwischen rund ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts bewegt.
Die Gesellschaft wirkt schockgefroren. Staatliche Behörden, politische Parteien immunisieren sich selbst gegen Kritik am wachsenen Etatismus, indem sie unter anderem das Bild vom gierigen Unternehmer kultivieren.
Der gesellschaftliche Diskurs unserer Zeit macht deutlich, dass konservative Werte, das Denken in Generationen sowie ein grundsätzlich leistungsorientierter, meritokratischer Konsens innerhalb der Gesellschaft das unverzichtbare Ferment für den ökonomischen Aufstieg einer Nation sind. Die Dinge werden eine andere Richtung nehmen, wenn sich aus den Stürmen der gegenwärtigen Krise die Erkenntnis verdichtet, dass Wohlstand weder mit dem Gelddrucker noch durch staatliche Zentralplanung erzwungen werden kann, sondern dass es jener Menschen bedarf, die ihre Kreativität, ihren Fleiß und ihren Mut zusammennehmen und in die Waagschale werfen, um innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die tatsächlich an einem freien Markt nachgefragt werden.
Oder anders formuliert: Der Wendepunkt ist erreicht, wenn wir die faulige Patina des allgegenwärtigen Etatismus abgestreift haben und uns wieder zu den bürgerlichen Werten von Freiheit, Familie und wirtschaftlichem Aufstieg bekennen. Das ist der Wendepunkt.







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