Das Ladesäulendesaster

Tesla hatte gesehen, dass Elektromobilität als System begriffen werden muss, sich von vornherein erfolgreich Gedanken um die Versorgung mit Strom für seine Kunden gemacht und ein eigenes Ladestellennetz aufgebaut. Diess und VW und Co nicht - warum? Weil nicht subventioniert?

IMAGO / Rolf Poss

Da will der Firmenchef frohgemut mit seinem Elektroauto in den Urlaub fahren. Er ist ein ausgewiesener absoluter Fan dieser Antriebsmöglichkeit, lässt dafür sogar bei Deutschlands größtem Autohersteller keinen Stein mehr auf dem anderen, baut den traditionsreichen Produzenten von Benzin- und Dieselmotoren zu einem Verfertiger von Batterieautos um. Er kassiert dafür nebst reichlichen Staatshilfen auch das Lob von Regierung und NGOs.

Herbert Diess heißt der glühende Elektroanhänger, ist VW-Chef, war zuvor Vorstandsmitglied bei BMW und will lieber heute als morgen, dass alle E-Autos fahren, wenn möglich, die von VW.

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Jetzt beschreibt er seine Fahrt in den Süden, mit der er das Weltklima retten will. Er wollte mit dem Elektroauto ID.3 pro S aus seinem Hause zum Gardasee fahren und musste zwischendurch natürlich laden. Er war vom Auto begeistert: »Man könnte Bodensee-Gardasee bei zurückhaltender, defensiver Fahrweise ohne Zwischenladen bewältigen.« Gut, mit einem Diesel wäre das keines Nachdenkens wert. Doch bereits nach dem Anstieg zum Brenner hinauf suchte er nach einer Ladesäule. An den vier vorhandenen Säulen luden gerade andere E-Autos, und das dauert bekanntlich. Diess‘ erstes Fazit: »Zu wenig Ladepunkte am Brenner.«

Nächste Station: Trient. Brenner bergab leichtes Spiel für das Elektroauto mit ein wenig Rekuperationsmöglichkeit, also etwas Strom aufladen. Doch dort war die Ladestation wieder eine Enttäuschung. Diess schimpfte auf LinkedIn: »Kein WC, kein Kaffee, eine Säule außer Betrieb/defekt, traurige Angelegenheit. Das ist alles andere als ein Premium-Ladeerlebnis, IONITY!«

Der Betreiber von Ladestationen für E-Autos, an dessen Gründung VW neben Daimler, BMW und Ford mitgewirkt hatte, reagierte rasch: »Der defekte Lader ist gestern repariert worden«, so der Chief Operating Officer von Ionity-COO ebenfalls auf LinkedIn. »Für den Standort in Trento arbeiten wir mit unserem Standort-Partner ENI an einer Verbesserung des Kundenservice.« Auch der Standort am Brenner »steht auf unserer Liste der Upgrade-Sites«.

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Diess stellte fest: »In der „alten Welt“ des Fahrzeugbaus haben wir überwiegend einen guten Stand erreicht: Bauqualität, Anmutung und Funktionalität unserer Fahrzeuge sind so gut wie nie. In der »neuen Welt« haben wir Nachholbedarf.«

Mit einem sehr modernen, effizienten Dieselmotor wäre er besser vorangekommen und hätte die Umwelt geschont. Denn mit einem CO2-Ausstoß von 400 g/kWh zumindest im deutschen Strommix kann man das E-Auto nicht als CO2 frei bezeichnen. Wind und Sonne liefern einfach zu wenig Energie, da muss mit Kohlekraftwerken nachgeholfen werden.

Doch bleibt die Frage: Warum veröffentlicht er diese Geschichte von Elektropleiten, Pech und Pannen? Wollte Diess Dampf ablassen?

Tesla hatte gesehen, dass Elektromobilität als System begriffen werden muss, sich von vornherein erfolgreich Gedanken um die Versorgung mit Strom für seine Kunden gemacht und ein eigenes Ladestellennetz aufgebaut. Denn ohne Strom ist bei einem Batterieauto nicht viel los.

Erstaunlich, dass ein Mann mit so viel Einfluss wie Diess nicht eher darauf gedrungen hat, dass E-Autos ausreichend Steckdosen benötigen – mit neuen starken elektrischen Leitungen, für die Städte und Straßen aufgebuddelt werden müssen, Umspannwerke aufgebaut und Kraftwerke gebaut werden müssen, soll aus Steckdosen und Wallboxen auch hinreichend Strom kommen können. Wallboxen an der Garagenwand allein sind ohne ausreichende Versorgung mit Elektrizität nicht sonderlich sinnvoll. Die sollte zudem zuverlässig und preiswert sein, Eigenschaften, die der Stromversorgung in Deutschland zunehmend fehlen.

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Immerhin spricht Diess zum Beispiel mit dem spanischen Regierungschef über den Aufbau einer Batteriefabrik – wenn die EU zahlt, also im wesentlichen der deutsche Steuerzahler. Dafür kann man schon einmal von »aufregenden Elektroautoprojekten« phantasieren und die Vision eines Zentrums der Elektromobilität für Europa an die Wand malen. Wenn der Staat zahlt …

Will Diess einen Rückzugsweg offen halten? So ‚voll der Renner‘ sind E-Autos offensichtlich nicht, nur mit Mühe und viel Staatsgelder lassen sie sich loswerden, wie übrigens auch in Norwegen, wo üppige Staatsgelder den Absatz von Teslas beflügelten. Fällt die Förderung weg, bricht vermutlich auch der Absatz von E-Autos ein.

Nicht umsonst hatte der neue VW-Markenchef Ralf Brandstätter vor einem Jahr den reinen E-Autokurs vorsichtig etwas relativiert: »Wir haben immer gesagt, dass wir noch auf lange Sicht verschiedene Antriebsarten gleichberechtigt im Programm haben werden. Jeder Kunde kann sich bei uns für die Technologie entscheiden, die am besten zu seinen Mobilitätsansprüchen passt.«

Nur, dass die Verbrennerautos nicht mehr in Deutschland gebaut werden, sondern wesentlich kostengünstiger in Ungarn und in Asien.

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Kommentare ( 129 )

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Angelina Kettel
25 Tage her

Es gab Zeiten, da hat die Nachfrage das Angebot bestimmt. Heute, wo das Equivalent des Parteisekretärs das Angebot bestimmt, kommt dabei mal wieder nur raus, was es schon immer war. Murks.

Last edited 25 Tage her by Angelina Kettel
Th. Nehrenheim
30 Tage her

Immerhin gibt es ein VW-Aufsichtsratmitglied, das speziell für die Frage der Verbesserung der Ladeinfrastruktur zuständig ist. Ich denke, Herbert Diess ist sicherlich ein sozial kompetenter netter Mensch, aber seine Strategie zur Einführung des BEV ist zu starr. VW hat sich zu früh auf BEV fixiert und treibt diese Technik voran, leider aber auch die Chinesen – und die sind ein sehr harter Konkurrent. Schwierige Technik, fein, perfekt ausgeführt, das ergab Produkte, die Deutschland auf dem Weltmarkt verkaufen konnte. BEV können offenbar viele. Und: Es ist nur die eine Hälfte der Medaille, wie dieser Artikel zeigt. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur ist… Mehr

Albert Martini
1 Monat her

Wenn der Lauterbach der Autobranche mit seinem Elektrofimmel durchkommt, ist VW final erledigt, ohne auch nur den Hauch einer Chance gegen die Dumpingpreise der Chinesen beim primitiven und hochgiftigen E-Antrieb zu haben.

Last edited 1 Monat her by Albert Martini
horrex
1 Monat her

Ich weiß nicht mehr welche durchaus renommierte Institution (das war ernsthaft gemeint!) neulich errechnete, dass die direkten und indirekten (versteckten) Subventionen (im Zusammenhang mit Kauf und Betrieb) für die e-Karren sich im Schnitt auf ca. 20 000€ belaufen.
Was näherungsweise fast 50% des durchschnittlichen Neupreises (über alle neuen PKWs gerechnet) ausmacht!
In der Berechnung noch NICHT enthalten waren die Recycling-Kosten der Karren (Batterien) wenn sie verschrottet werden müssen. Siehe auch die Preisabstürze bei gebrauchen e-Karren. –
Ist die Frage erlaubt welcher stolze e-Karren-Neubesitzer DARAN denkt???

Anti-Merkel
1 Monat her

E-Autos sind super… Solange man einen Dieselgenerator im Kofferraum hat, um sie damit aufzuladen.

F. Hoffmann
1 Monat her

@ Hr. Douglas Gucken Sie mal ins „2021 Annual Energy Paper“ von J.P Morgan (zusammen mit Václav Smil erstellt). Dort ist ein Kapitel den E-Autos in Norwegen gewidmet. Fazit: Wer in Norwegen ein subventioniertes E-Auto hat, hat in der Regel noch einen gebrauchten nicht gerade emissionsarmen alten Verbrenner dabei stehen (neue Verbrenner sind zu teuer). Ist halt kühl dort oben.

Th. Nehrenheim
30 Tage her
Antworten an  F. Hoffmann

Bei Volkswagen ist es praktisch so, dass beinahe alle E-Autofahrer auch Eigenheimbesitzer sind. Da ist das Laden nämlich unproblematisch – also solange der Akku sich nicht druch Überhitzung von selbst umsetzt.
Für die meisten Stadtbewohner scheidet ein BEV-E-Auto strukturell bedingt aus.

Schwabenwilli
1 Monat her

Wie sieht es eigentlich aus wenn ich bzw. Herr Dies mit dem elektrischen Auto und dem angehängten Wohnwagen oder Faltcaravan in den Urlaub fahren möchte?

Ferdinand53
1 Monat her
Antworten an  Schwabenwilli

Und quengelnde Kinder hat er sicher auch nicht dabei, aber was scheren solche Probleme einen Konzernchef? Die VW-Mitarbeiter, die ich kenne, fahren Wohnmobil (natütülich NICHT elektrisch) oder Diesel, die sind ja nicht so blöd wie der Chef.

trafo
1 Monat her

Wenn er ein echter Konzernlenker ist erkennt Herbert spätestens jetzt, dass seine ID3 und ID4 allesamt zum scheitern verurteilt sind. Respekt, das er sich die Rute an den Arsch bindet und selber in so einer Karre da runter zuckelt. Toll. Erkenntnisse? Am Bedarf vorbei entwickelt.

Hatte Herbert eigentlich Kind Kegel und paar Koffer nebst Fahrrad mit? Vermutlich ohne Kind… denn nach einer halben Stunde Laden hätte es Geplärre gegeben wann die endlich da sind… stirnklatsch… schönen Urlaub an alle E-Mobilisten. Geht nich immer bergab, Obacht…

horrex
1 Monat her
Antworten an  trafo

Ich behaupte: Diess weiß schon verdammt lange, dass ohne Subventionen (und viel Schönrechnen an verschiedensten Stellen) eigentlich nix „läuft! Er ist schließlich ingenieur. Ingenieure neigen nicht zu Spinnereien. Fehlkonstruktionen werden verdammt schnell offensichtlich! – Nur, diese idiotisch/ideologische Politik ist weit mächtiger als er. Da kann er nur verlieren, wenn er auf der „e-Welle“ nicht wenigstens mitschwimmt. – Und: Was kümmert ihn(Baujahr 58), was in 10 Jahren ist. Da ist er lange schon Pensionär. – Ich behaupte weiterhin: In der Autombilindustrie werden „die Kühltürme nicht gesprengt“ (man denke an die AKWs). Sondern still und heimlich und ohne viel Federlesen auch andere… Mehr

Th. Nehrenheim
30 Tage her
Antworten an  trafo

Also ein VW-Kollege ist auch schon mit einem (nagelneuen) ID.4 3.600 km nach Spanien und zurück gefahren. Es habe gut funktioniert, bedurfte aber einiger Planung.
Der Innenminister Niedersachsens (also des VW-Lands) hat gerade 215 VW ID.3 für seine Polizei bestellt. – Ja, für die Stadt mag das gehen, solange man genug Ersatzfahrzeuge hat, aber nicht für Verfolgungsfahrten über Land. Ich möchte mal sehen, wie die einen polnischen Audi A8 einholen wollen.

jwe
6 Tage her
Antworten an  Th. Nehrenheim

Für die Polen ist das eine Win-Win-Situation! Zum einen bei ihren „Geschäften“ in Deutschland als auch den zukünftige Stromlieferungen nach Deutschland. Werden diese Gewinne eigentlich auf die noch geforderten Reparationen angerechnet?

Michael M.
1 Monat her

Schade dass ein Ferdinand Piëch nicht mehr unter den Lebenden weilt. Der hätte die Figuren wie Diess, Duessmann und die restlichen Ex-BMW’ler bei VW (warum hat man die in München eigentlich ziehen lassen, ein Schelm wer Böses dabei denkt) schon längst hochkant rausgeworfen.
Diess und Konsorten kennen doch nur eines und zwar Anbiederung an die Regierung und die Grünen, absolut unterirdisch…

Last edited 1 Monat her by Michael M.
TschuessDeutschland
1 Monat her
Antworten an  Michael M.

Unter Herrn Piech hat VW ein 1-Liter-Auto mit Straßenzulassung entwickelt. 2014 begann die Produktion.

https://de.wikipedia.org/wiki/VW_XL1
Wurde dann eingestellt.
Es ging diesen Leuten noch nie um „das Klima“. Es geht schlicht und einfach um Abzocke.

horrex
1 Monat her
Antworten an  Michael M.

Würden sie einen Kampf kämpfen den sie NUR verlieren können?
Wären S I E dazu bereit???

Franck Royale
1 Monat her

„Das ist alles andere als ein Premium-Ladeerlebnis“

„Premium-Ladeerlebnis“ – wovon redet der Diess? Ich dachte der ID.3 wäre ein „Volkswagen“, das Elektroauto für jedermann, den Handwerker, die Verkäuferin, die Lehrerin, welche morgens zur Arbeit fahren. Gab es jemals ein Premium-Tankerlebnis? Oder subventionieren wir jetzt doch mit Steuergeldern einen Premium-Markt für Besserverdienende?