Unsicherheit vor dem G20 Gipfel

Die US-Notenbank steht derweil bereit, die amerikanische Konjunktur mit Zinssenkungen zu stützen. Erwartet wird, dass die Währungshüter im Juli erstmals wieder aktiv werden. Das dürfte die Aktienmärkte beruhigen.

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Auf zur nächsten Showbühne: Ende Juni treffen sich die G-20-Staaten im japanischen Osaka. Die Schlagzeilen beherrschen wird vermutlich auch dann wieder Donald Trump. Der US-Präsident will mit Chinas Staatschef XiJinping über ein neues Handelsabkommen verhandeln. Eine Einigung der beiden Supermächte wäre für die Weltbörsen und damit auch für den DAX eine Befreiung, aber vermutlich nicht das Ende des Theaters. Schließlich geht es um mehr als unfaire Handelspraktiken und Zölle, sondern um die Frage, wer die (Wirtschafts)Supermacht der Welt bleibt oder wird.

Noch quält man sich aber an den Börsen mühsam über die Runden. Eine Umsatzwarnung des Halbleiterkonzerns Broadcom hat zum Wochenende die Stimmung im US-Technologiesektor getrübt. Der Auswahlindex NASDAQ 100 verlor deshalb am Freitag 0,4 Prozent auf 7.479 Punkte.

Nur leicht im Minus mit einem Abschlag von noch nicht einmal 0,1 Prozent auf 26.090 Punkte beendete dagegen der Leitindex Dow Jones Industrial den Handel und verbuchte damit auf Wochensicht einen Gewinn von 0,4 Prozent. Der marktbreite S&P 500 gab um 0,2 Prozent auf 2.887 Zähler nach.

US-Daten aus dem Einzelhandel und aus der Industrie waren besser ausgefallen als erwartet. Dagegen hatte sich die von der Universität Michigan erhobene Verbraucherstimmung etwas stärker eingetrübt als von Analysten prognostiziert. Insgesamt gaben die Konjunkturdaten der Hoffnung auf sinkende Leitzinsen durch die Notenbank Fed keine neue Nahrung. Zuletzt hatte diese Hoffnung den Aktienmarkt angetrieben.

Die Papiere von Broadcom büßten 5,57 Prozent ein. Am Vortag hatte der Halbleiterkonzern nach der Schlussglocke in New York seine Umsatzprognose für das laufende Jahr gesenkt. Die Enttäuschung hinterließ auch bei anderen Branchenwerten Spuren: So ging es etwa für Texas Instruments und Advanced Micro Devices um mehr als drei Prozent runter. Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX), der die 30 wichtigsten Werte der US-Chipindustrie enthält, verlor 2,6 Prozent.

Ein fulminantes Börsendebüt legte vor dem Wochenende der US-amerikanische Online-Tierbedarfshändler Chewy hin. Mit 36 US-Dollar lag der erste Kurs um 14 Dollar über dem Ausgabepreis. In der Spitze stiegen die Aktien bis auf 41,34 Dollar. Am Ende des Tages kosteten sie 34,99 Dollar.

Nach einem Bericht der „New York Times“ über eine bevorstehende Genehmigung der Fusion von T-Mobile US mit dem US-Rivalen Sprint (Sprint Nextel) zogen die Papiere der beiden Telekomkonzerne kurzzeitig deutlich an. Zum Handelsende standen die Aktien der Tochter der Deutschen Telekom (Deutsche Telekom) aber nur 0,6 Prozent höher, während Sprint um fast drei Prozent zulegten.

Die US-Notenbank steht derweil bereit, die amerikanische Konjunktur mit Zinssenkungen zu stützen. Erwartet wird, dass die Währungshüter im Juli erstmals wieder aktiv werden. Das dürfte die Aktienmärkte beruhigen. Nach dem Ende der Berichtssaison fehlen derzeit die Impulse aus den Unternehmen, da käme Unterstützung von der Zinsseite ganz gelegen.

Die deutschen Konzerne haben mit ihren Quartalszahlen im übrigen wenig Freude verbreitet: Die Beratungsfirma EY hat die 1.000 umsatzstärksten Unternehmen der Welt unter die Lupe genommen. Die 44 deutschen aus der Liste konnten ihren Umsatz im vergangenen Jahr im Schnitt nur um 1,2 Prozent steigern, der Gewinn sank sogar.

Kein Wunder, dass sich Anleger bei dieser national und international uneindeutigen Gemengelage am Freitag aus dem DAX wieder zurückzogen. Stattdessen flüchteten sie in als sicher geltende Anlagen wie das Edelmetall Gold. Der Kurs der „Krisenwährung“ stieg auf den höchsten Stand seit 14 Monaten bei 1.358 US-Dollar je Feinunze. Die hohe Nachfrage nach der Bundesanleihe drückte die Rendite der zehnjährigen Titel auf ein Rekordtief von minus 0,271 Prozent.

Aus Furcht vor einem Abkühlen der Konjunktur gab der Leitindex kurz vor dem Wochenende demnach seine Wochengewinne nahezu komplett ab. Am Tagestief von 12.049 Punkten waren von seinem Wochengewinn von zeitweise 1,5 Prozent nur noch ganze vier Punkte übrig.

Tiefpunkte können exzellente Einstiegsgelegenheiten sein, lautet eine Börsianer-Binsenweisheit. Denn eine Comeback-Wette verspricht dann besonders hohe Gewinne. So gesehen könnten Rohstoffe wieder ins Portfolio gehören, da diese schon länger stark unter Druck stehen. Denn im Vergleich zum US-Aktienindex S & P 500 sind die Bodenschätze laut Datenanbieter Bloomberg auf dem niedrigsten Stand seit 50 Jahren. Und seit dem Höhepunkt des letzten Rohstoffbooms 2008 haben Öl, Kupfer und Co im Vergleich zum S & P 500 rund 91 Prozent an Wert verloren. Die historischen Daten zeigen zudem, dass es in den vergangenen 50 Jahren drei große Superzyklen gab, die alle zehn bis zwölf Jahre nach dem letzten Höhepunkt vom Tiefpunkt wieder Fahrt aufnahmen. Wiederholt sich dieses Muster, müsste der nächste Höhenflug bis spätestens Ende 2020 starten.

Die Ergebnisse des Analystensentiments in internationalen Finanzmedien wie dem „Wall Street Journal“ durch das Züricher Medienanalyseinstitut Media Tenor zeigt für etliche Branchen einen negativen Trend, aber es gibt auch Hoffnungsschimmer. „Ein Anker der Stabilität scheint der Bausektor, hier betrug der Saldo aus positiven und negativen Analystenzitaten plus 90,1, damit dürfte auch das Handwerk weiter eher eine Konjunkturstütze sein“, so Matthias Vollbracht, Leiter Research. Weniger spektakulär, aber dennoch positiv sind die Einschätzungen für den Versicherungssektor und die Medien, mit plus 27 und plus 21, Konsumtitel wurden ebenfalls mehrheitlich positiv eingestuft. Weiter Sorgen bereitet den Finanzexperten indes die Automobilbranche (minus 30), der Chemiesektor (minus 29) und die Banken (minus 22). „Der Abgasskandal ist an der Börse zwar inzwischen weitgehend verarbeitet, aber die Unsicherheit über die Technologiewende und das Risiko von Strafzöllen lastet schwer auf der deutschen Schlüsselbranche“, so Vollbracht (siehe auch Seite 14). Bei der Chemiebrancheziehen weiterhin vor allem die Einschätzungen zu Bayer das Sentiment nach unten, die Hauptversammlung hat hier keine Entlastung gebracht. Der Absturz ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum besonders markant. Bei den Banken sehen die Analysten weiterhin wenig Aufbruchstimmung zum Besseren. Zuletzt mehren sich wieder Sorgen über mögliche Probleme im Zusammenhang mit Staatsschulden von Ländern wie Italien. Insgesamt wurden 85 251 Aussagen für den Zeitraum Januar 2018 bis Juni 2019 ausgewertet.

Wenn Sie sich doch einmal außerhalb der ausgetretenen (Null)Zinspfade bewegen favorisieren die Deutschen Aktien stärker als Gold. Das zeigt eine Umfrage von Forsa im Auftrag des Goldhändlers Pro Aurum. Demnach sprechen sich zum ersten Mal seit Beginn der Befragungen im Jahr 2011 mehr Deutsche für Dividendenpapiere aus als für das gelbe Edelmetall. 28 Prozent der Bürger würden sich heute für Aktien entscheiden, weil sie damit rechnen, dass diese Anlage nach mindestens drei Jahren Laufzeit im Vergleich zu anderen Geldanlagen den meisten Gewinn bringt. 26 Prozent halten Gold für besonders lukrativ, wenn es um langfristige Geldanlage geht. Aktuell besitzen 15 Prozent der Befragten Aktien und gut 13 Prozent Gold.​

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