Schwächelnde Konjunktur, Zinshoffnungen, Handelsgespräche, Gewinnüberraschungen

Eine schwache Konjunktur und ein massiver Zollkonflikt mit den USA — das wäre Gift für Aktienkurse deutscher Exporteure. Die Zinsversprechen der Fed aber halten die zugrunde liegende Stimmung hoch

AFP/Getty Images

Allmählich zeichnet sich der Verlauf der Gräben in den transatlantischen Handelsbeziehungen schärfer ab. Die wettbewerbsrechtlichen Nadelstiche der Europäer gegen US-Unternehmen häufen sich. Soeben traf es den US-Chipriesen Qualcomm und den Versandhändler Amazon, dessen Praktiken auf der Plattform MarketPlace untersucht werden. Eine höhere Besteuerung der US-Techriesen wird konkreter, der Frieden des G7-Finanzminister-Gipfels in Chantilly ist brüchig. Wegen der Flugzeugsubventionen an Airbus droht die Trump-Administration über die Zölle auf Stahl hinaus weiter mit zusätzlichen milliardenschweren Belastungen von Importen aus Europa. Die deutsche Automobilindustrie ist hier schwer verwundbar — das bleibt, neben den wieder steigenden Ängsten vor einem harten Brexit, das Szenario, das Börsianer über die teils schlechten Quartalsergebnisse hinaus beschäftigt. Eine schwache Konjunktur und ein massiver Zollkonflikt mit den USA — das wäre Gift für die Aktienkurse deutscher Exporteure. Die Zinsversprechen der Fed aber halten die zugrunde liegende Stimmung hoch, der DAX hat während der Woche deshalb nur leicht verloren und konnte sich zum Wochenende hin leicht erholen. Der Leitindex schloss mit 0,3 Prozent im Plus bei 12.260 Punkten.

Am Markt wird mittlerweile überwiegend davon ausgegangen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen bei der Ratssitzung in der kommenden Woche um zehn Basispunkte senkt. Derzeit liegt der Einlagenzins bei minus 0,4 Prozent – er könnte demnach schon bald bei minus 0,5 Prozent liegen. Zudem wird damit gerechnet, dass die EZB die Anleihenkäufe wiederaufnimmt und damit weiter Geld in den Markt pumpt. Anlagestratege Felix Herrmann vom weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock rechnet mit einer Geldspritze von weiteren 500 bis 600 Milliarden Euro.

Auf Unternehmensseite stand Wirecard im Fokus der Anleger. Der Zahlungsabwickler gab bekannt, in Zukunft in den deutschen Aldi-Filialen einen Teil der Kartenzahlungen zu übernehmen. Baader-Bank-Analyst Knut Woller sieht in in dem Deal enormes Potenzial, die Zusammenarbeit noch auszuweiten. Bisher wickelt das Unternehmen hauptsächlich Transaktionen im Internet ab, nur wenige Kunden kommen auf ein Milliarden-Transaktionsvolumen. Die Wirecard-Aktie stieg um knapp sechs Prozent.

Die Software AG enttäuschte dagegen in ihrer größten Sparte und muss dort die Jahresziele kräftig senken. Der Konzern kann in seinem Geschäft mit Integrationssoftware weiter nicht vom Trend zur Digitalisierung profitieren und schnitt hier im zweiten Quartal unerwartet schwach ab.

Nach zahlreichen enttäuschenden Berichten war der Rückversicherer Munich Re der Fels in der Brandung. Er meldete eine Milliarde Euro Quartalsgewinn und bestätigte das Jahresziel. Das Unternehmen profitierte im zweiten Quartal von geringeren Belastungen durch Großschäden sowie der Auflösung von Reserven für Basisschäden.

In vier Wochen wird der bisherige BMW-Produktionschef Oliver Zipse die Führung des Konzerns übernehmen. Die Erwartungen sind hoch. „Zusätzliche Impulse bei der Gestaltung der Mobilität der Zukunft“, lautet der Auftrag, den ihm Aufsichtsratschef Norbert Reithofer bei seiner Berufung am Donnerstag mit auf den Weg gab.

Ängste vor einer Eskalation der geopolitischen Lage am Persischen Golf setzten die US-Aktienmärkte im späten Freitagshandel unter Druck und sorgten für Verluste. Der Dow Jones Industrial schloss mit einem Minus von 0,3 Prozent bei 27.154 Punkten. Daraus resultierte für den Leitindex ein Wochenverlust von rund 0,7 Prozent. Der breit gefasste S&P 500 sank am Freitag um 0,6 Prozent auf 2.977 Zähler. Der technologielastige NASDAQ 100 verlor 0,9 Prozent auf 7.835 Punkte.

Unterdessen haben die Unterhändler der USA und China erneut miteinander telefoniert, um die stockenden Handelsgespräche wieder in Gang zu bringen. Das berichtete der chinesische Außenamtssprecher Geng Shuang am Freitag vor der Presse in Peking. Beim Treffen von Trump mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping Ende Juni am Rande des G7-Gipfels in Osaka hatten sich beide Seiten auf einen „Waffenstillstand“ und eine Wiederaufnahme der Gespräche geeinigt.

Unter den Einzelwerten zeigten sich die Aktien von Boeing mit einem Gewinn von 4,5 Prozent an der Dow-Spitze von ihrer besten Seite. Das Debakel rund um Abstürze und Flugverbote der Baureihe 737 Max hatte dem Luftfahrtkonzern zwar die Bilanz im zweiten Quartal vermasselt, allerdings nicht so drastisch wie von Experten befürchtet. Ohnehin haben sich Börsianer die 737-Max-Krise bislang recht gelassen angeschaut. Auf Jahressicht hat der Aktienkurs mit dem heutigen Gewinn sogar um rund 17 Prozent zugelegt.

Starke Quartalszahlen von Microsoft bescherten den Aktien des Software-Riesen im Verlauf klare Kursgewinne und ein Rekordhoch. Microsoft baute damit zwischenzeitlich seine Führung als wertvollstes börsennotiertes US-Unternehmen mit einem Börsenwert von 1,08 Billionen Dollar vor Apple und Amazon aus. Im späten Handel bröckelten die Papiere jedoch ab und retteten ein nur mageres Plus von 0,2 Prozent ins Ziel. Dank boomender Cloud-Dienste läuft es bei Microsoft derzeit prächtig. Im letzten Geschäftsquartal (bis Ende Juni) war das operative Ergebnis um 20 Prozent gestiegen.

Am Dow-Ende mit einem Minus von 2,8 Prozent fanden sich die Titel von American Express. Der Kreditkartenkonzern hatte mit seinen Zahlen zwar die Erwartungen der Analysten übertroffen und seine Jahresziele bekräftigte. Zur Begründung der Kursverluste verwiesen Händler aber auf den Rekordlauf der Aktien seit Jahresbeginn.

Seit Jahresbeginn hat der DAX beachtliche 1.900 Punkte zugelegt. Aber die Meldungen zum massenhaften Personalabbau großer Konzerne wie der Deutschen Bank, Bayer oder BASF lösten in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit Befürchtungen aus, dass nicht nur eine Wachstumsdelle Deutschland heimsucht. Welche Bilanz ziehen die Analysten in internationalen Leitmedien wie „Financial Times“ und „Wall Street Journal“? „Die Stimmung im Hinblick auf die wichtigsten Handelspartner Deutschlands bleibt gedrückt“, so Matthias Vollbracht, Leiter Research bei Media Tenor International in Zürich.

Für die USA hat sich das Sentiment im zweiten Quartal um drei Punkte auf minus acht gegenüber dem ersten Quartal verschlechtert, zu China bleibt das Sentiment mit minus 15 (Q1: minus 17) kaum verändert im negativen Bereich. Zu Frankreich (minus 32) und Japan (minus 36) gibt es deutliche Verschlechterungen im Analystensentiment. Kommt das Kurspotenzial für den DAX im zweiten Halbjahr also allein aus den Impulsen der Geldpolitik? „Die Analysteneinschätzungen zu einigen wichtigen Ländern, die bislang eher in der zweiten Reihe im Handel mit Deutschland standen, zeigen mehr Zuversicht“, so Vollbracht. Dazu zählen Argentinien, Indien, Mexiko und Südkorea. Und mit Blick auf Deutschland selbst hat sich das Klima laut den Finanzexperten zuletzt zumindest nicht mehr verschlechtert. Für die Mutigen gibt es also Argumente dafür, die Gewinne des ersten Halbjahres nicht mitzunehmen, sondern auf ein anhaltendes Plus zu setzen. Insgesamt wurden 90 780 Aussagen von Januar 2018 bis Juni 2019 für diese Analyse ausgewertet.

Das von der Finanzzeitung „Euro am Sonntag“ kürzlich vorgestellte Europäische Übernahme Depot kann seinen ersten Treffer melden. In dem mit 20 Werten bestückten Depot, auf das Indexprovider Solactive den European M & A Index aufgebaut und Unicredit ein Zertifikat (ISIN: DE000HZ0H115) begeben hat, befindet sich auch die Aktie der belgischen Biotechfirma Galapagos. Nun meldete der US-Pharmakonzern Gilead Sciences, dass er mit einer milliardenschweren Transaktion seine Beteiligung von 12,3 auf 22 Prozent erhöht. Zur Aufstockung der Beteiligung zahlt Gilead 140,59 Euro je Galapagos-Aktie, was eine Prämie von rund 20 Prozent auf den Durchschnittskurs der vergangenen 30  Tage bedeutet. Über zwei Optionsscheinemissionen will Galapagos dem Großaktionär zudem ermöglichen, den Anteil bis zu 29,9 Prozent des Kapitals weiter aufzustocken. Damit verbunden ist ein auf zehn Jahre laufendes Stillhalteabkommen, wonach sich Gilead verpflichtet, die Beteiligung nicht weiter zu erhöhen und Galapagos nicht zu übernehmen. Trotz Kursgewinnen bleibt Galapagos erst einmal im Depot enthalten. In der Vergangenheit haben Stillhalteabkommen eine Übernahme nicht verhindert, aber den Preis eines folgenden Deals erhöht. Zieht Gilead die Option zur Aufstockung auf 29,9 Prozent, dürfte auch die Akquisition folgen. Gilead will sich außerdem an weiteren Biotechfirmen beteiligen. Einer der Kandidaten ist der Konzern Genfit.


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