Im Bann des G20-Gipfels und Facebooks Libra

Die Ära der Niedrigstzinsen, die sich vor einem halben Jahr dem Ende entgegen zu neigen schien, ist offenbar noch lange nicht vorbei.

AFP/Getty Images
Weil die Ergebnisse des G20-­Gipfels am 28. und 29. Juni im japanischen Osaka abgewartet werden sollen, hat die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) ihr eigentlich seit Langem für kommende Woche geplantes Treffen auf den 1. und 2. Juli verschoben. An der Konferenz in Wien nehmen die Länder des Ölkartells sowie verbündete Nicht-OPEC-Staaten wie Russland teil. Es geht um die Verlängerung der Produktionskürzung von 1,2 Millionen Barrel pro Tag bis Jahresende. In Japan will US-Präsident Donald Trump mit Chinas Präsident Xi Jinping zu einem „ausgedehnten Treffen“ zusammenkommen, wie Trump am Dienstag per Twitter ankündigte. Wie wichtig dies für den Ölmarkt ist, zeigt die Reaktion auf den Tweet:
Der Preis der Sorte Brent schnellte von gut 60 auf zeitweise fast 63 Dollar je Barrel nach oben. „Am Markt steigt die Hoffnung auf eine Beilegung des Handelskonflikts. Dieser hing zuletzt wie ein Damoklesschwert über den Ölpreisen“, erläutert Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank. Anleger fürchteten einen Konjunktureinbruch und in dessen Folge sinkende Rohstoffpreise. Nun schöpfen sie wieder Hoffnung auf eine Deeskalation. Kein Wunder also, dass die Ölförderländer vor ihrer Entscheidung die Ergebnisse der Handelsgespräche kennen möchten.
Die chinesischen Bestände an US-­Staatsanleihen sind im April auf 1,11 Billionen Dollar gesunken — der niedrigste Stand seit mehr als zwei Jahren. Binnen zwölf Monaten summieren sich die Verkäufe auf 86 Milliarden Dollar. Dass China seine riesigen Bestände an US-Staatsanleihen als Waffe im Handelsstreit mit den USA einsetzen könnte, wird immer wieder gemutmaßt. Die jüngsten Daten des US-Finanzministeriums befeuern solche Spekulationen. „Wir bezweifeln weiter, dass China bereit ist, ernsthaft über eine radikale Liquidierung des Treasury-Portfolios nachzudenken. Für einen Warnschuss in Richtung Washington ist das Portfolio jedoch allemal gut“, kommentierte Sonja Marten, Analystin bei der DZ Bank.
Im Streit um den geplanten Kauf eines russischen Raketenabwehrsystems erhöhen die USA den Druck auf den NATO-Partner Türkei. Berichten zufolge werden verschiedene Strafmaßnahmen diskutiert. Die Lira reagierte mit zeitweise kräftigen Verlusten auf die Meldungen. Die Regierung in Ankara beharrt auf dem Geschäft und hat im Fall von Sanktionen Gegenmaßnahmen angedroht. US-Präsident Trump und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan wollen sich am Rand des G20-­Gipfels treffen, bis dahin werden konkrete Schritte nicht erwartet. Die Agentur Moody’s hat derweil ihr Rating der Türkei von „Ba3“ auf „B1“ gesenkt. „Dies spiegelt unsere Befürchtung wider, dass das Risiko einer Zahlungsbilanzkrise zunimmt und damit das Risiko einer Pleite“, so die Analysten. Sollten die USA Sanktionen gegen das Land verhängen, sei auch der Weg für IWF-Hilfskredite versperrt. Tief im spekulativen Non-Investment-Grade findet sich die Türkei auf einer Stufe mit Ländern wie Äthiopien und Usbekistan — wobei diese bei Moody’s einen stabilen Ausblick haben, während der der Türkei negativ ist. Die Reaktion aus Ankara kam prompt: Die Herab­stufung entspreche nicht den wirtschaftlichen Indikatoren, es gebe Zweifel an der Ob­jektivität der Analyse.
Die Ära der Niedrigstzinsen, die sich vor einem halben Jahr dem Ende entgegenzuneigen schien, ist offenbar noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil. EZB-Chef Draghi deutet eine weitere Lockerung der Geldpolitik an, sein Pendant Jerome Powell, Chef der US-Notenbank, tut es ihm gleich. Allein das genügt, um Glücksgefühle bei Investoren und eine neue Kaufwelle an den Börsen auszulösen.
Nach den jüngsten Kursgewinnen haben die Anleger an der Wall Street am Freitag allerdings wieder einen Gang zurückgeschaltet. Der marktbreite Aktienindex S&P 500 hatte im Handelsverlauf zunächst ein Rekordhoch bei gut 2.964 Punkten geschafft, schloss aber wie die anderen viel beachteten Börsenbarometer auch leicht im Minus. Für eine gewisse Zurückhaltung sorgte die Zuspitzung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Der S&P 500 büßte schließlich 0,1 Prozent auf 2.950 Punkte ein. Der Dow Jones Industrial fiel ebenfalls um 0,1 Prozent auf 26.719 Punkte. Damit schaffte der US-Leitindex ein Wochenplus von 2,4 Prozent. Auch der technologielastige NASDAQ 100 verlor 0,1 Prozent auf 7.729 Punkte.

Neben den Hoffnungen auf eine Konjunkturerholung im Zuge einer Lösung des Handelskonflikts zwischen China und den USA haben auch die politischen Konflikte in der Golfregion die Erdölpreise in dieser Woche spürbar steigen lassen. Auch zum Wochenschluss ging es mit den Kursen weiter nach oben. Davon gestützt legten die Aktien der Ölkonzerne Chevron (um 0,5 Prozent) und ExxonMobil (um 1,4 Prozent) zu.

An der Index-Spitze stiegen die Papiere von UnitedHealth um knapp zwei Prozent. Der Krankenversicherer will laut gut informierten Kreisen den Zahlungsdienstleister Equian kaufen. Klagen weiterer US-Staaten gegen die Fusion von T-Mobile US und Sprint setzten die Aktien der beteiligten Unternehmen dagegen unter Druck. So fielen Sprint um mehr als sieben Prozent und T-Mobile US um knapp drei Prozent. Mit den zusätzlichen Klagen werden die Hürden für die Fusion höher. Damit steht der milliardenschwere Mega-Deal, dem auch die Kartellwächter des Justizministeriums noch zustimmen müssen, jetzt unter noch ungewisseren Vorzeichen. Die am Vortag fulminant an der Börse gestarteten Anteilscheine von Slack Technologies kamen nun etwas zurück und verloren knapp vier Prozent. Am Donnerstag waren die Aktien des Bürokommunikations-Dienstes bei ihrem Debüt um rund 50 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis in die Höhe geschnellt.

Nachdem der Deutsche Aktienindex kurz über die Marke von 12.400 Punkten gestiegen war, ging ihm im Laufe des Nachmittags die Puste aus. Er schloss mit 12.340 Punkten und damit 0,1 Prozent im Minus. Auf Unternehmensseite standen wieder Facebooks Pläne für eine eigene Kryptowährung „Libra“ im Fokus. Bankchefs sprachen sich für eine Form der weltweiten Regulierung aus. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht in solchen Kryptowährungen Gefahren für die Verbraucher.


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