Gefährliche Interventionen in den Preismechanismus, Kurssprünge nach der Öffnung der Straße von Hormus

Das Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft ist in Deutschland tief verwurzelt. Dabei schadet dem Wohlstand nichts so sehr wie das Aushebeln des Preismechanismus. Welche Wirkung Preissignale an Börsen haben, zeigte die Nachricht von der Öffnung der Straße von Hormus. Die Ölpreise fielen unter 90 Dollar pro Barrel, was die Anleger in Jubelstimmung versetzte.

Börse Finanzen shutterstock/katjen

Seit Ausbruch des Iran-Krieges melden sich praktisch täglich Politiker mit Vorschlägen zu Wort, wie sie die Preise an den Tankstellen drücken wollen. Sie erhoffen sich davon einen Popularitätsgewinn. Solche Thesen finden dabei häufig Beifall; denn das Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft ist in Deutschland tief verwurzelt; die Leute tun sich schwer, das emotionsfreie Ergebnis der Preisbildung bei Gütern, Dienstleistungen und Arbeitskraft durch Angebot und Nachfrage zu akzeptieren. Geframet wird das Ganze als Marktversagen. Der Staat verschafft sich durch dieses Framing ein Alibi für Marktinterventionen.

Dabei schadet dem Wohlstand nichts so sehr wie das Aushebeln des marktwirtschaftlichen Preismechanismus. Ludwig Erhard wusste das und machte das deutsche Wirtschaftswunder möglich, indem er das freie Spiel von Angebot und Nachfrage ermöglichte, und – wie es Walter Eucken, der Begründer des Ordoliberalismus formulierte – die zentrale Aufgabe der Wirtschaftspolitik darin sah, „den Preismechanismus funktionsfähig zu machen“. Also das genaue Gegenteil dessen, was wir gerade erleben. Auf einen großen Denker der österreichischen Schule der Nationalökonomie, Carl Menger, geht die Erkenntnis zurück, das der Preis „nicht etwa eine willkürliche Größe“ ist, sondern „das Ergebnis der ökonomischen Situation der Tauschenden, namentlich aber ihrer Wertschätzung für die betreffenden Güter“. Nicht Willkür oder Kosten entscheiden gemäß Menger über die Höhe der Preise, sondern die vom persönlichen Nutzen und von der Wertschätzung getriebene Nachfrage der Konsumenten.

Nach dieser Sicht sind die Spritpreise derzeit so hoch, weil die Deutschen ihre individuelle Mobilität sehr hoch wertschätzen. Erst die hohe Zahlungsbereitschaft der Nachfrager erlaubt es den Mineralölkonzernen, die kriegsbedingt sehr hohen Rohölpreise an den internationalen Märkten an deutschen Tankstellen durchzusetzen. ​Preisbremsen sind gefährlich, weil sie an die Nachfrager falsche Signale senden. Sie erhöhen die Nachfrage und mindern die Anreize für die Anbieter, das Angebot auszuweiten. Knappe Güter werden dadurch noch knapper. Mineralölkonzerne werden nicht in neue Bohrtechniken investieren, wenn der Staat ihnen mit einer Übergewinnsteuer droht. Man kann die Effekte im Berliner Mietmarkt besichtigen: Warum sollten Investoren neue Wohnungen bauen, wenn sie damit rechnen müssen, das diese demnächst der Mietpreisbremse unterworfen werden?

Preise verdichten Informationen über veränderte Knappheitsverhältnisse in einer einzigen Größe. Marktpreise demokratisieren den Zugang zu Informationen. Sie sind dadurch die Grundlage für Wohlstand und Fortschritt. Ein Blick zurück bestätigt das. Der rasante Anstieg der Ölpreise während der Ölkrise in den 1970ern sorgte dafür, dass die Menschen neue Dämmmaterialien entwickelten, alte Heizungen ersetzten, die Motoren effizienter machten und das Recyclingverfahren einführten. Heute beträgt der Energieeinsatz je Einheit Bruttoinlandprodukt nur noch etwa so viel wie vor 50 Jahren. Unterbricht der Staat diesen Wirkungszusammenhang, richtet er Schaden an.

Natürlich führen große Preissprünge zu sozialen Problemen. Doch dieses Problem lässt sich am besten durch direkte Einkommenstransfers an die betroffenen Personen lösen. So kommt das Geld den Bedürftigen zugute, das Preisgefüge aber bleibt erhalten. Die Sozialpolitik muss außerhalb des Marktes stattfinden, wenn die Marktwirtschaft keinen Schaden nehmen soll. Je mehr der Staat in die Preisbildung durch Angebot und Nachfrage eingreift, desto größer werden die Fehlsteuerungen. Und desto gewaltiger wird die Bürokratie, die erforderlich ist, um die Eingriffe und Regulierungen zu kontrollieren. In Deutschland muss jetzt das Bundeskartellamt darauf achten, dass Tankstellen ihre Preise nur um 12.00 Uhr mittags erhöhen. Das ist absurde Planwirtschaft, die zudem keinerlei Einfluss auf die Preise hat.

Welche Wirkung Preissignale an Börsen haben, zeigte am Freitag die Nachricht von der Öffnung der Straße von Hormus. Die Ölpreise fielen unter 90 Dollar pro Barrel (156 Liter), was die Anleger in Jubelstimmung versetzte und den US-Aktienmarkt weiter in die Höhe trieb. Der US-Iran-Konflikt verliert damit etwas an Schärfe, Konjunktur- und Inflationssorgen wurden gedämpft. Die Straße von Hormus „wird für die verbleibende Dauer des Waffenstillstands für alle Handelsschiffe vollständig geöffnet“, hatte der iranische Außenminister Abbas Araghchi in einem Beitrag auf der Plattform X mitgeteilt. US-Präsident Donald Trump hält jedoch an seiner Seeblockade für Schiffe mit einem iranischen Hafen als Start oder Ziel fest. Diese solle bestehen bleiben, bis die Verhandlungen mit Teheran abgeschlossen seien, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social.

Der technologielastige Nasdaq 100 sowie der marktbreite S&P 500 übertrafen jedenfalls ihre jüngsten Rekorde. Zum Handelsschluss stieg der Nasdaq 100 um 1,3 Prozent auf 26.672 Punkte und verbuchte damit ein Wochenplus von 6,2 Prozent. Neben geopolitischen Entspannungssignalen sorgte während der Woche auch Optimismus mit Blick auf Technologien rund um Künstliche Intelligenz für Auftrieb. Der S&P 500 gewann am Feitag 1,2 Prozent auf 7.126 Zähler, womit sich auf Wochensicht ein Plus von 4,5 Prozent ergibt. Für den Dow Jones Industrial ging es am Freitag um 1,8 Prozent auf 49.447 Punkte hoch. Das Wochenplus beläuft sich auf 3,2 Prozent. Im Gegensatz zur Nasdaq und zum S&P 500 hat der US-Leitindex bis zu seinem Rekord bei über 50.500 Punkten noch etwas Luft.

Unter den Magnificent 7 verbuchten Apple und Tesla Aufschläge von 2,6 beziehungsweise drei Prozent. Die Anteile des iPhone-Herstellers profitierten von einer Hochstufung durch BNP Paribas von „Neutral“ auf „Outperform“. Die Papiere des E-Fahrzeugproduzenten ließen die 200-Tage-Linie für den längerfristigen Trend hinter sich, nachdem sie im Wochenverlauf bereits ihren Abwärtstrend seit Ende des vergangenen Jahres geknackt hatten.

Ölaktien gerieten mit den fallenden Ölpreisen unter Druck: Chevron, ExxonMobil und ConocoPhillips verloren zwischen 2,2 und 4,6 Prozent. Konsumwerte legten dagegen mit der Aussicht auf eine geringere Inflation zu. Im Dow verbuchten die Anteile der Baumarktkette Home Depot Kursgewinne von 3,6 Prozent. Procter & Gamble schlossen 2,7 Prozent fester.

Papiere von Fluggesellschaften wie United Airlines, American Airlines, Delta Air Lines und Southwest gewannen zwischen 2,6 und 7,2 Prozent. Die fallenden Ölpreise senken die Kerosinkosten. Zudem verringert sich das Risiko, dass die Airlines Flugzeuge stilllegen müssen. Noch am Vortag hatte die Internationale Energieagentur (IEA) gewarnt, dass Flugzeugtreibstoff knapp werden könnte.

Die Netflix-Aktien sackten nach der Veröffentlichung eines enttäuschenden Ausblicks um 9,7 Prozent ab. Der Streamingkonzern hatte für das laufende Quartal weniger operativen Gewinn in Aussicht gestellt als von Analysten erwartet. Sie waren von höheren Gewinnen nach der Aufgabe von Netflix im Bieterkampf um das Hollywood-Urgestein Warner Brothers ausgegangen. Einige Investoren hätten außerdem auf größere Aktienrückkäufe und ein höheres Margenziel im Gesamtjahr gehofft, was nun aber beides ausbleibe, schrieb die Citigroup.

Alcoa konnte mit Quartalszahlen nicht überzeugen. Der Aluminium-Konzern habe die Erwartungen vor allem beim bereinigten operativen Ergebnis (ber. Ebitda) verfehlt, schrieben die Experten von JPMorgan. Der Aluminiumabsatz leide neben der Saisonalität unter anderem auch unter den Folgen des Iran-Kriegs. Die Alcoa-Aktien büßten 6,8 Prozent ein.

Die vorläufige Öffnung der Straße von Hormus hatte zuvor auch schon den Dax elektrisiert. Nach einem Kurssprung von bis zu 2,6 Prozent schloss der schon zuvor freundliche deutsche Leitindex 2,3 Prozent im Plus bei 24.702 Punkten. Damit baute er seinen Wochengewinn auf 3,8 Prozent aus – es war der dritte in Folge. Die Kursverluste seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar hat das Börsenbarometer damit inzwischen fast wieder wettgemacht. Für den MDax mit den mittelgroßen Werten ging es am Freitag letztlich um 3,3 Prozent auf 31.952 Punkte hoch.

Marktanalyst Timo Emden sprach von einer überraschenden Entspannung der geopolitischen Lage im Nahen Osten. „Mit der Öffnung der Straße von Hormus ist sprichwörtlich Druck vom Kessel genommen worden.“ Die Route gelte als „neuralgischer Punkt der Weltwirtschaft“, weshalb die Nachricht ein starkes Signal der Stabilisierung sende.

Europaweit zählten Aktien der Reise- und Freizeitbranche zu den größten Gewinnern. Im MDax reihten sich die Titel der Lufthansa und des Flughafenbetreibers Fraport mit Aufschlägen von jeweils fast sieben Prozent weit vorne ein. Ihnen half auch, dass kurzfristig keine weiteren Streiks bei der Fluggesellschaft drohen. Im Dax legten die Titel des Triebwerksbauers MTU um 5,1 Prozent zu. Zudem gefragt waren die konjunktursensiblen Aktien aus dem Industrie- und Automobilsektor, am deutschen Markt namentlich Siemens und Continental, die um 3,4 beziehungsweise 5,4 Prozent zulegten. Ebenfalls zu den Gewinnern zählten ähnlich konjunkturabhängige Titel aus der Tech-Branche. Die Softwaretitel Nemetschek und Teamviewer zogen um 9,8 beziehungsweise 6,5 Prozent an.

Unter den größten MDax-Gewinnern stiegen Delivery Hero um 5,2 Prozent. Der US-Fahrdienstvermittler Uber stockt mit der Übernahme von Anteilen des Großaktionärs Prosus seine Beteiligung an dem Essenlieferdienst auf. Dagegen büßten die Titel von Dax-Schlusslicht RWE 3,8 Prozent ein. Sie litten unter Berichten über den Kampf Großbritanniens gegen hohe Strompreise. Händler verwiesen auf einen Artikel der „Financial Times“, wonach die britische Regierung nach Lösungen sucht, um die direkte Kopplung zwischen Strom- und Gaspreisen aufzuheben.

Bei K+S mussten die Anleger einen Kursrückgang von 4,9 Prozent verkraften, womit die Aktien die kurze Verliererliste im MDax anführten. Der Düngerhersteller hatte wegen sprunghaft gestiegener Preise für seine Produkte zeitweise deutlich vom Krieg im Nahen Osten profitiert und litt nun naturgemäß unter der Entspannung der Lage.

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Kommentare ( 3 )

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BeastofBurden
2 Tage her

Auf einen großen Denker der österreichischen Schule der Nationalökonomie, Carl Menger, geht die Erkenntnis zurück, das der Preis „nicht etwa eine willkürliche Größe“ ist, sondern „das Ergebnis der ökonomischen Situation der Tauschenden, namentlich aber ihrer Wertschätzung für die betreffenden Güter“. Nicht Willkür oder Kosten entscheiden gemäß Menger über die Höhe der Preise, sondern die vom persönlichen Nutzen und von der Wertschätzung getriebene Nachfrage der Konsumenten.

Was ist daran so schwierig zu verstehen? Hapert es an den Lehrplänen in den Schulen? Aber habe ich als Erwachsener nicht auch eine Holschuld, fehlendes Wissen zu ergänzen?

Holger Wegner
2 Tage her

Es hat aber auch keiner mehr Lust, irgendwelche politisch ausgemachten „Bedürftigen“ mitzusubventionieren, selber aber alles ausbaden zu dürfen, wobei ja die hohen Energiepreise auch viel mit Politik zu tun haben. Auch überbordende Sozialtransfers greifen ordentlich in den Markt ein, z.B. bei Wohnungsmieten. „Soziale“ Marktwirtschaft ist schon der Beginn des Endes der Marktwirtschaft gewesen.

Heinrichg
2 Tage her

Der Artikel ist kaum auszuhalten. Die Mineralölkonzerne bilden ein Kartell, die grösste Bedrohung jeder Marktwirtschaft. Nicht der Markt regelt den Preis sondern Absprachen. Da muss der Staat eingreifen, so wie z.B. bei illegalem Drogen- oder Waffenhandel. Das hat mit freiem Markt nichts mehr zu tun. – Die sogenannten Finanzmärkte sind ein Spielcasino mit massig Falschspielern (Insiderkenntnisse). Seit der irre Kappenträger in den USA regiert, führen dessen Sprüche (Zölle, Sanktionen, Kriege…) zu Billionengewinnen für Kreise wie sie uns durch die Epstein Clique bekannt wurden. – Diese maffiösen Wirtschaftseliten werden die Weltwirtschaft zusammen mit unfähigen Politikern und korrupten Meinungsmachern gegen die Wand… Mehr